Türkische Autoren in Deutschland und Österreich

Tagebuch von Sener Özmen

Samstag, 5. Juli 2008: Şener Özmen München - Tagebuch 1
Sonntag, 6. Juli 2008: Şener Özmen München - Tagebuch 2
Dienstag, 8. Juli 2008: Şener Özmen München - Tagebuch 3
Freitag, 11. Juli 2008: Şener Özmen München - Tagebuch 4
Samstag, 12. Juli 2008: Şener Özmen München - Tagebuch 5
Samstag, 12. Juli 2008: Şener Özmen München - Tagebuch 6
Montag, 14. Juli 2008: Şener Özmen München - Tagebuch 7
Donnerstag, 4. September 2008: Şener Özmen München - Tagebuch 8
 

Samstag, 5. Juli 2008
Şener Özmen München - Tagebuch 1

Warum ich Frau B. umbrachte


Stipendienvertrag

Artikel 2) Der Vertragspartner erhält in dieser Zeit die Möglichkeit, sich mit der für ihn fremden Kultur in Deutschland auseinanderzusetzen und diese Erfahrungen darzustellen in:
- Einer Lesung im Literaturhaus München
- Online-Veröffentlichungen von mindestens 8 literarischen Tagebucheinträgen auf
der Website des Literaturprojektes
- Mitwirkung bei der Präsentation des Stadtschreiber-Projekts auf der Frankfurter
Buchmesse 2008.



Zum 850. Jahrestag der Gründung von München





Thomas Soylu, Thomas Edel also, wusste, dass er in einer unedlen Zeit lebte ...

Aus seinen fünfundzwanzig Jahren Leseerfahrung, die er ab heute vorübergehend einfror, musste Thomas Soylu erkannt haben, welche beeindruckenden Eröffnungen manche Romanciers zu schreiben imstande waren, wie sie gleich vom ersten Satz an den Leser ans Buch fesselten, speziell wo sie den Anfang setzten, welches die besten Einstiegsworte waren, wie weit die Beschreibung zu gehen hatte und mit welcher Gewalt sie voranzutreiben war. Ebenso die Notwendigkeit eines langen Vorspiels, um den Kontakt zum Leser nicht zu verlieren, seinen Geist bis zum Ende und darüber hinaus nicht aus den Händen zu lassen und um ihn glauben zu machen, das beste Buch, das er je im Leben gelesen habe oder je lesen werde, sei eben dies, das er in Händen hält. Noch bevor Thomas Soylu beschlossen hatte, was er schreiben würde, was sein Thema sein würde, wer seine Helden, was die Ereignisse, Geschichten oder Episoden sein würden, machte er sich daran, die Seitenzahl für den Roman, den er nie schreiben würde, festzulegen: „30 Bögen, also 480 Seiten (ein Bogen entsprach 16 Seiten)“, sagte er sich und notierte es in einer Ecke seines Hirns. In der Annahme, er könnte es vergessen, hielt er es außerdem in seinem Heft fest. Um die Rückenbreite des Buches festzulegen, stellte Thomas Soylu mehrere Messungen an. Auch Sorte und Gewicht des Papiers bezog er in die Rechnung mit ein, beschloss: „Zirka 3,3 cm inklusive Einband“ und vermerkte auch das, diesmal allerdings nur im Heft. Die Seitenzahlen sollten rechts und links am oberen Rand stehen, Schriftart sollte die recht ansehnliche Calligraph421 BT sein, bei ihr waren die Zahlen 1 und 2 kleiner, 6 und 8 schwebten leicht. Was die Schriftart für den Text betraf, war die Auswahl so unendlich groß! Er brannte darauf, alle aufs Papier zu setzen, um aus nächster Nähe zu begreifen, wie sie aussahen, um sie einzeln ohne jede Übertreibung durchzugehen, aus Tausenden, vielleicht sogar Zehntausenden von Schriftarten auszuwählen, wollte die lesbaren von den weniger lesbaren absondern, diese wiederum in sich nach „gut“, „sehr gut“, „außergewöhnlich“ und „hervorragend“ sortieren, bewerten, kennzeichnen oder etikettieren und die Etikettierten mit den Büchern der Meisterromanciers, die die Welt und selbstverständlich auch ihn erschüttert hatten, vergleichen (in der Mitte irgendwo die Lupe, Erbstück seines Vaters, auf eine Seite halten und so herausfinden, welche Schriftart dort verwendet war, das wollte Thomas Soylu). Sollte er auf dem Deckel (ach, diese Buchdeckel!) die Schriftart benutzen, die den Namen von Peter de Mendelssohn (1908-1982) trug? Während er den Seligen an seinem Grab bei der Kirche St. Georg mit seinem noch nicht versteinerten Herzen gegrüßt hatte, hatte er aus den Augenwinkeln die Inschrift (die S’e von Mendelssohn) auf dem Grabstein taxiert, hatte sich nicht mit Taxieren begnügt, sondern für den fremden Ungläubigen noch eine Fatiha gebetet, die Eröffnungssure aus dem Koran. Thomas Soylu konnte nicht als fromm betrachtet werden, ebenso wenig als ungläubig. Sein einziges Problem war, diesen Zustand sich selbst einfach nicht erklären zu können. Gott mochte existieren, oder auch nicht. In der frühen Jugend, als er sich über dessen Existenz und viel, sehr viel später auch über dessen Nichtexistenz den Kopf zerbrochen hatte, hatte er in dem Städtchen, in dem er geboren und aufgewachsen war, Tag für Tag miterlebt, was eine unverbesserliche Schar anstellte, um eine Handvoll Süryanis, altsyrische Christen, bis aufs Blut zu quälen, hatte jene entsetzlich finsteren Zeiten erlebt, in denen selbst ihre Hunde, Hühner, Ziegen und Katzen, obwohl die doch gar nicht ungläubig waren, grausamster Folter unterzogen, ihre Irren vergewaltigt, ihre Kinder ermordet wurden, ihnen in die Weintraubenmaische gespuckt wurde. Und in genau jenen Zeiten hatte Thomas Soylu begonnen, Gott zu hassen, Gott, der mit sich selbst im Frieden und mit seinen Völkern im Unfrieden war. „Der Krieg der Mohammedaner gegen die Christen“, so hatten irgendwelche den Aufruhr genannt. Und als alles ringsumher schön von den Christen gesäubert war, da wandten sich diese Irgendwelchen den Menschen ihres eigenen Glaubens zu. „Der Krieg der Mohammedaner gegen die Abtrünnigen“, so waren die organisierten, geheim finanzierten Morde genannt worden. Als, wie es immer ist, ungeachtet des Aprilregens, der vermischt mit den Klängen von Gebetsruf und Kirchenglocken herabnieselte, das Blutvergießen gerade das Wüten aus ihnen herausgespült zu haben schien, da war es längst zu spät.

Als der Tag sich neigte, konnte er nicht an sich halten und rief Herrn Graf von LiteraturChaos an. Herr Graf erklärte Thomas Soylu, er habe das Manuskript nicht einmal gelesen, sei für Budgetfragen nicht zuständig und es sei besser, wenn er gleich mit Frau Vor Abdruck von der Abteilung Dritte-Welt-Autoren, die nicht genau wissen, was sie wollen spreche. Die Durchwahl gab er Thomas Soylu gleich obendrein und wiederholte sie ein paar Mal. Nach kurzem Zögern tippte Thomas Soylu die Nummer ein, die Herr Graf ihm gegeben hatte. In der Zeit, die verging, bis Frau Vor Abdruck am anderen Ende abnahm, hätte man zweimal duschen können. Mit gepresster Stimme brachte Thomas Soylu vor, er habe Schwierigkeiten, einen Titel für seinen noch nicht existenten zeitgenössischen Roman zu finden und wolle das Problem so schnell wie möglich LiteraturChaos vorlegen. Frau Vor Abdruck wiederholte mehrfach: „Wir können Ihren Roman mit großem Vergnügen nicht drucken“ und legte höflich auf. Pech für LiteraturChaos! Damit tröstete Thomas Soylu sich und legte seinerseits den Hörer auf die Gabel zurück. Seiner Frau, die plötzlich neben ihm auftauchte, musste er gesagt haben: „Ich rufe keinen Verlag mehr an, das war der letzte ...“ Mit Blicken, die ausdrückten, er würde nicht noch einmal wagen, die Telefonrechnung vom vergangenen Monat anzuschauen – die Krise hatte eine Woche gedauert – verließ er gleich hinter seiner Frau die Wärme des Zimmers. Er würde keinen Roman schreiben! Er würde nicht schreiben, sondern sich bemühen, zur gleichen Zeit wie seine Frau einzuschlafen, würde zu früher Morgenstunde mit säuerlichem Geschmack im Mund aufwachen, sich anziehen, um die Arbeit in der Grube anzutreten, von der er nicht wusste, warum er sie aushob, würde Spaten und Schaufel nehmen und, ohne einen Bissen gegessen zu haben, aus dem Haus gehen.

Bevor er sich ausstreckte, schob er, wie er es immer tat, den Vorhang einen Spalt auseinander und beobachtete lange die Lichter voll prallen Lebens im Dorf; die eingezäunten Gärten, das fürchterliche Wirrwarr hier und dort geklauten Stacheldrahts, der die zusammengeschusterten Vieh- und Hühnerställe umgab, die auf den Lehmdächern aufgestapelten Reisighaufen, die weißen Plastikkanister, von denen er nicht wusste, was sie enthielten, die Rudel wie Wölfe heulender Hunde, die Ameisenwege der Leben aus Blech, das im Mondlicht funkelte, und seufzte. Thomas Soylu sollte davon träumen, dort zu sein, in einem der so gemütlichen Häuschen, bei einem Dutzend größerer und kleinerer erbärmlicher, unbeschulter Kinder Marke Eigenproduktion auf dem Weg zur Latrine, wo nicht einmal für die Füße Steine verlegt waren, in der einen Hand das Laserfeuerzeug, in der anderen die dampfende Wasserkanne, um die Säfte seiner neuen Frau loszuwerden, die er soeben eiligst bestiegen hatte. Während er dort sein Geschäft erledigte, würde er seine Zigarette paffen und ein wenig Zeit damit zubringen, das Angebot des Chefs, in der Grube zu arbeiten, noch einmal zu überdenken, das war’s. Thomas Soylu wusste, dass er in einer unedlen Zeit lebte. Auch, dass er, sollte er bis zum Monatsende die Grube nicht tief genug ausgehoben haben, entlassen werden würde. Was aber war die ausreichende Tiefe? Wie tief sollten sie denn die verfluchte Grube noch ausheben?! Der Chef schwieg sich dazu aus, wer gab ihm Anweisungen? Was sollte denn der Zweck der Grube sein? Thomas Soylu wusste sehr genau, der eigentliche Krach bräche dann los, wenn er entlassen sein würde, heimkehrte und seiner Frau, die sogleich begriffe, dass die Heimkehr zu so ungewöhnlicher Zeit nichts Gutes bedeutete, versuchte, die Lage zu erklären. Dennoch beschloss er, spät aufzustehen. Als ein Thomas Soylu, der auf alles gefasst war, wand er sich schließlich unter der schweren Bettdecke hervor. Eine Weile stand er da und lauschte auf das Gemurmel seiner schönen Frau B., auf ihr Gestammel in einer seltsamen Sprache; doch vergeblich wartete er auf jenes Wort, das seine Eintrittskarte zu ihrer Innenwelt war, die sich seiner Kontrolle entzog. Jene fügsame, zierliche, treu ergebene Frau, ein Monument des Anstands und der guten Erziehung, die er vor drei Jahren im Café Altschwabing, einem der geschichtsträchtigen Orte Münchens, kennengelernt hatte, war einer Xanthippe gewichen, die ihre blutigen Tampons herumliegen ließ, selten lachte, nicht zuhörte, einer zänkischen, ungepflegten Quasselstrippe, wie man früher sagte. Hatte Thomas Soylu diese groben, durch seine finstere Seele sausenden Worte etwa zu Frau B. gesagt? Schämen sollte er sich! Rot werden sollte er und sich selbst verfluchend das Weite suchen. Das tat er dann auch. Frau B. aus den Augenwinkeln musternd, zog er den Schlafanzug aus, den er eben erst, bevor er ins Bett geschlüpft war, übergestreift hatte. Er legte ihn ordentlich zusammen und deponierte ihn sorgfältig am Bettrand. In Unterhose und Unterhemd überließ er die Frau unruhigen Schlafes ihrem Gestammel und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Kälte und Pessimismus überkamen ihn gleichzeitig. Auf dem Korridor, wo die Lampe brannte, unterwegs zum Bad spürte er, wie er eine Gänsehaut bekam. Das Zittern entsprang wohl der Furcht, der aufrichtigen Furcht vor dem Unbekannten ... Thomas Soylu versuchte, nicht darüber nachzudenken. Als er seinen schlammbeschmierten Overall aus der schmutzigen Wäsche fischte und hineinstieg, war Mitternacht längst vorüber.

