Wissen

Editorial

Eine falsche Geste kann zum Verhängnis werden: In Quentin Tarantinos Film Inglourious Basterds enttarnt sich der ausgezeichnet Deutsch sprechende und als Nazi getarnte Engländer, indem er drei Drinks mit ausgestrecktem Zeige- Mittel- und Ringfinger bestellt. Das registriert der deutsche Nazi sofort, und das konspirative Treffen in einer Kellerkneipe endet in einem Blutbad. Deutsche benutzen, um die Zahl Drei zu zeigen, üblicherweise Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Nicht immer sind kulturelle Missverständnisse von so verheerender Wirkung. Zum Glück.

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse, auf der Argentinien dieses Jahr Gastland ist, beschäftigt sich unsere aktuelle Ausgabe mit kulturellen Übersetzungs- und Aneignungsprozessen ebenso wie mit der Kultur der Übersetzung im engen Wortsinn. Trotz zunehmender Globalisierung ist eine gute Übersetzung im babylonischen Sprachengewirr immer noch das Herzstück des internationalen Kulturaustausches – vielleicht sogar mehr denn je. Literatur, Drehbücher und Theaterstücke wecken das Interesse an der anderen Kultur und stiften neue Begegnungen.

Dieses Heft informiert über verschiedene Projekte und Initiativen zur Literatur- und Übersetzungsförderung auf beiden Seiten des Atlantiks. Michi Strausfeld liefert einen Werkstattbericht über das Entstehen einer Anthologie argentinischer Texte, und Eva Karnofsky berichtet über deutsche Verlagsaktivitäten im Rahmen der größten Buchmesse der Welt. Auch die Frage nach deutscher Leselust und der Zukunft des Buches in der digitalen Ära sind Themen dieser Ausgabe.

Im Zentrum steht aber die Frage nach Übersetzung und Übersetzbarkeit. „Was sagt uns eine Sprache, die man nicht verstehen kann?“, so fragt der paraguayische Autor Jorge Kanese und deutet damit weniger auf kulturelles Missverstehen hin als vielmehr auf poetisches Nichtverstehen. Roger Willemsen hält eine Eloge auf die Schönheit des Nichtverstehens, um schließlich auf eine Art universelle Poesie zu verweisen, die entdeckt und freigelegt werden will und wo es egal ist, wer Autor und wer Übersetzer ist. So erscheint Poesie wohl als die Annäherung an ein anderes, vorbewusstes Lebenswissen. Sie wird damit selbst zu einer Art Übersetzung in die Form der Sprache, die dann in weiteren Translationsprozessen auch über kulturelle Grenzen hinweg transportiert wird – oder dort neu hervorgebracht werden kann.

Die poetische Sprache macht, wie die Nobelpreisträgerin Herta Müller in ihrem Text „Schneeverrat“ beschreibt, etwas wahr – jenseits des Textes. Das ist für sie der Trick mit der Sprache: ein direktes Wort zu erfinden, „das so viel Unausgesprochenes enthält, weil es alle Einzelheiten meidet […]“.

Der Trick mit der Übersetzung ist ähnlich kompliziert. Auch hier geht es darum, das Andere verständlich zu machen; es geht um das Synchronisieren von Wörtern, Ideen und Bedeutungen.

Die perfekte Übersetzung entsteht aus der Verführung des Übersetzers durch das Medium, den Text. Übersetzen heißt, im übertragenen oder realen Sinne, lieben. Die Schriftstellerin Cristina Peri Rossi beschreibt die Aneignung ihrer Texte durch ihre Übersetzer als einen dialogischen Prozess der Verführung. Eine gute Übersetzung erfordert die vollständige Hingabe an den Text. Sie dient auch als Spiegel für den Autor oder die Autorin, die gleichermaßen verraten oder auch entwickelt wird.

Doch ist Übersetzen aus anderen Kontexten nach Ottmar Ette immer schon mit einer Art struktureller Lüge verbunden, die umso größer wird, je weiter die Kulturen von Übersetzer und Übersetztem voneinander getrennt sind. In der Legende wurde Malinche – die von Hernán Cortés betrogene Betrügerin – zum Symbol der Verräterin, als sie dem Eroberer mit der Möglichkeit des Verstehens ihrer Landsleute die Tore zu deren Vernichtung und der Zerstörung der aztekischen Kultur öffnete. Der Text ist eben nicht nur der Text, sondern Teil eines interkulturellen Bedeutungs- und Erfahrungskontextes, den es zu überbrücken gilt. Text ist Kultur.

Ist aber auch die Umkehrung wahr, ist Kultur auch Text und somit widerspruchslos übersetzbar? So fragt Annette Hornbacher in ihrem Artikel „Zwischen Text und Befremden“, in dem sie einige Widersprüche und Grenzen der Analogie von Text und Kultur aus Sicht der Ethnologie aufzeigt.

Einen weiten Bogen spannt die Ausgabe über Kulturen und Sprachen, Differenzen und deren (un-)mögliche Überbrückung.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Mai 2010

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