Medien

Politische Kommunikation im Web 2.0

Angela Merkels Videoblog. Copyright: REGIERUNGonline „Heute wende ich mich auf einem ganz neuen Weg an Sie: Mit einem Video-Podcast. Neue Technologien faszinieren nicht nur junge Menschen, auch ich habe meine Freude daran.“ So begrüßte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Internetgemeinde in der ersten Episode ihres Video-Podcasts im Juni 2006.

Während die Kanzlerin damals medienwirksam zum Start der Fußball-WM noch einen Coup landen konnte, sind inzwischen die großen Parteien und einige prominente Politiker nachgezogen und setzen sich mit Videobotschaften im Youtube-Stil online in Szene.

Dabei sticht vor allem die FDP mit dem Videoportal TV-liberal.de hervor, das auch als eigener Channel auf YouTube zu finden ist. Im Oppositions-TV greifen FDP-Politiker aktuelle politische Debatten auf und verkünden die eigene parteipolitische Meinung. Auch der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU), die SPD (spd-podcast.de) und die Linksfraktion (linksfraktion.de) sind inzwischen mit Video-Podcasts im Netz vertreten. Insbesondere die Linke überrascht mit dem modernsten Webangebot. Audio- und Videobeiträge und eine durch die Programmiertechnik AJAX sehr „webzweinullige“ Website.

Nichtsdestotrotz gilt für alle Angebote: Man gibt sich modern im Format, inhaltlich jedoch herrscht plumpe Parteien-PR – alter Wein in neuen Schläuchen also. Neu ist indes, dass diese Form der politischen Kommunikation ohne journalistische Mittler auskommt. Parteien und Politiker wenden sich ungefiltert, unkommentiert und damit ohne eine professionelle redaktionelle Einordnung an die Bürger. Paradiesische Zustände für die PR- und Kommunikationsstrategen der Parteien. Dialogorientierung, Vernetzung mit anderen Seiten oder Möglichkeiten der Partizipation – drei wichtige Grundprinzipien im Web 2.0 – spielen für die Macher kaum eine Rolle.

Darin zeigt sich, dass Parteien und Politiker in der einseitig ausgerichteten Medienlogik der Massenmedien verhaftet geblieben sind, die Kontrolle und die Steuerungswirksamkeit der Kommunikation nicht aufgeben wollen. Das Web dient den meisten lediglich als zusätzliches Verlautbarungsinstrument. Dabei waren es gerade die Weblogs von Parteien und Politikern, die im Bundestagswahlkampf 2005 die Hoffnung schürten, dass die politische Kommunikation in Deutschland eine neue Qualität erreicht und interaktiver wird. Doch so schnell wie nach der Wahl die Aufstellplakate abgehängt wurden, so schnell verwaisten auch die meisten Weblogs. Die Akteure tun sich schwer mit der direkten Kommunikation, ein offener, interaktiver Dialog mit den Internetnutzern wird gemieden. Dabei sind es gerade die partizipativen Möglichkeiten, die Auflösung der Grenze zwischen Sender und Empfänger sowie die Vernetzung zu Onlineöffentlichkeiten, die den Wandel hin zum Mitmachweb befördert haben.

Die politische Blogosphäre in Deutschland

Werfen wir einen Blick auf die Bürger. Wie nutzen sie die Möglichkeiten im Web 2.0? Der Kommunikationswissenschaftler und Weblog-Forscher Dr. Jan Schmidt von der Forschungsstelle Neue Kommunikationsmedien in Bamberg kommt in einer Studie zu den Bloggingpraktiken in der deutschsprachigen Blogosphäre zu dem Ergebnis, dass der typische Politblogger in Deutschland über 30, männlich und gut gebildet ist. Rund ein Drittel der befragten Blogger gaben dabei an, dass sie auch zu politischen Themen schreiben. Nationale und internationale Politikthemen dominieren hierbei mit 80 Prozent, lokalpolitische Themen werden von rund der Hälfte der Politblogger aufgegriffen, einzelne Parteien oder Politiker seltener. Gemessen an der Gesamtzahl der deutschsprachigen Weblogs, die laut einer Erhebung von TNS-Infratest bei 1,4 Millionen liegt, sind die Politblogger deutlich in der Minderheit. Außerdem kommt Schmidt in seiner Studie zu dem Schluss, dass in Weblogs fast ausschließlich diejenigen aktiv über politische Themen schreiben, die sowieso im politischen Meinungsbildungsprozesses schon involviert sind.