Jetzt stand er in der Grube. Ganz unten auf dem Grund. Gelehnt an die morschen Streben von Unterdrückung und ewiger Dunkelheit, sog Thomas Soylu den archaischen Geruch von nochmal so feuchter Erde ein (oder der Geruch ihn?). Er war erschöpft. Als er die taunassen Stufen hinunterstieg, war er einmal fast abgerutscht, einige Stufen weiter hatte er sich die ihm anvertraute, von vier Batterien gespeiste Taschenlampe an den Gürtel gesteckt (war so klug gewesen) und war dann weiter hinabgestiegen. Unten gab es nichts als Wasser und Schlamm. Das Wasser hatte die Verbindungsstellen der Rohre, durch die es abfloss, bezwungen. Die Minispringbrunnen, die sich von Tag zu Tag vermehrten, hatten die hölzerne Plattform mit einer Schicht Schlamm wie Teer überzogen. In eben dieser Phase hatte der Chef gesagt: „Im Schlamm zu arbeiten macht mehr Spaß, als im Wasser zu arbeiten“ und von den Grubenarbeitern verlangt, sich mit Feuereifer an die Arbeit zu machen. „Die Grubenarbeiter ... also wir“, murmelte Thomas Soylu, während er sich nach einer trockenen Stelle umsah, an der er sich anlehnen könnte. Er würde nass werden, das stand außer Zweifel. Er würde nass werden und wieder Geschimpfe über Geschimpfe hören von seiner Frau. Er wollte eine Weile nur so dastehen und an Frau B. denken (seit langem nannte er seine Frau so), für die er nicht die kleinste Spur Hass empfand. Sie schlief jetzt, erst Stunden, nachdem er in die Grube hinabgestiegen war, würde sie aufwachen; wenn die Grubenarbeiter gegen Mittag ihren Proviant auspackten (ein paar Tomaten, etwas Käse und Brot) und die Aufforderung vom Chef abwarteten, um mit dem Essen zu beginnen, dann würde Frau B. ihre makellose Haut unter warmem Wasser einseifen. Thomas Soylu dachte, es war fast ein Jahr her, dass er mit Frau B. geschlafen hatte, und das schmerzte ihn, „fast ein Jahr ... ein ungeheures, stilles Jahr ohne Lieder, ohne Liebe, ohne Leidenschaft“. Sicher, ein paar Annäherungsversuche hatte Thomas Soylu unternommen, hatte sich hier und da mit dem billigen Parfüm eingesprüht, das er verschämt bei Karstadt gekauft hatte, hatte sich vor Monaten eines Nachts seiner nackten, Faust lesenden Frau genähert, hatte mit flehentlichen Blicken etwas von ihr verlangt. Frau B. hatte das Päckchen Präservative mit Nippel auf der Kommode gesehen und zu Thomas Soylu gesagt: „Werd nicht zum Tier!“ Dann hatte sie, als hätte sie kein Wort gesagt, ihre Lesebrille abgenommen, auf das halb gelesene Buch gelegt, ihm den Rücken zugedreht und zu schlafen versucht. In jener Nacht hatte Thomas Soylu die nippeligen Präservative aufgeblasen, so aufgehängt, dass Frau B. sie sehen musste, und war aus dem Haus gegangen. Thomas Soylu wusste, dass er in einer aufgeblasenen Zeit lebte. In solchen Phasen war die Grube der einzige Ort, an den er sich flüchten konnte. Hier fand er Frieden, hier konnte er mit ruhigem Kopf grübeln über das, was geschehen war und noch geschehen würde, vor allem aber konnte er hier seiner Fantasie freien Lauf lassen, konnte jede gewünschte Szene zwischen sich und die Grube stellen, konnte Tage und Nächte zählen. Das sei völlig unbegreiflich, meinten seine Arbeitskollegen, doch er hatte sie ernst gebeten, keine derart blödsinnigen Urteile abzugeben, so war er ihr Geschwätz los, nichts konnte ihm mehr die Laune verderben. Er liebte die Grube, liebte diese verfluchte Grube, von der er nicht wusste, wie tief sie noch auszuheben war, er liebte es, hier Zeit zu verbringen, hinab- und hinaufzusteigen, zu graben, Schaufel um Schaufel Erde auszuwerfen, nass zu werden, schmutzig, hungrig zu werden und sich satt zu essen. Hätte der Chef nichts dagegen, könnte er bis zum Grund der Erde weitergraben, bis ans Ende seines Lebens, und zwar ohne einen einzigen Cent dafür zu verlangen, Hauptsache, er könnte hier in dieser Grube, auf die er achtgab wie auf seinen Augapfel, bleiben, ohne dass irgendjemand sich einmischte ...

Thomas Soylu machte es wie schon zuvor, um die Stelle zum Graben zu bestimmen, richtete er seine Lampe auf den Grund und auf die Wände der Grube. Eine Weile musterte er die toten Käfer im Wasser, sie waren sicher von außen gekommen, magere, schmächtige, charakterlose Käfer! „Es muss einen Weg geben, diese erbärmlichen Insekten fernzuhalten“, überlegte er, „vielleicht sollte man die Grube abdecken und einen Wächter davor aufstellen ...“, ob er das beim Chef ansprechen sollte? Sie kamen sicher der Krümel wegen, er durfte hier also nicht mehr essen, der Proviant musste draußen, einige Meter von der Grube entfernt ausgepackt werden ... Wütend schwang er den Spaten, wieder, wieder und wieder ... Er würde nicht nach München zurückkehren, nein, das würde er nicht, würde nicht zu den Frauen und Männern zurückkehren, die sich auf den Grünflächen im Englischen Garten im Adamskostüm sonnten, sollten sie kommen und ihre Tochter wie auch die Wohnung mit allen Sachen darin fortschaffen, er würde nicht zurückkehren. Könnte er dem Büchlein ThemenGeschichtsPfad „National Socialism in Munich“ (Mayor of Munich), nicht ein recht trauriges Foto einreichen? Warum lachte er denn? Was für ein Problem hatte der verkabelte, mit Ohrhörer und reichlich Antennen ausgestattete zischelnde Cyber-Wachmann, der im schwarzen Anzug an der Synagogentür stand? Thomas Soylu wusste, dass er in einer tauben Zeit lebte. Er buddelte wohl eine Viertelstunde, bald würde er das verschlammte Wasser, das sich durch das Graben angesammelt hatte, abfließen lassen, diese Prozedur war die nächste, zurückkehren aber würde er nicht nach München.

(Nächste Woche: Was Thomas Soylu in München erlebte)


Gästehaus Englischer Garten,
München, 1.-5. Juli 2008


(Aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe)

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Sonntag, 6. Juli 2008
Şener Özmen München - Tagebuch 2

Warum ich Frau B. umbrachte

In Deutschland wurde eine Zweigstelle von Madame Tussauds eröffnet. Auf Kritik stieß, dass auch die Wachsfigur Adolf Hitlers in dem Museum ausgestellt ist. Kurz nach der Eröffnung des Museums riss ein Besucher Adolf Hitler den aus Wachs geformten Kopf ab. Die Berliner Polizei erklärte, der 41-jährige Täter sei festgenommen worden.

Ein Museumssprecher verteidigte die Aufstellung der uniformierten Skulptur des Nazi-Führers im Museum und sagte, Adolf Hitler sei eine historische Figur, es sei normal, dass eine für die deutsche Geschichte wichtige Person in einem so bedeutenden Museum ausgestellt werde, man wolle die Realität zeigen und nicht beschönigen, was Hitler getan habe.

Der Sprecher sagte: „Wäre Hitler nicht in diesem Museum, würde das bedeuten, die Augen vor der historischen Realität zu verschließen.“


Tageszeitung Radikal
vom 6. Juli 2008, Sonntag


Thomas Soylu wusste, dass er in einer faden Zeit lebte ...

Um den Bus zu erreichen, der ihn zum Ammersee bringen sollte, ließ Thomas Soylu zu früher Morgenstunde die Einsamkeit der verregneten Nacht zurück. Die ganze Nacht hatte er zwischen den meist deutschsprachigen Fernsehkanälen hin- und hergezappt, hatte sich bemüht, den Knopf „Pay TV“ auf der Fernsehbedienung möglichst nicht zu drücken, hatte bei München TV gezögert, war zu einem Soft-Erotik-Kanal gegangen, der kurze Einblicke in das bot, was erst noch geschehen sollte, jedoch nie die ganze Geschichte zeigte, hatte den sonderbaren Tanz einer Soldatin verfolgt, die sich von dem Kanonenrohr eines Panzers zu befreien versuchte, an das sie nackt gefesselt war, hatte kurz darauf das Kanonenrohr als Phallus gelesen, den Fernsehapparat ausgeschaltet und begonnen, sich für das Tageskapitel Schlafen fertig zu machen (die Nachttischlampe zu seiner Linken brannte, er fror und die Bettdecke war so konzipiert, dass sie nicht seinen ganzen Körper bedecken würde). Später fiel es ihm ein: Vor Jahren war er zu einer internationalen Tagung über Gruben nach Münster gefahren, hatte dort im Gästehaus Diakonissenmutterhaus gewohnt und erst schlafen können, lange nachdem er die Bibel an seinem Kopfende in der Schublade eingeschlossen und sich davon überzeugt hatte, dass der Inhalt ihn nicht bedrängen konnte. Hatte er Angst? Möglicherweise. Es gab dort eine ziemlich alte, schmächtige, bucklige Nonne, ideal für einen jähen Alptraum, die über die langen, einschüchternden Korridore humpelte. Jedes Mal, wenn sie Thomas Soylu traf, hatte die arme Frau ihm böse Blicke zugeworfen und murrend und murmelnd ihren Weg fortgesetzt. Thomas Soylu war jemand, der es nie an Respekt fehlen ließ. Er grüßte die alte Nonne mit einem Gemisch von Furcht, bekam er keine Antwort, lächelte er.

Kaum in Zimmer 44 im Hotel Gästehaus Englischer Garten angekommen, hatte Thomas Soylu sich als erstes nach der Bibel umgeschaut und, als er keine fand, erleichtert aufgeatmet. Nun würde er ungestört schlafen können. Über dem Bett hingen zwei Drucke von Gustav Klimts Gemälde „Der Kuss“, zwischen ihnen, ein wenig höher, das Poster Krüge I von Georg Schädel, darauf zwei unterschiedlich dimensionierte Krüge. Klimt mochte er, was hingegen Schädel betraf, so waren die Krüge weit, unendlich weit von Thomas Soylus Innenwelt entfernt. Desweiteren fanden sich ein barocker Spiegel, an den er ein Foto von Frau B. im Brautkleid geheftet hatte, und Möbel, ganz offensichtlich aus der Hand ein und desselben Schreiners; drei Stühle, ein Schreibtisch, eine Stehlampe, ein Sofa, vier Läufer, ein kleiner Fernsehapparat Marke Philips, ein dazugehöriger Schrank mit Türen, zwei Schemel, eine Miniküche, eine auf den Balkon hinausgehende Tür, auf dem Balkon ein Tisch mit zwei Stühlen, gegenüber ein Wohnblock mit Garten, auf den Bäumen im Garten Vögel, die Balkone blumengeschmückt, da eine Katze, die verstand, wenn man „hscht!“ sagte, in der Nähe die Sirene einer Ambulanz, Regenwolken über dem Englischen Garten, Märsche aus dem Radio des Nachbarn, in der Tasche ein grob skizzierter Straßenplan, der das Haus auswies, in dem Frau B. sich versteckt hielt, und sein primitives Ego, das ihn aus kilometerweiter Entfernung nach München geschleudert hatte ... © Şener ÖzmenThomas Soylu würde seine mehrfach befleckte Ehre säubern, würde sie hier, am Nabel dieser prachtvollen Stadt reinwaschen, in einem der zahllosen Haine des Englischen Gartens, den er als Widerschein des Paradieses in München betrachtete, Thomas Soylu würde seine blutbefleckten Hände in dem klaren Wasser waschen, auf dem Paare in Booten spazieren fuhren, würde sich in sein Spiegelbild im Wasser verlieben, würde, © Şener Özmenwenn er schon einmal da war, nicht versäumen zu beobachten, wie sich die Enten auf dem See vergnügten, würde den Hunden lauschen, sich von den Denkmälern verabschieden, würde die Alten auf den Bänken beneiden und, wer weiß, vielleicht ...

Thomas Soylu wusste, dass er in einer faden Zeit lebte. Mit der Bitterkeit auf der Zunge war er eines Vormittags im Englischen Garten herumgelaufen, hatte überall Menschen mit strahlenden Gesichtern gesehen. © Şener ÖzmenDer Englische Garten war, mit einem einzigen Wort, perfekt: ährenblonde Mädchen, kükengleiche Babys, friedliche Tanten und Onkel, Leute, die die Liebe gefunden hatten, und Leute, die nicht die Absicht hatten, sie wieder zu verlieren, Leute, die sich in aller Öffentlichkeit küssten, sich beschnupperten, ohne sich zu genieren, ineinander verknäulte Liebespaare und all seine weiteren Gaben. Wessen Werk war dieser Park? Hatten die Burschen sich vorgenommen, die Hängenden Gärten von Babylon zu imitieren, die um 600 vor Christus König Nebukadnezar II. für seine Frau angelegt haben soll? Dass er nicht den Mut hatte, diesen Park von mehreren Kilometern Breite, in den er einer nicht perfekten Liebe folgend gekommen war, vom Anfang bis zum Ende abzulaufen, berichtete Thomas Soylu seinem Vater, den er gleich vor Ort angerufen hatte, sagte ihm, er wüsste nicht, wo er Frau B. finden solle, und, bliebe er noch länger im Park, auf die Knie fallen und heulen würde. © Şener Özmen„Deine Weichherzigkeit ist jetzt wirklich nicht gefragt, du Hahnrei!“, hatte sein Vater gebrüllt und aufgelegt. Um sich nicht vor den vorbeigehenden Arabern zu blamieren, hatte Thomas Soylu sich umgedreht, seinen Blick auf die dichten Bäume gerichtet und minutenlang Tränen vergossen. Er verließ den Englischen Garten dort, wo er ihn betreten hatte – den Rückweg hatte er in sein Gedächtnis eingegraben –, ging in den Osterwaldgarten (Keferstr. 12) gleich an der Ecke und bestellte bei der Kellnerin, die aus Pieter Brueghels „Die Bauernhochzeit“ entschlüpft zu sein schien, ein großes Bier. Das Bier auszutrinken würde geraume Zeit in Anspruch nehmen. Thomas Soylu steckte eine Zigarette nach der nächsten an, musterte eine Weile die Kellnerinnen, die mit ihren Milchkannenbusen herumflitzten, in ihm regte sich nichts. Hüzün, Melancholie ringsumher. Thomas Soylu wusste, dass er in einer unpassenden Zeit lebte. Er musste aufhören, an den unpassendsten Stellen zu weinen.

5. Juli 2008, Samstag

Wie er mit der U-Bahn von der Münchner Freiheit zum Odeonsplatz kam, hatte er mit der liebevollen Unterstützung seiner wunderbaren Fremdenführerinnen „Özlem“ und „Lena“ leidlich begriffen, © Şener Özmendas hielt er als einen der bedeutsamen Momente in seinem Leben in dem kleinen, dicken Notizbuch fest, auf dessen schwarzen Einband er Franziskaner Weißbier-Untersetzer geklebt hatte, und teilte unverzüglich den Fortschritt mit zwei Künstlerfreunden, der eine in London, der andere in Istanbul. Beim Frühstück, das sich durch mangelnde Vielfalt auszeichnete, dachte er seufzend an all die appetitanregenden Frühstückszutaten der Gegend, © Şener Özmenaus der er kam, Butter, Oliven, Käsesorten, im eigenen Fett Gebratenes, fand es aber unpassend, einen Vergleich zu ziehen. Stattdessen vertiefte er sich in die visuellen Elemente der Süddeutschen Zeitung, durchkämmte die Zeilen nach dem Wort „Türkei“, brachte es fertig, auf die Frage „Tee oder Kaffee?“ der fröhlichen Frau F. zu antworten: „Grey tea, please“, als die Porzellankanne auf den Tisch kam, sagte er: „Danke schön“ und Frau F. gab dem geheimnisvollen Besucher ein „Bitte“ zurück.

