Wirkung

Poppers Beiträge zur Methodenlehre der Wissenschaften wie zur Kritik der Ideologie politischer Heilsversprechen sind kaum zu überschätzen. In beiden Bereichen, der Wissenschaftstheorie sowohl als auch der Sozialphilosophie, ist sein Leitbegriff der der Überprüfbarkeit von Aussagen. Der “Kritische Rationalismus”, Poppers methodentheoretische Position, macht die kritische Prüfung wissenschaftlicher Sätze zum Prinzip. Zu den besonderen Stärken von Poppers Denken zählt die Einführung deutlicher Unterscheidungskriterien.

Popper beobachtete, daß man allgemeine Sätze (Naturgesetze etwa) nicht mit der gleichen Endgültigkeit verifizieren könne, mit der sie falsifizierbar sind. Das richtete sich gegen das Kriterium der “empirischen Verifizierbarkeit” von Wittgenstein und den “Logischen Empiristen” des “Wiener Kreises” um Moritz Schlick und Rudolf Carnap. Mit diesem Kriterium für die Gültigkeit allgemeiner Sätze verband sich die Hoffnung, Wissenschaft und wissenschaftliche Verfahren auf die Evidenz von Elementarsätzen aus der Erfahrung gründen zu können und dadurch die metaphysischen Irrtümer der Vergangenheit zu vermeiden. Popper konnte jedoch zeigen, daß sich Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit nicht aus der Erfahrung (per “Induktionsschluß”) herleiten lassen. An die Stelle des Verifizierbarkeitskriteriums setzte er seine “Falsifikationstheorie”, derzufolge wissenschaftliche Hypothesen oder Theorien solange gültig sind, bis sie widerlegt werden. Daß damit Hypothesen und Theorien nur noch vorläufig wahr sind, macht sie indessen nicht untauglich für die Forschung. Es unterstellt sie lediglich einer permanenten Überprüfung. Dabei spielt die Unterscheidung von erfahrungswissenschaftlichen und metaphysischen Aussagen eine wichtige Rolle, für die Popper das “Falsifizierbarkeitskriterium” einführte: Für erfahrungswissenschaftliche Aussagen lassen sich die Bedingungen ihrer Widerlegung angeben, für metaphysische nicht. Gleichwohl hat Popper die letzteren nicht völlig verworfen, da auch metaphysische Annahmen (so das Prinzip der Kausalität) zu wissenschaftlich relevanten Einsichten führen können und geführt haben.

Das Falsifizierbarkeitskriterium übertrug Popper auch auf die Gesellschaftswissenschaften und die Prüfung gesellschaftspolitischer Ideen. So warnte er vor Theorien, die in der Geschichte Verlaufsgesetze entdecken und mit ihnen Heilsversprechen verknüpfen, die in eine Zukunft verlegt sind, in welcher sich ihre Einlösung der Überprüfung zumindest für lange Zeit entzieht. Gegenüber diesem “Historizismus”, mit dem in erster Linie die marxistische Geschichtsphilosophie gemeint ist, empfahl Popper eine Sozialpolitik der kleinen Schritte, der sogenannten “Stückwerk-Sozialtechnik” (“piecemeal social engineering”), die in ihren positiven und negativen Folgen ständig kontrollierbar und revidierbar ist. Anhand der Überprüfbarkeit ihrer Ideen beurteilte Popper auch Gesellschaftsformen und entwickelte seine berühmte Unterscheidung der “offenen” und der “geschlossenen Gesellschaft”. Während die “offene” Gesellschaft die Falsifizierbarkeit ihrer gesellschaftspolitischen Ideen zulassen kann, ist die “geschlossene” immanent unkritisch und durch unbeweglichen Dogmatismus charakterisiert. Popper, der geschlossene Gesellschaften hinreichend am Beispiel der totalitären Regime des Sozialismus und des Dritten Reichs kennengelernt hatte, war ein engagierter Verteidiger der offenen Gesellschaft, deren Feinde er nicht nur bei den führenden Politikern und Ideologen totalitärer Regime fand, sondern auch in der Galerie der philosophischen Tradition. Honorable Vertreter wie Platon, Hegel und Marx kamen bei dieser Attacke nicht gut weg und galten Popper als geistige Wegbereiter der totalitären Staatsformen. Als Theoretiker des politischen Liberalismus konnte Popper zu einem Gewährsmann für das Wertesystem der westlich-demokratischen Industriegesellschaften werden und zu einem beliebten Hausphilosophen bei Repräsentanten der Führungseliten, bis in die Etagen von Regierungschefs.

Text: Ulrich Sand