Bildende Kunst

A.R. Penck: Forschungen im Medium der Malerei - Große Retrospektive in Frankfurt

'Benjamin Katz', Portraitfoto von  A. R. Penck, 1997; Foto: Benjamin Katz; Cop.: A .R. Penck, 1997Nach fast zwanzig Jahren zeigt die Frankfurter Schirn-Kunsthalle jetzt erstmals einen umfassenden Überblick über die Arbeiten des aus Dresden stammenden Künstlers A.R. Penck (* 1939). Gezeigt werden ca. 130 Gemälde aus fast fünf Jahrzehnten, ca. 45 Skulpturen und ein repräsentativer Überblick über siebzig Künstlerbücher.

Der Künstler begann seinen Weg im Osten, und er lebte vom Widerstand, den man seiner Kunst dort entgegengesetzt hat. Allein vier Mal verweigerte man ihm die Aufnahme in die Kunstakademie und die für DDR Künstler lebensnotwendige Mitgliedschaft im offiziellen Künstlerverband. Man warf ihm Talentlosigkeit vor. Bereits sehr früh konnte er seine Arbeiten in Ostdeutschland nicht mehr zeigen.

Bekannt wurde A. R. Penck im Westen vor allem durch die Vermittlungsarbeit des Kölner Galeristen Michael Werner. In den achtziger Jahren gehörte er zu den „Neuen Wilden“, die einen figurativ expressiven Stil in der Malerei neu etablieren konnten. Wie die Ausstellung in Frankfurt zeigt, gehört Wildheit, die Arbeit mit Kraftüberschuss und Kraftausdruck, noch immer zu den wesentlichen persönlichen Kennzeichen der Kunst des A.R. Penck.

Zu Beginn seiner Arbeit hat der Künstler, der mit bürgerlichem Namen Ralf Winkler heißt, mit verschiedenen Pseudonymen signiert: Mike Hammer, Tancred Mitchell, Theodor Marx oder einfach Y. Einerseits anonymisierte er so seine Bilder vor dem staatlichen Zugriff der Zensur, andererseits trug er so bei zum Mythos der eigenen Vielschichtigkeit. Seit seiner Übersiedlung in den Westen 1980 signiert er mit dem Künstlernamen A. R. Penck, den er vom Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck (1858 -1945) übernahm.

Weltbilder und Bildtheorien

A. R. Penck: 'Ich 88', 1988. Mischtechnik auf Karton, 200 x 150 cm; Cop.: A. R. Penck, courtesy Galerie Michael Werner, Köln & New York
'Ich 88'

Die Ausstellung beginnt mit beeindruckenden Arbeiten des ersten Aufbruchsjahrzehnts. Darunter die bedeutenden Weltbilder sowie Beispiele der Standart-Theorie-Bilder. Bereits im allerersten Bild der Ausstellung Gruppe (1961) zeigt Penck Elemente eines Stils, dem er bis heute in Variationen treu geblieben ist. Seine Arbeit verbindet Abstraktion und Figuration. Figuren werden zu Strichlinien abgemagert und in vereinfachten Gesten gezeigt. Farbigkeit spielt zunächst kaum eine Rolle. Der Zeichencharakter dominiert.

Gruppe zeigt eine sitzende Person, die von einem in ihrem Rücken stehenden Angreifer mit einem Speer bedroht wird. Vor beiden Figuren steht eine dritte Figur mit erhobenen Händen, die eine Bild-Tafel hoch hält, auf der eins zu eins genau die Situation der Bedrohung gezeigt wird, so als könnte das Bild als Warnung dienen.

