Über das Projekt

Stadt der Zukunft - Making Heimat

Die europäische Stadt

Die europäische Stadt kann im besten Fall als besonderes Merkmal (im Vergleich zum amerikanischen oder ostasiatischen Stadtraum) von sich behaupten, dass in ihr überhaupt eine Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Raum existiert, dass der Übergang von dem einem zum anderen oft graduell über eine abgestufte Abfolge passiert und das das Bewusstsein für die Wichtigkeit öffentlicher Räume, ihre Qualitäten, ihre Proportionen, ihre Materialien in der Bevölkerung durchaus und aus eigener Ansicht vorhanden ist – und dass ein eventuell vorhandener Mangel davon deutlich erkannt wird. Aus diesem wie selbstverständlich vorhandenen Gespür für funktionierende öffentliche Räume entsteht eine Akzeptanz oder Ablehnung neuerer räumlicher Situationen, manchmal auch über eine schrittweise Aneignung.

Mittelosteuropa

Auch in der Region Mittelosteuropa mangelt es nicht an bestehenden guten Beispielen, zumindest in den historischen Städten und ihren Zentren. An den Rändern und in den Zwischenräumen, in neuen Stadtvierteln oder in Übergangsgebieten sieht dies allerdings oft anders aus. Durch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktursysteme und die Entstehung von industriellen Brachgebieten oder Transformationen der bisherigen Nutzungen entstanden oft weitere Probleme. Insbesondere in der Nähe von Wohngebieten und an den Rändern der Innenstädte mangelt es an qualitätsvollen öffentlichen Räumen.

Architektur, Stadt und Zukunftsvisionen

Gleichzeitig zeigt die Analyse der Stadt-Situation in der Region, dass bezüglich der Fragen zu „Architektur, Stadt und Zukunftsvisionen“ die Architekten und Planer der postsozialistischen Länder in einer seltsamen Art von Schatten verbleiben. Eigentlich ein Grund zur Verwunderung: War das nicht eine Generation, die sich im revolutionären Aufbruch begreift? Haben ihre Volkswirtschaften nicht den epochalen Sprung in die Marktverhältnisse geschafft, die Verflechtungen mit dem internationalen Investitionsgeschehen vollzogen? In aller Regel haben die neuen EU-Mitglieder einen phantastischen Bauboom erlebt, und die dortigen Architekten hatten unendlich viele Gelegenheiten, ihre kreativen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Selbst in abgelegenen Provinzstädten hielt neueste Bautechnik Einzug, an Glas, Metallfassaden und gewagten Konstruktionen wird nirgends gespart.

Umdenken erforderlich

Doch die internationalen Diskurse über das Planen und Bauen kreisen ja längst nicht mehr vordringlich um Schönheit und Stil. Wie auch das diesjährige Juryvotum der Architekturbienale in Venedig für den Länderbetrag aus Bahrein noch einmal unterstrich, sind vor allem die Wahrnehmung von Konflikten und Vorschläge zur Krisenbewältigung gefragt. Klimawandel, Ressourcenerschöpfung und daraus folgende soziale Polarisierungen machen ein Umdenken zwingend erforderlich. Wenn die Erde als bewohnbarer Raum für die Menschheit weiter existieren soll, dann muss sich unbedingt die bisherige Art des Wirtschaftens ändern. Nicht zuletzt braucht dabei die Kategorie Wohlstand eine neue Definition – eine, die saubere Umwelt, Bürgerbeteiligung an politischen Entscheidungen und das persönliche Wohlbefinden aller mit umgreift.

Nachhaltigkeit der Modernisierung

In zahlreichen Städten in Mittelosteuropa zeichnet sich häufig die Gleichzeitigkeit einer disparaten Entwicklung ab: Während die historische Kernstadt als attraktive Zone städtischer Vielfalt einem starken Nutzungs- und Ansiedlungsdruck ausgesetzt ist, geht der Funktionsverlust in den Randbereichen oftmals mit einem Rückgang der ortsnahen Versorgungs- und Freizeitangebote und insgesamt mit einem Wegbrechen von Möglichkeiten der sozialen Interaktion einher. Diese gegenläufige Entwicklung auf engstem Raum steht im Gegensatz zu dem bisher vorherrschenden Bild eines kontinuierlichen Wachstums der Städte. Man kann diesen Zustand als eine Blockierung in der Fortschrittsfähigkeit der europäischen Stadt verstehen. Positiv gewendet kann er zugleich aber auch den Ausgangspunkt für eine utopische soziale und ökologische Kritik der modernen Stadt bilden. So verstanden liegt die Zukunft der europäischen Städte eben nicht in einer üblichen Stadterweiterung, sondern in einer Stadterneuerung und in der Nachhaltigkeit der Modernisierung gegebener urbaner Strukturen. Die realen ökologischen, ökonomischen und sozialen Belastungen dieser Veränderungen der Städte sind sehr hoch. Gleichzeitig machen knappe Finanzen, wachsende Konkurrenz zwischen den Städten, hoher Ressourcenverbrauch, Diskrepanzen zwischen Populationsgruppen und sozialräumliche Ungleichheit die Rahmenbedingungen äußerst komplex.

