Philosophie und Religion

Untergang des Abendlandes? Zum 75. Todestag Oswald Spenglers

Coverausschnitt von `Der Untergang des Abendlandes`; © C.H. Beck VerlagCoverausschnitt von `Der Untergang des Abendlandes`; © C.H. Beck VerlagDie Rede vom Untergang des Abendlandes geistert immer wieder durch die Medien. Deren Schöpfer Oswald Spengler scheint dagegen vergessen. Zu Recht? Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Johann Pall Arnason zum 75. Todestag Spenglers am 8. Mai 2011.

J.P. Arnason stammt aus Island und lehrt an der La Trobe University in Australien. Im Frühjahr 2011 hielt er sich zu einem Forschungsvorhaben über Oswald Spengler an der Universität Göttingen auf.

Herr Arnason, Spenglers Titel „Untergang des Abendlandes" ist bis heute im Deutschen geradezu sprichwörtlich, obwohl inzwischen kaum jemand mehr das Buch liest. Wie kommt es zu dieser starken indirekten Wirkung Spenglers?

Johann Pall Arnason; © Universität GöttingenEinerseits gilt Spengler als erledigt – durchaus aus guten Gründen. Andererseits werden wir ihn nicht los. Es gibt immer wieder Krisen- und Untergangsstimmungen, in denen man sich an den Titel seines berühmten Buches erinnert. Spengler wird in den letzten Jahren sogar neu übersetzt, zuletzt erstmals auf Tschechisch. In postkommunistischen Staaten dürfte es die Enttäuschung über den seit 1990 eingeschlagenen kapitalistischen Weg sein, der seine Zivilisationsskepsis wieder aktuell erscheinen lässt.

Spengler nicht Rechtsaußen überlassen

Ist solche Spengler-Renaissance auch gefährlich, weil sie Denkern vom rechten Rand Stichworte liefert?

Cover von `Der Untergang des Abendlandes`; © C.H. Beck VerlagDas spielt in der wissenschaftlichen Diskussion eigentlich keine Rolle. Man sollte Spengler auch nicht deshalb meiden, weil er tatsächlich eine Nähe zum rechten Spektrum hatte.

Wie war Spenglers politische Haltung?

Seine eigene politische Haltung war durchaus komplex. Den Untergang des Abendlandes hat er etwa nicht, wie im Ausland häufig angenommen, als Verarbeitung der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg geschrieben. Sein Konzept stand schon vorher, und zwar eher in Erwartung eines deutschen Sieges. In den 1920er-Jahren war er dann tatsächlich eine Art politischer Aktivist der radikalen Rechten.

Spengler war ein Teil der sogenannten konservativen Revolution – die übrigens keine einheitliche Bewegung bildete. 1932 hat er bei der Präsidentenwahl für Adolf Hitler gestimmt, obwohl er ihn nicht mochte. Ein Wegbereiter des Dritten Reiches war er jedoch nicht. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 hat er in seinem Buch Jahre der Entscheidung sogar kritische Zivilcourage gezeigt. Ab 1934 ging er in die innere Emigration. In seinen unveröffentlichten Notizen der Jahre danach schreibt er, Deutschland sei von Mördern regiert und vergleicht Hitler mit einem Affen, den man ans Klavier gesetzt hat.

Familienähnlichkeiten

Und gelesen und rezipiert hat ihn nicht nur die „konservative Revolution“?

Oswald Spengler; © Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive)Keineswegs. Es gibt in der Spengler-Rezeption ganz überraschende Zusammenhänge. In den 1930er-Jahren haben der bedeutende finnische Philosoph Georg Henrik von Wright und Ludwig Wittgenstein über ihn miteinander gesprochen. Wittgensteins spätere Rede von den Lebensformen, in die alle unsere Sprachspiele eingebettet sind, ist deutlich von Spengler beeinflusst.

Wittgenstein meinte, Spengler hätte in seiner Kulturanalyse besser von Familienähnlichkeiten kultureller Phänomene gesprochen als von quasi-organischen Gesetzmäßigkeiten. Damit hat er Spengler von dessen eigenem Missverständnis befreit, Kulturen als in sich abgeschlossene, nicht miteinander kommunizierende Einheiten zu beschreiben. Und der isländische Literaturnobelpreisträger Halldór Kiljan Laxness hat in der Zwischenkriegszeit sogar eine Art Spengler’schen Marxismus vertreten, hat Spengler also von links her interpretiert.

Über Kulturkampf und Kollaps

Und warum sollte man Spengler heute noch lesen?

Cover von `Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen`; © Fischer Taschenbuch VerlagDa fallen mir eine Reihe von Fragestellungen ein, wo er anregend wirken könnte, ohne dass man deshalb seine ganze „Morphologie der Weltgeschichte“ wieder aufwärmen muss. Zunächst einmal kritisch: In der vergleichenden Zivilisationsforschung geistert Spenglers Vorstellung von den in sich abgeschlossenen Hochkulturen immer noch herum. Sie steht sicher im Hintergrund von Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“. Andererseits befasst sich die Soziologie – nicht zuletzt wegen ihrer Fixierung auf die Alternative von Handlung und System – zu wenig mit kulturellen Lebensformen, da gibt es ein Defizit. Ebenso darin, Kunst und Kunstgeschichte als wichtige Dimensionen solcher Lebensformen zu verstehen, worauf Spengler großen Wert legte.

Und schließlich gibt es zurzeit in der Zivilisationsforschung – angestoßen etwa durch das bekannte Buch Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen von Jared Diamond – eine neue Diskussion um Kollaps und Zusammenbrüche. Da wird man an einer kritischen Rezeption von Spengler nicht vorbei kommen.

Gregor Taxacher
führte das Gespräch. Er ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks (WDR) sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln. 2010 erschien in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG) sein Buch „Apokalyptische Vernunft: Das biblische Geschichtsdenken und seine Konsequenzen".

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Mai 2011

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