Eintracht durch Kultur – Interview mit Gottfried Wagner

In der Überzeugung, dass grenzüberschreitende kulturelle Kooperationen zu den wichtigsten Faktoren europäischer Integration zählen, initiierte der Schweizer Philosoph Denis de Rougement 1954 die Europäische Kulturstiftung. Ein Gespräch mit dem Direktor Gottfried Wagner.Herr Wagner, neben sozialem Ausgleich, ökonomischem Erfolg und politischer Aushandlungskultur gilt nach Ihrem Dafürhalten das Streben der Europäer vor allem der kulturellen Selbstverwirklichung bei wechselseitiger Anerkennung der Differenz. Macht da eine europäische Kulturpolitik überhaupt Sinn?
Definitiv! Wir glauben, dass die EU als transnationales Gemeinwesen nicht nur über den Markt funktionieren kann, sondern auch Bedeutung – meaning – braucht, und das ist im eigentlichen Sinn Kultur. Wenn es keine Kultur-„Politik“ gibt, dann vollzieht sie sich quasi by default – unter der Hand. Besser ist es, sich den Herausforderungen in einem klugen Ausgleich der Interessen auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene zu stellen.
Das Problem ist, dass Kultur stets mit Identitätsfragen in einer Weise verknüpft wird, die zu Ängsten führen. Deshalb wollten die EU-Institutionen, geschweige denn die Mitgliedsländer, lange Zeit überhaupt nichts davon hören. Aber das hat sich nicht zuletzt im Gefolge der Culture-Clash-Debatte nach 9/11 sozusagen im Zuge der ideologischen Kriegsführung der Kulturen geändert.
Um die Kulturpolitik ist es in der EU auch hinsichtlich des Budgets nicht gerade bestens bestellt. Was würden Sie für angemessen halten, und welche Bedeutung kommt Ihrer Meinung nach privatem Engagement zu?
Wir haben in einer großen Kampagne vor einigen Jahren 70 Cent je Bürger pro Jahr gefordert. Damals waren es de facto 7 und zuletzt 13 Cent oder so. Wir sind also immer noch weit von unserem ohnehin bescheidenen Ziel entfernt. Erfreulich ist die Erkenntnis der Mitgliedsstaaten, dass es einer offenen Koordination über die Grenzen hinweg bedarf, dass komplementär zu den nationalen Kultureinrichtungen so etwas wie eine kulturelle EU-Außenstrategie entwickelt werden muss. Zum ersten Mal haben sich an der Grenze des Sichtbaren signifikante neue Geldquellen für Kultur in anderen Generaldirektionen aufgetan, etwa Erweiterung und Außenbeziehungen.
Auf privater Ebene hat sich in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen. In Italien beispielsweise, wo es infolge der Bankenprivatisierung wahrscheinlich die reichsten Stiftungen Europas gibt, konzentriert man sich längst nicht mehr nur ausschließlich auf lokale Schwerpunkte. Unter der Federführung einiger weniger haben die Stiftungen begonnen, sich zu öffnen. Sie stellen inzwischen beträchtliche Mittel auch für internationale europäische Projekte zur Verfügung und sind – was noch wichtiger ist – an Schlüsselprojekten europäischer Kulturkooperation beteiligt. Damit haben sie eine Art philanthropischen Markt geschaffen, der auch bahnbrechende Projekte einschließt, die sonst keine oder zu wenig Förderung finden würden.
Andererseits vertreten Sie die Meinung, dass das kulturelle Europa nicht in erster Linie über Kunstförderung im klassischen Sinne entsteht sondern über geeignete Rahmenbedingungen für eine europäische Zivilgesellschaft. Also was nun: Geld oder Ideale?
Na ja, wie man in Bayern sagt: „Ohne Geld koa Musi.“
Im europäischen Politikentwicklungsprozess geht es aber um mehr als Förderung. Damit die Menschen Europa nicht nur als notwendiges Übel betrachten, braucht es so etwas wie ein identifikatorisches Narrativ. Nicht von Oben, wie es sich die EU-Kommission vorstellt, sondern es muss wachsen. Dazu ist eine Art europäische Agora notwendig.