Oftmals wird auf diese Herausforderungen in einem unternehmerischen Sinn mit „Leuchtturmprojekten“ der Stadtentwicklung reagiert, welche die Positionierung der Stadt in der überregionalen Wahrnehmung im Namen eines Städtewettbewerbs verbessern sollen. So richtig diese Strategien in bestimmten Fällen sein mögen, so wenig vermögen sie zunächst die Problematik der sozialen und ökonomischen Segregation einzelner Stadtbereiche zu beeinflussen. Auch erschwert der Rückzug des öffentlichen Sektors gegenüber privaten Investoren vielfach die Möglichkeiten der Planung, in manchen Fällen ist die öffentliche Hand geradezu abstinent. Dies manifestiert sich als vielerorts zu beobachtender städtebaulicher "Wildwuchs in den postsozialistischen Ländern Mittelosteuropas.

Ökologischer Umbau

Die große Herausforderung des ökologischen Umbaus der Städte wiederum kann in zwei Richtungen verstanden werden. Einerseits im Hinblick auf eine energetische Ertüchtigung und Sanierung des Bestandes – diese Herausforderung ist jedoch verbunden mit den jeweiligen rechtlichen Rahmenbedingungen und bedarf einer engen Kooperation der Akteure aus Politik, Wohnungs- und Energiewirtschaft.

Andererseits kann ökologischer Umbau der Städte in den Peripheriebereichen im Sinne eines neuen Verständnisses von Stadtlandschaft jenseits der klassischen Dichotomie aus Stadt und Landschaft verstanden werden. In diesem Sinne können breit angelegte Initiativen zu einer Renaturierung und Umnutzung gegebener Verkehrs- und Industrie- und Militärbrachen („Industriewald“) sowohl einen Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung im Sinne einer ökologischen Differenzierung der Stadt, als unmittelbarer Erholungsbereich für die Anwohner, als Lernort und als sozialer Begegnungsraum leisten. Als weiterer Punkt seien die bereits erwähnten allerorts anzutreffenden Plattenbausiedlungen anzumerken, die (sofern ausreichend finanzielle Mittel eingesetzt werden können) konvertierbar sind, wie erfolgreiche Beispiele in den neuen Bundesländern Deutschlands zeigen.

Innerhalb der Stadtquartiere wiederum können punktuelle Eingriffe im Sinne eines situativen Urbanismus sowohl Initiativen der Einwohner induzieren oder bündeln und durch individuelle Aneignung von Brachen und Resträumen öffentliche Orte als Treffpunkt, Spielplatz, Konzertbühne oder Garten entstehen lassen. Dieser funktionierende öffentliche Raum stellt für seine Bewohner gelebte „Heimat“ dar.

Dieses Projekt möchte die Bewohner und Bürger unterstützen, in ihrer Stadt weitere heimatliche öffentliche Räume zu kreieren.

Ein Projekt der Goethe-Institute in Mittelosteuropa und des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt am Main

Projektleitung:

Wolfgang Franz (Bratislava), Ulrich Everding (Riga) und Angelika Eder (Prag) zusammen mit Peter Cachola Schmal (DAM) und York Förster (DAM).

Dossier: Stadtentwicklung in Deutschland und Lettland

© Architektenbüro ARHIS
Ökologische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen stellen die Stadtplanung international vor große Herausforderungen.

Dossier: Postindustrielle Städte und Kultur in Deutschland und Tschechien

Foto: Martin Popelar
Über Jahrzehnte haben Schwerindustrie und Bergbau Land und Leute geprägt. Heute suchen ehemalige Industriestädte nach neuen Identitäten.