© Şener ÖzmenEr war an der Haltestelle, die auf Odeonsplatz, Giselastr. und Universität folgte. Führe er noch eine Station weiter, könnte er am Marienplatz im Stadtzentrum aussteigen und den Spaziergang Hauptbahnhof und Umgebung, auf den Özlem ihn geführt hatte – es war ein extrem heißer Tag gewesen –, nun ohne sie wiederholen, er würde hier und da eintauchen und nicht wieder herausfinden. Auf jenem Spaziergang hatte Thomas Soylu links und rechts aufgereiht einige türkische Schilder gesehen. Wie in der Türkei so sprachen auch hier die Fahnen, auch hier wurden sämtliche ovalen Buchstaben von Halbmond und Stern ausgefüllt. Thomas Soylu war in einer Welt, die er kannte, allzu gut kannte.

© Şener ÖzmenAls sie vor dem Gebäude ankamen, in dem der berühmte, 1880 in München geborene expressionistische Maler Franz Marc in den Jahren 1892-95 gelebt hatte, hielt Thomas Soylu eine Weile inne, versuchte, © Şener Özmenden Sinn der Reliefbuchstaben auf der rautenförmigen Metallplakette am Eingang des Hauses zu erfassen, und bewunderte die Schriftart.




Jetzt war er am Odeonsplatz, stand auf dem Platz. Hier wollten die Mädchen auf Thomas Soylu warten. War er zu früh gekommen? Ein Blick auf die Uhr: 08.30. „Zu früh“, sagte er sich. Er schaute sich nach einem Ort um, an dem er die Zeit verbringen, einen Kaffee trinken, eine Zigarettenschachtel auf den Tisch legen könnte, war das früher auch so gewesen, er tauchte in die Tage von Münster ab, noch mal von vorn, er war in der Bar, bot den deutschen Jugendlichen, die auf das Fußballspiel warteten, aus dem Osten mitgebrachte Zigaretten an, im Gegenzug bestellten die Jugendlichen ihm einen neuen Drink. Es war eine größere Gruppe und einer von ihnen, der Betrunkenste, präsentierte Thomas Soylu als ihren neuen Führer. Es war lustig gewesen. Nach wer weiß wie vielen Gläsern Tequila hatte er sich spät in der Nacht schwankend auf den Heimweg gemacht, war im Park auf schattenhafte Gymnasiasten gestoßen, die sich im Licht des runden Mondes liebten, war von einigen beschimpft worden. „Coffee, please“, sagte er zu dem Kellner mit schmalem Schnauzer, der durch seine Nervosität auffiel. Seinen Rucksack setzte er auf einen der leeren Stühle, ob die dicke Dame neben ihm mit ihm, mit dem Kellner oder ins Leere sprach, blieb ihm verborgen. Warum musterte sie Thomas Soylu? Erinnerte er sie an jemanden?

Dicke Dame: Woher kommst du?
Thomas Soylu: Ich bin aus dem Osten ...
Dicke Dame: Welcher Osten?
Thomas Soylu: Osten eben ...
Dicke Dame: Ich hasse Touristen, genauso wie Massen ...
Thomas Soylu: Ich verstehe ...
Dicke Dame: Ich glaube nicht, dass du verstehst ... Hast du einen Job?
Thomas Soylu: Ich schachte Gruben aus ...
Dicke Dame: Gruben? Na toll! Was für Gruben denn?
Thomas Soylu: Breite und tiefe Gruben ...
Dicke Dame: Wohnst du in München?
Thomas Soylu: Nein, ich bin nur für kurze Zeit hier. Ich hab’ hier was zu erledigen ...
Dicke Dame: Ich muss zur Post ... Wie findest du mein Outfit?
Thomas Soylu: Weiß nicht, sieht gut aus ...
Dicke Dame: Wirklich?
Thomas Soylu: Mhm ...

Und der Ammersee ...
Fast wäre er ertrunken ...

(Nächste Woche: Wo Thomas Soylu Frau B. sah)


Gästehaus Englischer Garten,
München, 6. Juli 2008, Sonntag


(Aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe)

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Dienstag, 8. Juli 2008
Şener Özmen München - Tagebuch 3

Warum ich Frau B. umbrachte

Feuer in einem Haus türkischer Bewohner in Deutschland

In der deutschen Stadt Köln brach im Keller eines Wohnhauses, in dem hauptsächlich Türken leben, ein Feuer aus.

KÖLN – Einer Nachricht der Zeitung Kölner Express zufolge entdeckte die Mieterin Şükran Titiz gegen Morgen das Feuer und alarmierte die anderen Bewohner. Die Flammen waren rasch gelöscht.

Der Anwohner Ekrem Yıldırım berichtete, bereits vor zwei Wochen sei ein Hakenkreuz an den Eingang geschmiert worden, und äußerte Befürchtungen, das Feuer könne einen fremdenfeindlichen Hintergrund haben.

Die Polizei untersucht die Hintergründe des Feuers.


Quelle: www.ntvmsnbc.com


Thomas Soylu wusste, dass er in einer lieblosen Zeit lebte

An diesem Morgen (gegen 06.20 Uhr) wachte Thomas Soylu mit heftigen Bauchschmerzen auf. Mit Mühe schaffte er es auf die Toilette. Er lief geradezu aus. Waren ihm die reichlich fetten Speisen auf den Magen geschlagen, die er in dem usbekischen Restaurant gegessen hatte, in das er am Vorabend auf Empfehlung der Mädchen gegangen war, nachdem es zu regnen aufgehört hatte und wieder etwas wärmer geworden war? Oder verbüßte er nun die Strafe für den Regen, den er beim Verlassen des Hotels abbekommen hatte? Die Mädchen wollten sich in der Cafeteria von LiteraturChaos mit Frau Vor Abdruck treffen. Das für den Morgen geplante Zeitungsinterview war verschoben worden, Thomas Soylu nutzte die Gelegenheit und machte sich auf den Weg, ein paar Kleinigkeiten (Kleidung, Getränke und ein Messer) einzukaufen. Auf dem Marienplatz sah er frühe Touristen, auf den Stadtplänen, die sie wie Decken über die leeren Tische gebreitet hatten, markierten sie mit höchster Konzentration die interessanten Orte, die sie an diesem Tag besuchen würden, und manche waren lauter als die Vögel in der Umgebung. Wie stand es um die Grube? Wem hatte der Chef die Grube übertragen? Vor allem, war die ausreichende Tiefe erreicht? Er konnte immer noch nicht glauben, dass er in München war. Beim Chef hatte er die Sache ganz offen angesprochen und gefragt, was er für eine Woche Urlaub tun müsse. Der Chef hatte Thomas Soylu aufgefordert, schneller zu graben, nur so könne er den Verlust an Zeit und Arbeit ausgleichen. Das hatte Thomas Soylu dann auch getan. Frau B. hatte er gesagt, er würde ein paar Tage nicht einmal heimkommen, um sich zu säubern, vor dem Abschied hatte er der jungen Frau merkwürdige Anweisungen erteilt: Du öffnest niemandem die Tür, auch nicht dem Hausmeister. Du gehst nicht auf den Balkon. Du putzt dich nicht heraus. Du rufst nicht in Deutschland an und als Letztes: Du färbst deine blonden Haare kastanienbraun, plus, die Dampfnudeln im Kühlschrank wirfst du in den Müll! Frau B. hatte Thomas Soylu noch nie so gesehen. Wie alle frisch verheirateten Männer hatte Thomas Soylu in den ersten Monaten ihrer Ehe sich mit eigenartigen Wünschen an sie gewendet; sich vor Spiegeln lieben war aufregend, Positionen in Begleitung von Pablo Nerudas Poesie ausprobieren oder sich mit dem Dildo in Hakenkreuzform abrackern. Thomas Soylu wiederholte Frau B. gegenüber unablässig, repressive Regime heizten die Begierde an. Diese Beziehung sei besonders in Nazi-Deutschland zu studieren. In seinen Augen war der Nazismus ein auf Fetischen basierendes Sexreich. Der Fetisch war die Verkörperung des Faschismus, und Faschismus war für jede Frau die Hölle. „Aus diesem Grund ...“, sagte Thomas Soylu in jenen Nächten, „mangelt es den deutschen Pornofilmen an Ästhetik, sie sind roh, primitiv und widerlich ... Die Frau darin ist mehr Mann als Frau, ist keine Frau mehr, ist eine erniedrigte, verfluchte Kreatur, Kot und Sperma, Ketten und Kotze, Sekrete und Blut, Haut und Fett, genau das ist Faschismus ...“ Er hauchte einen Kuss auf Frau B.s blonden Flaum, dann fuhr er fort: „Ich begreife nicht, warum ihr deutschen Frauen euch dem Faschismus nicht widersetzt. Ist das so schwer? Ja, natürlich ist es schwer, Macht, Erektion, Phalluszentriertheit, dabei hatte ich immer genau das Gegenteil angenommen, hatte unterstellt, dass die ganze Nazibande ernsthafte Probleme mit ihren Körpern hat, dass sie, weil sie aller Eingriffe zum Trotz einfach keinen hochkriegten, die Söhne Israels, deren Schwänze von selbst standen – und zweifellos viel größer waren –, zu Feinden erklärt hatten ...“ Frau B. wusste nicht, was sie sagen sollte, sie hatte jetzt Angst. Diesen erwachsenen Mann, der beim Sprechen geiferte, der seine tiefe Stimme mal laut, mal leise modulierte, als predigte er einer tumben Masse, die ihm andächtig lauschte, der jeden Nerv, jeden Muskelstrang in seinem Gesicht so rastlos spielen ließ, dass sein Gegenüber schier verrückt werden konnte, der immer wieder seine Lippen befeuchtete und sprach, als wollte er nie wieder verstummen, sprach und sprach und sprach, diesen Mann konnte sie nicht mehr erkennen. Thomas Soylu übte den Verkehr aus, als rächte er sich an jemandem oder für etwas, hatte er nicht gesagt, er halte die blauen Flecken an ihrem Hals für Rosen im Garten der Liebe? Hatte er nicht gesagt, er möge keine Hügel, sondern wolle lieber in den Gruben bleiben und sich fortan dort ernähren?

Die Liebe sollte zurückkehren zu Thomas Soylu. „Die Liebe muss zu mir zurückkehren ...“, sagte er traurig. Er hatte die erste türkische Zeitung in München genommen und unverzüglich mitten auf dem Platz die „Nachrichten aus dem Hexenkessel“ zu lesen begonnen. Die pensionierten Generäle, die seit Jahren das Land, aus dem er kam, mit ihren Märchen von Sicherheit, Terror, Methoden im Kampf gegen den Terror, innere und äußere Feinde, AKP, USA, PKK, DTP, Mittlerem Osten, Scharia, irakischen Kurden, einziger Nation, einziger Sprache, einziger Kultur, einziger Kleidung, einzigem Bewusstsein, einzigem Diskurs aushöhlten, würden sagen: „Alles für das Vaterland.“ In was für einer Weltgegend nur lebte Thomas Soylu? Wie hatte er nur so geographisch werden können? Thomas Soylu würde das gelbe Logo der National Geographic wie eine Kette um den Hals tragen. Wie ein Fatum ... Wenn er zu Hause auf dem schattigen Balkon saß, ein Buch las oder etwas schrieb, gar nichts tat oder die Augen schloss und gemächlich in die Tiefen ruderte zu jenen nie gewesenen Zeiten, in denen das Leben lebenswerter war, kamen aus heiterem Himmel die Kampfflugzeuge, Thomas Soylu schrak hoch und versuchte auszurechnen, wie lange das mit den Jets, die unmittelbar über die Dächer donnerten, noch so weitergehen würde. Selbst wenn es keinen Anlass mehr für sie zum Fliegen geben würde, würden sie weiter jagen, weiter mit ihrem Krach die Herzen Sätze machen lassen. Zum ersten Mal hatte Thomas Soylu gesagt: „An so einem Ort kann ich nicht leben ...“, während er Frau B. Tee nachschenkte. Hier war ihm zum ersten Mal das Wort „Baby“ über die Lippen gekommen. Man bekam doch kein Kind, damit es gleich nach der Geburt zu Tode erschrak! Thomas Soylu wusste, dass er in einer wehrlosen Zeit lebte. Es gab nichts, das sie hätte schützen können, kein Gesetz, keine Justiz, keine Verordnung, keinen Paragraphen, keine Klausel, keinen Zusatz. Es gab keine glückliche Liebe ...

Die Zeitung war schlicht nicht lesbar. Die Sonderseiten für die „sehr wichtigen kulturellen“ Aktivitäten jener Stiftung, jenes Vereins, jener Institution in Deutschland schaute er nicht einmal an. Die Einwanderer hatten andere, unbekannte Probleme, Kunst und natürlich Literatur standen als einzige Disziplin zur Verfügung, um diese anderen, unbekannten Probleme aufzudecken. Thomas Soylu wollte Migrantengedichte lesen, Migrantenmusik hören, wollte in Kontakt treten zu all jenen, die für das tägliche Brot arbeiteten, die bettelten, die von unten kamen, zu scheuen Schritten, ausweichenden Blicken, zu jenen, deren Zauber zu nichts nütze war, zu Fehlern und jenen, die Fehler machten, zu jenen, die ihren Körper und in der Folge ihre Seele verkauften. Thomas Soylu wusste, dass er in einer rechtlosen Zeit lebte.

Er wollte hier ja keine Wurzeln schlagen, selbstverständlich würde er in sein Land zurückkehren, würde sich davonmachen, gleich nachdem er seine Kräfte mit Frau B. gemessen hätte. Thomas Soylu musterte die schnauzbärtigen Männer, die dieselbe Sprache sprachen wie er, wie sie vor die aufgereihten Geschäfte, Märkte, Kaffeehäuser und Obst- und Gemüseläden Hocker stellten und sich das Maul zerrissen, © Şener Özmen„Nichts hat sich verändert“, sagte er und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er musste seinen Vater anrufen, musste dem alten Mann Bericht erstatten, würde seine Hand den Weg zum Telefon finden? Thomas Soylu traute sich nicht, was sollte er dem Vater auch sagen? Dass er Frau B. noch nicht aufgespürt hatte, aber weitersuchen würde, München war ein Kessel, er eine Kelle, so würde es noch lange weitergehen ...

