Künstlerische Manifestationen: die Renaissance der Garten- und Landschaftsarchitektur

Aufgaben, Haltung und Selbstbewusstsein der „grünen Planer“ haben sich gewandelt. Eine ganze Reihe von in jüngerer Zeit erfolgreichen Landschaftsarchitekten und -architektinnen arbeiten zunehmend mit architektonischen Mitteln.
Die Gestaltung von Grünfläche, so die landläufige Meinung in den Siebziger- und Achtzigerjahren, erledigt das Garten- und Friedhofsamt, den Hausgarten plant der Architekt gleich mit, und für Ufer und Auen ist das Wasserwirtschaftsamt zuständig.
Freilich gab es auch damals renommierte Gartenarchitekten wie Hans Luz in Stuttgart, Peter Latz und Gottfried Hansjakob in München oder Gustav Lange in Hamburg, die sich mit Parks und Gartenschauen einen Namen gemacht hatten.
Vor allem die seit 1951 im Zweijahresrhythmus durchgeführten Bundesgartenschauen mit ihrem großen Publikum, für die es im Ausland nichts Vergleichbares gibt, haben den Berufsstand bekannt gemacht. Insbesondere die Bundesgartenschauen 1955 in Mannheim und 1977 in Stuttgart, 1979 auf der Rheinaue in Bonn und 1981 auf der Fuldaaue in Kassel brachten Parks als künstlerische Entwurfsleistung ins Bewusstsein. Inzwischen werden in den Bundesländern zusätzlich Landesgartenschauen abgehalten, die den Kommunen Gelegenheit geben, Problemzonen zu sanieren und daraus auf Dauer neue Parks zu machen.
Vielfältigste Einsatzgebiete
Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die routinemäßige Beauftragung eines Spezialisten durchgesetzt, wenn es darum geht, Stadtplätze oder Freiflächen im Umfeld größerer Gebäude und Verkehrsbauwerke zu gestalten. Was zur Regel geworden ist, führte zu einem in Europa beispiellosen Auftragsvolumen für Garten- und Landschaftsarchitekten und -architektinnen. Hinzu kommen neue Aufgaben ungekannter Dimension wie die Renaturierung von Braunkohletagebauen, die Neugestaltung bislang militärisch genutzter Areale vor allem in der ehemaligen DDR, die Umgestaltung ehemaliger Zechen-, Industrie- und Eisenbahngelände sowie der Hochwasserschutzmaßnahmen. Flächenstilllegungen in der Landwirtschaft werden bald weitere Aufgabenfelder sein.
Doch nicht nur die Aufgaben, auch die Haltung und das Selbstbewusstsein der Grünplaner haben sich gewandelt. Früher, so Landschaftsarchitekt Martin Rein-Cano aus Berlin, entwarfen die soziologisch geprägten Kollegen „Grünanlagen für Frauen und Kinder“, in den Siebzigerjahren, als sie alle Ökologie studierten, „für Frauen, Kinder und Vögel". Inzwischen kultivieren vor allem die jüngeren eine „neue Künstlichkeit“.
Architektonische Mittel
Die sanft geschwungenen Modelllandschaften etwa des Münchner Olympiaparks oder die nach neoklassischer Tradition ruhig und streng gestalteten Grünflächen haben nur noch für wenige junge Grünplaner und -planerinnen Vorbildfunktion. Die in jüngerer Zeit erfolgreichen Teams arbeiten zunehmend mit architektonischen Mitteln. Zu nennen sind die Berliner ST raum a. (Tobias Micke und Stefan Jäckel) mit dem Garten des Umweltbundesamts in Dessau oder des Rathausparks Hennigsdorf, Thomanek Duquesnoy Boemans mit dem Branitzer Platz oder dem Aerodynamischen Park in Berlin, Topotek 1 (Martin Rein-Cano und Lorenz Dexler) mit der Landesgartenschau 2004 in Wolfsburg sowie Gabriele Kiefer mit dem Landschaftspark Johannisthal-Adlershof in Berlin. Aus München, der zweiten Landschaftsarchitektenhochburg in Deutschland, kommen lohrer.hochrein, die zum Beispiel den Park Phoenix West in Dortmund planten, oder realgrün (Wolf D. Auch und Klaus-D. Neumann), von denen die Gestaltung der „Fort Malakoff“ Rheinterrassen in Mainz stammt.
