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Geschichte aus dem Kopfhörer – „Hörpol“, ein Audio-Rundgang durch die Straßen Berlins

Hörpol-Station „Mut“ in der Rosenthaler Straße 39, vor dem Museum „Blindenwerkstatt Otto Weidt“. Foto: Verena HütterHörpol-Station „Mut“ in der Rosenthaler Straße 39, vor dem Museum „Blindenwerkstatt Otto Weidt“. Foto: Verena HütterAusgestattet mit einem Stadtplan, den Walkman auf den Ohren, können Jugendliche in Berlin-Mitte jüdische Geschichte vor Ort erfahren.

Morgendlicher Berufsverkehr, ein Hinterhof wie so viele in Berlin-Mitte. Draußen auf der Rosenthaler Straße rattert ein Bus vorbei, ein LKW beliefert den Supermarkt vis-à-vis. Im Hof selbst ist es sehr ruhig, die Oktobersonne fällt auf die Dächer.

Vor 60 Jahren herrschte hier reges Treiben, in dem Haus mit der Nummer 39 hatte Otto Weidt eine Blindenwerkstatt eingerichtet, in der Besen und Bürsten hergestellt wurden. Ein „kriegswichtiger Betrieb“, in dem ausschließlich Juden arbeiteten. Darüber, wie der liebevoll „Papa Weidt“ Genannte seine Mitarbeiter vor den Nazis beschützte, berichtet Dietrich Lehmann, Schauspieler am Berliner Grips-Theater, an einer von insgesamt 27 Hörpol-Stationen via Kopfhörer.

Das „Hörpol-Revier“: rund um den Bahnhof Hackescher Markt. Foto: Verena HütterHörpol ist eine Internet-Plattform für Jugendliche. Kostenlos können hier ein Stadtplan und Audio-Dateien heruntergeladen werden. Die zwei- bis zehnminütigen Beiträge handeln von jüdischer Geschichte im dritten Reich und in der Gegenwart, von Verzweiflung, Hoffnung, von Mut und Brutalität.

Hörpol entfaltet seine Wirkung nur vor Ort“, lautet der Appell auf der Website, die der Autor Hans Ferenz 2009 konzipiert und realisiert hat. Tatsächlich liegt der besondere Reiz der Mini-Hörspiele, die über MP3-Player oder Handy übertragen werden, im unmittelbaren Aufsuchen der Orte, die so viel Geschichte in sich tragen und heute ganz selbstverständlich ins rege städtische Treiben rund um Rosa-Luxemburg-Platz, Hackescher Markt, Oranienburger Straße und Rosenthaler Platz eingebunden sind.

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Prominente Unterstützung für „Hörpol“

Jüdischer Friedhof in der Großen Hamburger Straße. Foto: Verena HütterIn vielen Hörspielen kommen Zeitzeugen zu Wort. So etwa der türkische Jude Isaak Behar, der berichtet, wie er im Jüdischen Altenheim in der Großen Hamburger Straße, heute eine Gedenkstätte, der Deportation ins Konzentrationslager entkam, weil ihm die alte Dame Hannah einen Passagierschein schenkte und damit die Freiheit und das Leben. Von Hannah und Isaak berichtet Murat alias Serkan Sahan, ein türkisch-deutscher Schauspieler, in der „ersten Radioshow to go“ und bittet seine Hörer „Denkt nach – wenn es Adolf Hitler noch gäbe, gäbe es keinen Bushido in Deutschland, keine süße Bedienung im Pizzaladen nebenan. Die halbe Fußballmannschaft von Hertha wäre tot.“

Stadtplan ausdrucken, mp3-Dateien herunterladen und schon kann der Hörpol-Rundgang beginnen. Foto: Verena HütterSehr abwechslungsreich und an vielen Stellen humorvoll wird den jugendlichen Zuhörern jüdische Geschichte vermittelt. Die Hörpol-Macher konnten zahlreiche prominente Unterstützer für das Projekt gewinnen. Tatort-Komissar Axel Prahl etwa unterhält sich mit Moderator Murat im Hörspiel Fromms über den jüdischen Erfinder und Fabrikanten Julius Fromm, der in der Mulackstraße 9, wo heute ein Kinderspielplatz ist, eine Kondomfabrik betrieb. Der Schriftsteller Klaus Kordon liest an drei Stationen aus seinem Roman Julians Bruder vor, der im dritten Reich spielt und vom Juden Jule und dem Nicht-Juden Paul erzählt.