© Şener ÖzmenAn diesem Morgen (gegen 06.20 Uhr) wachte Thomas Soylu mit heftigen Bauchschmerzen auf. Vergebens suchte er jemanden, der seinen Traum positiv auslegen würde, Frau B. blutete das Herz, das Blut füllte schon die ganze Grube aus. Überall sah er Nachbarn mit leeren Wasserkanistern zum Blut hingehen. Ein Mann mit mächtigem Schnauzer bemühte sich, die blutrünstige Menge in einer Reihe aufzustellen. Frau B. blutete das Herz. Das Blut hatte den ganzen Traum ausgefüllt. Lange betrachtete er den Thomas im Spiegel, alt sah er aus. „Mein Gott, warum?“, schrie er den Spiegel an, „Warum hast du mich allein gelassen? Warum machst du mich zu dem, was doch dir eigen ist?“

Er musste jemanden zum Reden finden, Kirchen auf Schritt und Tritt, in eine sollte er eintreten, sich vor den Pfarrer stellen und ihm sein Leid klagen, sollte in seiner eigenen Sprache zu Gott flehen. Wäre er sicher gewesen, dass es etwas nützte, so hätte er es unverzüglich getan. © Şener ÖzmenIm Stadtzentrum hatte er eine Kirche mit Schmuckwerk aus reinem Gold gesehen, selbst der Tod war unschätzbar wertvoll, dabei war das Leben in seiner Heimat billiger als Wasser, erst kürzlich war eine Bombe explodiert, die Fetzen von Kindern hatten an Strommasten geklebt, die Person, die als Täter ermittelt worden war, sagte, sie hätte nichts mit der Sache zu tun, sähe den Ort der Explosion zum ersten Mal, und wies die Anschuldigungen zurück. Die ganze Nacht über hatte Frau B. gejammert, sie wolle nicht in Fetzen gerissen werden. Sie wolle im Ganzen leben und wiederum als Ganzes ihre Eltern besuchen ... Wie kam denn jetzt der Gedanke an Besuch dazwischen? Wie alle, musste auch sie sich daran gewöhnen, mit den Bomben zu leben.

„Jemandem zum Reden finden“, das waren die Worte Thomas Soylus, bevor er hinausgegangen war. Sollten sie kommen, sein Zimmer reinigen, sein Inneres und Äußeres, seine Träume putzen. Von der Ecke aus würde er zur Ludwig-Maximilian-Universität laufen, die Strecke war nicht gerade kurz, umso besser, das Gehen würde ihm guttun zu dieser Morgenstunde. Da sah er sie, seine Frau, Frau B., sie war es, ganz sicher, als der Wagen sich entfernte, sah Thomas Soylu, dass hinten noch jemand saß, er wusste nicht, was er tun sollte, dass er seine Hand fest um die Schneide des Messers in seiner Tasche schloss, merkte er erst später, seine Zähne waren regelrecht zusammengepresst, spontan wollte er brüllen: „Frau B.!“, doch er konnte es nicht, er sollte es nicht, er verlor seine Frau aus den Augen, sie war es, ganz sicher, seine schöne Frau, sie hatte das Auto gefahren, Thomas Soylu wusste, dass er in einer glücklosen Zeit lebte.

„Ich hab’ sie gesehen!“, berichtete er seinem Vater, „Ich hab’ sie gesehen, Vater, hab’ deine Schwiegertochter gesehen, sie fuhr Auto, ich bin hinterhergerannt, aber einholen konnte ich sie nicht ...“

(In den nächsten Tagen: Thomas Soylu entdeckt München)


Gästehaus Englischer Garten,
München, 8. Juli 2008, Dienstag


(Aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe)

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Freitag, 11. Juli 2008
Şener Özmen München - Tagebuch 4

Warum ich Frau B. umbrachte

Die weiße Rose

Name einer antifaschistischen Widerstandsgruppe, die in Deutschland zwischen 1940-1943 aktiv war.

Einige Mitglieder der Gruppe, die sich gegen die Genozidoperationen der Nazi-Regierung zusammengefunden hatte, in München und Umgebung Flugblätter schrieb und verteilte und Parolen an Mauern schrieb, wurden 1943 beim Verteilen von Flugblättern in der Universität festgenommen, anschließend wurden auch die anderen Mitglieder der Gruppe verhaftet und enthauptet.

nach Vikipedi, die freie Enzyklopädie [türkische Version]


Für Sophie Scholl ...



Thomas Soylu wusste, dass er in einer sprachlosen Zeit lebte

Thomas Soylu hörte die Schreie des jungen Mädchens. Wäre er in der Lage, aufzustehen und durch das Loch in der Tür zu spähen, könnte er sehen, was vor sich ging. Doch dazu fühlte Thomas Soylu sich zu erschöpft und verzweifelt. Man könnte es so sagen: Die Folterer hatten ihn ausgequetscht. In einem Raum, Zelle genannt, einer Einzelzelle, furchtbar eng, in der es nach Urin, Schweiß und Blut stank und so dunkel war, dass er nicht einmal seine Fingerspitzen sehen konnte, wartete Thomas Soylu darauf, dass die Reihe der Folter an ihn kam. Einmal hatte er sich vorgebeugt (wo war vorn?), um seine Zehen zu reiben, da waren seine Finger gegen ein Objekt gestoßen, das ein Geräusch von sich gab. Er hatte den Gegenstand in die Hand genommen, in den schwachen, durch das Loch einfallenden Lichtstrahl gehalten und beäugt. Es war Glas, ein Stück Glas, was er da in der Hand hielt, eine kleine Scherbe Glas von einem Teeglas mit schlanker Taille. Thomas Soylu presste sie auf sein linkes Handgelenk, er dachte an das, was geschehen würde, es schauderte ihn. Das junge Mädchen versuchte mit lauten Schreien in einer Sprache, die die Folterer sehr gut verstanden, auszudrücken, dass es Schmerzen hatte. Da brach der Lärm nationaler, höchst emotionaler und monumentaler Märsche los, aus allen Lautsprechern zugleich und mit derselben Gewalt. Die Musik sollte abrechnen mit den Verrätern, die die unverbrüchliche Einheit des agoraphobischen (Angst vor weiten Plätzen oder vor Massen), akrophobischen (vor Höhe), akousticophobischen (vor bestimmten Geräuschen), amnesiophobischen (vor Gedächtnisverlust), amophobischen (vor spitzen Gegenständen), androphobischen (vor Männern), anthropophobischen (vor Menschen), arithmophobischen (vor Zahlen), asymmetriphobischen (vor asymmetrischen Dingen), asthenophobischen (vor Schwäche), ataxophobischen (vor Unordnung), atelophobischen (vor Unvollkommenheit), bibliophobischen (vor Büchern), cainotophobischen (vor Neuem), chronomentrophobischen (vor Uhren), coulrophobischen (vor Clowns), dataphobischen (vor Daten), eisoptrophobischen (vor Spiegeln), gynäkophobischen (vor Frauen), haptophobischen (vor Berührungen), heliophobischen (vor der Sonne), homophobischen (vor Homosexuellen), hypnophobischen (vor Schlaf), kakorrhaphiaphobischen (vor Misserfolg), katagelophobischen (vor Lächerlichkeit), leukophobischen (vor der Farbe Weiß), logophobischen (vor bestimmten Wörtern wie z.B. Frieden, Demokratie, Menschenrechten usw.), mysophobischen (vor Schmutz), pädophobischen (vor Kindern), pantophobischen (vor allem), papyrophobischen (vor Papier), philemaphobischen (vor Küssen), philophobischen (davor zu lieben oder geliebt zu werden), photophobischen (vor Licht), pyrophobischen (vor Feuer), pogonophobischen (vor Bärten oder bärtigen Leuten), porphyrophobischen (vor der Farbe Purpur), potamophobischen (vor Flüssen oder fließendem Wasser), sciophobischen (vor Schatten), soziophobischen (vor der Gesellschaft, allgemein vor Menschen), thanathophobischen (vor dem Tod), topophobischen (vor bestimmten Orten), xanthophobischen (vor der Farbe Gelb), xenophobischen (vor Fremden) Systems untergruben. Thomas Soylu erlebte zum ersten Mal, dass diese Art Musik grausamer war als physische Folter, er steckte den Kopf zwischen die Knie und schrie aus Leibeskräften. Niemand würde ihn hören, weder ihn noch das junge Mädchen.

„Ich will über mein Leben in der Grube schreiben“, begann Thomas Soylu seine Rede, vorn flammten Blitzlichter auf. „Nicht, um zu erzählen, warum ich Grubengräber wurde, nicht um eine unerlässliche und ‚problematische’ Quelle zu geben für die nachfolgenden antifaschistischen Generationen, einen Materialfundus (Nachschub) mit Inspiration, Betroffenheit, Lernen und Inbesitznahme ‚für sie’, Entwenden, Übertragen, Wiederholung und Kontrolle, eine Straßenkarte, deren sämtliche Wege versperrt sind (jene starke Hypothese, Kunst bewege sich nirgendwohin) und ein Navigationsgerät, das stets den magnetischen Norden – ich bin aus dem Norden – anzeigt, sondern ganz im Gegenteil, weil ich es für sinnvoll halte, die Zustände (die gänzlich aus Gier und Wut resultierenden Probleme der Gesundheit von Seele und Verstand) aufzuzeigen, aus denen Faschismus entsteht“, sagte er und knetete nervös seine ineinander verschlungenen Finger.

„Aus diesem Grund“, sagte er (endlich hatte er die Finger voneinander gelöst), „halte ich es für angebracht, statt nach Etiketten zu suchen, die angeben würden, zu welcher Disziplin meine Münchner Notizen (?) gehören, diese sprachlichen Entgleisungen, die von vornherein ihre Zerbrechlichkeit oder Verletzlichkeit kund getan haben, als ‚Werk eines erwachsenen Mannes’ zu bezeichnen. Denn nur wenn ein Werk aus den Händen eines fähigen männlichen Grubengräbers stammt, der sich zu diesem Werk durchgerungen hat (Sache eines Augenblicks nur), ist es gefährlich. Ich sage nicht, ich wäre begeistert von Gefahr, habe sogar Angst, weil ich noch unentschieden bin, was ich sagen, was ich erzählen soll, was mich und ‚sie’ erwartet und ob dieser Weg absolut oder absolut obskur ist. Bin ich auf dem richtigen Weg? Gut, aber wo ist der Weg? Ihr wolltet, dass ich zu jenen finsteren Zeiten zurückkehre, da Kunst – Schaffen und Zerstören – bedeutet, Luzifer steckt in mir, ‚fuhr mir ins Blut’, wie es früher hieß, und es ist vergebliche Mühe, ihn – Luzifer – auszutreiben, ob mit oder ohne meine Zustimmung. Und genau das habe ich getan. Ich bin eurem Aufruf gefolgt und habe mein Innerstes nach außen gekehrt.“

„Was für eine Anhäufung von ‚Testosteron’ das ist, welch eine Empfindsamkeit! Wie weich das Herz wird, je weicher, um so größer wird es, das lobe ich mir. Hatte ich schon gesagt, dass Grubengräberei (ihr nehmt sie als Literalität wahr) nichts Neues ist? In all ihren Erscheinungsformen ist die Grubengräberei eine im Grunde sehr, sehr alte Schaffens-, Denk-, Lebens- und Ausdrucksweise. Die Grubengräberei gehört zu den seltenen Professionen, deren Hauptfeld mit dem Inneren des Hauses, deren weitere Parallelen mit dem Inneren der Gebärmutter in Beziehung gesetzt werden können ...“

Thomas Soylu trank ein paar Schlucke aus dem Wasserglas vor sich, den Augenkontakt zum Publikum hatte er nun verloren, mit hängendem Kopf sprach, nein, flüsterte er. „Faschismus ist ein Netz aus Verführung und Besatzung. Einige Hirne versuchen, eine niemals mögliche Balance zwischen Liebe und Unterdrückung herzustellen, Unterdrückung aber hat keine Balance, das wissen sie nicht. Frida Kahlos Bilder lesen sie als ‚Aufschrei’, ich aber nenne sie Stickerei. Stickerei aus Händen, die so geschickt sind, dass es ihnen nicht gelingt, ihre Intimität zu durchdringen. Das sehen sie nicht ...“

Hier verstummte Thomas Soylu für einen Moment, sein Blick fiel auf den Korrespondenten der Zeitschrift Zambak, der Mann schnarchte. „Wenn ich sage, ich möchte über mein Leben in der Grube schreiben, zum Abendspaziergang in vermintem Gebiet aufbreche ... Läuft zum Beispiel in München jemand ohne Absatz herum? Gibt es jemandem, dem der Absatz wegflog und dem Gewebe von der rechten Wade dorthin verpflanzt wurde? Oder Kinder mit Trachom? Gibt es verschreckte Kinder? Aus dem Schatten dieser Schande heraus appeliere ich an die künftigen antifaschistischen Generationen. Genau dies meine ich: Um den Vollstreckungsbanden der Schande nicht ins Netz zu gehen, verändere ich ständig meinen Aufenthaltsort; ein auf provisorische Metaphern gegründetes Leben – mein Leben – kann nicht privat sein; Microsoft Office Word, das mich alle naslang mit der Ermahnung ‚überlanger Satz’ aufstört, nervt mich allmählich; ich habe die Nase voll vom ‚Ignoriere den Satz’-Klicken (selbstverständlich gibt es eine Möglichkeit, diesen Hinweis auszuschalten); diese Ermahnung strauchelt angesichts eines der Literatur gewidmeten Lebens; ich weiß nicht, wo ich anfangen soll; diesen eigenartigen Satz habe ich viele Male schon wiederholt (ich bin ein Wiederholer); die seit meiner Geburt als männlicher Grubengräber im August 1971 zwischen mir und Jungfrauen (ich bin Jungfrau) bestehende ‚Top-Secret’-Beziehung; der Punkt, an dem die offizielle Ideologie (und das kleine Mädchen fragt seine Mutter: Mama, sind wir Kurden?) angelangt ist, die mich all meiner humanen Ressourcen zum Trotz zwingt, wie ein Tier zu leben; ich sehne mich danach, Pässe zu spielen ohne Dolch und ohne Stift; diese Tage liegen fern, weit weit fern in der Vergangenheit und in den Archiven; die Grausamkeit meiner Mutter, die von Argwohn geprägten letzten dreißig Jahre meines Vaters; meine Machtlosigkeit (unsere Machtlosigkeit), meine Verletzlichkeit (unsere Verletzlichkeit); das schutzlose Wäldchen meiner Kindheit; und wiederum: ich weiß nicht, ob dies der richtige Weg ist; ich suche nicht nach Wahrheit; ich fürchte selbst den korpulenten Verkehrspolizisten, der zehn Meter vor mir vorübergeht (die Psychose „Hey, du!“); ich weiche Blicken aus; ich ernähre mich von den letzten Krumen meines verfluchten Lebens und Kundera, der sagt: ‚Das Leben ist anderswo’, ja, all das meine ich. Ich bin Thomas Soylu, bin der kürzeste Weg, den mein mutmaßliches Leben sieht, sehen kann, bin der Mann der Horizonte, die im Norden brennen, bin die Person, die Möwen und Fledermäusen Lieder vorsingt, und Schreiben und Literatur und dieses Leben sind meine letzte Hoffnung. Tötet mich nicht. Ich flehe euch an, tötet mich nicht! Ihr seichten Wächter des Staates im Staat, tötet mich, diesen kopffüßlerischen, hautflügeligen Satz, nicht!“ Thomas Soylu wusste, dass er in einer jähen Zeit lebte.

