Angela Merkel, Deutschlands erste Bundeskanzlerin

Ein Porträt des Politikwissenschaftlers Gerd Langguth über Angela Merkel, ihren politischen Werdegang und ihre deutsch-deutschen Facetten
Wohl kaum ein anderes Datum hat einen symbolhafteren Charakter für die deutsch-deutsche Teilung als der 13. August 1961: In den frühen Morgenstunden begannen Betriebskampfgruppen, Volkspolizei und Nationale Volksarmee mit dem Bau der Berliner Mauer. Der „antifaschistische Schutzwall“, so die offizielle Bezeichnung seitens der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), trennte Menschen in Ost und West, zerriss ganze Familien. Dies galt auch für eine Pfarrersfamilie in der Uckermark in Brandenburg, genauer: in Templin. An jenem 13. August hielt dort Horst Kasner in seiner Kirche eine Predigt, während seine aus Hamburg stammende Frau Herlind auf der Bank saß und weinte. Es sollte danach 23 Jahre dauern, bis sie wieder in den Westen fahren durfte – zur Beerdigung ihrer Mutter. So berichtet es zumindest Herlind Kasners Tochter Angela, 1961 sieben Jahre alt, und verweist darauf, dass der Bau der Mauer ihre „erste Erinnerung an politische Ereignisse“ sei.
44 Jahre später ist die deutsche Teilung zumindest offiziell Geschichte, doch ihre Auswirkungen sind immer noch, wenn auch nur mittelbar, spürbar. Denn jene Angela Dorothea Kasner, so ihr vollständiger Mädchenname, die heute unter dem Nachnamen ihres ersten Mannes, Ulrich Merkel, in der Öffentlichkeit auftritt, geht als erste Bundeskanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in die Annalen ein. Sie forderte als Parteivorsitzende der Christlich-Demokratischen Union (CDU) und als Fraktionsvorsitzende der zusammen mit der bayerischen Schwesterpartei, der Christlich-Sozialen Union (CSU), gebildeten CDU/CSU-Bundestagsfraktion den amtierenden Regierungschef Gerhard Schröder (Sozialdemokratische Partei Deutschlands / SPD) heraus. Doch wofür steht Angela Merkel politisch?
Ein politischer Pfarrershaushalt
Ihre von der deutschen Teilung geprägte Vergangenheit, ihre deutsch-deutsche Biographie, und insbesondere ihr Leben als Pfarrerstochter, all das erklärt sicher eine ganze Reihe von Facetten ihrer Persönlichkeit. Zwar erblickte Angela Dorothea Kasner am 17. Juli 1954 in Hamburg das Licht der Welt, doch schon drei Wochen später wurde sie in einem Tragekorb nach Quitzow, einem Dreihundert-Seelen-Dorf in der brandenburgischen Prignitz, in die DDR gebracht. Dort hatte Horst Kasner nach seinem Theologiestudium in Hamburg seine erste Pfarrstelle angetreten und zog drei Jahre später nach Templin in die Uckermark. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein ungewöhnlicher Schritt, denn allein in den ersten fünf Monaten des Geburtsjahres von Angela Merkel verließen gut 180.000 Bürger den sozialistischen „Arbeiter- und Bauernstaat“. Doch in der DDR, wo die Kirchen als Relikte einer „reaktionären“ bürgerlichen Gesellschaftsordnung galten, herrschte zunehmend Pfarrermangel, so dass einige Pfarrer ganz bewusst von West nach Ost gingen. Kasner leitete ab 1958 das sogenannte „Pastoralkolleg“ in Templin, eine Ausbildungsstätte für evangelische Pfarrer und zugleich so etwas wie ein geistiges Zentrum seiner Kirche. Später wurde er allerdings als der „rote Kasner“ bezeichnet, weil er sich mit der DDR-Staatlichkeit zu arrangieren versuchte und sogar Mitglied im Leiterkreis einer gegenüber der Staatsobrigkeit kooperativen „Bruderschaft“ aus Pfarrern, dem sog. „Weißenseer Arbeitskreis“, war. Dieser stand unter dem Einfluss der Staatssicherheit. Zweifellos muss Angela Merkels Elternhaus ein sehr politisches gewesen sein, denn eine Pfarrersfamilie in der DDR konnte nie „unpolitisch“ sein.Besser als die anderen und dabei unauffällig
