Künstler zu Gast

Zora Volantes: Alles dreht sich

Zora Volantes-RED LIGHT Ausstellung
Zora Volantes war von November 2014 bis Juni 2015 Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya. Das künstlerische Repertoire der ehemalige Meisterschülerin von Rebecca Horn umfasst Malerei, Performance und Rauminstallation. Während ihres Aufenthaltes in Istanbul entstanden zahlreiche neue Arbeiten der in Berlin lebenden Künstlerin, die sich vor allem mit Licht und Dunkelheit beschäftigen. 


Was sind die Hauptthemen, die Sie normalerweise in Ihrer Kunst bearbeiten?
 
Mich beschäftigt vor allem die Frage nach dem Licht und dem Gegensatz von Licht und Dunkelheit: Tag und Nacht.
Dieses Thema beschäftigt mich vor allem in Rauminstallationen und Performances sehr. Meine letzten Arbeiten spiegeln das wider: Grosse Lichtskulpturen aus Pergamin-Papier (St. Elisabeth Kirche, Berlin, 2013) und Gemälde mit Sonnen ("Aurora "- Zyklus 2014). Themen sind aber auch: Masse und Identität, Eros und immer wieder die Kleider und Häute aus Papier und Blättern, die ich baue und mit denen ich mich bedecke, als Ausdruck einer Sehnsucht nach der Natur.
Vor meinem Aufenthalt in Istanbul habe ich mich zudem, aufgrund einiger Ausstellungen in Kirchen, mit Jesus und den Religionsführern dieser Welt beschäftigt ("Jesus" Performance 2014).
 
Und hier in Istanbul? Haben Sie andere Themen gewählt?
 
Ich bin zutiefst beeindruckt von den Derwischen und Mevlana Rumi und habe meine erste Ausstellung ihnen gewidmet. Die Ausstellung "Rotations" im Österreichischen Kulturforum beschäftigte sich mit Drehungen des Universums. Dafür habe ich extra neue Bilder gemalt und eine Rauminstallation entwickelt.
Ich zeigte ein kinetisches Objekt, ein bemaltes, großes Kleid, das sich um sich selbst drehte.
In meiner zweiten Ausstellung in der Galerie MIXER entwickelte ich das Thema weiter und zeige drei Sultansroben, die sich um sich selbst drehen, frei im Raum installiert.
Bei dieser Ausstellung gestaltete ich auch eine große Wand neu, indem ich ein Graffiti aus reduzierten, typisierten Frauenkörpern auf sie sprühte. Ich fragte in dieser Ausstellung: "RED LIGHT" nach der Position der Frau heute in der Gesellschaft. Die Farbe rot, die mir während der Wahlen hier in tausenden Fahnen überall begegnete, wurde Auslöser für das Foto: "RED LIGHT". Ich setzte mich vollkommen rot bekleidet und geschminkt in ein weißes Tulpenbeet. An meiner Kleidung waren viele kleine rote Aufkleber mit der türkischen Flagge angebracht. Diese Flaggen musste ich dann retuschieren, da man die Staatsfahne nicht zitieren darf. Dadurch kam es zu weiteren Auseinandersetzungen: ich sprang mit einem fahnenartigen Tuch, total rot bekleidet und rot geschminkt, immer wieder in den Bosporus.("RED CIRCLE" Performance 2015) Für mich bedeutete diese Arbeit eine Suche nach Identität.
Ich zitierte in der Ausstellung "RED LIGHT" auch die Farben der deutschen Nationalfahne: die Sultansgewänder sind in schwarz - rot - gold bemalt und zeigen Symbole der Macht: einen Adlerkopf in Kombination mit einem Totenkopf, einen Löwenkopf und einen Wolfskopf. Ich verfolgte die Frage, inwieweit wir uns mit Staatssymbolen der Macht identifizieren und wo der eigene Spielraum unserer Identität beginnt.
 
Wie entstehen Ihre Werke?
 