Auf schrundig zerrissenem Hintergrund konfrontiert Weltbild (1961) zwei große, gegeneinander stehende Menschengruppen. Auf der linken Seite stehen Menschen in mehreren Schichten übereinander auf von ihnen selber gehaltenen Flächen. Die oberste Schicht bilden Wesen mit waffenartigen Gerätschaften, die sich gegen die Kontrahenten richten. In der Bildmitte bedroht eine übergroße Person mit zwei Schwertern eine kleinere Person mit einem Schild. In nächster Nähe Personen, die heftig aufeinander einreden und wie alle Personen auf dem Bild heftig gestikulieren. Die Welt in der Erstarrung einer Zweiteilung. Bewaffneter Friede, so könnte man das Bild lesen.

Die zerrissene Welt und der gefährliche Übergang

Im Großen Weltbild (1965) zeigt Penck eine aus zwei Hälften bestehende kugelartige Form, die in der Mitte von zwei übergroßen Personen auseinander gerissen zu werden scheint oder gerade noch zusammengehalten wird. Die Gestik ist ambivalent. Die Menschen stehen diesmal auf beiden Seiten auf mehreren Etagen übereinander, wieder heftig und blind gegeneinander gestikulierend. Aber die blutrote Fläche, auf der sie ihren Kampf austragen, scheint zu zeigen, dass sie alle in einem Boot sitzen und auf dem zerrissenen Planeten durch ein dunkles Weltall jagen.

Die Weltbilder sind verhalten politisch. Sie spiegeln Widersprüche, ohne eindeutig lesbar zu sein. Deutlicher ist der Zeitbezug bei dem Bild Übergang (1963). Zwei Jahre nach dem Mauerbau gemalt zeigt das Bild eine Figur über einer brennenden Brücke zwischen zwei Ufern. Ein deutlicheres Bild der Unmöglichkeit, ohne höchstes Risiko von Osten nach Westen zu gelangen, ist kaum denkbar. Mit solchen Bildern konnte Penck in der erstarrten offiziellen Kunstwelt der DDR nur auf Ablehnung stoßen. Nichts war dort tabuisierter als „die Mauer“ bzw. der Gedanke des Wechsels von einer Seite auf die andere.

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Auch ein Bild wie Umsturz (1965), auf dem Menschen eine Statue vom Sockel stoßen, während andere ihr das Porträt eines anderen großen Mannes entgegenhalten, ist in seiner blutroten Farbigkeit von einer rebellischen Unruhe und einem Gespür für latente Gewalt, dass es den DDR Behörden nur gefährlich erscheinen konnte, zumal unklar blieb, wer hier wen umstürzen wollte.

Die Suche nach einer Universalsprache

Ins erste Jahrzehnt des Künstlers A. R. Penck fällt auch das Experimentieren mit Standart-Bild-Theorien, die eigentlich Wort und Zeichen überladene Theoriebilder über die Möglichkeiten der Kunst sind. Es sind Versuche, die Bildzeichen zu einer Universalsprache zu verdichten. Anklänge an Naturwissenschaften und Mathematik werden gesucht. Am linken Bildrand stehen Zeichenlegenden der Symbole, mit denen auf der verbleibenden Bildfläche versuchsweise operiert wird. Man spürt den Bildern ihren unbedingten Erkenntniswillen an, aber als Betrachter sieht man zugleich das Scheitern an einer Komplexität, die sich jeglicher Vereinheitlichung entzieht. Klar sind hier nur die Titel. Unklar bzw. offen für jegliche Deutung bleibt die Bedeutung. Bei Quo vadis, Germania (1984) bleibt als Antwort auf die Frage nur eine riesige Bildfläche voller wilder Tiere.

Nach ersten kommerziellen Erfolgen im Westen wurde es für Penck im Osten immer unerträglich, vor allem 1976 nach der Zwangsaussiedlung seines Freundes, des Liedermachers Wolf Biermann. Penck wurde schikaniert und behindert, so dass er sich 1980 zur Ausreise in den Westen entschloss. Zunächst lebte er eine Zeit lang in der Nähe Kölns, nach längeren Reisen im Londoner Eastend, heute lebt Penck in Dublin.

