Wenn Leser reisen – Literaturhotels

Wer auf den Spuren von Autoren und Büchern reisen möchte, findet in Deutschland eine kleine, aber feine Auswahl von Literaturhotels. Diese sind mehr als nur hübsche Häuser in einer hübschen Landschaft.
„Ohne Literatur wären wir nur ein hübsches Haus in einem ebenso hübschen Wald.“ Was Andrea Reichart über das Literaturhotel Franzosenhohl im sauerländischen Iserlohn sagt, beschreibt den Stellenwert, den Bücher, Autoren und Texte in ihrem Haus haben, aufs Beste. Dieser Stellenwert ist es, der ein Literaturhotel ausmacht – das wissen sie alle, die sich auf dieses Konzept verlegt haben und pflegen diesen Ansatz emsig.
Das Erbe Goethes und Schillers
Während in Fachkreisen die Debatte um die Ablösung des guten, alten gedruckten Buches durch moderne eBooks tobt, pflegen das Franzosenhohl und andere Häuser die literarische Tradition Deutschlands. Der Geist der literarischen Klassik, das Erbe Goethes und Schillers ist lebendig und kommt auch in der Idee des Literaturhotels im 21. Jahrhundert immer noch zum Ausdruck. „Unsere gesamte Einzigartigkeit“, so sagt Conny Weiß vom Gutshotel Groß Breesen in Mecklenburg, „ist auf unsere Stellung als Bücherhotel ausgerichtet.“ Man könne das nicht als eine „Marketingschiene von vielen“ betreiben, sondern müsse sich ganz darauf konzentrieren.
Weiß und ihr Lebensgefährte Torsten Brock haben das verinnerlicht und ihr idyllisch in schönster mecklenburgischer Landschaft gelegenes Hotel schon 1998 als erstes Bücherhotel in Deutschland etabliert. Auf die Bezeichnung Bücherhotel legt Conny Weiß dabei Wert, denn hier wird nicht nur Literatur zelebriert, sondern hier gibt es auch mehr Bücher als in mancher Großbibliothek. Sage und schreibe 300.000 Bücher warten in Groß Breesen darauf, vom Hotelgast entdeckt zu werden, und es werden stetig mehr. Verantwortlich dafür ist eine witzige Idee von Conny Weiß: Jeder Gast der zwei Bücher mitbringt und im Hotel lässt, darf dafür ein anderes wieder mitnehmen.
Bücher als Bindeglied
Voneinander profitieren, das ist es auch, was das Hamburger Hotel Wedina zur Kooperation mit dem Literaturhaus in der Hansestadt gebracht hat. Sämtliche Autoren, die dort ihre Bücher vorstellen, logieren im Wedina, bringen ein signiertes Exemplar ihres Buches mit und spenden es der Hausbibliothek, in der sich so mit den Jahren ein wirklich außergewöhnliches Sortiment angesammelt hat. Das Hotel besteht aus vier Häusern, die jeweils einer Farbe gewidmet sind: rot, blau, gelb und grün. Für die Literaturfreunde ist vor allem das blaue Haus interessant, denn hier ist jedes Zimmer einem Autoren gewidmet. Wer hier wohnt und eines der signierten Bücher mit zur Lektüre aufs Zimmer nimmt, kann also voll in die Bücherwelt abtauchen.
Das kann auch der Gast im Franzosenhohl. Andrea Reichart, die das Hotel 2008 gemeinsam mit Helmut Holzhauer gegründet hat, bezieht ihre nie enden wollenden Ideen für Veranstaltungen vor allem aus ihrer Zeit als Buchhändlerin in Essen. Eine Buchhandlung wollte sie in dem Haus trotzdem nie unterbringen: „Für Hausgäste bestellen wir zwar Bücher, für externe Gäste aber nicht. Die schicken wir mit einem netten ‚Support your local bookstore‘ in die Geschäfte“, schmunzelt Reichart, die das Franzosenhohl mittlerweile auf vier Säulen aufgebaut sieht: „Literatur, Business, Wellness und Medical Wellness für Burnout-Betroffene und Stressgeplagte.“ Bücher und Literatur aber, so ist sie überzeugt, sind das Bindeglied für alle Gäste, sie „spielen in allen Bereichen eine große Rolle.“ So gibt es beispielsweise für die Businessgäste Erlebnisräume, in denen auch vorgelesen wird, während stressgeplagte Menschen sich in Schreibworkshops den Frust von der Seele schreiben können.
Ob Christa Moog sich jemals Frust von der Seele schreiben musste, ist nicht überliefert. Schreiben jedoch gehört für die Hotelbetreiberin aus Berlin zu ihrem Leben, hat sie doch selbst bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Das mag die Motivation gewesen sein, im Berliner Bezirk Friedenau, der durchaus als ein literarischer gelten kann, ein Literaturhotel zu etablieren. Eine Bibliothek, Leseecken im ganzen Haus, der Uwe-Johnson-Literatursalon, all das gehört zu den Angeboten, die Buchfreunde nach Friedenau ziehen, um in Christa Moogs Hotel zu wohnen.
Eher Nische als Trend
Conny Weiß organisiert von Groß Breesen aus auch literarische Touren, beispielsweise auf den Spuren Uwe Johnsons durch Güstrow. Erzählt wird davon im „Gutshotel-Geflüster“, einer charmanten Umschreibung für den Newsletter des Hotels. Darüber, dass sie keine Trendsetter sind, sondern sich in einer sehr speziellen Nische befinden, sind sich alle Literaturhotel-Betreiber einig. „Das wird so bleiben“, so Andrea Reichart, „solange die Menschen ihr Geld lieber für Autos ausgeben als für Bücher und Kultur.“ Leben können damit indes alle ganz gut. Sie lieben, was sie tun, ob sie nun in Groß Breesen, in Iserlohn, in Hamburg, in Berlin oder auch in Lindau im Bodensee sitzen, wo es ein weiteres Literaturhotel gibt, dessen Angebot allerdings hauptsächlich im Vorhandensein einer kleinen Bibliothek auf jedem Zimmer besteht.
Wer eigentlich nicht gerne in den Urlaub fährt, weil er dann die heimische Bibliothek hinter sich lassen muss, der ist in diesen Hotels gut aufgehoben – da sie eben alle etwas anderes sind, als nur hübsche Häuser in hübschen Wäldern oder hübschen Landschaften.
Carsten Tergast
ist Buchautor, Publizist und Mitglied beim Autorenpool Wortwexxel. Er lebt und arbeitet mit seiner Familie in Leer/Ostfriesland.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2011
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