Renate Fisseler-Skandrani über Tunis: „Demokratie braucht Zeit“

Demonstration auf der Avenue Bourguiba im Zentrum von Tunis, am 1. Mai 2012 (Foto: Renate Fisseler-Skandrani)
4. Juli 2012
Seit 25 Jahren lebt Renate Fisseler-Skandrani in Tunesien. Aber erst seit der tunesischen Revolution fühlt sich die freie Mitarbeiterin des Goethe-Instituts Tunis als Bürgerin des Landes. Im Interview spricht sie über die Zeit des Umbruchs, Blechlawinen am Meer und den besonderen Reiz Karthagos.
Welches Vorurteil über Tunesien sollten wir ganz schnell wieder vergessen?
Fisseler-Skandrani: Dass Tunesien außer Sonne und Meer, Strand und Wüste – und preiswerten Urlaubsangeboten – nicht allzu viel zu bieten hätte. Man kann in Tunesien zum Beispiel wunderbar wandern: durch die hügeligen, von November bis Mai grünen Mittelmeerlandschaften im Norden, aber auch in den kargen, bizarren Bergwelten im Süden. Was übrigens gerade junge Tunesier für sich entdecken. Sie verabreden sich über Facebook und organisieren gemeinsame kulturelle Exkursionen. Dann ist da natürlich die spannende Gegenwart des Landes. Wie der Prozess des demokratischen und sozialen Umbruchs seit fast eineinhalb Jahren vorankommt, verdient Aufmerksamkeit und Unterstützung. Wenn es gelingt, den Weg in ein sozial gerechteres, demokratisches und tolerantes Tunesien zu öffnen, wird das Auswirkungen auf die ganze Region haben.
Welche Erfahrung werden Sie nie vergessen?
Den 13. und 14. Januar 2011 auf der Avenue Bourguiba in Tunis. Da habe ich erfahren, dass Cola gegen Tränengas hilft und dass Menschen selbstverständlich ihre Haustür öffnen, wenn hilfesuchend daran geklopft wird. Mitten in den Tränengasschwaden hörte ich mit einem Mal auf Deutsch: „Wir sind das Volk.“ Einer meiner ehemaligen Studenten rief mir diesen Satz zu.
Was bewegt die Menschen in Tunesien zurzeit am meisten?
Die Entwicklung ihres Landes. Für einen großen Teil der Bevölkerung, besonders im Landesinneren, ist das vor allem die Verbesserung ihrer sozialen Situation: eine Arbeit zu finden, die ernährt und ein Leben in Würde ermöglicht. Gerade junge Menschen, oft gut ausgebildet, brauchen im Hier und Jetzt Zukunftsperspektiven. Manche Ereignisse in den letzten Wochen und Monaten beunruhigen, nähren von Zeit zu Zeit Zweifel, ob das Rad der Geschichte nicht doch noch zurückgedreht werden könnte. Aber in Sachen Demokratie ist eben viel Zeit und Beharrlichkeit notwendig.

Renate Fisseler-Skandrani: „Ich persönlich bin gern in Karthago, laufe durch die antiken Stätten“ (Foto: privat)
Mein Traumprojekt ist schon in der Phase seiner Verwirklichung: Ich bin im neuen Tunesien, ungeachtet meiner Wurzeln und meiner Staatsangehörigkeit, zur Bürgerin geworden.
Wo ist es in Tunis am schönsten?
Das kommt darauf an, was man sucht. Viele Hauptstadtbewohner fahren am Wochenende und im Sommer gern in die nördlichen Vororte La Marsa, Sidi Bou Said und Karthago. Ganze Blechlawinen schieben sich dann durch die malerischen Orte am Meer; dichtes Menschengedränge auf der Uferpromenade und in den Cafés. Doch es gibt auch Momente – zum Beispiel im Ramadan, in der Stunde des Fastenbrechens – da kann man im berühmten Café des Nattes oben in Sidi Bou Said einen kurzen magischen Augenblick der Stille erleben. Ich persönlich bin gern in Karthago, laufe durch die antiken Stätten. Jahrtausende zusammengedrängt. Flair von Vergänglichkeit und Dauer, Sein und Schein. Da schrumpft die aufgeregte Gegenwart um etliches zusammen. Für einen Moment zumindest.
Welche Frage über Deutschland hören Sie in Tunesien besonders oft?
Nicht oft, aber manchmal werde ich gefragt, wie es kommt, dass sich Deutschland – wie auch Frankreich und Italien – mit etwa 30.000 Bootsflüchtlingen aus Tunesien und Libyen überfordert fühlt. In Tunesien wurde zur gleichen Zeit und trotz der nicht gerade einfachen innenpolitischen Lage 2011 hunderttausend Flüchtlingen aus Libyen die Grenze geöffnet.
Was machen Ihre Arabischkenntnisse?
Da geht es mir nicht anders als manchen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Ich kann mich im Alltag im tunesischen Dialekt verständigen, mache aber eine Menge Fehler. In meinem Lebens- und Arbeitskontext kann ich weitgehend auf Französisch kommunizieren. Um aber den jetzigen politisch-gesellschaftlichen Diskussionen angemessen folgen zu können, bräuchte ich Standardarabisch. Dass ich das nicht gelernt habe, empfinde ich seit dem tunesischen Frühling als wirkliches Manko.
Warum lernen Tunesier Deutsch?
Gymnasiasten und Studenten besuchen die Kurse im Goethe-Institut ebenso wie Berufstätige mit Kontakten in Deutschland und beruflichen Verbindungen zu deutschen Firmen in Tunesien. Im Kontext der Familienzusammenführung gibt es spezielle Kurse. Daneben ist das Projekt Über Sprache zum Arbeitsplatz angelaufen, das das Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit der Handelskammer zur Unterstützung von arbeitsuchenden Hochschulabsolventen initiiert hat.
Das Goethe-Institut Tunis stellt während Umbauarbeiten seine Fassade für künstlerische Arbeiten zur Verfügung (Foto: Renate Fisseler-Skandrani)
Welchen Autor, welche Autorin aus Tunesien sollten wir unbedingt kennen?
Mahmoud Messadi, der zu den Begründern der modernen tunesischen Literatur gehört. Einige seiner Werke sind ins Deutsche übersetzt: Der Staudamm, Und es sprach Abu Hurairata, Die Genese des Vergessens. Den berühmten Dichter Abou Kacem Chebbi. Zu meinen Lieblingsschriftstellerinnen gehört Emna Belhaj Yahia, die auf Französisch schreibt. Und natürlich gibt es eine kaum mehr zu überblickende Zahl von Analysen, die sich mit den aktuellen Entwicklungen auseinandersetzen. Empfehlen möchte ich Lina Ben Mhenni. Die 2011 für den Friedensnobelpreis nominierte tunesische Internetaktivistin erzählt in ihrem ins Deutsche übersetzten Buch Vernetzt euch beispielhaft vom persönlichen Engagement junger Menschen für ein neues Tunesien.
Die Fragen stellte Martin Bruch
Renate Fisseler-Skandrani, 61, studierte Germanistik und Geschichte, bevor sie als Sprachlehrerin am Goethe-Institut Algier anfing. Mitte der 1980er-Jahre übersiedelte sie nach Tunesien. Dort unterrichtete sie deutsche Geschichte und Sprache an der Universität; am Goethe-Institut Tunis arbeitet sie als freie Mitarbeiterin unter anderem in der Lehrerfortbildung für PASCH-Schulen. Über ihr binationales Leben und über Tunesien schreibt Fisseler-Skandrani für verschiedene Medien.



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