Meine Grundthemen arbeiten immer in mir und ich möchte ständig meine Arbeiten weiterentwickeln. Dann kommen Impulse von außen dazu und sie werden zu Auslösern. Auf die Idee, rot gekleidet mit Fahne in den Bosporus zu springen kam ich zum Beispiel, weil ich morgens beim Sport einen Mann sah, der seinen Schäferhund dressierte, immer wieder in den Bosporus zu springen, um dort zu schwimmen. Dieses Schauspiel hat mich sehr beeindruckt, da der Hund gezwungen wurde zu springen.
 
Ihre Ausdrucksmittel sind vor allem Malerei, Rauminstallation und Performance. Wonach entscheiden Sie, in welcher Form Sie ein Thema bearbeiten?  
 
Zuerst nach dem Ausstellungsraum. Ich liebe es mit Räumen zu arbeiten und lasse immer den Raum auf mich wirken. Die Gemälde für das Österreichische Kulturforum waren sehr licht und hell und reagierten auf den weißen Marmor dort. "RED LIGHT" ist ganz anders: hier zeige ich starke, expressive Farben, einerseits aufgrund der Thematik, andererseits aber auch, weil der Raum das verträgt. Meist aber wechseln sich die Medien ab: habe ich eine Rauminstallation gezeigt, habe ich oft Lust eine Performance zu entwickeln oder umgekehrt. Es ist für mich kreativ beflügelnd, wenn ich die Formensprache abwechsle.
 
Sultansrobe und Wand-Zora Volantes In Ihren Arbeiten, die Sie in Istanbul präsentieren, beschäftigen Sie sich viel mit rotierenden Objekten. Welche Bedeutung haben diese Drehungen für Sie? 
 
Letztendlich dreht sich alles im Universum. Die Planeten drehen sich um die Sonne. Mich fasziniert die Drehbewegung der Erde, die den Wechsel von Tag und Nacht erzeugt und unsere Lichtwahrnehmung bestimmt.
Wir sind ja nur kurz auf diesem sich ständig drehenden Planeten Erde und drehen uns als Menschen, als beherrschende Spezies, aber auch im doppelten Sinne, sehr um uns selbst.
 
Sie waren Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya. Hat Tarabya etwas in Ihnen ausgelöst?
 
Tarabya ist einer der schönsten Orte von Istanbul. Ich bin sehr dankbar hier so viel Zeit verbringen zu dürfen. Den Bosporus am Morgen und Abend zu erleben, diesen Anblick werde ich in Berlin jeden Tag vermissen.
 
Hat sich das deutsch-türkische Verhältnis in Ihnen durch den Aufenthalt in der Kulturakademie Tarabya verändert?
 
Natürlich, ich habe ein tieferes Verständnis für die Türkei entwickeln dürfen und bin auch dafür sehr dankbar. Es gibt einen anregenden Austausch mit türkischen Künstlern. Einige von ihnen werde ich jetzt in Berlin in meinem Showroom ausstellen. Es hat sich eine Brücke für mich zwischen Deutschland und der Türkei ergeben.
 
Sie leben und arbeiten normalerweise in Berlin. Was stellt für Sie der größte Unterschied zwischen diesen beiden Städten im Bereich der Kunst dar?
 
In Istanbul ist eine große Handwerkstradition spürbar. Es gibt großartige Künstler mit großem handwerklichen Geschick.
Wir aus Berlin haben die Teilung der Stadt hinter uns, sind oft politischer in der Kunst und haben z.B. eine Performancetradition, die aus dem Fluxus und dem Happening kommt. Performancekunst ist hier in Istanbul eher noch eine Ausnahme. Beide Seiten können sich wunderbar ergänzen und befruchten.
 
Was nehmen Sie aus Istanbul mit, wenn Sie nach Berlin zurückkehren?
 
Ich nehme Künstler aus Istanbul mit. Wir planen eine neue Kunstbrücke zwischen Istanbul und Berlin.
Bevor ich nach Istanbul gereist bin, habe ich in Berlin einen neuen Showroom gegründet, um einen ständigen Aktionsort für meine Kunst zu haben.
Ab Herbst plane ich auch türkische Künstler bei mir auszustellen.
Diese Brücke wird sich weiterentwickeln und auch ich werde 2017 wieder in Istanbul sein, um meine nächste Einzelausstellung in der BAU ART Galerie zu eröffnen.
Anna Esser

Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2015

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!

Links zum Thema