Bayern – Deutschland in Reinkultur

Jahrzehntelang war Bayern für Ausländer der Inbegriff von Deutschland – Deutschland in Reinkultur sozusagen. Es war – wie sollen wir es ausdrücken? – typisch deutsch. Eine Glosse von Roger Boyes.
Eine Art Nervenzusammenbruch
Die Amerikaner, die Bayern nach dem Krieg befreiten, liebten seine Oompah-oompah-Musik, seine saftiggrüne Landschaft, sein Bier und seinen Lokalpatriotismus. Die Bayern bezeichneten sich selbst als die Texaner Deutschlands und auch wenn die GIs eine durchaus andere Erinnerung an ihre Heimat hatten – ein rauer, trockener Ort, bevölkert von Viehherden, reich geworden durch Öl – nickten sie und riefen „Prosit!“ an den Holztischen des Oktoberfestes. Häufig war es das einzige deutsche Wort, das sie während ihrer zweijährigen Stationierung lernten und mit Sicherheit das einzige Wort, das sie verstanden, nachdem die Bayern die deutsche Sprache verstümmelt hatten.Daher ist es ein Schock für uns Ausländer zu erfahren, dass die Bayern, ehedem so selbstbewusst wie die Texaner, nun eine Art Nervenzusammenbruch erleiden.
Fakt eins: die CSU (Christlich-Soziale Union), die länger die alleinige Regierungsmacht hatte als es in einigen osteuropäischen Ländern der Fall war (wenn auch ohne die Hilfe eines Geheimdienstes – nichts bleibt in Bayern lange geheim), muss die Macht jetzt teilen. Das sind Horrornachrichten für solche Beamten (die nebenbei bemerkt zu den effizientesten Deutschlands gehören), die schon in frühester Jugend Parteimitglieder wurden, schon bald nach ihrem ersten Kuss oder ihrem ersten Vollrausch. Jetzt müssen junge, ambitionierte Bayern sorgfältiger nachdenken, bevor sie einer Partei beitreten. Die meisten Auswärtigen halten diese Entwicklung für positiv, sehen sie als ein Zeichen von Bayerns wachsender politischer Reife. Die Bayern selbst glauben, dass ein Desaster über sie hereingebrochen ist. Manche denken sogar daran, auszuwandern – nach Baden-Württemberg.
Fakt zwei: Bayern München, das Eliteteam Deutschlands – vor allem aus ausländischer Sicht – benimmt sich merkwürdig. Der neue Trainer, Jürgen Klinsmann, hat das Trainingsgelände nach den Prinzipien von Feng Shui gestaltet. Es gibt Aquarien und Gongs und Ecken des Spielfeldes, die Glück, Geld und Gesundheit symbolisieren. Und was passiert? Die Spieler, nun genauso ausgeglichen wie ihre Bankkonten, verlieren Spiele. Eine weitere bayerische Institution beginnt zu bröckeln. Und die Bayern haben einen weiteren Grund zu Prozac zu greifen.
Oder zu einem Glas Bier. Aber halt: das Oktoberfest – die alljährliche Orgie auf Münchens Wiesn – macht die Einheimischen diesmal auch nicht glücklich. Jahr für Jahr macht das Oktoberfest (das aus für Ausländer unerfindlichen Gründen größtenteils im September stattfindet) widerwillig ein paar Zugeständnisse an die moderne Welt. Schwulenabende wurden eingeführt, ebenso Dirndl-Punk – pinke Hotpants, enge Korsetts – aber am Ende bleibt es ein mittelalterliches Spektakel, bei dem es immer noch als ehrenhaft und amüsant gilt, mit einer Alkoholvergiftung aus einem Zelt getragen zu werden. Im Laufe der Jahre habe ich das Fest als eine Form von kulturellem Austausch anerkannt, auf seine Art genauso wichtig wie die eher nüchternen Veranstaltungen, die das Goethe-Institut organisiert. Insgesamt besuchten am ersten Tag fast eine Million Menschen die Wiesn und sie kommen immer noch in riesigen Massen. Ich möchte wetten, dass nicht viele Konferenzen des Goethe-Instituts diese Zahl oder das tägliche Verspeisen von 11 Ochsen erreichen: zugegebenermaßen werden aber auch nicht viele Goethe-Teilnehmer aus ihren Konferenzen getragen oder beenden ihrem Tag in der Ausnüchterungszelle. Der kulturelle Austausch kann viele Formen haben.
