Musik

Es gibt ein elektronisches Nachtleben jenseits von Berlin

Lichteffekte auf dem MainFloor im CocoonClub in Frankfurt; Foto: Emanuel Raab/3deluxe

Trotz eines heutzutage fast übermächtig scheinenden Magnetismus von Berlin als deutsche und internationale Clubmetropole, beharren auch die übrigen Großzentren Deutschlands stolz auf eigenem Profil, eigener Wichtigkeit und eigenem Charakter. Sie tun das zu Recht, und sie tun das aus guter, alter Tradition.

Hamburg

Nur eine gute Stunde per Bahn von Berlin entfernt, präsentiert sich die weltläufige Hafenstadt Hamburg immer noch als eine der wichtigsten Adressen für das, was im Ausland als elektronische Musik aus Deutschland verstanden wird. Bedeutende Plattenlabel wie Dial, DJ Kozes Pampa, Smallville oder Pudel Produkte halten hier die Stellung, und letztere verfügen mit dem Golden Pudel Club am Fischmarkt über einen Klassiker des alternativen, urbanen Ausgehens, der nicht nur programmatisch-inhaltlich, sondern auch – besonders im Sommer – optisch-touristisch eine Idylle von hohem Besuchswert darstellt. Neuere Clubs wie der Baalsaal, der Neidklub oder das Uebel & Gefährlich vervollständigen in verschiedenen Größenordnungen das gesamte Darbietungs-Spektrum für zeitgenössisches Elektronikschaffen, aktuelle DJ-Sichtweisen und, nicht zu vergessen, den hintergründigen, aber omnipräsenten Hamburger Humor.

Das Ruhrgebiet

In südwestlicher Richtung setzt sich die Reise fort, bis man das riesige Ruhrgebiet erreicht, ein industriell geprägtes Großkonglomerat mit den Städten Dortmund, Bochum und Essen als wichtigsten Knotenpunkten und einem unverwüstlichen, regionalen Selbstbewusstsein, das sich stets auch in eigenen musikalischen Bedürfnissen ausdrückte. Dröger Konzeptionalismus war hier nie gefragt, stattdessen eine Menge Seele und Saftigkeit, die das Ruhgebiet zu einer der Hauptgegenden für hochoktanige, moderne House Music machten. Gefeiert wird in Essen etwa im alteingesessenen Hotel Shanghai, im sehr empfehlenswerten neuen Goethe Bunker oder bei den Bochumer Funkloch-Veranstaltungen.

Düsseldorf und Köln

Der Salon des Amateurs in Düsseldorf – noch leer; Foto: Franklin BergerVerlässt man das Ruhrgebiet in südlicher Richtung, passiert man bald die für die Geschichte nicht nur der deutschen Elektronik so wichtige Stadt Düsseldorf. Einst eroberten von hier aus Kraftwerk die Welt, heute empfiehlt sich vor allem ein Besuch im Salon Des Amateurs in der Kunsthalle, dessen musikalisches Spektrum dem lokalen Erbe verpflichtet bis weit in den Avantgarde-Bereich hineinragt, nicht ohne jedoch zu gegebener Zeit die gute, alte Vierviertelpauke hochleben zu lassen.

Nur einen Katzensprung entfernt und doch eine ganz andere Welt: das heilige Köln, wohl die stilprägendste Musikstadt Deutschlands in der jüngeren Vergangenheit. Labels wie Kompakt, Ware, Treibstoff und viele andere sind nach wie vor mit sattem kreativem Output gesegnet, die Künstler dieser Häuser weltweit gefragt. Als Club- und Ausgeh-Metropole allerdings ist Köln gebeutelt von strengen Gesetzen und starren Strukturen. So waren es in den vergangenen Jahren vor allem kommende und gehende, alternative Art Spaces, in denen sich der berühmte Sound Of Cologne am besten erleben ließ. Eine bedeutende Anzahl von Bars, in denen weniger getanzt wird als diskutiert, machen das spezielle Flair von Köln aus. Kleinere Elektronik-Clubs wie das Subway oder das Studio 672 halten programmatisch die Stellung. Nicht zu vergessen die c/o pop, das jährliche Festival plus Kongress, das mit seinem konzentrierten Fokus auf Qualitäts-Elektronik in Deutschland seinesgleichen sucht.