Ludwig-Maximilians-Universität

© Şener ÖzmenIn der Hoffnung, Frau B. zu finden, machte er sich am Nachmittag wieder auf den Weg. Es war ein schöner sonniger Tag. Er dachte, München sei doch eine Städteschönheit, sei eine Stadt von Schönem, wo er auch hintrat, hinsah, vorbeiging, anfasste, überall war Geschichte, dazu noch ein detaillierter Stadtplan in Schaukästen und an allen zentralen Punkten, um Touristen oder jenen, die in diese Stadt zum Reinwaschen ihrer Ehre gekommen waren, den Weg zu weisen, geregelt und schöpferisch ... Auch den Königsplatz, den Platz, auf dem Hitler seine Predigten gehalten hatte, sah Thomas Soylu, die einzigartige Architektur, die sich links und rechts und vor ihm erhob, hielt er ein paar Mal im Bild fest, die Fotos würden später seine Erlebnisse in München bezeugen, er musste etwas in der Hinterhand haben, das er seinem Vater vorweisen konnte. Es war ein schöner sonniger Tag. München war lebendig, Menschenmengen genossen die gar nicht sengende Sonne, die Rocksäume kamen ihm noch kürzer vor, © Şener Özmendie Gesichter der Menschen noch strahlender, Denkmäler, Bogen, Brunnen, Straßen, Balkon, Bäume und Blumen gaben sich noch einmal so prächtig. Vielleicht sollte er Frau B. um Verzeihung bitten (!), um Sophie Scholls und ihrer Kameraden willen, lange studierte er die zum Denkmal gewordenen Flugblätter auf dem steinernen Hof, Thomas Soylu wollte das Gedenken an Sophie Scholl, Christoph Probst, Hans Scholl, Alexander Schmorell und die anderen Mitglieder der Gruppe sehen, das Museum fand er zu jener Stunde geschlossen, dort waren sie, die Dokumente, im gläsernen Käfig das Gedenken an die Weiße Rose ...

Der alte Mann sagte, die Springbrunnensäule in der Mitte des Wasserbeckens zeige Szenen aus Dantes Göttlicher Komödie.

© Şener ÖzmenDer junge Mann sagte: „Ich kann umkehren.“

Es war ein schöner sonniger Tag.
Es war ein schöner sonniger Tag.
Es war ein schöner sonniger Tag.
Es war ein schöner sonniger Tag.
Es war ein schöner sonniger Tag.
Es war ein schöner sonniger Tag.
Es war ein schöner sonniger Tag.



Thomas Soylu kehrte um, ohne Frau B. gesehen zu haben, kaum angekommen, schlief er ein. Als er aufwachte, schlief München.

(In den nächsten Tagen: Kehrt Thomas Soylu heim, ohne Frau B. gefunden zu haben?)


Gästehaus Englischer Garten,
München, 10.-11. Juli 2008


(Aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe)

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Samstag, 12. Juli 2008
Şener Özmen München - Tagebuch 5

Warum ich Frau B. umbrachte

Die Repräsentanten des Westens haben offenbar freie Hand, ihre Phantasien und ihre Philanthropien in ihrer Wirkung auf eine geistig abgestumpfte Dritte Welt zu projizieren. Dieser Anschauung zufolge haben die entlegenen Weltregionen keinerlei Leben, Geschichte oder Kultur, die der Rede wert wären, keinerlei Unabhängigkeit oder Integrität, die auch ohne den Westen zählte.

nach Edward Said



Liebes München,
liebe stolze Stadt,
große Stadt,
schöne Stadt,
traurige Stadt ...


Ein großer Teil – fast alle – der in diesem Blog versammelten Geschichten (also, gesammelte Münchner Notizen, nützliche Kladden, noch unsortierte Versuche, „Good will“-Initiativen, von denen auch ich nicht weiß, wohin sie führen; autobiographische, jedoch „Schutz und Abwehr“ enthaltende Sätze; vom Denken erzeugtes Rauschen, wenn es sich auf eine bestimmte Situation, einen Ort oder eine Zeit konzentriert; Dokumente hierzu, Bilder und Zusatzberichte, poetischen Verfolgungsmaßnahmen entnommene Eindrücke, reicht das noch nicht, erdverbundene Resümees, lückenhafte paranoide Schlussfolgerungen und vielleicht, zum Schluss, auch wenn ich nicht daran glaube, dass Kurde zu sein – Wolke oder Regen zu sein, Stein oder Schatten, Wasser oder Gang –, in Diyarbakır zu leben und dort als Schriftsteller oder Künstler zu bleiben oder als Dichter oder Verzückter zu entschweben, dass Wut und schales Leid, dass stolzes Warten auf den Schwellen, auf denen der Zusammenbruch stattfinden wird, irgendwie lehrreich sei; Spuren der Zerstörung, geschaffen durch das notgedrungene Sich-Illusionen-Unterwerfen; Zitate und Feststellungen und die „anderen“ Worte) entstanden in einer Phase, in der das Schreiben als „Pflicht“ angenommen wurde.

Dir und selbstverständlich in erster Linie mir selbst muss ich andeuten, warum ich mich beeilt habe, sie (diese Geschichten, die niedergeschrieben und anschließend in deine Sprache übersetzt werden, von denen jedoch unbekannt ist, wann zuletzt etwas über ihre Zukunft beschlossen wurde) zusammenzustellen und in neue Bahnen zu lenken, noch dazu als „Buch“, was für mich nach wie vor erstrebenswert ist..

Ich hatte genug Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, ob das Wieder- und Wiederlesen vieler Bücher, die ein Schriftsteller (hier ich) im Bücherregal, zahlenmäßig unbefriedigend, (drei Regale inklusive der Aufsätze, 6 Regalbretter in Doppelreihen, insgesamt 15 Bretter; hauptsächlich zeitgenössische Philosophie, Kritik und Studien, desweiteren Poesie, schwierige Romane und moderne Kunst) mit Bedacht ausgewählt und vor Monaten, vor Jahren gründlich, mit Edward Saids Worten: „kontrapunktisch“ gelesen hatte, zumindest aber der starke Wunsch dazu nicht irgendwo ein Echo haben musste.

Im letzten Jahr, Anfang September, als ich packte, da wir aus der Wohnung auszogen, in der wir drei Jahre lang gelebt hatten, hatte ich gebrauchte, allerdings nicht gut gereinigte Zuckersäcke gekauft, um die Bücher (es muss am Gewicht des Inhalts gelegen haben: Es bedurfte einer übermenschlichen Anstrengung, ein Dutzend von ihnen anzuheben/zu tragen) darin zu verstauen, es waren dann fast 15 Säcke geworden. Nach dem Transport in die neue Wohnung war, wie immer, meine erste Handlung, die Bücher auszupacken und sie auf die montierten Regale zu stellen. Doch diesmal gab es einen kleinen Unterschied. Die Bücher waren, wie soll ich es sagen, verzuckert, voller Zucker, an den Einbänden klebte Zucker, ins Innere war Zucker gedrungen. Ungelogen, ich hatte Mehmed Uzuns Buch „Bir Dil Yaratmak“ [Eine Sprache schaffen] in der Hand, schnupperte am Buchdeckel und sagte mir: „Was für ein süßes Buch!“ Ich will es kurz machen, diese Bücher stehen heute verzuckert in meinem netten Bücherregal, „zahlenmäßig unbefriedigend“, und ich achte auf sie wie auf meinen eigenen Verstand. Bei dieser Gelegenheit möchte ich einiger Autoren (und Bücher) gedenken, an denen ich mich in letzter Zeit nicht sattlesen konnte: „Humanism and Democratic Criticism“ von Edward Said (aus diesem Buch entnehme ich zum Thema Lesen ein längeres Zitat), „The Invention of Tradition“ von Eric Hobsbawm & Terence Ranger, „Revolution und Revolte“ wiederum von Eric J. Hobsbawm, „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ von Jürgen Habermas, „Subkulturen: Die Bedeutung des Stils“ von Dick Hebdige, „Die politische Funktion des Intellektuellen“ von Michel Foucault, „Nacktheit und Scham. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Bd. 1“ von Hans Peter Duerr, „Empire“ von M. Hardt & A. Negri, „The Sex Revolts“ von Simon Reynolds & Joy Press, „Geschwindigkeit und Politik“ von Paul Virilio, „Politics in an Antipolitical Age“ von Geoff Mulgan, „Consumer Culture and Postmodernism“ von Mike Featherstone und Mehmed Uzuns Romane „Hawara Dîcleyê“ [Die Hilferufe des Tigris 1+2]. „Die Fixierung aufs Lesen“ – Edward Said schrieb, er sei auf den Einwand gestoßen, dass Lesen auch eine negative Tendenz habe: Es könne allzu ernst genommen werden, ein Grundfehler, und naiv interpretiert werden. Das diesem Einwand zugrunde liegende Argument gehe dahin, das Lesen nicht zu übertreiben, da sehr aufmerksame Lektüre bedeute, von Macht- und Autoritätsstrukturen in die Irre geführt zu werden. Said findet diese Logik (falls das eine Logik sein sollte) ziemlich merkwürdig und, wenn man glaubt, dies bewahre uns davor, Autoritäten gegenüber eine sklavische Haltung einzunehmen, so müsse er sagen, sei das leider eine weitere bloße Illusion. Denn wenn das Lesen, in der von Poirier gewiesenen Richtung, in einer zunehmend sorgfältigeren und aufmerksameren Weise geschehe, wenn es verbreiteter werde, besser verdaut und resistenter, könne der Humanismus als ausreichend in die Praxis umgesetzt betrachtet werden, während er zugleich seinen eigentlichen Wert bewahre. Mehmed Uzun sagte: „Es enden weder die Worte noch die Romane. Worte sind für den Menschen da und Erzählen ist ein menschliches Bedürfnis. Damit das ein Ende findet, müsste die Menschheit enden. Solange es Menschen und Menschlichkeit gibt, wird es auch die Kunst der Worte geben. So wie auch Euphrat und Tigris ewig fließen werden.“ Die einzige Haltung, in der Said und Uzun sich treffen, ist der Humanismus. Es handelt sich dabei um einen solchen Humanismus, dass Mehmed Uzun, als er den schwedischen Schriftstellerverband leitete, sich gegen die Unterdrückung und Diskriminierung der türkischen Minderheit in Bulgarien durch die Jivkov-Regierung stellte.

Mir scheint, ich entsinne mich (beim Schreiben), statt zu einem Ergebnis zu kommen – für mich ist ein Ergebnis auf keinen Fall eine Lösung –, wollte ich sie mit einem Punkt verbinden, den ich als Anfang markiert hatte, wollte jenen Punkt zumindest ein wenig mit der Öllampe des Barden Biroyê Dengbêj (vgl. „Dicle’nin Sürgünleri“ [Die Verbannten vom Tigris] von Mehmed Uzun) beleuchten, wollte mich der Gruben und Hügel auf dem Weg zu diesem Punkt annehmen, wollte, ohne den Revisionsbeschluss abzuwarten, das in der Sprache und mittels der Sprache tun. Während all der Jahre, die ich auf Entdeckungsreise in dem Land war, in dem ich geboren wurde, hatte ich mich auf einige Dinge konzentriert – sagen wir, indem ich darüber nachdachte, ob die Sprache über Inhalte verfüge, die zu Angst, Sorge, Feigheit und Mut, Lust und Schmerz, Macht und Schwäche führen, und (falls dem so sei) über die Auswirkungen dieser Inhalte auf die intellektuelle und politische Praxis, über die Stunden der Auferstehung der Gewalt erzeugenden Sprache und der irgendeine Sprache definierenden und beschreibenden Gewalt –, hatte Zugang zur humanistischen Lektüre der Philologie erlangt und verfolgte verblüfft diesen Bereich, dessen Wortbedeutung „Liebe zum Wort“ (E. Said) lautet, in all den prunkvollen Werken Mehmed Uzuns, der nicht einen Stecknadelkopf Gewalt in sich trug. Mehmed Uzun war nicht nur ein perfekter Schreiber der kurdischen Sprache, sondern war meines Erachtens auch Vorreiter humanistischer Praxis in der zeitgenössischen kurdischen Romanliteratur.

In den Tagen, die auf den Tod des großen Schriftstellers folgten, hatten wir erlebt, wie die türkischen Medien einige wohlmeinende Schriftsteller, geduldige Dichter, triumphierende Künstler, bescheidene Sänger, stramme Trommler, Blinde und Taube und gönnerhafte Humanisten holten und mobil machten, um „Blut zu trinken“ und manche „mit Blut auszuzeichnen“, und auf die Gewalt der Sprache (wie es immer ist) als absolute Lösung bauten. Wenn das so ist, ist die Sprache kein Merkmal der Zivilisation, in dieser Situation ist sie kein Element der Bewusstseinsschaffung, sondern ist höchstpersönlich das einzigartige Instrument der Umkehr und des stets aus der Vergangenheit gespeisten Handelns.

