Theater

Ein Theater der Augenblicke – Nachlese zum ersten deutschen Festival des Theaters für die Allerkleinsten

HELIOS Theater, Hamm: Holzklopfen © Walter G. Breuer

Das Theater für Zuschauer unter drei Jahren steckt in Deutschland, anders als in Italien, Frankreich und den skandinavischen Ländern, noch in den Kinderschuhen. Doch die deutschen Kinder- und Jugendtheater sind aufgebrochen, in diesen Schuhen laufen zu lernen.

Füße scharren. Dann gespannte Ruhe vor mir. Hin- und herrutschen auf dem Sitzplatz. Plötzlich steht sie auf, setzt sich wieder. Das wiederholt sich. Sie dreht sich um, vergewissert sich, dass ihre Mutter neben mir noch da ist. Zögerlich tappt sie zu ihr, nimmt Platz auf ihrem Schoß und lehnt sich an sie. Sie tuscheln. Dann wiederholt oder kommentiert sie Worte, Laute, Gesten – alles mit sichtbarer Freude am Erkennen.

Theater Junge Generation Dresden: Frau Sonne und Herr Mond machen Wetter © Foto: Juliane MostertzDie Rede ist von einer etwa 2-jährigen Zuschauerin während einer Theateraufführung für das jüngste Publikum vom 13. bis zum 16. November 2008 am Theater Junge Generation in Dresden. Was hier vorging, vervielfacht sich im Zuschauerraum zu einer ganz eigenen Vorstellung, die parallel zur Aufführung auf der Bühne läuft. In diesem Parkett herrscht bewegte Beteiligung, denn die jüngsten Theaterzuschauer, sie nehmen Theaterkunst mit all ihren Sinnen wahr und mit dem ganzen Körper.

Davon konnten sich Eltern und Erzieherinnen, die ihre Kinder ins Theater Junge Generation in Dresden begleitet haben, ebenso überzeugen, wie die zahlreichen internationalen und nationalen Fachbesucher des ersten deutschen „Festivals des Theaters für die Allerkleinsten – Theater von Anfang an!“; ein Ergebnis des gleichnamigen Projektes und dessen Abschluss. Theaterkunst für so junge Zuschauer zu schaffen, ist eine Herausforderung, die die neun eingeladenen Ensembles bereits angenommen hatten, manche waren schon erfahren, viele mit ihrer ersten Inszenierung dabei, die unter anderem in der Projektlaufzeit des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland entstanden war.

Über das Theaterspielen für ganz kleine Kinder

Ania Michaelis, Berlin / HELIOS Theater, Hamm: O Himmel blau © Walter G. BreuerKann Wortsprache die Handlung strukturieren? Was ist Einfachheit ohne zu vereinfachen? Wie wird Kommunikation mit den Zuschauern erzeugt, bleiben die Spieler mit Ihnen in Kontakt? Was fesselt die Aufmerksamkeit? – Fragen, die zeigen, wie elementar das Theaterspielen für so kleine Menschen an den Grundfesten bürgerlicher Theatertradition rüttelt und die Inszenierenden auf eine Entdeckungsreise in die eigene Kunst schickt, denn sie müssen nicht nur ihr kleines und großes Publikum erreichen, sondern ihr eigenes künstlerisches Interesse konsequent verfolgen, damit für die Allerkleinsten im Parkett großes Theater entstehen kann.

Zu sehen gab es neun Aufführungen, denen die Suche gemeinsam war, mit der Kunst einen Raum öffnen zu wollen, in dem die jüngsten Theaterbesucher und ihre erwachsenen Begleiter auf sinnliche und gleichsam poetische Weise einen Ausschnitt der Welt entdecken und erleben können. Es ist ein ästhetischer Raum, der Bilder, Klänge, Laute, Farben, Formen, Materialien und Licht immer neu zusammensetzt. Es ist ein Raum, der den Spielenden die Chance eröffnet, jenseits der im deutschen Theater tradierten Vorherrschaft einer erzählten Geschichte oder eines Dramas ihre Theatermittel neu zu untersuchen und den Blick auf das zu richten, was im Augenblick geschieht: Ein einfacher Vorgang wird wertvoll, weil man ihn miterleben kann.