Hinsichtlich Reichweite und Relevanz erfolgreicher sind alternative Informations- und Nachrichtenportale wie etwa Politik-Digital, wo wöchentlich Live-Chats mit Politikern durchgeführt werden oder Angebote wie abgeordnetenwatch.de und kandidatenwatch.de. Auf diesen beiden Portalen können Bürger Fragen zu politischen Positionen und Themen direkt an ihre Abgeordneten oder an Kandidaten in aktuellen Wahlkämpfen stellen. Die Zahl der beantworteten und unbeantworteten Fragen wird öffentlich sichtbar angezeigt. Antwortet ein Politiker nicht zeitnah oder häuft zu viele unbeantwortete Fragen an, schadet das dem Image.

Wenngleich die genannten Angebote dadurch Handlungsdruck erzeugen, zeigt ein Blick hinter die Kulissen aber, dass in der Regel nicht die Politiker selbst Stellung beziehen, sondern Mitarbeiter den Job übernehmen. Der Wunsch der Bürger nach direkter Kommunikation bleibt dadurch unerfüllt und der auf Authentizität beruhende Grundethos der Blogosphäre wird verletzt. Der bloggende Politiker Oswald Metzger von den Grünen stellt hier eine von wenigen positiven Ausnahmen dar. Metzger schreibt und antwortet in seinem Blog auf Focus.de selbst.

Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0?

Die demokratischen Hoffnungen und Verheißungen, die mit dem Internet aufgrund seiner Niedrigschwelligkeit und Interaktivität schon seit seiner Frühzeit verbunden wurden, werden auch in Zeiten von Web 2.0 in Deutschland aktuell noch nicht eingelöst. Zwar bilden sich in Weblogs und Podcasts immer wieder kleinere webbasierte Teilöffentlichkeiten heraus, eine kritische Masse von aktiv zu politischen Themen schreibenden Usern ist aber noch nicht erreicht. Es mangelt an der Vernetzung der webbasierten Teilöffentlichkeiten und ihren Anschluss an die massenmedial geprägte Öffentlichkeit. Der politischen Grasswurzelpublizistik im Netz fehlt es noch an Reichweite und Relevanz. Demgegenüber sind die politischen Akteure auch im Netz weiterhin der Logik der Massenmedien verhaftet. Vom Ideal einer sich im Web etablierenden deliberativen Diskussionskultur ist man in Deutschland insgesamt also noch weit entfernt.

Nichtsdestotrotz haben die Entwicklungen im Zusammenhang mit Web 2.0 einen Transformationsprozess in Gang gesetzt, der durch die weiter steigenden Nutzerzahlen bei Weblogs, Wikis, Podcasts und sozialen Netzwerken die Art und Weise wie Öffentlichkeit künftig medial hergestellt wird, nachhaltig verändern wird. Mit dem Bedeutungszuwachs des Internets und den neuen Publikations- und Kommunikationsformate im Web 2.0 wird Öffentlichkeit dann nicht mehr ausschließlich durch die alten massenmedialen Gatekeeper bestimmt. Die bisherige Entwicklung hat bereits einen Strukturwandel hin zur Netzwerkgesellschaft ins Rollen gebracht, so dass die Logik der Massenmedien und die der Netzwerkmedien beginnen zu überlagern – sie wachsen zusammen. Und darauf wird dann auch die politische Kommunikation reagieren müssen.

Steffen Büffel
Kommunikations- und Medienwissenschaftler, Jahrgang 1975, arbeitet an der Universität Trier und berät Medienhäuser beim Einsatz von Web-2.0-Formaten.

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Dezember 2007

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