Gott ist mein Zeuge, dass ich nie, niemals für Gewalt war!

Ich weiß nicht, wohin das noch führt. Auch meine Vorgänger wussten das nicht, auch nicht ihre Vorgänger ... Wann auch immer eine „partielle“ Erleichterung einsetzt, die sich möglicherweise auf die gesamte Gesellschaft ausdehnt (ein- und ausatmen, nachts unbesorgt schlafen, spät abends allein heimgehen, die Ohren spitzen zu einem Lied in der Muttersprache, im heimischen Bücherschrank ein unverfälschtes etymologisches Wörterbuch stehen haben), beginnen die Gewehrläufe wieder zu feuern. Wie seltsam, was für ein Unsinn! Es scheint keine andere Lösung zu geben als diese niederträchtigen Zeiten als schicksalhaft zu betrachten, in denen es nicht länger nur ein Gefühl ist, sondern zu einem Alptraum wurde, ständig in der Vergangenheit zu leben. Das Joch des Schicksals, ja, so ist es, schmerzt mich. Es ist auch niemand mehr da, der Freude daran haben könnte zuzuschauen, wie all die Werte, die wir besitzen, zermalmt werden, und diese Freude mit seinen Brüdern teilen könnte. Alles wurde bereits ausprobiert, viele Male wurden die Grenzen gesprengt, in diesem Land ist die Ehre [der Kampf, allem zum Trotz sexuelle Tugend und Sittsamkeit aufrecht zu erhalten] wichtiger als in Frieden zu sterben, später, was später geschah, an der Membrane kam es zu Selbstmorden junger Mädchen; Vergewaltigung wurde als Teil der Routine und als eine völlig normale Handlung hingenommen; die soziale Struktur löste sich vollkommen auf; erzwungene Migration veränderte die soziokulturelle Struktur der Stadt von Grund auf; Zugehörigkeiten erloschen, nicht zugehörige Elemente [zentrale Kunst, Populärkultur und Praktiken der rassistischen Medien] und neue Identitätsstrategien [selbstredend modern!] erwiesen, dass der Einfluss des alten positivistischen Ansatzes ungebrochen ist, vielleicht ist dies allein wert, erwähnt zu werden.

Ich weiß, dass diese Geschichten im August des Jahres 3010 wiedergelesen werden von Angehörigen einer anderen Art, deren Gesichter (also deren Augen, Augenlider und Augenwinkel, Brauen, Lippen, Wangenknochen und Kinnpartien) den unseren so gar nicht ähneln, die nicht wissen, was Krieg ist, und es auch ihr Leben lang nicht erfahren werden, die vollständig vergessen haben, was es bedeutet, aufgrund seiner Sprache, seiner Kultur und sogar seiner Gene verletzt zu werden, die für ihre Liebsten aus ihrem Rückgrat Flöten und aus ihren Hosen Wolken machen, die barfuß laufen und nie ermüden.

Mit freundlichen Grüßen, München,
mit freundlichen Grüßen, stolze Stadt,
große Stadt,
schöne Stadt,
traurige Stadt ...


Thomas Soylu
München, 11. Juli 2008


Auf dem Vorhang hockt eine riesige Spinne, stellt sich tot, mit dem Zeigefinger berührt Thomas Soylu diese Spinne, die im Totstellen besser ist als er, vielleicht ist sie wirklich tot, gestorben ... Auf dem Weg zum Frühstück trifft er die Philippina, die für die Reinigung des Zimmers zuständig ist, sie plaudern eine Weile, in ihrem verständlichen Englisch mit Akzent sagt die Frau, die erste Spritze gegen Hepatitis habe sie gestern setzen lassen, zum Beweis zeigt sie ihre Schulter, sie hat eine große Familie auf den Philippinen, Mutter, Vater, Alte und Kinder wohnen in einem Haus zusammen, „So war das bei uns auch ...“, sagt Thomas Soylu, „die Kinder hatten nie ein eigenes Zimmer“, sagt er, doch ob die Frau ihn wohl versteht? Thomas Soylu fragt nach dem ukrainischen Mädchen, „Tanja kommt Sonntag“, sagt die Frau, sie lachen. Heute würde er wieder losgehen, losziehen und nach jener Frau suchen, würde nichts unversucht lassen, eine Spur von ihr zu finden, seine Karte würde Thomas Soylu zu Rate ziehen, würde sie bei Google Earth aufstöbern, würde auch den dreidimensionalen Straßenplan mitnehmen, von dem er einen Schwarz-Weiß-Ausdruck erstellt hatte, würde besonnen vorgehen wie stets, würde sich nah an Deutsche halten, um nicht aufzufallen, würde sich ruhig verhalten, kein Gesicht ziehen und möglicherweise den Passanten vorsichtig zulächeln. Thomas Soylu wusste, dass er in einer hirnlosen Zeit lebte.

Gestern Nacht hatte er stark geraucht, hatte die ganze Nacht Kaffee getrunken, München schlief, als er aufgewacht war, er hatte seit langem wieder einmal geträumt, lag mit hübschen deutschen Mädchen auf den Grünflächen im Englischen Garten ausgestreckt, las ihnen gemütlich Gedichte von Nâzım Hikmet vor. Die Mädchen waren begeistert von diesen Gedichten. Ihre Haare strohblond, die Wimpern blau ...

Von seinem Zimmer aus rief er gegen Mittag einen der Grubengräber an, dem er vertraute, wie war die Lage? Was war während seiner Abwesenheit geschehen? Hatte der Chef sich beschwert? Waren sie immer noch nicht am Grund der Erde angekommen? Sie warteten auf ihn zum Weitergraben? Wieso denn das? Der Chef fände keinen Besseren als ihn? Ach was! Er würde heimkehren, ja, sobald er Frau B. aufgespürt hatte, würde er heimkehren. Mit blutbefleckten oder unblutigen Händen würde er heimkehren. Er würde heimkehren, ja, noch ein paar Tage, nur noch ein paar Tage, dann würde er heimkehren.

In dieser hoch entwickelten Sozialformation, hier, am Nabel der Pagankultur (ich lebe derzeit in München), versuche ich, die Stadt mit Respekt und von einem gegenkulturellen Punkt aus zu beobachten, den man für utopisch, naiv und töricht halten kann. Ich erwehre mich ihrer, tief in mir verläuft ein epistemologischer Riss. Mein Gott, bin ich einsam!

Ich will kontrolliert werden, los, kontrolliert mich! Es ist fast ein Jahrhundert her, dass ich meinen Richtungssinn verlor. Legt mir neue Anstöße auf mein Bett. Mein Gewebe fällt in Apathie, ich bin außerstande, mich auf einen anderen Traum einzulassen. Gott, ich bin einsam!

Ich durchsuche mein Gedächtnis nach Infiltration, Feedback, Speisung aus der Vergangenheit, Metapherproduktion aus den Fiaskos literarischer Lebensweise, Trümmeraustausch, Münchenschen Erschütterungen, vielseitigen Prophezeiungen, transgeographischen Träumen, Überraschungsansgriffstaktiken gegen globales Friedensgefasel und posttraumatischen Referenzen mittels einer schizoiden Sprache, die von vornherein erklärt, all dies sei nicht echt. Gott, bin ich einsam!

Ich, Thomas Soylu, der „simplifizierte“ Held dieser Geschichten, ich, Thomas Soylu, versuche in meinem Zimmer das Gleichgewicht im Verhältnis zur Gewalt des Traumas zu bewahren. Gott, bin ich einsam!

Glaubte Thomas Soylu, in einer grundlosen Zeit zu leben?

(In den nächsten Tagen: Thomas Soylu vermisst Frau B. sehr)


Gästehaus Englischer Garten,
München, 11.-12. Juli 2008


(Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe)

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Samstag, 12. Juli 2008
Şener Özmen München - Tagebuch 6

Warum ich Frau B. umbrachte

Vor sechs Monaten kam ich zwecks einer Atempause hierher. In der Zwischenzeit bemühte ich mich, ein paar Eindrücke zu vermitteln. Der Tag der Rückkehr naht, ich bin am Ende meiner Paris-Texte. Als ich herkam, hatte in einigen „Presse“-Organen die „Nachricht“ gestanden, ich siedele dauerhaft ins Ausland über, vielleicht schreiben sie jetzt, ich siedelte ins Inland über. Wenn es Gelegenheit und die Möglichkeit gibt, so hatte ich gesagt, würde ich gern ein wenig dort leben, wo der Pfeffer wächst. In Montevideo, in Berlin, in Delhi, wieder in Paris. Hoffentlich klappt es.
Von außen sieht man die Türkei klarer.

So klar, dass man imstande ist, sich selbst für Nasreddin Hodscha zu halten.

Enis Batur
Quelle: NTVMSNBC



Gestern Abend brach ein Gewitter los. In der Nähe stürzte etwas um oder flog etwas in die Luft. Die Bäume im Garten schwankten hin und her, Türen und Fenster schlugen lärmend zu, am Fenster gegenüber stand ein Mann, beobachtete den verfinsterten Himmel, auch er verschwand später. Thomas Soylu erhob sich aus dem Bett, um die offen stehende Balkontür zu schließen, früh war er auf sein Zimmer zurückgekehrt, hatte vor dem Abschied gesagt, er hätte ein wichtiges Gespräch mit dem Chef vor, was würde er sagen? Er wollte den Chef bitten, ihn noch ein paar Tage zu ersetzen, nur so viel, und der Chef würde entgegnen, das sei unmöglich, würde Thomas Soylu mit drohendem Unterton befehlen: „Komm zurück!“, „Komm zurück“, doch wie?, „Du musst zurückkommen!“, sagte der Chef und brach ohne ein weiteres Wort die Bildverbindung ab. Hatte der Chef seinen Schnurrbart rasiert? Er sah lustig aus. Thomas Soylu hatte sich auf die Lippen gebissen, um nicht zu lachen, fast wäre er losgeplatzt. Gott sei Dank hatte das Gespräch nur kurz gedauert. Das Gespräch? Noch bevor Thomas Soylu den Mund aufmachen konnte, hatte der Chef losgebrüllt. Den Grund dafür sollte er später von seinem vertrauenswürdigen Grubengräberfreund erfahren. Wasser hatte die Grube überflutet, die Stützbalken hatten nicht gehalten, waren eine nach der anderen gebrochen. Der Chef hatte einen Tankwagen rufen lassen, um das Wasser abzupumpen, den ganzen Tag (von früh morgens bis zum Sonnenuntergang) waren sie mit der Lösung des Problems beschäftigt gewesen, ohne auch nur einen Bissen zu essen.

© Şener ÖzmenDas Wasser ging ja noch, doch was sollten sie mit dem Schlamm tun, das überlegten sie jetzt zu dritt. „Schade um die ganze Arbeit“, das sagte sein Freund. Schlechte und gute Tage – für Thomas Soylu auch Nächte – hatten sie in dieser Grube zugebracht, sollte es nun so enden? Ging alles nur bis hierher? Thomas Soylu tat, was er konnte, um dem Freund Hoffnung und Mut zuzusprechen. Sie sollten nicht die Hoffnung aufgeben, die Lage war doch nicht so schlecht wie befürchtet, nur eine kleine technische Maßnahme wäre nötig, er würde das erledigen, sobald er wieder da wäre, die schönen alten Tage würden wiederkehren und so weiter ... Niemand mochte diesen Worten Glauben schenken. Es galt, als allererstes die Niedergeschlagenheit zu verscheuchen; Hoffnungslosigkeit, Trauer, Enttäuschung, Schmerz und Leid herrschten in ihnen, wie sollten die sich auflösen? „Das einzige Problem ist Frau B.“, sagte er mit einem Blick auf sein nacktes Ebenbild im Spiegel, „Wäre sie nicht ausgerissen, wäre mir, wäre uns nichts von alledem zugestoßen“, es war noch zu früh, ein unbegründetes Urteil zu fällen, Frau B. war in München, auch wenn der Boden sich auftäte und sie hineinführe, er würde sie doch finden, seine Liebe. Wenn die Grube nun also verloren war, die Visionen ins Wasser gefallen waren, der Schlamm alles belagerte, so gab es nur noch eines zu tun, Thomas Soylu würde beginnen, hier eine „neue“ Grube zu graben, prächtiger als die alte, kühner und treuer, und es gab keinen geeigneteren Ort dafür als den Englischen Garten in unmittelbarer Nähe. Nie blieben die Regenwolken über München aus, auch heute war es regnerisch, Thomas Soylu wusste, wo er das benötigte Material in München bekommen würde, diese Deutschen überließen nichts dem Zufall, er hatte beobachtet, wie sie aus den Straßen gebrochene Rohre aufgestapelt hatten, wie Teer erhitzt und in die Risse geträufelt wurde, das hatte er ausgiebig beobachtet, hatte sich an der Ecke Feilitzschstraße Notizen gemacht.

© Şener ÖzmenDer Regen schien nicht enden zu wollen, jetzt donnerte es, gerade jetzt ... Gehupe, das Rauschen mischte sich in Glockengeläut, mit lauter Stimme rezitierte Thomas Soylu seine alten, in Buchform erschienenen Gedichte:



HOTEL

Ammoniakgeruch
Türen geöffnete und wieder geschlossen
Auf den Schienen ein Zug

Es donnert Hallooooooo

Ankara verfluchter Regen

Wohin soll ich gehen mit dieser Hölle in mir?
Majakowskis Augen

Voll dreh’ ich auf
den Ton des Kassettenrekorders
Unhörbar soll mein Atem sein

Nur Messer verstehen meine Worte
Dieser Tod
Hat mir die Hände gebunden

Dich wollte ich, verzeih

****

SEIT TAGEN

Seit Tagen plane ich, einen Brief zu schreiben
Seit Tagen wartet die in der Ferne auf einen Brief
Ich setz’ mich hin, hol’ Stift und Papier heraus
Nicht ein einziges Wort gibt jener in mir heraus

Ich ärgere mich, geh’ auf die Straße hinaus
Kaum bin ich draußen, beginnt es zu regnen
Hallo will ich sagen, mir stolpert die Zunge
Ich spuck’ in die schlammigen Pfützen
Geh’ zurück nach Haus
Lese Heine und dann Rimbaud
Auch ein Szenario von Vigo

Seit Tagen plane ich, einen Brief zu schreiben
Seit Tagen wartet die in der Ferne auf einen Brief

****

SPAZIERGANG

Ich nahm Kafka und tauchte ein
Fand ein Licht zum Anlehnen
Frieda schlief
in den Armen von Josef K.