Und noch etwas ist anders als gewohnt: jede Aufführung hat ein Vor- und ein Nachspiel. Das Publikum wird schon im Foyer begrüßt und spielerisch oder musikalisch in den Theatersaal gelockt und nach der Vorstellung mit kleinen Spiel-Aktionen vom Ort ihrer ersten Begegnung mit Theaterkunst entlassen.

Über ausgewählte Aufführungen

Theater Junge Generation Dresden: Funkeldunkel Lichtgedicht © djg-dresdenAusgangspunkt der meisten Arbeiten waren Gegensätze: So war „Leicht und Schwer“ das Thema von Rawums (:) – einer Koproduktion des Berliner Theaters mit Melanie Florschütz, Michael Dönert und der Schaubude Berlin. Weil Fallen leicht und Fliegen schwer ist (ein uralter Traum), spielen sich die beiden clownesken Figuren mit wenigen Dingen durch viele Varianten: Es plumpst und schwebt, es sinkt und steigt, es kippt und erhebt sich ... bis die Welt in einer Erzählung poetisch auf dem Kopf steht, weil ein Mann, eine Frau, ein Haus und ein Stuhl plötzlich mit dem Vogel davonfliegen. Im Zuschauerraum: Ein großes Vergnügen an diesem lustvoll-zarten und ernsthaft-heiteren Spiel.

Funkeldunkel Lichtgedicht des gastgebenden Theaters Junge Generation spielte hingegen mit „Licht und Dunkel“ und mit dem, was bei Licht betrachtet im Dunkeln zu entdecken ist. Getragen und strukturiert wurde diese dichte und genau gearbeitete Aufführung durch die Klänge eines Steel Drum und den wunderbaren Gesang des vierköpfigen Ensembles. Sie zeigte auch, dass ein dunkler Theaterraum für ganz kleine Zuschauer gar nicht mehr so Angst einflößend wirkt, wenn er von Musik erfüllt ist, und ein fokussiertes Licht dabei den Blick freigibt auf Münder und Gesichter, die Töne formen.

Mein und dein. Diesen Gedanken brachte das Junge Schauspiel Düsseldorf mit dem Tanzhaus NRW in Meins! mit kraftvoller Körperlichkeit auf die Bühne. Zwei Tänzer zeigten Varianten neugieriger, zarter oder auch heftiger Begegnungen zwischen zwei Menschen.

Dass auch das künstlerische Interesse an Materialien den Weg zu einer Aufführung bahnen kann – ganz ähnlich dem Forscherdrang kleiner Kinder – das zeigten weitere Aufführungen des Festivals: Holz war in der Produktion des Helios Theaters Hamm mit dem Theâtre Jeune Public der Grundstoff für alles, was auf der mit Holzspänen markierten Bühnenfläche zu entdecken war, was sich auftürmen und zerstören, verstecken, wiederfinden oder zur Figur beleben ließ. Ein Spieler und ein Percussionist erforschten mit großer Selbstverständlichkeit die Spiel- und Klangvielfalt dieses Stoffes in Holzklopfen. Zu sehen gab es darüber hinaus die Aufführungen Oh Himmel blau aus Hamm und Berlin, Das Mondei und Süßer Brei aus Leipzig; Das große Lalula aus Mannheim und schließlich Frau Sonne und Herr Mond machen Wetter aus Dresden.

Über das, was noch stattfand

Berliner Theater/Schaubude Berlin: Rawums © Thomas ErnstEin Novum dieses Festivals waren die Beiträge der Wissenschaftler, die an den vier beteiligten Standorten des oben erwähnten Projektes je einen Partner forschend begleitet hatten. Sie setzten in Film- und Wortbeiträgen mit ihrem jeweils spezifischen Blick auf Sprache und Sprechen oder die besondere Kommunikation zwischen Künstlern, Kindern und ihren erwachsenen Begleitern wertvolle Impulse für die Inszenierungsgespräche. Erwähnt seien auch drei Workshops und Diskussionsrunden.

Fortsetzung folgt? Die Aussichten auf ein zweites Festival Theater von Anfang an! in Dresden 2010 sind günstig.

Annett Israel
ist Theaterwissenschaftlerin, Mitarbeiterin im Bereich Aus- und Weiterbildung im Berliner Büro des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland und Verfasserin zahlreicher Publikationen zum Theater für und mit Kinder(n) und Jugendliche(n).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Januar 2009

Links zum Thema

Theater in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen