Künste

Comeback der Unsichtbaren: Hörkunst in Deutschland

Chris Watson / Wildlife Recordist, Soundkünstler; Copyright: Chris Watson
Chris Watson / Wildlife Recordist, Soundkünstler; Copyright: Chris Watson
Chris Watson, Wildlife Recordist
Auf Festivals, in Ausstellungen und Veranstaltungsreihen findet Hörkunst in Deutschland ein wachsendes Publikum. Hörspiel und Radiokunst erneuern sich im lebendigen Austausch mit bildender Kunst, experimenteller Musik und avancierten Theaterformen. Durch Vorführungen in Schauspielhäusern, Kinos und Clubs treten die unsichtbaren Künste ins Licht der Öffentlichkeit.

Hörkunst ist flüchtig, naturgemäß. Deshalb muss man sich an die besonderen Momente halten. Zwei Szenen aus jüngster Zeit: 4. Juni 2007, Deutscher Bundesrat, Berlin. Das Streichquartett hat seinen ersten Auftritt absolviert. Der Innenminister a. D. Gerhart Baum spricht von der "Verletzbarkeit der Kultur". Aus den Lautsprechern schnarrt eine Megaphonstimme: "Berechnen Sie sich Ihr eigenes Menschenbild!" Schorsch Kamerun, Punkmusiker, Autor, Theatermacher, der vor 20 Jahren mit seiner Band "Die goldenen Zitronen" die ersten Konzerte in der Hamburger Hausbesetzerszene gab, bekennt sich zum Hörspiel: einer Kunstform mit langem Atem und einem konzentrierten Publikum. Für sein Radiostück "Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt" (WDR), erhält er den diesjährigen "Hörspielpreis der Kriegsblinden", die angesehenste Auszeichnung für deutschsprachige Hörspielautoren.

20. April 2007, Pariser Platz, Berlin. Wie auf ein geheimes Zeichen fallen etwa hundert auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor verstreute Menschen aus der Rolle. Im selben Augenblick beschleunigen sie ihre Schritte, springen und beginnen zu tanzen, inmitten des Gedränges von Touristengruppen, Velotaxis, politischen Demonstranten und anreisenden Staatsgästen; sie fotografieren einander, legen sich hin und klopfen auf den Boden, sammeln sich schließlich, um in einer Art Prozession rückwärts durch das Tor zu schreiten. Die "Woche des Hörspiels", ein internationales Hörkunstfestival der Akademie der Künste, eröffnet mit einem "Radioballett" der Gruppe LIGNA: Keiner der Umstehenden hört die Signale, die die Teilnehmer über Kopfhörer dirigieren. Wie ein Spuk bringt das Aktionshörspiel den Platz für eine Stunde aus dem Takt.

Neue Töne aus dem Zauberkasten

Die Hörkunst ist in Bewegung. Sie findet längst nicht mehr nur im Radio statt, auch wenn sie in den öffentlich-rechtlichen Sendern nach wie vor ihre wichtigste Basis hat. Dass Hörspiel und Radiokunst gerade in Deutschland eine weltweit einzigartige Vielfalt ausprägen konnten, ist nicht zuletzt ein Geschenk des föderalen Rundfunks.

Copyright: pixelio media gmbhRund 400 neue Stücke produzieren die ARD Hörspielredaktionen im Jahr (wenn man die zahlreichen Mehrteiler von meist zwei bis drei, manchmal auch zehn, zwanzig oder mehr Folgen jeweils als ein Hörspiel zählt), hinzu kommen etwa 80 Neuproduktionen der bundesweit ausgestrahlten Programme DeutschlandradioKultur und Deutschlandfunk. Jeder der neun ARD-Sender setzt eigene Schwerpunkte und verleiht Hörspielen, Klangkunst und Radiofeatures ein eigenes Profil. Das literarische Hörspiel ist in allen Programmen zu Hause, beim MDR, NDR und RBB mit einem deutlichen Akzent auf das alltagsnahe, zeitkritische Erzählen, gefördert durch Wettbewerbe und Nachwuchs-Programme. Junge Schriftsteller und Dramatiker stehen auch bei Radio Bremen im Mittelpunkt, wo man sich zudem darauf versteht, die Radioarchive besonders phantasievoll lebendig zu machen.

Im Saarländischen Rundfunk prägt die Nähe zu Frankreich mit Stoffen und zeitgenössischen Stücken aus dem frankophonen Sprachraum (Frankreich, Kanada, Belgien, Schweiz) das Programm. Der WDR hat dem Hörspiel mit Musikern, Theater- und Filmemachern wie Schorsch Kamerun oder Christoph Schlingensief wichtige Impulse gegeben, das "tanzbare Feature" erfunden und die Hörkunst mit dem traditionsreichen "Studio Akustische Kunst" der Neuen Musik geöffnet – ebenso wie der SWR, der mit dem "Karl-Sczuka-Preis" einmal im Jahr eine der wichtigsten internationalen Auszeichnungen für musikalisch orientierte Radiokunst ausschreibt. Auch der HR bietet Musikern, DJs und bildenden Künstlern Raum für Experimente. Die BR-Redaktion "Hörspiel und Medienkunst" hat – oft zusammen mit Theatern und Kunst-Institutionen – im Anschluss an die frühe Radio-Avantgarde das Live- und Pop-Hörspiel erneuert. Internationale Klangkunst und innovative Formen wie Minidramen ("Wurfsendung"), Klangminiaturen ("Geräusch des Monats") und Internetradio ("blogspiel") findet man bei DeutschlandradioKultur, während der Deutschlandfunk in Hörspiel und Feature gern politisch profiliert auftritt. Soweit eine notwendig skizzenhafte Umschau im Überflug.