Tanja läuft durch den Garten, Tanja läuft durch das Gedicht, mit der Tasche bedeckt sie ihr schönes Haar, auch sie ist nicht mehr da, was für ein Hotel ist das hier, warum klopft niemand an seiner Tür, wie soll man denn sonst diesen Regen, dieses Wetter begreifen? Wie soll man die Tropfen auf den Zweigen begreifen ohne Poesie? „Es wird sicher aufhören“, sagt er, „Wenn es aufhört, gehe ich raus, gehe ich im Englischen Garten spazieren“, auch Tanja ist nicht mehr da, lange fort ist sie. Wie sehr er jetzt Frau B. vermisst, hatte er sie so schlecht behandelt, seine Frau, hatte er sie sehr gequält in letzter Zeit? Thomas Soylu dachte an die letzte Zeit, an den Tag, an dem er Frau B. grundlos geohrfeigt hatte, an den Tag, an dem er deutsche Frauen beschimpft und beleidigt hatte, was war denn geschehen, dass er so wütend geworden war, Idiot? „Ich bin müde“, hatte sie nur gesagt, „ich bin müde und will schlafen“, müde war sie und wollte schlafen, die Dirne! Dann noch eine Ohrfeige und noch eine ... Frau B. blutete die Nase, die er für ein Meisterwerk gehalten hatte, sie weinte nicht, nein, aus Trotz weinte sie nicht, nichts, gar nichts sagte sie zu Thomas Soylu. Zwei Gläser Rum hatte Thomas Soylu gekippt und sich auf sein Zimmer zurückgezogen, in tiefer Reue, wusste nicht, was tun, ihm zerbrach, was er in den Händen hielt, es zersprang in tausend Teile, verstreute sich auf dem kurdischen Teppich, sollte er hingehen und um Verzeihung bitten? Nach so vielen Dingen eine heuchlerische Entschuldigung, Frau B. war eine starke Frau, sie würde es überwinden, nur drei Ohrfeigen, das kam in jeder Ehe vor, drei Ohrfeigen, hatte er sehr hart zugeschlagen? „Nichts als Feigheit ist das“, war es tatsächlich Feigheit? Er glitt ab in Zeiten, in denen er nicht feig gewesen war, der Regen hatte aufgehört, jedes Mal, wenn er losging, die Wächter zu kontrollieren, schlug ein Vogel an, keine besonderen Vorfälle, die Toilette war verstopft mit Steinen und Feigenblättern, Thomas Soylu würde den Dörflern einen „Crashkurs Toilettenbenutzung“ geben, mit der Zeit würde er jener ihm so unbegreiflichen Welt noch eine ganze Reihe anderer Lehren erteilen und im Gegenzug lernen, Schach zu spielen, erfahren, wie sie so ungestört schlafen konnten, so problemlos träumen, das würde Thomas Soylu erfragen. Jetzt tat es ihm leid um jene Gottesanbeterin, die er mit einem Dolchstoß enthauptet hatte, ohne jeden Grund ...

Es hatte zu regnen aufgehört, die Glocken läuteten, 15.00 Uhr, er musste mittlerweile hungrig sein, „Ich muss raus aus diesem Zimmer“, diesen Satz wiederholte, stammelte Thomas Soylu mindestens zehn Mal und schlief ein. Er träumte von seiner Mutter, bevor das Schrillen des Telefons ihn aufschreckte, da waren noch andere, Gesichter, von denen er wusste, dass sie ganz nah waren, er hatte Durst, im Kühlschrank stand eine halbe Flasche Wasser mit Kohlensäure, er verzichtete darauf, es zu trinken, „Ich muss raus aus diesem Zimmer“, 19.34 Uhr, es war noch vollkommen hell, vom Schlafen waren ihm Gesicht und Augen verquollen, gut, dass er aufgewacht war, was er tun sollte, wusste er nicht ...

Am Vortag hatte Thomas Soylu mit den Mädchen den Kunstverein München in der Galeriestraße 4 besucht, eine der besten Galerien Münchens, von deren Ruhm er schon aus der Ferne gehört hatte. In Begleitung der höflichen Galerieleitung schaute er sich die aktuelle Ausstellung an, Allora & Calzadilla / Wake Up, Clamor, Sediments Sentiments (Figures of Speech), mit einem Wort: erstklassig. In einem Bunker mitten im Raum sah er Künstler auf ihren Musikinstrumenten spielen und erinnerte sich schmerzlich an den Bunker, den Hüseyin Bahri Alptekin im Garten der Kunsthalle Fredericianum (Kassel) aufgestellt hatte. Er war zuvor von serbischen Soldaten verwendet worden. Was die anderen Ausstellungen betraf, so hatte er die Ausstellung „Typisch München!“ im Münchner Stadtmuseum am Sankt-Jakobs-Platz 1 in seinen ersten Tagen in München besucht, die Ausstellung Robert Rauschenbergs „Travelling '70-'76“ im Haus der Kunst in der Prinzregentenstraße 1 hatte er bereits erwähnt. Adolph Menzels Ausstellung „radikal real“ würde noch bis 31. August zu sehen sein in der Hypo-Kunsthalle, Theatinerstraße 8. Die Wassily-Kandinsky-Retrospektive „Absolut. Abstrakt“ (Städtische Galerie im Lenbachhaus München) durfte er nicht verpassen, es war noch eine Weile hin bis zum Ausstellungsende. Desweiteren faszinierte die Ausstellung „Female Trouble. Fotografien“ in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40.
© Şener Özmen © Şener Özmen

Er saß eine Weile im Hofgarten, gedachte T.S. Eliots. Thomas Soylu beobachtete erwachsene Menschen, die auf dem Erdboden mit eisernen Kugeln ein Spiel spielten, auch in seiner Region spielte man dieses Spiel, dort wurde es „Gokê“ genannt, mit dem einzigen Unterschied, dass hier die Kugeln aus Eisen, dort aber aus Stein waren.

© Şener Özmen© Şener Özmen

Es hatte aufgehört zu regnen ...
Der Tag war um ...
Thomas Soylu war nicht hinausgegangen ...
Morgen würde er viel erleben ...

(In den nächsten Tagen: Thomas Soylu liebte Frau B. sehr. Und was war mit Frau B.?)


Gästehaus Englischer Garten,
München, 12. Juli 2008


(Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe)

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Montag, 14. Juli 2008
Şener Özmen München - Tagebuch 7

Warum ich Frau B. umbrachte

Merkel forderte Freilassung der Bergsteiger
12. Juli 2008

In einer Erklärung gegenüber der morgen erscheinenden Bild am Sonntag sagte Merkel, die deutsche Regierung tue alles für die Freilassung der entführten Deutschen und arbeite mit den türkischen Behörden zusammen.

Merkel, die die unverzügliche unblutige Freilassung der entführten Deutschen forderte, brachte zum Ausdruck, sie werde das Thema beim Gipfel der Mittelmeerunion in der französischen Hauptstadt Paris auch mit Premierminister Erdoğan besprechen.

Merkel betonte, dass die deutsche Regierung sich nicht erpressen lasse.

Quelle: www.cnnturk.com



Es sollte ein vernünftiger Sonntag werden ...

Thomas Soylu konnte nicht glauben, dass er die ganze Nacht im Bett verbracht hatte. Hatte es denn die ganze Nacht geregnet? Er hatte keine Ahnung. Bis zum Morgen hatte er sich von einer Seite auf die andere gewälzt. Vor Kälte war ihm das rechte Bein, das unter der Decke hervorlugte, steif geworden, er humpelte, als er zum Toilettengang aufstand, dabei hatte er sich so fest in die Bettdecke gewickelt, hatte sich mit seinem Atem zu wärmen versucht, der Regen allein wäre nicht so schlimm, doch die Kälte war ihm zuviel, er trug ein schwarzes, dünnes, langärmeliges Shirt, in dem er wie ein Mönch wirkte, es reichte nicht, er zog noch seine Regenjacke darüber, wenn er schrieb oder im Zimmer herumging, wenn er sich in der Küche etwas Einfaches zubereitete, simple, praktische Speisen, Nudeln, Spiegeleier usw. Regelmäßig spülte er das Geschirr, schaltete er eine Herdplatte an, heizte sie mit dem Essen auch ihm ein, die Küche war die wärmste Ecke hier, ginge es so weiter, würde er noch in die Küche umziehen. „Wir schmoren hier in der Hitze!“, klagte die Stimme am Telefon, „komm bloß nicht her!“, er würde nicht hinfahren, konnte ja nicht hinfahren, es war unmöglich, solange er Frau B. nicht gefunden hatte, er wollte diese Frau, um die er sich in kalten Nächten (Anfang März) wie Efeu gerankt hatte, diese sensible und schöne Frau, immer wieder fiel der Strom aus, keiner von beiden mochte sich aus dem Bett bequemen, wer weiß, in welcher Ecke der Wohnung die Kerzen waren, wer wollte denn welche anzünden? Es war Thomas Soylu, der die Initiative ergriff, was kam ihm im Stockdunklen nicht alles auf die Zungenspitze, über die Lippen, zwischen die Zähne ... Frau B. strahlte, sie erleuchtete das ganze Zimmer, eine Handvoll Licht streute sie Thomas Soylu in die Seele, die Spiegel warfen den Widerschein des Lichts zurück, Bündel um Bündel, Strahl für Strahl ...

Der Gastautor

Der Gastautor trifft sich gegen 11.30 mit Özlem im Café Tambosi am Residenzplatz. Er geht zwei Stunden zuvor und ohne zu frühstücken aus dem Hotel. Er weiß nicht, warum er so früh losgeht, den Weg, den er zu machen hatte, muss er gehen, bevor der Regen sich verstärkt, der Gastautor wirft einen Blick zu den Wolken, sein Vater ein pensionierter Meteorologe, innerhalb einer Stunde würde es einen kräftigen Wolkenbruch geben, daran denkt er, als er losgeht. Schon jetzt reizt ihn das Café Tambosi, dort würde er auf Özlem warten, würde Kaffee trinken, vielleicht – je nachdem – anschließend ein Bier bestellen bei dem nervösen fliegenbärtigen Kellner.

Kaum ist er angekommen, nimmt der Regen an Heftigkeit zu. Draußen sitzt unter weiten Schirmen eine Gruppe junger Deutscher und diskutiert hitzig, sie haben keine Augen für die Passanten, der Regen kommt jetzt schräg, ein Großteil der Stühle steht im Freien und ist nass geworden, wird nass, da taucht der nervöse fliegenbärtige Kellner auf, mit der durchsichtigen Regenhaut mutet er noch seltsamer an, geschwind lehnt er die Stühle, damit sie nicht noch nasser werden, an die Tische, alle leeren Stühle unterzieht er dieser Prozedur, einige fallen um. © Şener ÖzmenDer Gastautor sitzt irgendwo in der Mitte, die Stühle zu beiden Seiten sind feucht, er schaut sich nach einem Platz um, wo sein Rucksack besser geschützt ist, raucht, soll er hineingehen, das tun die jungen Deutschen jetzt, nehmen ihre Biere mit und ziehen in den geschlossenen Raum um, nun sitzt nur noch er allein draußen, beobachtet den Regen, die Touristengruppen in Regenjacken mit Schirmen und auf Fahrrädern, kräftig treten sie in die Pedale, der nervöse fliegenbärtige Kellner kommt, triefend vor Regentropfen, heran, um zu fragen, ob er einen Wunsch habe, „Wasser“, sagt der Gastautor, „nur Wasser“, würde der Regen die Vergangenheit dieser Stadt reinwaschen können? Wann sollte Thomas Soylu beginnen, seine Grube auszuheben? Wann sollte er Frau B. umbringen? Sollte er sie überhaupt umbringen? Gab es keinen anderen Ausweg? In einem seiner Träume der letzten Nacht war sie in eine Grube gestürzt (wie viele Szenen gab es da, ganz ohne Verbindung untereinander), „Robîn!“, schrie er, „Wo ist die Mutter dieses Kindes?“, wen fragte er das, wenn er doch nur das Gesicht der Frau erkennen könnte, die versuchte, Robîn zu beruhigen, war es seine eigene Mutter? Warum weinte Robîn? Ob er das Özlem erzählen sollte? Wozu das arme Mädchen beunruhigen? Da kommt Özlem schon, Lena würde sich ein wenig verspäten, sie würden auf sie warten ... Dann taucht Lena vor der Treppe auf mit einem Schirm, der ganz München vor dem Regen schützen könnte, sie lachen, heute ist Sonntag, zwei Besuche stehen auf dem Programm, der erste soll dem Atelier eines Künstlers gelten (dorthin würden sie nach dem Frühstück gehen), als zweites steht ein Hausbesuch an, „HAUS!“, was für ein schönes Wort, warm zumindest ...

Thomas Soylu

Thomas Soylu wusste, dass er in einer Zeit ohne dich lebte. Ohne dich ging es nicht, Frau B., und es sah nicht so aus, als ob es je gehen würde. Pink Floyd könnte ihn am falschen Ort zur falschen Zeit in den Tod reißen, er sah, dass der drinnen schlief, die Langhalslaute hatte er an den Nagel am Kopfende gehängt, hin und wieder murmelte er etwas in der Muttersprache, das Heft mit Gedichten war längst zerrissen, dort, auf dem Tisch, Fetzen von dem, was er geschrieben hatte, tränendurchtränkt, die zerlaufene Tinte seines Lebens, der junge Werther hatte es getan, auch er könnte es tun, würde es tun ... Wohin zerstieben die Noten, warum brandete die Musik auf und nieder, und das kleine rote Licht, die Lampe des Kassettenrekorders, was war mit ihr? Thomas Soylu betrachtete den Schierling, süßer als Honig, Sokrates hatte ihn getrunken, auch er könnte es tun, würde es tun ... Wer oder was zog in solch einem Moment vor seinen verschleierten Augen vorüber? Trennungsschmerz, dieser Schmerz eben, reichte aus, einen mächtigen Stamm zu fällen, Thomas Soylu war noch so jung, der Flaum spross ihm gerade erst, was würde man ihm nachsagen, würde seine Leiche tatsächlich nicht gewaschen werden, und was geschähe im Grab, in jener finsteren, unbekannten Grube, würde da jemand sein, dem er Rechenschaft abzulegen hätte, würde er das Wehklagen seiner Lieben hören können, Thomas Soylu feuerte sich an und eine Viertelstunde später merkte er, dass er der Fisch auf dem Grund war, ein durstiger Fisch, ein Fisch, der nie genug bekommen konnte vom Wasser, je mehr er trank ... eigentlich trank er nur, das Wasser trat aus seinen Flossen aus, starb er jetzt, in dieser Stunde, das kleine rote Licht, der kleine rote Fisch, Wasser, Wasser, Wasser, Wasser, war das der Tod? Mutter, ist das der Tod? Ist das das Ende, das du Tod genannt hast, von dem du uns nächtelang erzählt hast? Thomas Soylu wusste, dass er in einer durstigen Zeit lebte ...

