Leseförderung – wie Computer Lesen spannend machen

Sie heißen „Leselilli“, „Primolo“, „Antolin“ oder „Leseraupe“. Ihre gemeinsame Heimat ist das Internet. Hinter den Namen stecken webbasierte Leseförderprogramme für Schüler. Die Kinder werden nicht nur zum Schmökern angestiftet, sondern lernen auch gleich mit dem Computer umzugehen.
Annabel, Pauline und Joshua gehören zu den „Silvatigern“. Zusammen mit ihren Mitschülern aus der Klasse 4a der Silva-Grundschule Heimstetten haben sie für ihre Lieblingsbücher eine eigene Homepage erstellt: mit Rezensionen, selbstgemalten Bildern und kurzen Lesungen. Diese Hörproben haben sie selber aufgenommen und geschnitten.
Aufgeregt und ein wenig atemlos lesen sie aus „Hexe Lilli stellt die Schule auf den Kopf“ oder „Geheimnis um Tutanchamun“. Eine Minute war vorgegeben für jede der kleinen Lesungen, erklärt ihre Lehrerin Angela Hilger. „Einen ganzen Nachmittag haben sie nach ihren Lieblingsstellen gesucht und mit der Stoppuhr geübt.“ Das Ergebnis kann sich sehen lassen, stolz verschicken die Kinder aus Heimstetten in der Nähe von München den Link in die ganze Welt: „Ein Kind hat sogar eine E-Mail an eine Tante aus Übersee geschrieben“, weiß die Lehrerin.
Das Erstellen der Homepage war sprichwörtlich kinderleicht, denn die Kinder nutzten das eigens dafür geschaffene kostenfreie Programm „Primolo“. Es ist eine webbasierte Leseförderung, in der ein Roboter namens „Liselottindaria Libraria“, auch kurz „Leselilli“ genannt, zum Schmökern anstiftet. Lektüre satt finden die Kinder in der Lesewerkstatt, der Schulbibliothek mit Computerplätzen.

Lesetraining ganz nebenbei
Das Lesen von gedruckten Büchern und die Nutzung des Computers gehören in der Silva-Grundschule von der ersten Klasse an zusammen.
Angela Hilger, die auch Leiterin der Schule ist, setzt gleich mehrere Programme ein. Zum Beispiel die „Tiroler Leseraupe“ aus Österreich. Sie bietet mehrere Online-Spiele für Kinder. Bei einem purzeln zum Beispiel langsam Wörter über ein buntes Bild. Sie müssen mit der Maus richtig sortiert werden: Der „Bohrer“ gehört in die Kiste mit der Aufschrift „Werkzeug“, das „Lineal“ in „Schulsachen“.
„Das Lesen wird bei diesen Spielen zur Nebensache. Dass es aber eigentlich ein intensives Lesetraining ist, fällt den Kindern gar nicht auf“, freut sich Angela Hilger. Ebenfalls nebenbei trainieren die Kinder ihre Medienkompetenz im Umgang mit dem Computer.
Hierfür setzt die Silva-Grundschule auch das kommerzielle Lernprogramm „Antolin“ ein. Dabei können die jungen Leser Punkte für jedes gelesene Buch sammeln, wenn sie Quizfragen dazu beantworten. Ein Ranking der eifrigsten Schüler lässt sie in einen Wettbewerb treten, der viele motiviert: „Selbst Buben, denen man ja sonst nachsagt, etwas lesefaul zu sein, beteiligen sich, weil sie etwas am Computer machen können. Der Kampf mit der Maschine reizt sie halt.“
Brücke zwischen traditionellen und neuen Medien
Das kommerzielle Projekt „Antolin“, das vom Schulbuchverlag Schroedel betrieben wird, gehört zu den am weitesten verbreiteten webbasierten Leseförderprogrammen. Es wird in deutschen Schulen in mehreren Ländern eingesetzt, sogar in Finnland, Italien und Malaysia. Nach Angaben des Verlags haben „mehr als zwei Millionen Schülerinnen und Schüler ein persönliches Lesekonto bei Antolin.“ Lizenzen für den Zugang müssen von Schulen erworben werden, aber auch Bibliotheken können sich beteiligen.
Dadurch, dass am Computer nur das vertieft wird, was zuvor offline gelesen wurde, schlagen Programme wie „Antolin“ eine Brücke zwischen traditionellen und neuen Medien. Lizenznehmer des Schroedel-Angebots können auch Aufkleber für ihre Bibliothek kaufen, damit die Kinder wissen, mit welchem Buch sie Punkte sammeln können. Inzwischen beträgt nach Verlagsangaben die Zahl der Titel rund 30.000, die meisten seien auf Deutsch, aber es gebe auch fremdsprachige Bücher darunter – in Englisch, Französisch, Polnisch, Spanisch und Türkisch.
Der Computer darf ruhig strafen
Der Kern von „Antolin“ sind die Quizfragen, und zwar in zwei Kategorien: mit einfachen und vertiefenden Fragen zur Lektüre. Richtige Antworten werden mit Pluspunkten belohnt, falsche mit Minuspunkten bestraft, damit nicht einfach mal wild drauflos geraten wird. Angela Hilger hat die Erfahrung gemacht: „Einem Computer sind die Kinder nicht böse, wenn er sagt, das ist falsch.“ Anders als bei den Lehrkräften, bei denen es die Kinder schon mal persönlich nehmen.
Trotzdem, betont die Pädagogin, kann die Online-Leseförderung die Arbeit der Lehrer immer nur ergänzen, aber nie ersetzen. Wenn die Online-Hilfen von Lehrern mit dem richtigen Fingerspitzengefühl eingesetzt werden, können sie junge Menschen sehr erfolgreich ans gedruckte Buch heranführen, resümiert Hilger: „Ich habe für meine Klassen den Eindruck, dass die Kinder mehr und lieber lesen, auch zuhause!“
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.
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November 2010
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