Mitte der siebziger Jahre gibt es einige Bilder, deren Pinselführung fast rein gestisch geworden ist. Man meint Verzweiflung und Wut in der Heftigkeit der Pinselführung fast sehen zu können. Ein Aufbegehren vor dem Umzug in den Westen. Osten und Westen (1980) hießen zwei im Jahr der Aussiedlung gemalte Bilder. Sie ähneln einander und sind doch grundverschieden. Osten zeigt eine weiße Person umgeben von bedrängendem Schwarz. Westen zeigt mehrere schwarze Personen auf weißer Bildfläche. Eine Person darunter mit gespaltenem Kopf. „Der Osten eine Wüste. Der Westen ein Dschungel“ (A.R. Penck).

Skulpturenblöcke

A. R. Penck: 'STANDART-MODELL', 1968-1969; Leukoplast, Papier 46 x 18 x 14 cm; Col. Fundação de Serralves – Museum of Contemporary Art, Porto, Portugal; Cop.:  A. R. Penck, courtesy Galerie Michael Werner, Köln & New York

'STANDART-MODELL'

Die Ausstellung enthält zwei Skulpturenblöcke von jeweils kleinformatigen Werken. Skulpturen der 70er Jahre aus „armen Materialien“ wie Pappe, geknülltem Silberpapier oder übermalten Konservenbüchsen lassen an Fluxus bzw. die Materialcollagen der Pop-Art denken. Der zweite Block aus dem Ende der siebziger Jahre versammelt eine Anzahl sehr roh mit Kettensäge und Axt gearbeiteter Holzskulpturen. Sie sind sehr fragmentiert, bleiben auf hoher Abstraktionsstufe. Hier sind Anklänge an die Holzskulpturen von Georg Baselitz zu erkennen, obwohl dessen Werke mehr von afrikanischen Einflüssen geprägt sind.

Künstlerbücher

Bislang wenig bekannt waren die Künstlerbücher von A.R. Penck. Die meisten davon Unikate. Es handelt sich nicht um Skizzenblöcke mit vorbereitendem Charakter, sondern um eigene Buchproduktionen. Diese Bücher leben von der Nähe der Penckschen Kunst zum Bildzeichen, das als Schrift gelesen wird, bzw. zum Schriftzeichen, das als Bild gesehen wird. Oft ist es ein Spiel mit dem Formenwandel. Die Zeichen mutieren von Seite zu Seite. Aber es sind auch reine Textarbeiten unter den Büchern, die von Pencks Sprachgewandtheit und seiner nicht nachlassenden philosophischen Reflexion zeugen.

A. R. Penck: 'SEITE AUS DEM UNIKATBUCH: OHNE TITEL (USA / CCCP)', 1970, Gebundenes Skizzenbuch, rotes Lederbuch mit Goldprägung, Filzstift; 29,5 x 20,5 cm; Foto: Alex Kraus; Cop.: A. R. Penck, courtesy Galerie Michael Werner, Köln & New York
SEITE AUS DEM UNIKATBUCH:
OHNE TITEL (USA / CCCP)

Künstler-Bücher sind schwierige Ausstellungsobjekte, da man gemeinhin nur immer eine offene Doppelseite aufschlagen kann. In Frankfurt hat man eine medial überzeugende, moderne Lösung für dieses Problem gefunden. In den Vitrinen liegen die Bücher, über den Vitrinen hängen Bildschirme, in denen im langsamen Rhythmus die Texte umgeblättert werden. So ist es möglich, der haptischen Qualität der Originale und der Fülle der Texte gleichermaßen gerecht zu werden.

Zur Ausstellung erschien der deutsch-englischer Katalog A.R. Penck: Retrospektive. Hg. von Ingrid Pfeiffer und Max Hollein. Richter Verlag GmbH Düsseldorf, ISBN 978-3-937572-68-0

Jan Thorn-Prikker,
ehemals Mitglied der Online-Redaktion des Goethe-Instituts

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