Théâtre Demain - Phase 2, 2013

Fotos: Mejdi Bekri
Ein Projekt im Rahmen der deutsch-tunesischen Transformationspartnerschaft. Im Oktober 2012 begann das Projekt Théâtre Demain. 12 tunesische Bühnenbildner und Theatertechniker aus Tunesien trafen sich auf Einladung des Goethe-Instituts Tunis mit dem Bühnenbildner, Lichttechniker und Musiker Kaïs Rostom.
In einem einwöchigen Praxis-Workshop im Mad’Art setzten sie sich mit modernen Konzepten von Raum und Licht im Theater auseinander. Im November reiste die Gruppe nach Deutschland. Am Schauspielhaus Bochum, wo Rostom bereits zwei Jahre zuvor mit Fadhel Jaibi gearbeitet hatte, trafen die Teilnehmer von Théâtre Demain auf Kollegen, lernten die Bedingungen am deutschen Stadttheater kennen und nahmen am alltäglichen Arbeitsprozess teil. Nun kommen zwei Bühnenbildnerinnen und eine Lichttechnikerin aus Deutschland zum Gegenbesuch nach Tunis.
Was wollen wir für ein Theater?
Die tunesischen und deutschen Projektteilnehmer haben die Chance, hier innerhalb von zehn Wochen drei vom Goethe-Institut koproduzierte Bühnenstücke zu gestalten, mit drei Ensembles, an drei verschiedenen Spielorten. Mit der aktualisierten Neuauflage von Taoufik Jebalis »KlemEllil« im el teatro, »SALA«, dem neuen Tanzstück von Imed Jmaâ im Nationaltheater und einer Performance von Imen Smaoui in den Räumen des Palais Abdellia in La Marsa entsteht so ein gemeinsames Arbeitsfeld von außergewöhnlich großer formaler Bandbreite. Dabei ist es gerade die Konzentration auf das Fach Bühnenbild und -technik durch die sich das Projekt Théâtre Demain auszeichnet. Es verschafft den sehr gut ausgebildeten tunesischen Teilnehmern gezielte Fortbildung und vor allem praktische Erfahrungen, für die es in Tunesien nach wie vor an Gelegenheiten mangelt. Und es ermöglicht, aus dem spezifischen Blickwinkel der Gestaltung von Raum und Licht die klassischen Fragen zu stellen: Was kann Theater leisten? Was wollen wir für ein Theater?Diese Fragen erhalten immer dann eine besondere Dringlichkeit, wenn sie innerhalb einer Gesellschaft gestellt werden, die sich zur selben Zeit auch über sich selbst neu orientiert.
Ein gesellschaftlicher Prozess des Umbruchs
Dass wir von Deutschland aus in der Folge des Arabischen Frühlings besonders interessiert den Transformationsprozess im tunesischen Theater verfolgen, ist aus zweierlei Gründen kaum verwunderlich. Erstens: Das deutsche Theater ist traditionell von Friedrich Schillers 1784 veröffentlichtem Diktum geprägt, nach dem die Bühne eine »moralische Anstalt« sei und somit eine gesellschaftspolitische Funktion inne hat. Wann immer über den Bedeutungsverlust des Theaters debattiert wird, und das ist eigentlich permanent der Fall, sprechen sich die Zeitgeister mal für mehr, mal für weniger »Moral« in den »Anstalten« aus, fordern mal mehr, mal gar kein »politisches Theater«. Ein gesellschaftlicher Prozess des Umbruchs, wie jener im gegenwärtigen Tunesien, der vom Theater eine unmittelbare Reflexion, eine künstlerische Übersetzung und die Entwicklung von Utopien gewissermaßen zu erzwingen scheint, in dem der Bedarf an neuen Räume für kreative Gestaltung stetig wächst, hinterfragt daher nicht zuletzt auch das eigene künstlerische Selbstverständnis und Schaffen.Zweitens: Zumindest Teilen der deutschen Theaterlandschaft stecken die Erfahrungen der Revolution von 1989 noch in den Knochen – Erfahrungen, die zunächst mit dem Gefühl einer Teilhabe an tatsächlichen politischen Veränderungen, einer oppositionellen Funktion von einiger Bedeutung einherging, um seither den Verlust von Utopien umso schmerzlicher zu empfinden. So konstatierte Heiner Müller, einer der wichtigsten Dramatiker und Regisseure jener Zeit sehr bald, ihm falle »nichts mehr ein«. Aus selbstbewussten »moralischen Anstalten« wurden vielerorts Spielstätten, die unter finanziellem Druck entweder miteinander fusionieren und oder sogar schließen mussten. An die Stelle der Frage, wozu das Theater im Stande sei, trat die Ungewissheit, wie viele Theaterschaffende von ihrem Beruf überhaupt noch werden leben können. Obwohl in den letzten Jahren vor allem die Finanzkrise die Politik zurück auf die deutschsprachigen Bühnen brachte, etwa in Gestalt der zornigen Pamphlete von Elfriede Jelinek, entstehen lautstarke Debatten über das Theater in Deutschland eigentlich nur, wenn die nach wie vor unbestreitbar reiche und vielfältige Theaterlandschaft wieder einmal von Subventionskürzungen bedroht wird.
Fotos: Mejdi Bekri
Wir bewohnen den selben Sprachraum
All das scheint von der Realität des Theaters in Tunesien, mit seiner gesellschaftlichen Notwendigkeit im dritten Jahr nach dem Beginn der Revolution, doch ziemlich weit entfernt zu sein. Würde jemand heute auf einer Bühne in Deutschland eine satirische Version der Nationalhymne »Einigkeit und Recht und Freiheit« so auf die Bühne bringen, wie Taoufik Jebali es in »KlemEllil« mit der tunesischen Hymne »Ḥumāta l-ḥimā« macht, wäre das sicherlich keine Provokation mehr. Auch ist der enthusiastische Szenenapplaus, den Imed Jmaâ während seiner jüngsten Premiere am Nationaltheater erntete, als er sehr explizit Gewalt gegen Frauen auf der Bühne anprangerte, in Deutschland kaum vorstellbar.
Théâtre Demain - Broschüre (PDF, 6 MB)
Ralf Krämer, freier Journalist fürs Goethe-Institut in Tunis








