Theater

Bildertheater – Filmregisseure auf Opern- und Theaterbühnen

Rigoletto. Giuseppe Verdi. Inszenierung: Doris Dörrie; Foto: Wilfried Hösl Wer die Oper kennt, der weiß, dass sie Bilder kreiert. Bilder auf der Bühne, Bilder in der Musik und vermittels der Musik, Bilder im Kopf des zuschauenden und zuhörenden Betrachters.

Ohne Bilder kommt keine Oper aus, und daran hat sich seit Monteverdis Zeiten, seit der frühen Blüte der Gattung, nichts geändert. Bilder entstehen mannigfaltig durch die Musik und durch das Wort, und sie entstehen durch die Verbindung von Musik und Wort. Insofern ist es nicht übertrieben, zu behaupten, die Oper, wiewohl naturgemäß die weit ältere Kunstform, habe vom Film gelernt. Und zumal aus diesem Grund ist es kein Zufall, dass irgendwann auch der Film, verkörpert durch jene, die ihn machen, in der Oper Platz genommen hat.

Was wohl nur wenige wissen, die Oper kennen und lieben: Es war der deutsche Filmregisseur Volker Schlöndorff, der dieser Entwicklung Vorschub geleistet und damit gewissermaßen Pionierarbeit verrichtet hat. 1966 drehte er seinen ersten Film, Der junge Törless nach Robert Musils Novelle Die Verwirrungen des Zöglings Törless. Im gleichen Jahr arbeitete er bereits erstmals mit dem Komponisten Hans Werner Henze zusammen an einem Projekt. Und noch vor seinem zweiten großen Leinwandabenteuer, der Böll-Verfilmung Die verlorene Ehre der Katharina Blum von 1975, wagte sich Volker Schlöndorff ins Dunkel des Theaters und inszenierte in Frankfurt am Main die Oper Katja Kabanowa von Leos Janácek. Ein Tabu ward gebrochen.

Die Folge der kühnen Tat Schlöndorffs war, dass auch andere Filmregisseure den Weg zum Musiktheater fanden. Legendär etwa István Szabos Tannhäuser-Versuch 1984 in Paris: eine ästhetische Grenzerfahrung. Nicht minder bemerkenswert einige der Arbeiten von Peter Greenaway, dem es gelang, beide Kunstformen miteinander zu verschmelzen: Oper als Film; Oper als Film auch in der und über die Oper. Sechs Werke des Musiktheaters hat Greenaway inzwischen inszeniert; damit ist er neben Schlöndorff, dessen Schwerpunkt auf dem Bühnenoeuvre von Janácek liegt, der erfahrenste unter den Filmregisseuren, die sich der Oper verschrieben haben.

Unterschiedlichste Herangehensweisen

Die wohl größte mediale Aufmerksamkeit erzielten aber weder Greenaway noch Schlöndorff. Und auch nicht Robert Altman, Grandseigneur unter den Filmschaffenden, der zwei Opern des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten William Bolcom, zu denen er jeweils auch das Libretto verfasste hatte, in Szene setzte; zuletzt, mit enormem Erfolg, im vergangenen Jahr A Wedding. Nein, eine Frau stahl innerhalb der Männerdomäne Oper den Männern die Show und dies mit gewaltigem Aplomb: Beinahe ein Aufschrei ging durch den (deutschen) Blätterwald, als bekannt wurde, dass die Filmemacherin Doris Dörrie, für die diese Auseinandersetzung mit der Kunstform Oper völliges Neuland bedeutete, für eine Opernregie an der Berliner Staatsoper Unter den Linden verantwortlich zeichnen würde. Im Jahre 2001 inszenierte Dörrie dort Mozarts Così fan tutte. Ihre gleichermaßen naive wie vitale und interdisziplinäre Herangehensweise, die auch bei der zweiten Opernarbeit (Turandot in Berlin) und vor allem bei der dritten Inszenierung (Rigoletto in München) evident wurde, teilt seither das Publikum in Bewunderer und scharfe Kritiker. Letztere werfen der Filmregisseurin vor allem fehlende Werktreue, ja fehlendes Werkverständnis vor. Die Fans hingegen, die sich in nicht geringer Anzahl aus Zuschauern rekrutieren, die Oper als Neuland begreifen, argumentieren vor allem mit dem hohen Unterhaltungswert der Inszenierungen, ihrer (zum Teil verstörende) Bildervielfalt.

Bei allem Streit über die Qualität der Inszenierungen, über ihre Musikalität, kann man eines, gleichsam ex negativo, konstatieren: Der Zugang der jeweiligen Filmregisseure zur Oper ist vollkommen unterschiedlich, er ist subjektiv. Es finden sich partout keine Gemeinsamkeiten, die darauf schließen ließen, dass Filmregisseure in einer Art und Weise inszenieren, wie man das dergestalt ausschließlich von Filmregisseuren erwarten würde. Jeder Filmregisseur hat seine eigene Sprache, sein eigenes Verständnis über Wesen und Inhalt der jeweiligen Oper. Ein Beispiel hierfür aus der jüngsten Geschichte ist Wagners Parsifal. In Bayreuth brachte Christoph Schlingensief, der einmal als Filmregisseur angefangen hat, das Opus summum et magnum auf die Bühne, in Berlin, an der Staatsoper, inszenierte Bernd Eichinger das gleiche Werk. Die künstlerischen Ergebnisse gerieten derart unterschiedlich, dass man lediglich anhand der Musik feststellen konnte, dass es sich in beiden Fällen um den Parsifal handelt. Bilder sind eben etwas sehr eigenmächtiges. Im Film. Und in der Oper sowieso.

Jürgen Otten
ist Musikjournalist und für verschiedene Zeitungen, Fachzeitschriften und das Radio tätig

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Juni 2005

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