Jüdisches Leben im heutigen Deutschland
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Durch den großen Zuwachs, vorwiegend durch Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, ist die jüdische Bevölkerung in Deutschland, die zur Zeit des Mauerfalls etwa 25.000 betrug, auf schätzungsweise rund 100.000 (mit weiteren Tausenden, die noch nicht integriert wurden) angestiegen und besteht nun aus über neunzig Gemeinden und vielen neuen Synagogen. Angesichts sinkender Geburtenraten und einer immer älter werdenden Bevölkerung ist die jüdische Gemeinde in Deutschland diejenige, die weltweit am schnellsten wächst und nach Frankreich und England die drittgrößte Gemeinde Europas darstellt. Die meisten Juden (12.000) leben in Berlin, gefolgt von Frankfurt und München. Selbstverständlich wird jegliche Diskussion über ein neues jüdisches Leben in Deutschland besonders komplex angesichts des historischen Verhältnisses Deutschlands zu seinen eigenen und den europäischen Juden, das auf so tragische Weise vom Genozid an den Juden durch die Nazis geprägt ist.
Diese Schatten der Vergangenheit legen sich immer noch auf die aufkommende hoffnungsvolle Zukunft. Jedes hoffnungsvolle Zukunftsbild von der Integration der Juden wird durch interne Konflikte beeinträchtigt, wenngleich die deutsch-jüdische Gemeinde sieht, dass eben diese Immigration sie vor der Auslöschung bewahrt hat. Diese Herausforderung bleibt als Teil des großen Problems der Integration von Immigranten in Deutschland bestehen. In diesem Fall ist es die Frage, wie die russischen Juden, die oft nicht die traditionellen Anforderungen an eine jüdische Herkunft erfüllen, integriert werden können, und - was noch wichtiger ist – wie ein Platz in der offiziellen jüdischen Gemeinde für sie gefunden werden kann. Da die meisten Gemeinden größtenteils aus russischen Mitgliedern bestehen (einige gar ausschließlich), bleibt die schwierige Frage nach der neuen deutsch-jüdischen Identität weiterhin ungelöst.
Jüdische Gemeinde in Deutschland
Um die jüdische Gemeinde in Deutschland zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass diese Gemeinde ein zentral organisierter Dachverband ist, der diejenigen Juden repräsentiert, die eingetragene Mitglieder der Gemeinde sind. Kurz: diese Gemeinde stellt die offizielle Stimme der Juden in Deutschland dar. Überwiegend orthodox, mit einigen liberalen Gruppierungen, bezieht sich diese über ihre Religion definierte Gemeinde auf das jüdische Gesetz der Zugehörigkeit (Halakah). Um als Jude definiert zu werden, ist demzufolge eine jüdische Mutter oder die Konvertierung durch einen orthodoxen Rabbi eine grundlegende Voraussetzung. Viele, wenn nicht sogar die meisten der über 120.000 Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion (Russland, Ukraine, Weißrussland, dem Baltikum) kamen, leben nicht nach den Gesetzen der Halakah. In der ehemaligen Sowjetunion war eine jüdische Mutter nicht Voraussetzung, das jüdische Herkunft wurde wie eine nationale Zugehörigkeit angesehen und als solche im Pass eingetragen.In Folge wurden viele Immigranten bei ihrer Ankunft damit konfrontiert, dass die Kriterien für ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde fragwürdig waren, während sich die deutsche Regierung verständlicherweise einer Beurteilung enthielt. Zusätzlich war die Zuwanderung eine große Belastung für die Gemeinde, deren Infrastruktur nicht auf solch hohe Zuwachszahlen vorbereitet war. Die Immigranten brauchten Sprachunterricht, Arbeit und Unterkunft. Sozialfürsorge und finanzielle sowie moralische Unterstützung wurden stark in Anspruch genommen. Zu diesen Problemen kamen noch die alten „ethnischen” Spannungen zwischen deutschen Juden und den Juden aus Osteuropa. Ironischerweise stammten dabei die deutschen Juden, als kleinster Teil der jüdischen Gemeinde, wiederum hauptsächlich aus Osteuropa, von wo sie nach Kriegsende als heimatlose Personen (DPs = Displaced Persons) nach Deutschland gekommen waren.
Jüdische Identität
Doch das eigentlich zentrale Thema bleibt weiterhin die Frage nach der Identität, sowohl in religiöser als auch in ethnisch-kultureller Hinsicht. Denn zur sich kontinuierlich entwickelnden Jüdischen Gemeinde kommen weitere neue jüdische Organisationen hinzu, unter anderem die „World Union for Progressive Judaism” (Reformation des Judentums), „Chabad Lubavitch", und weitere, kleinere jüdische Vereinigungen mit eigener religiöser, kultureller als auch politischer Ausrichtung. So zum Beispiel der „Jüdische Kulturverein Berlin e.V.”, gegründet im Ostberlin der ehemaligen DDR, der 1989 eine eigene kleine Gemeinde (mit etwa 500 Mitgliedern) bildete und auch heute noch ein Zufluchtsort und Raum für nicht-religiöse oder im orthodoxen Sinne nicht zugehörige Juden ist. Ebenso wichtig ist der Einfluss bedeutender amerikanischer Organisationen, wie des„American Jewish Committee”, das gerade das zehnjährige Bestehen seiner Niederlassung in Berlin feierte, und der „Ronald Lauder Foundation”, die eine Schule für Erwachsene in Berlin gegründet hat und dort jüdische Männer in Traditionen und Rituale unterweist.Die Bezeichnung „Juden in Deutschland“, die seit Kriegsende vorherrschte, als es nur eine „Rumpfgemeinde” aus hauptsächlich Heimatlosen gab, wird in Zukunft wohl eher in „Deutsche Juden” geändert werden müssen, um der Neudefinition der Identität Rechnung zu tragen. Der neue Name steht für eine Redefinition der einst großen und dynamischen Vorkriegsgemeinde (mit rund 500.000 Mitgliedern) und bezeichnet heute eine neue jüdische Identität. Diese Identität ist heute viel hybrider, da sie sich aus deutschen, russischen, israelischen, amerikanischen, kanadischen und weiteren jüdischen Identitäten entwickelt hat.
