Christian Mafigiri im Portrait
Mit seiner imposanten Statur, einem Grinsen auf dem Gesicht und einem etwas unbeholfenen Auftreten wirkt Christian Mafigiri wie einem seiner Cartoons entsprungen. Im April 2013 hat er den Druck eines Comicheftes beim Ugandan Comic and Cartoon Contest gewonnen, der vom Goethe-Zentrum Kampala/ Ugandan German Cultural Society (GZK/ UGCS) ausgetragen wurde. In einem Interview erzählt mir der warmherzige und latent nervöse Mann, wie er zu dem wurde, was er ist: Journalist, Cartoonist und Aktivist.
Vor 23 Jahren war Christian etwa sieben Jahre alt (“höchstwahrscheinlich” sei er 30, wie er mir sagt) und saß im Klassenraum seiner Grundschule in Nakasero, Kampala. Sein Lehrer beschlagnahmte wütend das Comicheft seines Mitschülers und verkündete, dass alle besser etwas „Richtiges“ lesen sollten. Dann riss er es in tausend Stücke. Zusammen mit seinem Bruder sammelte Christian die Stücke sorgfältig auf und klebte sie wieder zusammen – von nun an war das besagte Comicheft ihr Schatz.Von Christians Eltern – der Vater Ingenieur, die Mutter Beamtin – sind vielleicht nicht unbedingt künstlerisch ambitionierte Nachfahren zu erwarten, und doch, so erinnert er sich, spielte Zeichnen für ihn und seine zehn Geschwister immer eine große Rolle. Für ein wenig Inspiration sorgte die einzige Cartoon-Sendung des einzigen Fernsehsenders, den die Familie empfangen konnte. Doch sie hatten Glück: Cousins und Cousinen aus England nahmen immer wieder Cartoons für sie auf und schickten die Videobänder nach Uganda. „Wir hatten zu Hause oft kleine Wettbewerbe: Wer konnte diese oder jene Figur am besten zeichnen?“, sagt Christian, der ironischerweise selbst nie dabei gewann.
Als er zehn Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern auf eine andere Schule. Der Grund dafür war der allgemein höhere Standard – doch es traf sich gut, dass dort auch Kunst unterrichtet wurde. In den Unterrichtsstunden zeichneten die Schüler vorwiegend bereits bestehende Bilder nach, was nach einer Weile sehr langweilig wurde. Doch einer von Christians Klassenkameraden zeichnete in den Pausen immer wieder Szenen aus Actionfilmen – die Mädchen in der Klasse himmelten ihn an. Der eifersüchtige Christian wollte es ihm nachtun und zeichnete eigene Szenen mit “vielen Actionelementen und vielen, vielen Waffen”, lacht er und sagt, “der Plan hat sehr gut funktioniert.” Allerdings empfand er die Lehrer als ziemlich extrem – es missfiel ihm besonders die Sache mit dem Zuckerrohr – und er verließ die Schule sehr bald wieder.
Der erneute Schulwechselentpuppte sich als eine große Chance. Er wurde an der prestigeträchtigen Ntare School in Mbarara angenommen (der ugandische Präsident Museveni hatte viele Jahre zuvor dieselbe Schule besucht), wo Kunst als Unterrichtsfach ernstgenommen und auf staatlicher Ebene geprüft wurde. Hier konnte er sich auf Zeichentechniken konzentrieren: Er erwarb Fähigkeiten, die für seinen weiteren Lebensweg sehr wichtig werden würden. Als er sein Abitur bestand, war seine Kunstprüfung die beste der gesamten Region.
Nachdem er sich für ein Journalismus-Studium an der Ugandan Christian University entschieden hatte, war das Zeichnen nicht mehr als bloß noch ein Hobby für ihn. Völlig aufrichtig und sich seiner Worte bewusst sagt er auch, dass weder das Studium noch das Zeichnen damals auch nur annähernd so wichtig gewesen seien wie Partys und Alkohol. (Als er das sagt, verschwindet das stetige Grinsen von seinem Gesicht. Er sagt dies nicht wie jemand, der mit seinen Studenteneskapaden prahlt, sondern wie jemand, der es bedauert, einen Teil seiner Zeit verschwendet zu haben.) Das Wenige aber, das er zu dieser Zeit zeichnete – Cartoons für die Unizeitung – half ihm dabei, den Weg zurück auf seine alte Bahn zu finden: Christians Schwester gab die Cartoons an einen Freund weiter, der beim Daily Monitor [eine große ugandische Tageszeitung] arbeitete. Dieser Freund führte Christian ein in die Welt des Photoshop: jeden Tag nach der Arbeit, für ein halbes Jahr.
Während er bald darauf begann, freiberuflich für eben diese Redaktion und andere Zeitungen zu arbeiten, bekam er bald einen festen Job als Cartoonist beim Red Pepper – Christian sagt, dass wie umstritten es auch sein mag, für ein Boulevardblatt zu arbeiten, so schätzt er doch die Erfahrung, den Druck von Deadlines auszuhalten und routiniert zu zeichnen. Für ihn mag all dies ein hervorragendes Training gewesen sein. Doch bleibt der künstlerische Ausdruck dabei nicht auf der Strecke? Durch einen der etwas merkwürdigen Aufträge – er zeichnete Bilder für einen Computerkurs für Hebammen –, verdiente er genug Geld, um sein erstes eigenes Comicheft drucken zu lassen. “Tekezesasi” war im Januar 2012 fertig. Da er es besonders für Kinder und Jugendliche konzipiert hatte, zog er von Schule zu Schule – seine ehemalige Schule schickte ihn wieder weg – und verkaufte es für wenig Geld an Schüler. Das Heft diente ihm als eine Art Bewerbungsschreiben. „Es hat sich verbreitet und immer mehr Menschen riefen an, um mir Aufträge zu geben.”
Und obwohl er genug als Cartoonist zu tun hat, arbeitet Christian für zwei verschiedene NGOs [Nichtregierungsorganisationen]: 2012 gründete er gemeinsam mit einem Freund die Organisation A.D.A.M. (Anti Drug and Alcohol Movement), ziemlich offensichtlich als einen Versuch, die verlorene Zeit wiedergutzumachen, der er noch immer nachzuweinen scheint. Zusätzlich reist Christian durchschnittlich einmal im Monat nach Mogadischu, um seine Verlobte bei der Arbeit für ihre Organisation Hili Somalia für Frauen und Kinder zu unterstützen.
Wie also hat er noch Zeit gefunden, Arbeitsproben für den Ugandan Comic and Cartoon Contest zu entwerfen? Indem er Skizzen einreichte, die er schon vor Monaten entworfen hatte. Warum nicht. Vor einer Weile hatte er mit dem Texter Carlos Lwanga zusammen gesessen, um über das Konzept für ein gemeinsames Projekt zu reden. Ihr Ansatz klingt schamlos kommerziell: „Was für eine Art von Geschichte über Afrika ließe sich in den USA verkaufen?” Doch während sie an ihrem kommerziellen Anspruch festhielten, schafften sie es gleichzeitig, ein kulturell relevantes und ästhetisch stimmiges Konzept zu entwickeln: Sie schufen ein futuristisches Afrika, einen Science-Fiction-Ansatz zum afrikanischen Kontinenten, der das Goethe-Team überzeugte und der Christian die Veröffentlichung des Comicheftes einbrachte. Sein futuristisches “Childrenof War” wird bald durch das GZK/ UGCS veröffentlicht werden.
                        von Dennis Große-Plankermann



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