Nach eigenen Angaben hatte Angela Merkel - dies wird auch von Mitschülern bestätigt - alles in allem eine glückliche Jugend. Aber sie merkte bereits früh, dass eine Pfarrerstochter in einem atheistischen Staat sowohl von Seiten der Klassenkameraden als auch der Lehrer unter anderer Beobachtung stand als die von der SED gehätschelten „Arbeiterkinder“. Aus der Retrospektive sollte sich dieser Umstand allerdings keineswegs zu ihrem Nachteil entwickeln. Nicht zuletzt ihre Mutter Herlind gab der jungen Angela immer wieder die Maxime mit auf den Schulweg, dass sie als Pfarrerstochter besser sein müsse als alle anderen, da sie sonst im „Staat der Werktätigen“ nicht studieren dürfte. Sie, eine Lehrerin, selbst hatte Berufsverbot. Dieses Besser-sein-wollen als die anderen, das hat Angela Merkel offensichtlich frühzeitig bewegt - und sie war in der Schule, wie es ein ehemaliger Lehrer sagt, eine „Ausnahmeerscheinung“, eine „Idealschülerin“. Sie erzielte in nahezu allen Fächern (mit Ausnahme von Sport) extrem gute Leistungen, galt jedoch gleichzeitig nicht im negativen Sinne als „Streberin“. Beispielsweise ließ sie andere Klassenkameraden von ihr abschreiben. Vom Typ her war sie eher unauffällig, was mit einer zweiten Grundregel zusammenhängt, die ihr die Eltern beigebracht hatten: Nie zu sehr auffallen, nicht „aus der Rolle fallen“. Und schließlich gab es noch eine dritte, in gewisser Weise damit zusammenhängende Regel, die ihr auch heute noch in der Politik zugute kommt und nach der es geboten war, ihre private Gedankenwelt und die offiziöse Welt der Politik voneinander zu trennen. Sie lernte dadurch das, was gelegentlich als „Tricksen und Täuschen“ in der Politik wahrgenommen wird. Weiterhin resultiert daraus ihre auch heute noch offensichtlich vorhandene Abneigung, Einblicke in das eigene Ich, in ihr Privatleben zuzulassen. Dies äußert sich in einer beredten Sprachlosigkeit, indem sie viel über sich erzählt und trotzdem wenig mitzuteilen scheint.
FDJ-Jahre in der DDR
Sowohl während des Studiums der Physik in Leipzig als auch während ihrer Zeit an der Akademie der Wissenschaften in (Ost-)Berlin erschien sie immer als fleißig und kollegial, wird als zurückhaltend bis schüchtern, aber durchaus als lebensfroh beschrieben. Bei ihren akademischen Lehrern, Kommilitonen und Arbeitskollegen fiel sie dabei nie als potentielle Führungskraft auf, war jedoch – und hierüber spricht sie heutzutage nur äußerst ungern – in ihrer Schul-, Studien- und Akademiezeit nicht nur schlichtes Mitglied in der Freien Deutschen Jugend (FDJ), der kommunistischen Vorfeldorganisation der SED, sondern dort jeweils in Leitungsfunktionen tätig. Die Behauptung, sie wäre in der FDJ der Akademie sogar für Agitation und Propaganda zuständig gewesen, weist sie strikt zurück und betont vielmehr, sie habe lediglich Theaterkarten besorgt und gesellige Veranstaltungen organisiert. Die Mitgliedschaft in der FDJ war sicherlich eine Voraussetzung für das Studium. So sehr sie in diesem Sinne politisch angepasst war, kann aber doch konstatiert werden, dass sowohl Angela Merkel, spätestens nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, dessen Musik sie hörte, als auch ihr persönliches Umfeld eher kritisch zum DDR-System eingestellt waren. Dies zeigt sich beispielsweise auch an den von ihr ausgesuchten Prüfern an der Universität Leipzig. Aber sie tat nichts, um den Staat auch im kleinen ernsthaft aktiv herauszufordern, wenngleich sie behauptet, sie wäre bei den Wahlen zur Volkskammer in der DDR in die Kabine gegangen, was unverkennbar als Zeichen des Protestes galt und schon eine gewisse Mutprobe dargestellt hätte.
