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Innovative Literatur in der Gründerzeitvilla – die Lettrétage in Berlin

Die Gründerzeitvilla des Literaturhauses Lettrétage in Berlin; Foto: Lettrétage e. V.Ob in Berliner Kneipen oder in traditionellen Literaturhäusern: Die literarische Szene in Berlin hat unzählige Lesebühnen. Ein ganz besonderer Ort für junge Literatur ist das unabhängige Literaturhaus Lettrétage in Berlin-Kreuzberg.

Ein kleiner runder Tisch, ein Wasserglas – ein Mann in Jackett und mit auffälliger schwarzer Randbrille schlägt ein Buch auf und beginnt vorzulesen. Die Zuschauer in den restlos besetzten Stuhlreihen blicken gebannt nach vorne. Es ist eines der wohl schönsten Wohnzimmer Berlins, in dem mehrmals im Monat Schriftsteller ihre Texte präsentieren. Heute liest der bekannte Autor David Wagner aus seinem neuen Erzählungsband Welche Farbe hat Berlin. Das Publikum ist an diesem Abend wie gewöhnlich bunt gemischt: Vom alternativ wirkenden Germanistik-Studenten bis zum Alt-Achtundsechziger mit runder John Lennon-Brille ist alles dabei. Bereits seit sechs Jahren finden in dem „jungen“ Literaturhaus Lettrétage außergewöhnliche Lesungen in Salonatmosphäre statt.

Literatur auf Augenhöhe

Das Logo der LettrétageIn einer Kulturhochburg wie Berlin werden täglich unzählige literarische Veranstaltungen angeboten. An einem Ende des Spektrums stehen traditionelle, intellektuell anspruchsvolle Autorenlesungen, wie sie etwa das Literarische Colloquium, gelegen im Villenquartier unweit des Wannsees, seit über 50 Jahren bietet. Am anderen Ende haben sich neben solchen klassischen Literaturhäusern vor allem Lesebühnen und Poetry Slams im Berliner Kulturleben etabliert. Bei letzteren erzählen literarisch meist noch unerfahrene Autoren dem Kneipenpublikum in pointierter Form unterhaltsame Anekdoten aus ihrem Alltagsleben. Die Lettrétage bewegt sich irgendwo zwischen klassischem Literaturhaus und Kneipen-Lesebühne. Sie nimmt Literatur ernst, möchte sich auch jungen, noch nicht etablierten literarischen Stimmen widmen und nicht zuletzt offen für Sprachexperimente sein. Zwischen Autor und Zuschauer soll es keine große Distanz geben. „Literatur auf Augenhöhe“ ist das Stichwort, welches das Veranstaltungskonzept der Lettrétage wohl am besten beschreibt.

Lesung in der Lettrétage; Foto: Lettrétage e. V.Im September 2006 schufen Moritz Malsch, Tom Bresemann und Katharina Deloglu diesen besonderen Ort für junge Literatur. „Eigentlich hatten wir zuerst die Räume. Und dann kam erst die Idee mit den Lesungen“, sagt Moritz Malsch. Kein Wunder, dass die Gründer der Lettrétage gleich dem Charme dieser verwunschen wirkenden Gründerzeitvilla erlegen sind. Der salonartige, an ein Wohnzimmer erinnernde Lesesaal ist wie geschaffen für Abende in gemütlichem Ambiente, in dem sich sowohl Literaten als auch Zuhörer wohlfühlen. Nur wenige Sitzreihen trennen den Besucher vom vorlesenden Schriftsteller. Die Lesungen haben unweigerlich eine intime, nahezu familiäre Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann.

Literarische Qualität statt Mainstream

Lesung in der Lettrétage; Foto: Lettrétage e. V.Auch wenn sich die Lettrétage zu einem großen Teil über Eintrittsgelder finanziert, ist der zu erwartende Umsatz nicht ausschlaggebend bei der Planung des Programms. Die literarische Qualität soll nie in Vergessenheit geraten, außerdem gebe es, so Tom Bresemann, für Beststellerautoren ja längst schon andere Bühnen in Berlin. Neben den Einnahmen über die Eintrittsgelder finanziert sich das Literaturhaus über Spenden, Projektförderungen und den gleichnamigen Verein Lettrétage e. V. Die Beteiligten arbeiten auf ehrenamtlicher Basis. Durchschnittlich sechs Veranstaltungen können so im Monat in der Lettrétage stattfinden – Buchpremieren, Verlagsabende, Präsentationen von Autorenprojekten oder Literaturzeitschriften, Tagungen und Konferenzen. Die Veranstaltungen, so Malsch, sollen sich an ein besonderes Publikum richten, das aufgeschlossen für literarische Experimente sei. Er ist der Meinung: „Ein gut durchdachtes Programm findet in der Regel auch sein Publikum. Wie viele Besucher letztendlich kommen, weiß man nie so genau.“

Offenheit und literarische Vielfalt

Vernissage „Zwischen Narrativen“; Foto: Lettrétage e. V.Das Programm der Lettrétage ist weitgehend von den persönlichen Vorlieben der Betreiber beeinflusst. Tom Bresemann, selbst Autor zweier Gedichtbände, möchte Dichter wie Nora Bossong und Jan Wagner in das Literaturhaus in Kreuzberg einladen. Denis Abrahams, Schauspieler und langjähriges Lettrétage-Team-Mitglied, liest Klassiker wie Dickens, Wild und Chekhov. Der freie Übersetzer Moritz Malsch organisiert momentan das Projekt Schriftproben, für das vom 30. August bis zum 6. September 2012 unter anderem zehn junge Autoren aus den fünf nordischen Ländern nach Berlin reisen. Katharina Deloglus Herz schlägt vor allem für Literatur aus dem spanischen Sprachraum. Diese Liebe drückt sich im Programmbereich Spanischsprachige Literatur aus, den sie in die Lettrétage einbringt.

So organisierte sie im Herbst 2011 eine ungewöhnliche Konferenz namens Literarische Brennpunkte: Mikrotexte aus Lateinamerika und Europa, bei der argentinische, spanische und deutschsprachige Autoren sich ein Wochenende lang den Microrrelatos widmeten. Diese Mikroerzählungen, die in stark verdichteter Form eine Geschichte erzählen, sind im deutschen Sprachraum bisher eher unbekannt. Die Veranstalter der Lettrétage bewiesen damit ein weiteres Mal ihre Offenheit für Sprachexperimente  und ihr Gespür für junge, innovative Literatur.

Deborah Bischofberger
ist Literaturwissenschaftlerin und Kulturbloggerin (http://sommerdiebe.wordpress.com und www.farbfilmblog.de).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2012

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