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Engagierte Literatur – die Welt beschreiben und verändern

Engagiert nennt man jede Form von Literatur, die nicht um ihrer selbst Willen entsteht, sondern ein politisches, soziales, religiöses oder ideologisches Ziel verfolgt. Dabei formuliert die engagierte Literatur in der Regel keine konkreten Forderungen. Sie will mit den Mitteln der Sprache auf Probleme und gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen und nach Lösungen fragen.

Heinrich Böll beharrte einst darauf, dass der Kunststatus eines Textes, die Freiheit und Autonomie der Kunst, im engagierten Schreiben zu bewahren sei. Diese Haltung findet sich schon vorher bei dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs in dem Essay Was ist Literatur? ausdrücklich eine engagierte Literatur gefordert hatte.

Neue Formen des literarischen Engagements

Die Forderung nach einer engagierten Literatur wird heute angesichts der drängenden Weltprobleme neu erhoben. Der österreichische Autor Robert Menasse brachte sie in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit vor, das 2004 unter dem Titel Wir brauchen Ketzer. Über Literatur und politische Leidenschaft erschien. Eine globalisierte Welt verlangt nicht nur nach adäquatem politischen Umgang mit den Folgen der digitalen Revolution, mit den Strategien weltweit agierender Konzerne und Terrornetzwerke, mit Kriegen und mit der Ressourcenverknappung, dem Klimawandel, der Bevölkerungsexplosion, der Überalterung der westlichen Gesellschaft, mit der Biopolitik, mit dem religiösen Fundamentalismus und den großen Migrationsbewegungen. Sie verlangt auch ästhetische Formen, die der Komplexität der Probleme angemessen sind. Hier sind jene Schriftsteller gefragt, die schreibend beleuchten, auf welchen sprachlichen und politischen Voraussetzungen unser Denken und Handeln beruht. Das tut zum Beispiel Katrin Röggla in Die Alarmbereiten. Ihr assoziativ-essayistischer Prosatext verdeutlicht mit leerlaufenden Phrasen, dass Individuen heute einem permanent strömenden medialen Informationsfluss ausgesetzt sind. Robert Mattheis’ Roman Hohlkörper führt die Absurdität kommunikativer Muster in der Mediengesellschaft vor.

Wende der Zeit – Wende des Denkens

Ein kurzer Rückblick in die Geschichte der neueren deutschen Literatur zeigt, wie sich die politische, engagierte Dichtung bis zur Wende zum 20. Jahrhundert entwickelte. Schon die Dichtung des Vormärz verstand sich als Gegenbewegung zur Universalpoesie der Romantik. Allen voran setzte Georg Büchner (1813–1837) ihr eine Literatur entgegen, die sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen befasste und Missstände benannte. In Bertolt Brechts Dramen und Gedichten fand die engagierte Literatur einen neuen Höhepunkt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der zweiten Hälfte nach dem Ende des Nationalsozialismus äußerten sich neue engagierte Stimmen, insbesondere im Umkreis der Gruppe 47, zu der unter anderem Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf und Peter Weiss zählten. Im Zuge der Studentenbewegung und aus dem Wunsch nach einer Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit heraus wurde die deutsche Literatur weiter politisiert.

Sehnsucht nach Eindeutigkeit

Mit dem Tod Heinrich Bölls im Jahr 1985 schien erneut ein Endpunkt engagierten Schreibens erreicht. Wie kaum ein anderer Nachkriegsautor wurde Böll zum Gewissen der Nation, indem er zu Fragen der Zeit Stellung nahm: zur atomaren Aufrüstung, zur Rolle der Massenmedien in der Gesellschaft oder zur RAF. Ein Nachfolger für Böll war nicht in Sicht. Kurz darauf, 1989/90, fand auf politischer Ebene eine Wende statt. Mit dem Untergang des Sozialismus verlaufen heute die ideologischen Linien undeutlicher, fehlt eine utopische Alternative zum Kapitalismus. Welche Überforderung dieser Wandel für den Einzelnen bedeuten kann, thematisiert Jochen Schimmang in seinem Roman Das Beste, was wir hatten. Einen Einblick in die komplexen gesellschaftlichen und politischen Prozesse zu gewinnen und Position zu beziehen, ist in postmodernen Zeiten nicht nur für Schriftsteller schwieriger denn je. Eine Sehnsucht nach Eindeutigkeit aber ist geblieben.

Die Welt gerät aus den Fugen

Von der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einer unsichtbaren Übermacht und neuen Formen von medialer Kontrolle und Überwachung erzählen heute deutsche Romane wie Teil der Lösung von Ulrich Peltzer. Die Beschreibung neuer Formen der Kontrolle durch den Staat, Fragen nach den Ursachen von Terrorismus und atmosphärische Schilderungen der Gentrifizierung und des akademischen Prekariats in Berlin sind darin verbunden. Auch Dietmar Daths Waffenwetter oder Terézia Moras Roman Der einzige Mann auf dem Kontinent setzen sich kritisch mit Formen medialer Vermittlung auseinander. In Waffenwetter reist die neunzehnjährige Claudia Starik mit ihrem kommunistischen Großvater zur größten Hochfrequenzanlage der Welt, HAARP, die womöglich das Wetter und die globale Kommunikation manipuliert. In Der einzige Mann auf dem Kontinent endet ein Informatiker als letzter verbliebener europäischer Mitarbeiter eines amerikanischen Konzerns in völliger Orientierungslosigkeit. Auch die Welt in Jan Peter Bremers Der amerikanische Investor gerät aus den Fugen. Nachdem ein amerikanischer Investor ein Haus gekauft und mit Sanierungsarbeiten begonnen hat, verändert sich dessen Statik, gerät als Folge das Leben und Schreiben des Erzählers ins Wanken.