Die Wende und Merkels Aufstieg
Politisch aktiv wurde sie erst zur Jahreswende 1989, wenige Tage vor Weihnachten, zu einem Zeitpunkt also, als keine Repressionen mehr durch die Staatsmacht drohten. Nachdem sie zunächst bei der sozialdemokratischen SDP (heute SPD) vorbeigeschaut hatte, trat sie dem politisch breit aufgestellten Demokratischen Aufbruch (DA) bei, der gemeinsam mit der CDU und einer weiteren, damals noch in der DDR gegründeten Partei im Rahmen einer „Allianz für Deutschland“ bei den ersten freien und zugleich letzten Volkskammerwahlen der DDR Wahlkampf machte. Was folgte, ist eine weithin bekannte, steile politische Karriere: Stellvertretende Regierungssprecherin der letzten Regierung der DDR unter Lothar de Maizière, Bundestagsabgeordnete im Dezember 1990, wenige Wochen später gar Bundesministerin für Frauen und Jugend, danach dann Bundesumweltministerin, Generalsekretärin sowie Partei- und Fraktionsvorsitzende der CDU. In die Geschichte der CDU wird ihr Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Dezember 1999 eingehen, in dem sie die eigene Partei aufforderte, sich vom damaligen Ehrenvorsitzenden Kohl zu emanzipieren. Dieser Artikel sollte das Verhältnis zwischen dem Altkanzler und seinem einstigen „Männerfreund“ Wolfgang Schäuble vollends zerstören und beide in den politischen Abgrund reißen helfenDoch wieso Merkels rasanter Aufstieg? Zunächst ist ein Charakterzug zu nennen, dass sie, wie es ihr von den Eltern schon in ihrer Jugendzeit mit auf den Weg gegeben wurde, mit Hartnäckigkeit alles daran setzt, sich durch Spitzenleistung zu verwirklichen. Ihr unbedingter Wille zur Macht, den sie mit Persönlichkeiten wie Kohl und Schröder gemeinsam hat, resultiert nicht zuletzt aus dem Anspruch, besser als alle anderen sein zu wollen. Die promovierte Physikerin gab im Juli 2004 in einem Interview mit der Berliner Zeitung zu Protokoll: „Früher wollte ich auch Macht – die über die Moleküle. Es geht mir um Gestaltung. Das mache ich jetzt auf einem ganz anderen Feld.“ Angela Merkel ist - wie eine ganze Reihe von Politikern – ein „Politaholic“ und der Droge „Macht“ verfallen. Sieben Tage, 24 Stunden Politik – das ist ihr (vermutlich mitunter einsames) Leben.
Generalistin ohne historische Fixierung
Eine weitere wichtige Triebfeder ihres Handelns ist ihr rationales Herangehen an Herausforderungen. Die „ideologiefreie“ Naturwissenschaftlerin ist - im Gegensatz zum Historiker Kohl - Generalistin ohne historische Fixierung. Sie war in ihren entscheidenden Lebenssituationen immer in der Lage, nüchtern und rational Vorteile abzuwägen, was sie selbst folgendermaßen umschreibt: „Ich bin, glaube ich, im entscheidenden Moment mutig. Aber ich brauche beachtliche Anlaufzeiten, und ich versuche, möglichst viel vorher zu bedenken.“ Diese Rationalität zeichnet auch ihren Politikstil und ihr Gesellschaftsbild aus. Sie geht von der Notwendigkeit eines effizienten, beinahe mechanischen „Funktionierens“ einer Gesellschaft aus und unterschätzt dabei leicht die Bedeutung lang tradierter Erfahrungen und Verhaltensmuster, die sich einer nüchternen naturwissenschaftlichen Betrachtung entziehen. Sie widmet sich nicht einem bestimmten Bild der Zukunft, sondern der Lösung konkreter Fragen unter Kriterien der Effizienz. Damit entspricht sie eher dem Typus eines „modernen“ Politikers, der mit den grundsätzlichen, tradierten, wertorientierten und gelegentlich betulichen Ausdrucksformen klassischer CDU-Politik so gut wie gar nichts zu tun hat. Dies entfremdet sie von Teilen der klassischen Klientel ihrer eigenen Partei und bringt ihr bisweilen den Ruf ein, „eiskalt“ zu sein – im Übrigen ein Stigma, das sie mit der ehemaligen britischen Premierministerin und „iron lady“ Margaret Thatcher, die ebenfalls von der Ausbildung her Naturwissenschaftlerin ist und mit der sie des Öfteren verglichen wird, teilt.Politische Grundeinstellungen