Diese kosmopolitischen Verhältnisse werden zudem verstärkt sowohl durch die Auswirkungen der EU-Erweiterung, vor allem nach Osteuropa, als auch durch die paneuropäischen jüdischen Organisationen, die sich für die Zusammenarbeit der jüdischen Gemeinden auf dem ganzen Kontinent einsetzen, wie unter anderem das „European Council of Jewish Communities“. Jüdische Studenten und Jugendbewegungen aus Europa tragen ebenso zum Austausch und Dialog unter jüdischen Europäern bei, deren religiöse Identität oft über nationale Zugehörigkeit hinausgeht. Das Ziel einiger Organisationen ist es, die Jüdische Gemeinde in Europa zu einem „Dritten Stützpfeiler”, neben denen in Israel und den USA, aufzubauen.
Vielfältigkeit jüdischen Lebens in Deutschland
Jüdisches Leben in Deutschland ist mehr als die Zahl der tatsächlich in Deutschland lebenden Juden oder ihre religiöse Zugehörigkeit oder Identität. Es ist eben auch die Art und Weise, wie Juden und deren Belange im Bewusstsein und in der Vorstellung der Bevölkerung und im öffentlichen Leben verankert sind. Die hohe (für manche vielleicht zu hohe) Aufmerksamkeit, die auf Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens gerichtet wird, mögen einige als ein Schuldvermächtnis bezeichnen oder einfach nur als einen „modischen“ Kult um das „Fremde“. Andere wiederum begrüßen die Bereicherung der deutschen Kultur durch das vielfältige jüdische Leben.Begreift man das Judentum als einen wesentlichen Bestandteil der deutschen Geschichte, wie es zum Beispiel im gut besuchten Jüdischen Museum in Berlin gezeigt wird, dann sind Juden eben keine „exotischen Anderen”, sondern Deutsche und Juden zugleich. Deutsch-jüdische Autoren aus der so genannten „Zweiten Generation”, wie Maxim Biller, Barbara Honigmann, Rafael Seligmann, Esther Dischereit, und Journalisten/Kritiker, wie Henryk Broder, Micha Brumlik, Michael Wolffsohn zeigen der Öffentlichkeit verschiedene Aspekte und Perspektiven des jüdischen Lebens. Heutzutage eröffnen neue Schriftsteller, wie der russisch-jüdische Immigrant Wladimir Kaminer oder Vladimir Verlib eine weitere Dimension der Vielfältigkeit des jüdischen Lebens in Deutschland. Jüdisches Kino und Kulturfestivals, Ausstellungen, Fernsehprogramme und Filme vervollständigen das Bild eines vielfältigen jüdischen Lebens, das dabei ist, sich im heutigen Deutschland zu etablieren.
So wie die deutsche Bevölkerung infolge von Immigration und Asyl zunehmend heterogener wird, entwickelt sich auch das jüdische Leben in Deutschland ebenso komplex und facettenreich. Dabei ist von den Einwanderungsgruppen in Deutschland die längst etablierte türkisch-muslimische natürlich die weitaus bekannteste. Sie ist im Fokus wachsender Aufmerksamkeit, insofern die Muslime in Europa (hauptsächlich die Araber) versuchen (teilweise mit Gewalt) auf ihren prekären Status aufmerksam zu machen. Zwar haben die deutschen Juden immer eine besondere Position in deutscher Geschichte und Gedächtnis inne, doch könnten ihre Belange angesichts der drängenden Problematik der Integration von Muslimen in den Hintergrund treten. Besonders da der Holocaust immer weiter in die Vergangenheit rückt und das Thema der muslimischen Identität zwingender für Europas eigene Identität wird. In Folge dessen ist es wichtig, neue Wege zu finden, um die Identität der deutschen Juden zu stärken.
Wie hier dargestellt, ist die Gemeinde kontinuierlich gewachsen. Dennoch muss darauf geachtet werden, sie für die Zukunft sowohl für die deutsche als auch für die jüdische Geschichte zu stärken.
ist Professor für Kommunikation, Kultur und Technologie an der Georgetown University in Washington, D.C., und Senior Fellow am American Institute for Contemporary German Studies. Sein neues Buch „Being Jewish in the New Germany“ erschien 2006 bei Rutgers University Press.
Übersetzung: Roberta Gradl, Tanja Piller
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2006
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Links zum Thema
- Zentralrat der Juden in Deutschland



- Jüdisches Leben in Deutschland


- Linksammlung zum Thema “Jüdisches Leben in Deutschland”

- Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“

- World Union for Progressive Judaism (WUPJ)

- Jüdischer Kulturverein Berlin e.V.

- American Jewish Comitee

- Ronald S. Lauder Foundation

- European Council of Jewish Communities

- Jüdisches Museum Berlin


- Deutsch-Israelische Gesellschaft, Berlin

- Zentrum für Antisemitismusforschung

- Hagalil - Internetmagazin zum Judentum












