Grußwort

Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts

© Goethe-Institut
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Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann

Von Mai 2009 bis Juni 2010 organisierte das Goethe-Institut Istanbul in 24 türkischen Städten und acht europäischen Städten außerhalb der Türkei Begegnungen zwischen Autoren, Musikern, Fotografen, Filmemachern und Künstlern und einem begeisterten Publikum. „Yollarda - Unterwegs“, ein bezeichnender Titel für ein herausragendes Projekt, welches Reiseerfahrungen, Reisebekanntschaften, Zufälligkeit, die Begeisterung für das Fremde und das gegenseitige Kennenlernen, das Spurenhinterlassen und gedankliche wie emotionale Souvenirs bedeutet.

Wie Rockstars fuhren die europäischen Kulturschaffenden mit einem Bus durch die Türkei und vermittelten an ihren Haltestellen Einblicke in die zeitgenössische europäische Kultur. Eine große Gala in Istanbul, einer der Kulturhauptstädte Europas 2010, rundete diese Tournee ab. Aber die Reise ging eben auch in die andere Richtung und führte nun 14 türkische Autoren und verschiedene Musiker aus der Türkei nach Sofia, Bukarest, Wien, Venedig, Zürich und in die beiden anderen europäischen Kulturhauptstädte 2010, Pécs und Ruhr.

Das unmittelbar Überzeugende an diesem Projekt war die Vielzahl direkter, persönlicher Begegnungen, die eine ganz eigene Dynamik entwickelten. Murat Uyurkulak berichtet etwa im Zuge einer Lesung vor einem jungen türkischen, kurdischen und deutschen Publikum in Duisburg von „der großen Freude am Menschsein und am Leben“. Sema Kaygusuz in Zürich beschreibt das Projekt als „Hingabe an die Zeit“. Es sei das Bestreben gewesen, der Zukunft im Voraus ein paar Worte mitzugeben. Es ginge dabei längst nicht nur um Literatur in der einen oder in der anderen Sprache. Auf den Reisen sei hingegen eingetreten worden für die Literaturen von „wer weiß wie vielen Sprachen“. Katja Lange-Müller traf im Südwesten der Türkei, in Mugla, auf einen beherzten Sammler von Lesezeichen und wurde durch diese Bekanntschaft selbst zur Zeichensammlerin.

Und Björn Kern ist froh, dass Yollarda ihm in Antalya die Chance gab, einmal als der andere Deutsche auftreten zu können, einer der nicht von „privilegierter Partnerschaft“ spricht oder einer, der nicht zu einer Gruppe nörgelnder deutscher Touristen gehört.

Ayfer Tunç, zu Gast in Duisburg, und Nikolai Stoyanov im türkischen Edirne sprechen von den kulturellen Brücken, die durch die Yollarda-Begegnungen geschaffen wurden. Für Alek Popov ist „Yollarda” weniger ein kulturelles Integrations- als vielmehr ein kulturelles Interaktionsprojekt. Für ihn sei Europa immer schon ein gigantisches Übersetzungsprojekt gewesen, eines, in dem man sich gegenseitig das eigene Verständnis des Lebens vermittelte.

Ich bin davon überzeugt, dass die Qualität nachbarschaftlicher Beziehungen zwischen den Ländern Europas jetzt und in Zukunft ein Maßstab für das Gelingen des europäischen Projektes sein wird. Dabei muss uns klar sein, dass Nachbarschaft kein Zustand, sondern ein Prozess ist, an dem wir kontinuierlich arbeiten müssen. Wenn es um das gegenseitige Kennenlernen, um das Lösen aufkommender Konflikte und Unverständlichkeiten geht, liegen unsere Chancen in der lokalen Verknüpfung, auf nachbarschaftlichen Beziehungen und analogen Übersetzungen.

Das Goethe-Institut betreibt seine EU-Nachbarschaftspolitik mit Hilfe von engen bildungs-, kultur- und gesellschaftspolitischen Kooperationen und Projekten. Mehr noch als andernorts zählt hierbei die Aufgabe, Menschen über die geographischen und politischen Grenzen hinweg zusammenzubringen.

Bedeutende Nachbarländer wie Russland und die Türkei sind zugleich europäisch und nicht-europäisch geprägt. Das Goethe-Institut versteht solche Grenzen grundsätzlich nicht als Barrieren, vielmehr als Sphären und Regionen des Übergangs, der Begegnung und des Austauschs, die damit zu Schauplätzen eines besonderen Engagements werden. Menschliches Zusammenleben ist in erster Linie eine kulturelle Leistung. Ein Bemühen, das Anteil nimmt, nicht gleichgültig ist, Unterschiede gelten lässt. Uns geht es dabei um die Förderung dieses Dialogs, das Prinzip der Gegenseitigkeit, die Entwicklung gemeinsamer Fragestellungen und die Suche nach Antworten.

Dies gilt auch für das Miteinander in Deutschland: Dialogfähigkeit müssen wir auch hier beweisen, auch hier müssen wir uns um Brücken und um ein besseres Verständnis voneinander bemühen. Was wissen wir von den türkischen Familien, mit denen wir Tür an Tür leben? Wir müssen uns auch im eigenen Land um eine Nachbarschaft bemühen. Integration bedeutet aufeinander zugehen. Sprachkenntnisse und Kenntnisse über Deutschland müssen erworben werden. Doch genauso muss es einen Raum geben, in dem auch die mitgebrachte Identität Platz findet und Wert geschätzt wird. Und auch in diese Richtung wirkten die Yollarda-Reisen. Die türkische Autorin Ayfer Tunç berichtet von dem stolzen Leuchten in den Augen türkischer Schüler in Duisburg oder Bochum, die ihren Lesungen in ihrer Muttersprache lauschten, die sie z.T. nicht perfekt beherrschen. Sie bekamen das Gefühl „Auch wir haben Schriftsteller!“. Kinder mit Migrationshintergrund leben nicht nur in Deutschland häufig in zwei Welten. Dieses gilt es auch als positiv herauszustellen, als Horizont erweiternd. Şebnem İşigüzel forderte ihr junges, auch türkisches Publikum in Wien auf: „Vergesst nicht, wo ihr herkommt. Ihr kommt aus dem Land von Orhan Pamuk und Yaşar Kemal. Aber vergesst auch nicht, ihr seid hier im Land von Elfriede Jelinek, Michael Haneke und Freud.“ Sie beschreibt das Lächeln auf den jungen Gesichtern als sie ergänzt, es erweitere den Horizont, wenn man sich von beiden Kulturen nähre.

Und noch ein weiterer Gedanke zeigt sich in den Erlebnissen der Autorinnen und Autoren: die Vergleichbarkeit von vor allem jungen Leuten, von ihren Interessen, Wünschen und Vorstellungen. Der Bulgare Konstantin Iliev berichtet von der Diskussion nach seiner Lesung im türkischen Edirne: „Vor einigen Jahren hatten mir in Erfurt junge Deutsche beinahe die gleichen Fragen gestellt.“ Und auch Dirk Walbrecker beschreibt sein junges Publikum in Muğla als „kaum anders als sein sonst deutschsprachigen Publikum.“

Für den Erfolg ist sicherlich ausschlaggebend, dass „Yollarda“ kein bilaterales Austauschprogramm war und dass es sich nicht nur zwischen den wohlbekannten Protagonisten in den Hauptstädten abspielte. Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen waren in unterschiedlichen Gegenden Europas „Unterwegs - Yollarda“.