Das Trinkverhalten der Briten und das der Bayern
In einem Jahr nutzte ich das Oktoberfest, um das Trinkverhalten der Briten und das der Bayern zu vergleichen (aufgezeichnet in einem Buch namens How to be a Kraut). Die Grundregeln scheinen folgende zu sein:Der Engländer:
Stürzt sein erstes Bier hinunter, um seine Hemmungen zu überwinden. Es wird schnell wie Medizin getrunken.
- Nur dann kann er sich mit seinen Begleitern unterhalten. Einen halben Liter später bemerkt er, dass seine Freunde langweilig sind und beginnt mit Fremden zu reden.
- Nach dem dritten Bier hält sich der Engländer für unwiderstehlich, witzig und attraktiv.
- Nach dem nächsten halben Glas bemerkt er, dass ihm niemand zuhört. Er wird so wütend, dass er noch ein Bier bestellt.
- Mit einer kurzen Unterbrechung fürs Essen oder einen Streit schläft er ein.
Der Bayer dagegen ist ein Meister der trinkenden Künste, ein MDA (Master of drinking Arts):
- Zumindest auf dem Oktoberfest ist Bier ein Frühstücksgetränk, nahrhafter (behauptet der Bayer) als ein Müsli.
- Schneller als der Engländer, nämlich schon nach dem zweiten Bier, fühlt er sich bemüßigt Fremden Witze zu erzählen.
- Die Laune wechselt: er beginnt sich über die Saupreissn (nahezu alle nördlich von Mainz) und die Sozis zu beschweren.
- Nach dem dritten Liter wird der Bayer sentimental, verspürt das dringende Bedürfnis mit seiner Frau zu telefonieren. Manchmal streiten sie und er weint, abwechselnd mit lauten Lobpreisungen der Vorzüge seiner Frau.
- Es wäre gut nach Hause zu gehen, aber er fühlt sich … sooo müde.
Das alles zeigt, dass zwei Trinkernationen voneinander lernen können.
Fester Bestandteil der bayerischen Volkspsyche
Das Oktoberfest war eine Konstante, ein fester Bestandteil der bayerischen Volkspsyche. Eine der geistreichsten Marketingideen unter der Regierung von Edmund Stoiber (der meiner Überzeugung nach sein Bier heimlich mit Limonade mischte, um rationale politische Entscheidungen treffen zu können) war der Spruch, dass Bayern ein Land der „Lederhosen und Laptops“ sei. Genau: die Bayern können die moderne Welt empfangen, aber nur, wenn ihre Füße auf dem Boden bleiben.
Jetzt kommt aber der Hammer: die meisten Lederhosen, die in diesem Jahr auf dem Oktoberfest getragen wurden, stammen nicht von der Haut einer bayerischen Kuh. Sie wurden in China geschneidert! Die Bayern sitzen auf chinesischem Leder!
Kurz gesagt, Bayern gibt dem Druck der Globalisierung nach – und die alten Stereotypen ändern sich schnell. Langsam aber sicher werden die Bayern zu Weintrinkern (der Einfluss der Franken – die fränkische Ehefrau von Ministerpräsident Günter Beckstein schockte die Wählerschaft dieses Jahr zusätzlich, indem sie auf dem Oktoberfest kein Dirndl trug), und das verändert unmerklich ihre Sicht auf die Welt – und unsere Sicht auf sie. Die CSU von den Fesseln der absoluten Macht zu befreien, wird die bayerische Politik verbessern; es wird weniger Gemütlichkeit, weniger Korruption, weniger provinzielle Hinterhältigkeit geben. Bayern steht am Scheitelpunkt zu einer modernisierenden Revolution und wir Ausländer beginnen gerade erst auf den neuesten Stand zu kommen. Insofern mag ich was ich sehe. Selbst Lederhosen Made in China haben ihren Charme.
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
Foto „Bayerische Fahnen“ © Jens Bredehorn / PIXELIO
Foto „Lederhose“ © Kunsthandwerklich / PIXELIO
Foto „Biertisch“ © Alexander Hauk / bayern-nachrichten.de / PIXELIO
Foto „Oktoberfest“ © Maren / PIXELIO
Aus dem Englischen übersetzt von Heike Cornelsen
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
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September 2008










