Mit seinen kulturphilosophischen Einsichten stand Simmel, obwohl in der Öffentlichkeit keineswegs erfolglos, immer außerhalb des akademischen Betriebs (abgesehen von einer kurzen Episode an der Universität in Straßburg, die der Ausbruch des Krieges beendete). Der Hauptgrund, ein kaum verhohlenes antisemitisches Ressentiment, ist bekannt. Doch auch die Wahl seiner Themen und die Art, wie er sie behandelte, waren nicht ganz schuldlos daran.
Während das philosophische Milieu an den Hochschulen von der neukantianischen Wissenschafts- und Erkenntnistheorie dominiert war, bezog Simmel in seine kulturwissenschaftlichen Überlegungen die Erscheinungen der alltäglichen Erfahrung mit ein. Er nahm Impulse aus der Lebensphilosophie auf, und mit seiner Philosophie des Geldes, seinem bekanntesten Buch, verband er die Absicht, Marx’ historischen Materialismus auf die “tiefergelegenen Strömungen des individuellen und des gesellschaftlichen Geistes” zu beziehen. Das mochte manchem unseriös erscheinen, und dass er offenbar wahllos wechselte zwischen Goethe, Rembrandt, den ethischen Grundbegriffen, Problemen der Geschichtsphilosophie, Kant, Nietzsche, Geld und Sozialpsychologie, ohne daraus eine Gesamtsicht zu gewinnen, schien auch nicht für ein solides Fundament seines Denkens zu sprechen.
In seinen späteren Werken wandte er sich verstärkt der lebensphilosophischen Emphase zu und fand zum Ausbruch des Krieges enthusiastische Worte, die den Krieg begrüßten, seiner den Individualismus in einer “überindividuellen Ganzheit” aufhebenden Massenwirkung wegen, und weil er ein Ende zu machen schien mit der Leere, Sinnlosigkeit, Erstarrung, der kulturelle Dekadenz seiner Zeit (eine betrübliche Zeitdiagnose, die er mit nicht wenigen seiner Zeitgenossen teilte).
Begriffliche Schärfe ist vielleicht nicht der oberste Wert seiner Darstellung, so dass heute das Herausarbeiten des genauen Sinns seiner Worte ein wesentliches Geschäft beim Verstehen seiner Werke ist, freilich auf die Gefahr hin, Simmels Anspielungsreichtum einzuschränken. Denn Simmel hat den Blick für Soziologisches und Sozialpsychologisches geschärft und vor allem das Interesse der Soziologen für Alltagsphänomene geweckt. Er gilt daher zurecht neben Max Weber und Werner Sombart als Begründer der deutschen Soziologie.