Weiterhin sind Angela Merkels Überzeugungen Gegenbilder, die sich aus der Erfahrung mit dem real existierenden Sozialismus, aus der Mangelwirtschaft und der zur Rhetorik entarteten ideologischen Überhöhung des Lebens in der DDR durch den Marxismus-Leninismus speisen. Aus diesem Grund denkt sie in Kategorien individueller Freiheit und Verantwortung. Sie setzt nicht auf den im Westen Deutschlands traditionellen „rheinischen Kapitalismus“ mit dessen nur sanften Zumutungen an die Bürger, sondern auf das deutliche Gegenbild zu dem von ihr erlittenen Sozialismus, bezieht sich in diesem Sinne eher auf wirtschaftsliberales als auf der katholischen Soziallehre basierendes Gedankengut. So ist ihr wirtschaftspolitisches Credo eher eine von Maßstäben der Effizienz geleitete Marktwirtschaft. Deshalb verhinderte sie auch nicht mit einer prinzipiellen Blockadepolitik die von der rot-grünen Bundesregierung angestoßenen, in der Bevölkerung äußerst unpopulären sozial- und arbeitsmarktpolitischen Reformen, insbesondere die sogenannten „Hartz IV“-Regelungen, auch wenn Merkel nicht mit harter Kritik zurückhielt. Nach ihrer Meinung würden die getroffenen Vereinbarungen nur einen ersten, kleinen Schritt in die richtige Richtung darstellen und gingen keineswegs weit genug, um die strukturellen, arbeitsmarktpolitischen Probleme des Standortes Bundesrepublik langfristig zu beheben. Diese Forderungen nach resoluten Veränderungen brachten sie gelegentlich in Konflikt mit einigen Parteianhängern und vor allem auch mit der CSU.Dem Gegenbild des Sozialismus entspricht darüber hinaus auch ihr positives Amerikabild. Gerade ihre DDR-Sozialisation und die hiermit verbundene tagtägliche Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen im real existierenden Sozialismus haben bei ihr ein positives transatlantisches Bewußtsein geprägt – im Übrigen ein Phänomen, das bei vielen Bürgern mittel- und osteuropäischer Staaten vorhanden ist, die sich zur Zeit des Kalten Krieges im Machtbereich der Sowjetunion befanden. Angela Merkel hat noch sehr gut in Erinnerung, dass ohne die entscheidende Haltung des damaligen US-Präsidenten George Bush sen. die Deutsche Einheit nicht oder nicht so schnell gekommen wäre. Dieser prinzipielle Pro-Amerikanismus offenbarte sich nicht zuletzt 2002 in ihren Einstellungen zur Amerika- und Irakpolitik, weshalb sie in den deutschen Medien als „eine Amerikanerin in Deutschland“ verspottet wurde. Sie hat in diesem Zusammenhang zwar entgegen mancher Unterstellungen nie einen Einsatz deutscher Truppen als Teil der „Koalition der Willigen“ verlangt, wohl aber durch ihre harte Kritik an der rot-grünen Bundesregierung den Eindruck einer generellen Unterstützung der amerikanischen Politik vermittelt.
Oftmals unterschätzt und lernfähig
Ob sie es nun will oder nicht: Angela Merkels Charakter und ihre Art des Politikstils ist von ihrer Vita in der DDR geprägt und diese Vergangenheit holt sie auch heute immer wieder ein. Im Wahlkampf zeigte sie sich „sehr stolz“ darauf, dass sie „als gesamtdeutsche Kandidatin wahrgenommen werde“, in Wahrheit erscheint sie vielen Westdeutschen aber immer noch als „ostdeutsch“, während sie für viele Ostdeutsche indes als „westdeutsch“ gilt. Dies hängt beispielsweise auch damit zusammen, dass sie den Prozess der Deutschen Einheit, während dem sie ihre politische Karriere begann, nie als „normale“ Bürgerin, sondern stets als eine „von oben Mitgestaltende“ erfahren hat. Sie besitzt zwar die Diktatur-Erfahrungen einer Ostdeutschen, denkt aber in der Logik einer Westdeutschen. Eines der Geheimnisse von Merkels Erfolg ist die Tatsache, dass sie lange Zeit hinsichtlich ihrer Zielstrebigkeit und ihrem Machtwillen unterschätzt wurde. Der Berliner Operndirektor Michael Schindhelm, der früher Arbeitskollege von Angela Merkel an der Akademie der Wissenschaften war, nannte sie einst „vielleicht“ eine „Halbschwester von Parsifal“: „Die Frau, die seit fünfzehn Jahren in wechselnden bundespolitischen Rollen aufgetreten ist, man kennt sie nicht.“ Dem ist insofern zuzustimmen, da sie kein homogenes, klar verortbares Bild im traditionellen Muster der deutschen politischen Landschaft abgibt. Für viele ist es immer noch erstaunlich, dass sie von „Kohls Mädchen“ zu einem „mächtigen Politboss“ herangewachsen ist. Schindhelm kommt zu der Deutung, sie laufe vielleicht deshalb durch den Gefahrenparcours der männerdominierten Politik, „weil sie von Gefahr und Verführung nichts weiß“, weshalb sie „glücklich durch den düsteren deutschen Politikwald“ komme. Dem ist zu widersprechen. Angela Merkel zeichnet sich durch eine ungeheure Lernfähigkeit aus. Kaum eine Frau in der deutschen Politik weiß inzwischen von Gefahren und Verführung so viel wie Angela Merkel.
| Gerd Langguth: Angela Merkel. dtv, München 2005, 371 S., € 14,50; ISBN:3423244852 |
Prof. Dr. Gerd Langguth unterrichtet Politische Wissenschaft an der Universität Bonn
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September 2005