Wir haben im interkulturellen Dialog mit den wichtigen zivilgesellschaftlichen Organisationen die Regenbogen-Plattform geschaffen, die nicht nur – und das ist neu – kritisiert, wünscht und fordert, sondern wo sich hunderte NGOs austauschen, gemeinsame Ziele anpeilen und „monitoren“ können. Damit versuchen wir, einen kleinen Beitrag zum Entstehen einer europäischen Zivilgesellschaft zu leisten, und werden das in den nächsten Jahren mit Arbeitsschwerpunkt New European Narratives forcieren. Wir glauben, dass man über kulturelle Begegnung, über Neugierde – auch das Widerspenstige zum Beispiel der Kunst – eigentlich schon sehr viel Material hat für dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich kritisch definiert – auch gegenüber Obrigkeiten –, für eine gemeinsame gute Zukunft.
Das Projekt Europa mit positiven Energien neu gestalten
Außer der zivilgesellschaftlichen muss Ihrer Meinung nach auch die politische Verantwortung entwickelt werden, um public policy zu beeinflussen – auch und gerade in der Kulturpolitik. Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die verbreitete Skepsis gegenüber dem europäischen Einigungsprojekt, wie sie jüngst erst wieder bei den Europawahlen zum Ausdruck gekommen ist?
Ich glaube, der Wahlausgang hat viel zu tun mit der allgemeinen Politikverdrossenheit. Was uns fehlt sind neue Konzepte aufgeklärter Leadership – siehe Obama –, also diese Mischung aus langfristigem Denken, Authentizität, Tatkraft und Klarheit, mit der er über Verantwortung und auch Verpflichtungen spricht, die mit Citizenship verbunden sind. Umgekehrt: Je populistischer desto unglücklicher sozusagen das Echo im Volk, und das ist nicht nur ein Phänomen der Europawahlen. Hinzu kommt diese ungemeine Unsicherheit, die mit den Öffnungsprozessen einhergeht: 1989, die vehemente osteuropäische Integration, Migration und Fundamentalismus ...
Ich glaube, dass man das Projekt Europa mit positiven Energien neu gestalten muss. Das geht nicht nur mit Marketing, Branding oder Kommunikation, wie es die Kommission versucht. Es braucht tatsächlich so etwas wie gemeinsame Visionen, gemeinsame Aspirationen, sozusagen die Wiederentdeckung von gemeinsamen Werten, die in bestimmten Nationalstaaten als Folge der Krise diskutiert werden. Und da spielen Kultur im alten Sinn – also auch als Lebenskonzept – und die Sprengkraft der Kunst eine ganz große Rolle.
Während Sie das Europa der ersten Generationen als ein faszinierendes Experiment der pragmatischen Verschränkung der sozio-ökonomischen Interessen zur Sicherung von Frieden, Freiheit, Menschenrechten sowie zum Aufbau von Wohlstand und Solidarität betrachten, würden Sie sich von den nächsten Generationen eine Mitgestaltung der Globalisierung und starke europäische Impulse vor allem in Bildung und Kultur wünschen. Was versprechen Sie sich davon?
Für die jungen Leute sind die alten europäischen Mythen und Narrative so selbstverständlich geworden, dass man damit keinen Stich mehr machen kann. Für viele junge Intellektuelle oder Künstler ist Europa kein Selbstzweck mehr sondern eine Durchgangsstation auf dem Weg zu einer gerechteren und nachhaltigen Weltgesellschaft. Und der Wert Europas wird daran bemessen, wie effizient es in der Lage ist, bestimmte global lebenswichtige Prozesse im Sinne des Gemeinwohls aller zu beeinflussen.
Der Probierstein für Europa wäre dann sein Beitrag, die Weltgesellschaft humaner zu gestalten. Damit wird die Bildungsfrage zum Schlüssel richtiger Einschätzung: Was ist in meinem Interesse, was ist in unser aller Interesse? Und kulturell deswegen, weil es da um Sinnentwürfe, Lebensentwürfe geht. Und da haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder es geht sozusagen um den erbitterten Kampf um bestimmte Paradigmen gegeneinander oder gemeinsam nach dem zu suchen, was allen nützt und allen dient.
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de







