Schleiermachers Hermeneutik hat Dilthey den Weg gewiesen. Sie gab ihm die methodische Basis für einen Wissenschaftszweig, den er klar von den Naturwissenschaften geschieden wissen wollte: die „Geisteswissenschaften“. Gemeint sind damit zunächst die Geschichtswissenschaften, insofern sie sich ja nicht mit Naturgeschehen, sondern mit historischen Phänomenen beschäftigen. Diese lassen sich, so Dilthey, in ihrer Eigenart mit Mitteln der naturwissenschaftlichen Methode nicht erfassen. Denn sie entstammen dem Bereich menschlicher Erfahrung und des Handelns und werden „hermeneutisch“, also per Einfühlung und Verstehen, nachvollzogen, nicht „erklärt“ wie die Sachverhalte der Natur. Geschichte ist dabei ein sehr flexibler Begriff, der sich ebenso auf die großen Zusammenhänge wie auf das je einzelne Leben beziehen lässt. Im emphatischen Sinn ist sie Geschichte des „vom Menschen gelebten Lebens“: des Lebens also, in welchem sich der Mensch als geistig-kulturelles Wesen ausdrückt. So führt Dilthey die Philosophie als „Lebensphilosophie“ an das Leben und seine sinntragenden Gestalten heran.
Mit Dilthey beginnen die „Geisteswissenschaften“ ihren Geltungskampf mit den Naturwissenschaften. Sie beanspruchen, einer Seite der Welt wissenschaftliche Geltung zu verschaffen, über die die Naturwissenschaften nichts zu sagen zu haben: die Seite des sinntragenden Lebens. Mit der Bezeichnung „Geisteswissenschaften“ ist die Nachwelt wegen des „Geistes“ im Wort freilich nie ganz glücklich geworden. In der Sache setzt sich die Hermeneutik des sinnhaften Lebens in verschiedenen Zweigen fort, bei Heideggers Philosophie der Existenz und in Gadamers philosophischer Hermeneutik. In Georg Simmels Spätwerk lebt Diltheys Lebensphilosophie wieder auf, und auch der spanische Kulturphilosoph Ortega y Gasset ließ sich von ihr anregen. Trotz der Krise des „Geistes“ und der Wissenschaften von ihm sind die „Geisteswissenschaften“ bis heute geblieben - sowohl im deutschen Sprachgebrauch als auch in der Auseinandersetzung um das Recht ihrer Art von Wissenschaft.