Vielfalt der Themen und Gestaltungsmittel

Biopolitik und die Frage nach dem Einfluss von Herrschaftsformen und Gesellschaft auf den eigenen Körper, auf die (geschlechtliche) Identität und die sexuelle Orientierung stehen im Zentrum des Romans Corpus delicti von Juli Zeh und des Essays Wie wir begehren von Carolin Emcke. Zehs Zukunftsroman, der aus einem Theaterstück hervorging, schildert einen Staat, dessen Bürger in einer Gesundheitsdiktatur leben. Wie wir begehren ist nicht nur die erotische Autobiografie der lesbischen Journalistin und Philosophin Emcke, sondern vor allem ein Buch über Identitätsbildung und gesellschaftliche Praktiken des Ein- und Ausschlusses. Die Folgen des entfesselten Kapitalismus, der die Menschen massiv verändert, beschreibt wiederum auf bitterkalte Weise Thomas Melles Roman Sickster: zwei ehemalige Schulfreunde treffen sich in der Rolle des Siegers und des Verlierers. Bodo Kirchhoffs Erinnerungen an meinen Porsche demontiert mit Elementen der Kolportage einen einseitig an Geld und Erfolg ausgerichteten Lebensentwurf, während Lars Brandt in Alles Zirkus surreale Elemente verwendet, um den Wirklichkeitsverlust eines von der Krise gebeutelten Werbers literarisch zu fassen.

Diese Themenvielfalt zeigt, dass die Vertreter der deutschen Gegenwartsliteratur vor den Problemen der Zeit nicht zurückschrecken. Die Vielfalt in der Wahl ihrer Gestaltungsmittel bezeugt eindrucksvoll die Bandbreite der ästhetischen Möglichkeiten von Literatur.

Engagierte Literatur – eine Auswahl

Romane

Deutschland

Bossong, Nora: „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“; Carl Hanser Verlag 2012
Brandt, Lars: „Alles Zirkus“; Carl Hanser Verlag 2012.
Bremer, Jan Peter: „Der amerikanische Investor“; Berlin-Verlag 2011.
Dath, Dietmar: „Waffenwetter“; Suhrkamp Verlag 2007.
Görg, Patricia: „Handbuch der Erfolglosen Jahrgang zweitausendundelf“; Berlin-Verlag 2012.
Goetz, Rainald: „Johann Holtrup“; Suhrkamp Verlag 2012.
Hanika, Iris: „Das Eigentliche“; Droschl Verlag 2010.
Khider, Abbas: „Der falsche Inder“; Nautilus Verlag 2008.
Kirchhoff, Bodo: „Erinnerungen an meinen Porsche“; Hoffmann und Campe Verlag 2009.
Lehr, Thomas: „September. Fata Morgana“; Carl Hanser Verlag 2010.
Magnusson, Kristof: „Das war ich nicht“; Antje Kunstmann Verlag 2012.
Mattheis, Robert: „Hohlkörper. Roman aus der Medienwelt“; Acabus Verlag 2009.
Melle, Thomas: „Sickster“; Berlin, Rowohlt Verlag 2011.
Mora, Terézia: „Der einzige Mann auf dem Kontinent“; Luchterhand Verlag 2009.
Peltzer, Ulrich: „Teil der Lösung“; Amann Verlag 2007.
Schimmang, Jochen: „Das Beste, was wir hatten“; Nautilus 2009.
Schlüter, Wolfgang: „Anmut und Gnade“; Eichborn 2006.
Schüle, Christian: „Das Ende unserer Tage“; Klett-Cotta Verlag 2012.
von Steinäcker, Thomas: „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“; S. Fischer Verlag 2012.
Will, Markus A.: „Bad Banker“; Reinhardt Verlag 2010.
Zeh, Juli: „Corpus delicti. Ein Prozess“; Schöffling Verlag 2009.

Österreich

Glavinic, Thomas: „Das Leben der Wünsche“; Carl Hanser Verlag 2008.
Kögl, Gabriele: „Vorstadthimmel“; Wallstein Verlag 2011.

Schweiz

Nadj Abonji, Melinda: „Tauben fliegen auf“; Jung und Jung Verlag 2010.
Röggla, Kathrin: „Die Alarmbereiten“; S. Fischer Verlag 2009.
Suter, Martin: „Abschalten“; Diogenes Verlag 2012.

Stücke

Berg, Sibylle: „Hauptsache Arbeit!“; Rowohlt Theaterverlag U: 20.03.2010, Staatstheater Stuttgart.
Kluck, Oliver: „Warteraum Zukunft“; Rowohlt Theaterverlag U: 18.05.2010, Deutsches Schauspielhaus Hamburg in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.
Löhle, Philipp: „Das Ding“; Rowohlt Theaterverlag U: 14.05.2011, Deutsches Schauspielhaus Hamburg.

Essays

Adorno, Theodor W.: „Engagement. In: Noten zur Literatur“; Suhrkamp Verlag 1974.
Emcke, Carolin: „Wie wir begehren“; S. Fischer Verlag 2012.
Peltzer, Ulrich: „Angefangen wird mittendrin. Frankfurter Poetikvorlesungen“; S. Fischer Verlag 2011.
Sartre, Jean-Paul: „Was ist Literatur“; Rowohlt Verlag 1981.

Beate Tröger
ist Literaturkritikerin, unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und den „Freitag“.

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Oktober 2012

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