Komponisten und Künstler als Hörspielmacher

Seitdem es Radio gibt, steht die Hörkunst mit anderen Künsten in einem fruchtbaren Austausch. Das gilt für die ersten, von Theater, Film und Großstadtliteratur beeinflussten Experimente in den zwanziger und dreißiger Jahren und erst recht für das "Neue Hörspiel" seit den Sechzigern und frühen Siebzigern, mit dem die Radiokunst in Deutschland intermedial und international wurde. John Cage produzierte Hörspiele bei verschiedenen deutschen Sendern, und eine Reihe von Künstlern und Komponisten als Hörspielmachern folgte ihm: von Mauricio Kagel über Bill Fontana, George Brecht und Pierre Henry bis zu heutigen Klang-Laboranten wie FM Einheit oder Philip Jeck.

In den intermedialen Mischformen liegt auch heute das größte Entwicklungspotential der Hörkunst. Das konnte man zuletzt auf der "Woche des Hörspiels" erleben, wo in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Lissabon und dem portugiesischen Radio RDP Musiker, Dramatiker und Klangkünstler aus Portugal ihre Hörstücke und Performances präsentierten und einen vitalen Eindruck von der Hörkunstszene eines Landes vermittelten, das in internationalen Medienwettbewerben wie dem "Prix Europa" oder dem "Prix Italia" in den letzten Jahren kaum vertreten war.

Hörkunst zum Sehen und Anfassen

Copyright: pixelio media gmbhEin deutliches Statement für Grenzgänge ist auch die Entscheidung der ARD, die eigenen Hörspieltage 2006 und 2007 im "Zentrum für Kunst und Medientechnologie" (ZKM), Karlsruhe abzuhalten, einem international renommierten Medienkunsthaus. Das Radio ist der aktive Kern, und an den Rändern schäumt es. Die Künstlerin Michaela Melián ist ein gutes Beispiel dafür. Im vergangenen Jahr erhielt sie den Kriegsblindenpreis für ihr Hörspiel "Föhrenwald", das als Teil einer audiovisuellen Installation vom BR zusammen mit dem "kunstraum münchen" produziert worden war: An die Wand projizierte Grafiken und die (im Radio auch separat ausgestrahlte) Tonspur erzählten gemeinsam die Geschichte eines Auffanglagers für jüdische Überlebende aus ganz Europa.

Dass man Hörkunst jetzt immer häufiger in Ausstellungen und Theatern, in Clubs und auf Festivals wie der Berliner Hörspielwoche, dem Erlanger Hörkunstfestival, dem Hörspielfest in Weimar oder dem Leipziger Hörspielsommer erleben kann, hat einen positiven Nebeneffekt: Auch das sonst unsichtbare Publikum tritt ans Licht, und es ist längst nicht so klein und in Würde oder Nostalgie ergraut, wie die Hörerstatistiken der verschiedenen Kulturradios es immer noch nahe legen. Die Beweggründe für die neue Lust am Hören sind sicher höchst unterschiedlich. Für manche ist es die Wiederentdeckung einer Jugendliebe. Nicht zu übersehen ist aber auch das Interesse einer neuen Generation von Künstlern und Mediengestaltern, die mit den unterschiedlichsten Medien aufgewachsen sind und in der Arbeit mit Klang einen attraktiven Weg unter anderen sehen, zumal wenn man dabei nicht strikt auf andere Ausdrucksmittel verzichten muss. So findet die Hörkunst unter Studierenden von Kunst-, Film-, Theater-, Medien- und Musikhochschulen neue Anhänger und experimentierfreudige Macher. Das wirkt auch auf das Radio zurück, wenn das Hörspiel sich in seinem Zauberkasten nicht verschließt und für neue Einflüsse und Impulse offen bleibt.

Frank Kaspar
lebt als freier Kultur- und Medienjournalist in Berlin. Seit 1999 schreibt er über Hörspiel und Radiokunst für die FAZ, Theater heute und verschiedene ARD-Sender. Im April 2007 kuratierte er gemeinsam mit der Publizistin Gaby Hartel die "Woche des Hörspiels" der Berliner Akademie der Künste.

Foto „Kopfhörer“ © Ingo Neumann / PIXELIO
Foto „Mikrophon“ © Enrico Kahnt / PIXELIO

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Juli 2007

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