Afrika 1989: Hoffen auf Demokratie

Das Jahr 1989 bedeutete für Afrika eine entscheidende Wende. Denn mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges ging ein großes Versprechen der Demokratie einher. Ein Versprechen, das auf dem Kontinent eine Begeisterung auslöste, die sich nur mit der Euphorie der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen in den 1960er-Jahren und mit dem Jubel über die Befreiung von Nelson Mandela im Jahr 1990 vergleichen lässt. Überall in Afrika schöpften die Menschen neue Hoffnung, dass ihnen die Demokratie Menschenrechte, ein Ende der Diktaturen, eine Wiedergeburt der Zivilgesellschaften und Mehrparteiensysteme bringen würde. Wie schon auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitsbewegungen in den Sechzigern glaubten die Afrikaner wieder daran, dass sie nun ihr politisches Schicksal selbst bestimmen und ein neues Kapitel ihrer Geschichte beginnen konnten. Doch 1989 wurde in Afrika auch als das Jahr wahrgenommen, in dem Neoliberalismus und unregulierter Kapitalismus triumphierten, in dem die öffentliche Gesundheitsvorsorge, das Bildungswesen und Staatsbetriebe zerschlagen und privatisiert wurden. So wird auch die populäre Verballhornung der demokratischen Bewegungen nach 1989 als „demo-crazies“ verständlich.
Albtraum eines langen Jahrhunderts
Zu behaupten, wir seien am Ende eines „kurzen Jahrhunderts“ (von 1914 bis 1989) angelangt, und alles, was für die Menschen im ehemaligen Ostblock und in Osteuropa gut sei, müsse auch für die Menschen in Lateinamerika, Asien und Afrika gut sein, läuft darauf hinaus, die Geschichte der Welt auf eine Geschichte des Westens zu reduzieren. Was den Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus anbelangt, sehen sich die meisten Menschen in der Dritten Welt nicht in einem kurzen Jahrhundert, sondern im Alptraum eines langen Jahrhunderts der Kriege gegen ihre Religionen und Kulturen. Sie erleben, wie zuerst ihre Volkswirtschaften verheert und dann Mauern errichtet werden, um ihre Wanderung nach Norden zu unterbinden. So weit es Afrika betrifft, müsste man vielleicht eher sagen, dass dieses lange Jahrhundert 1885 mit der Berliner Konferenz zur Aufteilung des Kontinents begann und noch längst nicht zu Ende ist.
Kenia und Simbabwe sind zwei gute Beispiele, um die Auswirkungen von „1989“ auf Afrika darzustellen: Es war eine Zeit der Hoffnung, geprägt von dem Gefühl, dass Afrika eine zweite Ära der Befreiung bevorstehe. Daraus entstanden neue Freiräume für die Organisation der Zivilgesellschaften und für Debatten zwischen den politischen Lagern über die gemeinsame Zukunft. Mit dem Ende des Kalten Krieges verlor der Westen das strategische Interesse an der Unterstützung von Einparteiensystemen wie jenem der Kenya African National Union (KANU), das sich hauptsächlich gegen die sowjetisch alimentierten Nachbarn Äthiopien und Tansania richtete. Arap Moi, der starke Mann in Kenia und bis zu diesem Zeitpunkt hoch geschätzte Verbündete des Westens, geriet wegen der Korruption in seinem Staatsapparat und wegen der brutalen Unterdrückung von Oppositionellen zunehmend in die Kritik. Ganz anders verlief die Entwicklung in Simbabwe: Während Arap Mois Einparteiensystem in Kenia durch den Entzug westlicher Hilfsgeldern schon empfindlich geschwächt war, dehnten Robert Mugabe und seine Partei, die Zimbabwe African National Union (ZANU), ihre Herrschaft über den Staat weiter aus. Kaum ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer und während in ganz Afrika der kommende demokratische Wandel schon in der Luft lag, verschärfte Mugabe im Dezember 1988 sogar noch seine diktatorische Politik. Sein Populismus profitiert bis heute vom Versagen der Briten, die Landfrage und das Problem der elitären Abgrenzung einer kleinen weißen Minderheit im Land beizeiten zu lösen.
Dammbruch für Fundamentalismus
Einerseits war 1989 der Anfang vom Ende jenes Kalten Krieges, der die Welt genötigt hatte, vor der Brutalität des Apartheidregimes in Südafrika und vor den anderswo begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Augen zu verschließen. Inzwischen ist klar, dass die Ereignisse von 1989 einer von mehreren entscheidenden Faktoren bei der Legalisierung des ANC in Südafrika, bei der Unabhängigkeit Namibias, beim Abzug der Kubaner aus Angola, bei der Schwächung der Einparteiensysteme sowie beim Abstieg und Sturz von Herrschern des Typs Mobutu Sese Seko, Mengistu Haile Mariam, oder Moussa Traore waren. Nach 1989 lauteten die neuen Modewörter in Afrika „Zivilgesellschaft, Modernisierung und Demokratisierung“, „Mehrparteiensystem“ und „Wahrheits- und Versöhnungskommission“. Auf der anderen Seite kam es nach 1989 zu einem Dammbruch, was „primitive“ Stammesgebräuche und (islamische wie christliche) religiöse Fundamentalismen betrifft. Die „neue Weltordnung“ brachte Bürgerkriege, Kindersoldaten und blutige Diamanten überall in Afrika mit sich. Die Ereignisse dieses Jahres bedeuteten zumindest dreierlei epistemologische Zäsuren: Erstens war 1989 ein Neuanfang für die politische Selbstbestimmung Afrikas, für die Achtung der Menschenrechte und für die ernsthafte Arbeit am Aufbau moderner, demokratischer Gesellschaften. Zweitens war 1989 ein Signal für Europäer und Amerikaner, dass sie Afrika als eine geopolitisch bedeutsame und infrastrukturelle Investitionen erfordernde Weltgegend vergessen konnten. Und drittens bedeutete 1989 die Wiederkehr eines lange unterdrückten, angeblich „neuen“ Rassismus aus dem 19. Jahrhundert. Erneut wurde Afrika als ein starres, unverbesserliches Gebilde dargestellt, dessen einziger Nutzen in den natürlichen Reichtümern (Öl, Coltan, Gold, Diamanten, Kakao etcetera) besteht.
| Ausschnitt eines Vortrags im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, im Februar 2009. Diesen Text finden Sie in einer erweiterten Fassung in der Publikation: Susanne Stemmler, Valerie Smith, Bernd M. Scherer (Hg.): 1989 – Globale Geschichten. Göttingen: Wallstein Verlag 2009, 304 Seiten. |
Manthia Diawara
lebt als Autor, Filmer, Kunsthistoriker und Film- und Literaturwissenschaftler in den USA. Er ist Leiter des „Africana Studies Department“ an der New York University.
lebt als Autor, Filmer, Kunsthistoriker und Film- und Literaturwissenschaftler in den USA. Er ist Leiter des „Africana Studies Department“ an der New York University.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Links zum Thema
- Mit „1989 - Globale Geschichten“ widmete sich das Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ im Februar 2009 den internationalen Brüchen, die 1989 stattfanden.


- Afrika-Schwerpunkt der Bundeszentrale für politische Bildung

- Die Ruhe vor dem Sturm – 1968 in Südafrika (goethe.de)


- Mehr zu dem von arte vertriebenen Dokumentarfilm „Fidel, der Che und die afrikanische Odyssee“