Der Gastautor

© Şener ÖzmenDer Gastautor hatte kaum etwas gegessen, gemeinsam gehen sie in das Atelier in der Großmarkthalle. Eben, als sie an der Haltestelle Implerstraße auf die Dame gewartet hatten, die sie abholen sollte, rief sie an, seine Frau, sie würden zur Testfahrt ins Gelände rausfahren, in Gedanken ist er dort, der Gastautor gibt bruchstückhafte Antworten, ein neues Künstleraustauschprogramm, die Künstler wieder aus Deutschland und wieder aus der Türkei ... © Şener ÖzmenEr lässt sich vom Zauber des Ateliers einfangen; Farbtuben, Eimer, Pinsel, Federn, Leinwände, Papier, Skizzen, Kataloge, Plakate von Ausstellungen, Broschüren ... Wie war es ihnen wohl ergangen? Wie war der Weg beschaffen, auf dem sie den Wagen fuhr? Der Gastautor lässt sich fotografieren mit dem Maler Rolf-Maria Krückels, einem der Kuratoren des Projekts und zugleich Inhaber des Ateliers, und vergisst auch nicht den Joghurt-Becher türkischer Produktion, der ihm aufgefallen war.

© Şener Özmen © Şener Özmen



Thomas Soylu

"Im Gedächtnis gespalten, voneinander entfernt wie Brüste", Kavafis oder Seferis, er erinnerte sich nicht mehr, oder "Nie attackierte die Ferne mich so aus der Nähe", nein, unmöglich, er erinnerte sich nicht, diese brennenden Zeilen mussten eine Bedeutung für den heutigen Tag haben, ein Wort, ein einziges Wort von Frau B., Thomas Soylu würde alles stehen und liegen lassen und heimkehren, in die Hölle zurückkehren, nicht weil er den Ort, den Feuerkreis vermisste, nein, ihm blieb nichts anderes übrig, so war es ihm bestimmt, Thomas Soylu würde heimkehren, mit dem schwarzen Fleck auf der Stirn zu seiner Erde ... Ach, diese Erde! Die todbringende Erde, die Erde aus Das Wüste Land, ach!

****

Frau B.s Brüste, die Brüste von Harmonie und Ordnung, nur ein einziges Wort, ein Zeichen, ein Signal, eine Bewegung, dass er wieder an ihnen kleben würde, hundert Mal, tausend Mal würde Thomas Soylu mit diesem nüchternen Kopf sagen, er bereue, würde sie in die Grube einladen, in der Grube würde er ihr sein Herz ausschütten, „Du hast es gewollt ...“, würde Frau B. sagen, „dass es so kommt, hast du gewollt!“, zweifellos hatte er es gewollt, er war sicher, dass sie nicht gehen, ihn nicht verlassen würde, fragte sie nach dem Grund, sagte er höchstens: „Keine Ahnung ... Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, warum ich mich so verhalte, dir das Herz breche, es kurz und klein schlage, zerschmettere, ich weiß auch nicht, warum ich anschließend um Verzeihung bitte, wie oft habe ich es dir schon gesagt, bring mich zu einem deutschen Seelenheiler, hab’ ich gesagt, das Problem hat mit meinem Hirn zu tun, hab’ ich gesagt, mein Verstand ist gespalten, hab’ ich gesagt, wie ein Granatapfel, GRANATAPFEL hatte ich gesagt, nicht wahr? Wieder und wieder hast du mich gefragt, was für ein Mensch ich sei, was für ein Mann, und warum ich vor der Verantwortung kneife, warum ich alle Last dir auf die Schultern lade, warum ich Menschenmengen nicht liebe, warum ich es vorziehe, allein zu sein, warum ich aber dann, ja, dann das Alleinsein nicht ertrage, gleich nachdem ich dir diese Worte ins Gesicht geschleudert habe, das Alleinsein nicht ertrage, nicht allein sein will ... Ich habe dich keine guten Tage erleben lassen, Frau B., ich wusste, dass ich deine glücklichen Stunden (deine Eltern waren dich besuchen gekommen) vergiftete, dass ich nachts zügellos liebte, morgens aber griesgrämig erwachte, dass ich doch eigentlich ein vernünftiger Mensch war, dass keine Bosheit in mir steckte, dass all dies daher kam, dass ich anmaßend war und mich für einen Scheißdreck – entschuldige – hielt, dass es keine Bedeutung hätte, der beste Grubengräber der Welt zu sein, es hatte auch keine, dass ein Mann außer guerillaartigen Liebesplänen auch an die anderen Situationen des Alltags denken sollte, dass ich die Notwendigkeit der Liebe vergaß ... Ich wusste, dass ich in einer unreifen Zeit lebte, Frau B., großes Unrecht habe ich dir angetan ...“

Der Gastautor

Familie Stummvoll-Ergünalp begrüßt den Gastautor wie einen alten Freund der Familie, „Whisky“ sagt der Gastautor, Herr Ergünalp schließt sich an, Seiten aus der Vergangenheit werden aufgeblättert, begleitet von Fotografien aus schwarz-weißen Zeiten, was haben sie gelitten, die guten Menschen, der Gastautor denkt an Bruder Pierre, wird er die Osmanisch-Prüfung bestehen? Stunde des Abschieds, er könnte sich im Schneidersitz hinhocken und stundenlang diesem Rebellen zuhören, wie rasch die Zeit vergangen ist ...

Gästehaus Englischer Garten

„Sie hatten einen Unfall“, sagt die Stimme am Telefon, „einen Unfall, meine Schwester hat sich das Kreuz gebrochen, meine Tante den Schädel, der Wagen ist in eine Grube gestürzt, sie sind jetzt im Krankenhaus ...“ Das Auto stürzte in eine Grube, es passierte, als sie wenden wollten, der Wagen ist Schrott, eine Grube ...

Thomas Soylu

Als er die Augen aufschlägt, liegt er im Krankenhaus, neben ihm ein Polizist, „Warum haben Sie versucht, sich umzubringen?“, „Mir gefiel der Lauf der Welt nicht ...“, sagt Thomas Soylu, „Hat mein Freund mich hergebracht?“, fragt er dann. Sein Freund hat ihn hergebracht, im Moment ist er draußen, um einige Formalitäten zu erledigen, er wird aber gleich wieder da sein ...

(In den nächsten Tagen: Warum Thomas Soylu Frau B. umbrachte)


München-Istanbul
13.-14. Juli 2008


(Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe)

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Donnerstag, 4. September 2008
Şener Özmen München - Tagebuch 8

Ich habe Frau B. nicht umgebracht

Die Entdeckung, dass der berühmte Romancier Franz Kafka, dem die türkische wie auch die Literatur der Welt vieles verdankt, Interesse an seltsamen pornografischen Materialien hatte, stiftete Verwirrung und sorgte zudem für interessante Diskussionen.. Die in dem jüngst von James Hawes veröffentlichten Buch „Excavating Kafka“ vertretenen Thesen werden wohl noch eine Weile die Diskussion beherrschen. Interessanterweise ist auch die Neuauflage der Handschriften Kafkas ein Element, das diese Debatte mit anfacht.

Tageszeitung Hürriyet



Aus Tagebucheintrag 1
Thomas Soylu wusste, dass er in einer unedlen Zeit lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer aufgeblasenen Zeit lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer tauben Zeit lebte.

Aus Tagebucheintrag 2
Thomas Soylu wusste, dass er in einer faden Zeit lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer unpassenden Zeit lebte.

Aus Tagebucheintrag 3
Thomas Soylu wusste, dass er in einer lieblosen Zeit lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer wehrlosen Zeit lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer rechtlosen Zeit lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer glücklosen Zeit lebte.

Aus Tagebucheintrag 4
Thomas Soylu wusste, dass er in einer sprachlosen Zeit lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer jähen Zeit lebte.

Aus Tagebucheintrag 5
Thomas Soylu wusste, dass er in einer hirnlosen Zeit lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer grundlosen Zeit lebte.

Aus Tagebucheintrag 7
Thomas Soylu wusste, dass er in einer Zeit ohne dich lebte.
Thomas Soylu wusste, dass er in einer durstigen Zeit lebte.
Ich wusste, dass ich in einer unreifen Zeit lebte.



unedel
aufgeblasen
taub
fade
unpassend
lieblos
wehrlos
rechtlos
glücklos
sprachlos
jäh
hirnlos
grundlos
ohne dich
durstig
unreif

„Ich habe sie nicht umgebracht“, sagte Thomas Soylu, „Frau B. habe ich nicht umgebracht, es war ein Wutausbruch, wir waren beide auf dem Balkon, nein, zuerst ging sie auf den Balkon, ich versuchte zu schlafen, als sie mich etwas fragte und hereinkam, ich weiß sehr genau, was geschah, was wir in jener Nacht erlebten, sie hat etwas gefragt, sage ich, etwas, das mich wütend machen konnte, und das wurde ich auch, als hätte ich nur darauf gewartet, ich hob den Kopf vom Kissen und schrie ihr ins Gesicht, in die Augen sah ich ihr nicht, konnte ich ihr nicht sehen:

- Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich!

Sagte ich. Drei Mal, ja, drei Mal, dann stand ich auf, stürzte ärgerlich in jenes kalte Zimmer, steckte mir eine Zigarette an und trat auf den Balkon, da war sie, saß auf einem der Plastikstühle, schaute irgendwohin, wohin genau, konnte ich nicht ausmachen, möglicherweise ins Leere, in meine Leere, Frau B. schaute auf die Verletzungen in sich, auf irreparable Dinge, auf unwiederbringliche Dinge, in die Tiefe, sehr, sehr tief hatte ich das Messer diesmal gestoßen, da war kein Blut, die Flüssigkeit, die sie sanft vergoss, waren ihre Tränen, sie sagte kein Wort, endlich sagte ich:

- Du warst doch die Problemlöserin! Nun löse auch dieses, zeig, wie toll du es lösen kannst!

Jene Leere schlich sich in meinen Magen, blieb dort hängen, wenn sie springt, stirbt sie, sagte ich mir, wenn sie springt, stirbt sie und bringt auch mich um, dann spring’ ich ihr hinterher, dann sterbe auch ich, mir zitterten die Hände, meine Stimme klang brüchig, im Mund hatte ich so einen Geschmack, säuerlich, unsere Körper würden auf dem Beton unten aufschlagen, was habe ich nur getan? Was habe ich getan, was habe ich nur getan!? Ich habe sie nicht umgebracht, sage ich, da drehte sie ihren blonden Kopf zu mir, mein Gott, ihre Augen, ihre Augen sagten alles, auch alles, was noch geschehen würde, ich hatte Angst, weißt du, jetzt geht sie in die Küche, holt ein Messer und sticht es dir ins Herz, diese Frau, die Ellbogen auf das Geländer gestützt, sie springt runter, diese Frau, ich hatte Angst, sage ich dir, erst vor kurzem hatte ich die ganze Wohnung geputzt, hatte die Böden gefeudelt, Staub gewischt, den Müll ordentlich in Tüten verpackt und vor die Tür gestellt, das saubere Geschirr aus dem Geschirrspüler geräumt und in den Schrank geordnet, die Wäsche von der Leine genommen, die Bügelwäsche aussortiert, meine Schaufeln und Spaten im Abstellraum verstaut, meinen Overall dem erstbesten Bettler gegeben, mich rasiert, Zähne geputzt, meinen Körper gepflegt, all dieses tat ich, weil sie kommen würde, sie würde kommen und mich neu beleben, unsere Nacht, nach dem Sex schlafen wir, hatte ich gesagt, ich erinnere mich genau meiner Worte, ich habe sie nicht umgebracht, einmal – ich hab’s ja gesagt – drehte sie sich zu mir um, richtete ihre sengenden Blicke, ihre verletzenden, verachtenden, vernichtenden Blicke auf meine Augen, sagte aber kein Wort, ich wollte wissen, was sie dachte:

- Du glaubst, dass ich verrückt bin, stimmt’s?

Es kam keine Antwort...

Alles geschah in einem Augenblick, sie saß mir gegenüber, genau gegenüber, auf dem roten Plastikstuhl, dann ging alles sehr schnell, der rote Plastikstuhl kippte um, es saß niemand mehr darauf, ich hab’ sie nicht umgebracht, ich hab’ sie nicht umgebracht, ich hatte nicht den Mut, nach unten zu blicken, wo muss ich unterschreiben, kann ich ein Glas Wasser haben, bitte, noch eins, geben Sie mir doch am besten gleich die Karaffe, machen Sie sich keine Mühe, können Sie vielleicht die Walkie-Talkies ausschalten, ich ertrage diese Geräusche nicht, ich ertrage euch nicht, ich hasse euch, ihr habt sie umgebracht, Frau B., meine schöne Frau, ihr habt sie umgebracht, ich will nicht mehr reden, nehmt das Foto nicht weg, was sollen diese Tritte, warum beschimpft ihr mich, ich bin nicht verrückt, ich hab’ sie nicht umgebracht, ich nahm den Kafka, fand ein Licht zum Anlehnen, Frieda schlief in den Armen von Josef K., ich bin ein Dichter, hört ihr nicht, wo bringt ihr mich hin?

- Wo bringt ihr mich hin?


4. September 2008, Diyarbakır


(Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe)

    Klaus Reichert - Türkische Tagebücher

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    "Ich war damals in Urfa und in Ayvalik und habe von dort aus mein Internet-Tagebuch geschrieben und nach Istanbul geschickt. [...]"
    Die überarbeiteten Tagebücher des Autors sind nun in Buchform erhältlich. Klaus Reichert nahm am Stadtschreiberprojekt Yakın Bakış teil.