Hörpol-Station „Fang an!“ vor dem Eingangstor zum Garnisonsfriedhof in der Kleinen Rosenthaler Straße 3. Foto: Verena HütterGanz wichtig sind die O-Töne von Schülern, die fast jedes Hörspiel abschließen. Jugendliche diskutieren das eben Gehörte und fragen: „Wie sieht das heute aus?“ So wird die Jüdische Schule in der Großen Hamburger Straße dem Hörer von Jugendlichen vorgestellt, die ebendiese Schule besuchen. Das Schulgebäude, das derzeit aus dem Fonds des Konjunkturprogramms II der Bundesregierung saniert wird, steht auch Nicht-Juden offen. Zu Hip-Hop-Klängen in Klezmer-Manier erzählen die Schüler von Gemeinschaftsgefühl, strengen Sicherheitsvorkehrungen und von Klassenfahrten nach Polen und nach Israel.

„Leute von meiner Sorte kommen wieder, immer wieder.“

Hörpol-Station „Ohne mich!“ in der Linienstraße, an der Friedhofsmauer, kurz vor der Gormannstraße. Foto: Verena HütterIn der Auguststraße Ecke Joachimstraße wird der Hörpol-Rundgänger plötzlich selbst angesprochen: „Hey Sie da!“, meldet sich die Stimme eines Kerls, der sich als Blockwart herausstellt. Die Kopfhörer seien ihm und dem Reichsproganda-Ministerium sehr verdächtig, sagt er. 

Schwer vorstellbar, dass hier, wo heute ein Spielplatz, ein Parcours für Skater und eine Liegewiese angelegt sind, im zweiten Weltkrieg die alte Dame aus der Nummer 9 und mit ihr der Jude Josef Schwarz, den sie versteckt hielt, von der Gestapo abgeholt wurden.

Hörpol-Station „Fromms“ vor dem ehemaligen Haus der Mulackstraße 9, heute ein Spielplatz. Foto: Verena Hütter„Leute von meiner Sorte kommen wieder, immer wieder“, warnt der Blockwart am Ende des Beitrags. Die Tatsache, dass nazistisches Gedankengut unter der Oberfläche auch heute noch in der Gesellschaft vorhanden ist, wird beim Hörpol-Rundgang immer wieder in Erinnerung gerufen. Die jugendlichen Zuhörer sollen sich der Gefahr bewusst werden, die hiervon ausgehen kann.

Ganz weit entfernt sich der Hörer von den übrigen Passanten, wenn er vor dem Eingangstor zum Garnisonsfriedhof in der Kleinen Rosenthaler Straße steht. Insgesamt 1.045 Opfer wurden nach den verheerenden Straßenkämpfen in Berlin 1945 hier auf dem Friedhof in einem Massengrab bestattet. „Schau es Dir an“, fordert eine Stimme den Besucher auf, der Gang über den Friedhof wird von einem Lied begleitet, das die Berliner Band The Munchies extra für die Station geschrieben und aufgenommen hat.

Hörpol-Station „Scherben“ in der Alten Schönhauser Straße Nummer 42. Foto: Verena Hütter

Geschichtsunterricht von diesem Kaliber geht an die Nieren. Und darum betont die Website, dass es bei Hörpol „keine vorgeschriebenen Wege gibt“. Der Hörer muss keinesfalls alle 27 Stationen besuchen. Er kann entscheiden, wo er startet, und er kann den Rundgang jederzeit abbrechen, wenn es ihm zuviel wird.

Geschichte weit weg vom Muff angestaubter Bücher

Alte Schönhauser Straße Ecke Steinstraße. Foto: Verena HütterFür Schulklassen und ihre Lehrer, die die einzelnen Themen im Unterricht vertiefen möchten, bietet Hoerpol.de umfangreiches Unterrichtsmaterial zum Download an. Die Materialien für die Klassenstufen Neun bis 13 wurden in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schule und Medien für alle Schultypen, von der Hauptschule bis zum Gymnasium, konzipiert. Ohne den muffigen Staub vieler Geschichtsbücher stellt Hörpol einen direkten Bezug zum unmittelbaren Alltag der Rezipienten her. Und ist es nicht um einiges interessanter, wenn statt eines graubärtigen Geschichtslehrers der Moderator Murat Geschichte vermittelt und die Generation, die die Schrecken des dritten Reichs nicht miterleben musste, eindringlich vor dem „krassen Nazi-Cop“ Adolf Hitler warnt?

Verena Hütter
lebt als freie Redakteurin und Autorin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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