Grafische Gestaltung von Grünflächen
All diese Teams gehen zwar nicht so weit wie die Amerikanerin Martha Schwartz, die bei der Versicherungsgesellschaft Swiss Re in München teilweise ganz ohne Pflanzen auskommt, wenn sie ihre geometrischen Glas-, Stein- und Kunststoffbeete arrangiert. „Unorganisch“ harte, geometrische Strukturen, steinerne Felder, Straßenmöbel aus Stahl oder Beton, Umrandungen und Böschungen aus rostendem Cortenstahl oder blaue Pseudogewässer aus Kunststoff sind jedoch Attribute einer weitgehend grafischen Gestaltung von Grünflächen, die, zumindest im architekturnahen Bereich, nicht mehr auf Romantik setzt und kaum mehr spontane, natürliche Pflanzenentwicklung oder Biotope zulässt.
Bei den neuen Parklandschaften, meist im Zusammenhang mit Gartenschauen und deshalb auf Geländen mit Vergangenheit entstanden, nehmen die Grünplaner und -planerinnen bereitwillig die vorgefundenen Reminiszenzen auf. Relikte der industriellen Vornutzung werden präpariert und thematisch eingebunden. So wird ein Stahlwerkareal in Duisburg zum Themenpark (Emscher-Park), ein ehemaliger Bahnhof in Halle/Saale mit erhaltenen Weichen, Prellböcken und Signalen zum Erinnerungsgarten (Thüringer Bahnhof) oder ein Fabrikgelände in Eberswalde zum postindustriellen Geschichtslehrpark (Landesgartenschau 2002). Ein stehen gebliebener Kran dient als Aussichtsplattform, im Boden verbliebene Schienen erinnern an vergangene Zeiten, eigens verlegte Stahlbänder wecken vage Assoziationen daran.
Emanzipation der Garten- und Landschaftsarchitekten
Angestrebt wird das Ungewöhnliche, Überraschende, das verfremdende Material, die fraktale Form. Verbannt ist alles Liebliche, Romantische, Florale, wie es der Beschauer mit der Vorstellung eines traditionellen Gartens verbinden mag. Gartengestaltung hat sich von der idyllischen Komposition beschaulicher Pflanzenarrangements wegentwickelt hin zur modernen, zuweilen modischen, nicht immer ästhetischen künstlerischen Manifestation, bei der traditionelle Anmutungsqualitäten nicht mehr im Vordergrund stehen. So gesehen haben sich die Garten- und Landschaftsarchitekten gegenüber den Architekten weitgehend emanzipiert.Wie die Architekten setzt sich die Zunft der Grünplaner mit sozialen und kulturellen Fragen auseinander, plant öffentlichen Raum und sieht nicht nur die lebende Pflanze als das alleinige „Baumaterial“ ihrer Umweltentwürfe. Entsprechend ist ihr Selbstbewusstsein gestiegen, geben auch sie Bücher heraus, zeigen ihre Werke in Galerie-Ausstellungen und entwickeln langsam ein Starsystem; wie ihre Kollegen von der bauenden Zunft.
Insgesamt hat der sich die Stellung der Landschaftsarchitekten und -architektinnen insofern gestärkt, da sie die „politisch korrekten“ Positionen in der heutigen Ökologiedebatte schon immer vertreten haben. Hinzu kommt mit dem Klimawandel die Überzeugung, dass kühle Parks und Wasserläufe zur naturräumlichen Grundausstattung in den Innenstädten gehören müssen. Landschaftsplanung bis in die Innenstädte hinein ist Vorsorgeplanung und hat Verkehrsplanung und Siedlungsplanung in der Priorität abgelöst.
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Literatur zum Thema Zweijahresbücher des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten: Neu verorten 2001; Event Landschaft? 2003; Spielräume 2005; Übergänge 2007; zuletzt: BDLA (Hg/Ed.): System Landschaft – Zeitgenössische deutsche Landschaftsarchitektur. Birkhäuser (Zürich 2009); ISBN 978-3-0346-0079-8 Kristin Feireiss (Hg.): Topotek 1 – Paradise Remix. Prestel (München Berlin London 2006); ISBN 978-3-7913-3698-5 Kristin Feireiss (Hg.): ST raum a. – passion city. Prestel (München Berlin London New York 2009); ISBN 978-3-7913-4305-1 |
Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.
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Februar 2006, aktualisiert im November 2009
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