Frankfurt und Offenbach

Sven Väth an den Turntables im CocoonClub; Foto: Emanuel Raab/3deluxeUm zwei der wirklich spektakulärsten Clubs des Landes zu erleben, muss man den Rhein verlassen und noch eine weitere Stunde in Richtung Südosten düsen, nach Frankfurt. Mit dem Cocoon-Club betreibt der DJ Sven Väth hier ein ambitioniertes Stück Designer-Disco-Großgastronomie auf Sterne-Niveau, das sich in dieser Form genauso gut in Singapur oder Sydney vorstellen ließe. Einmal über den Fluss hinüber nach Offenbach, und man kann mit dem Robert Johnson die möglicherweise beste Musikanlage Deutschlands und definitiv eines der niveauvollsten Programme erleben. Nicht zu vergessen das Tanzhaus West mit nochmals eigener musikalischer Ausrichtung und Akzenten. All dies erinnert daran, dass Frankfurt eben nicht nur eine Metropole für Banker sondern auch für Denker ist.

München

Misskate in der Roten Sonne in München; Foto: Rote SonneWenig beeindruckt von dem, was in anderen Städten so vor sich geht, stets enorm stolz auf den eigenen Stil und was den betrifft, eben auch tatsächlich unvergleichlich: München. Rote Sonne, Harry Klein und Bob Beaman heißen dort derzeit die wichtigsten Adressen, wenn es um lokale und internationale Stars in der elektronischen Manege geht. Mit Permanent Vacation, Gomma, Compost oder Disko B beherbergt München auch einige der wichtigsten Plattenlabel des Landes. Nicht zu vergessen all die Künstler, die nach Berlin gegangen sind, wie etwa DJ Hell, die aus München gegangen sind, ohne dass München aus ihnen gegangen wäre ...

Leipzig und Jena

Der Dancefloor im Distillery; Foto: DistilleryIm Südosten der Republik angekommen, muss man sich nun wieder Richtung Norden wenden und passiert so automatisch die sogenannten neuen Bundesländer oder die ehemalige DDR. Auf dem Rückweg nach Berlin sollte man vor allem einen Besuch im einst düsteren, jetzt hell leuchtenden Leipzig einplanen, das mit der legendären Distillery den dienstältesten Technoclub Deutschlands beherbergt, mit Ilses Erika, Sweat und Velvet aber noch diverse andere schöne Spielstätten aufweist, mit den Plattenlabels Moon Harbour und Cargo zudem einige der ersten Adressen deutscher Musikproduktion beheimatet und insgesamt im Vergleich zur Größe enorme Wirkungsmacht besitzt.

Der Prima Club im Kassablanca; Foto: David HeraGetoppt wird es in diesem Vergleich eigentlich nur vom kleinen feinen Jena. Hier befindet sich mit den Labels Freude am Tanzen und Musik Krause sowie deren weitläufigem Künstlerstamm auf kleinstem Raum maximales Kreativpotenzial, und mit dem Club Kassablanca auch immerhin eine Örtlichkeit, in der man all diese großartigen Thüringer regelmäßig bei der Ausübung ihrer Kunst bewundern kann.

Wozu man allerdings auch nach der Rückkehr nach Berlin alle naselang Gelegenheit hat.

Hans Nieswandt
ist DJ, Musikproduzent (Whirlpool Productions), Buchautor und schreibt unter anderem für Spex, Groove und taz. Ausgedehnte DJ- und Vortragsreisen führten ihn rund um die Welt. Bei WDR einslive mixt Nieswandt seit Jahren jede Mittwochnacht eine eigene Radioshow.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Musikresidenzen

Internationale Musikstipendien in Deutschland

Musik in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Artists in Residence

Goethe-Institut Boston
Deutsche Künst-ler und Künstler mit deutschem Hintergrund als Artists in Residence in New England