Welche Sprache spricht Europa? – Wertebegriffe international

In dem festen Willen zum Zusammenschluss zur Bewahrung eines dauerhaften Friedens berufen sich die Mitglieder der Europäischen Union auf gemeinsame Normen und Werte. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt will nun klären, ob die europäische Sprachenvielfalt, unterschiedliche Sozialisation oder jahrzehntelange Segregation in Ost und West womöglich zu Missverständnissen Anlass geben könnten.Mit Schlagwörtern ist es so eine Sache, vor allem wenn sie für politische Zwecke vereinnahmt werden. Ein gutes Beispiel ist der Begriff „Freiheit“. Ursprünglich die wertneutrale Bezeichnung für die Möglichkeit, ohne Zwang handeln oder entscheiden zu können, hat er sich etwa als Teil des Wahlspruchs der Französischen Revolution mit Konnotationen aufgeladen, die mit rechtlicher Gleichheit, politischer Teilhabe und wirtschaftlicher Entfaltung zu tun haben. Aus Sicht sozialistisch inspirierter Theoretiker wiederum begründet und verfestigt Wirtschaftsliberalismus gesellschaftliche Ungleichheiten und gilt insofern als Wurzel von Unfreiheit.
Nuancenunterschiede führen zu Verständigungsproblemen
Über den Wert der Freiheit, seine Bedeutung und die Instrumente zu seiner Verteidigung lässt sich zwischen Liberalen und Sozialisten insofern sicherlich trefflich streiten. Zumal wenn sie aus unterschiedlichen Ländern kommen und womöglich obendrein aus West- und Osteuropa. Die Erkenntnis, dass Begriffe in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen ganz unterschiedlich verwendet werden, war Ausgangspunkt für ein Forschungsprojekt der Universitäten Jena und Halle. „Wir haben zwar einen gemeinsamen Kern übereinstimmender Bedeutungen, aber oftmals sind gerade die Nebenbedeutungen in Nuancen anders, und das kann in der Verständigung zu Problemen führen“, so Rosemarie Lühr, Professorin für Indogermanistik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, die die Federführung bei den Arbeiten zur sprachwissenschaftlichen Bedeutungsanalyse hatte.
Da sich die Nebenbedeutungen nur von Kennern des Landes und seiner Sprache erfassen ließen, ist das Projekt nicht nur interdisziplinär sondern auch international angelegt. Ziel ist die Erarbeitung einer mehrsprachigen Konkordanz der Norm- und Wertbegriffe in osteuropäischen Idiomen wie Albanisch, Armenisch, Litauisch, Polnisch, Russisch, Rumänisch, Slowakisch, Ungarisch und westeuropäischen wie Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch. Dort sollen diese Begriffe vor dem jeweiligen sozialen, geistigen, vor allem ethischen Hintergrund erklärt und nach den Methoden der Sprachwissenschaft, der Philosophie und der Soziologie vergleichend dargestellt werden, wie es in der Projektbeschreibung heißt. Die Forschungsergebnisse sollen im Laufe des Jahres 2011 in eine Datenbank mit begleitendem Handbuch einfließen, in denen die Schlüsselwörter der ost- und westeuropäischen Wertbegriffe in ihren interkulturellen Kontext gestellt sind.
Systemumbrüche wirken nach
Über den Stand der Dinge informierte eine Tagung mit internationaler Beteiligung, die im September 2010 in Jena stattfand. Jörg Oberthür, einer der Organisatoren und Assistent am Lehrstuhl für Soziologie von Professor Hartmut Rosa, der sich mit den gesellschaftlichen Ursachen und Folgen für die Differenzen in der Bedeutung und Interpretation der Wertbegriffe beschäftigt, zeigt sich von den Erkenntnissen der sprachwissenschaftlichen Analyse beeindruckt. Es habe sich gezeigt, dass der europäische Vereinigungsprozess, von dem immer die Rede sei, teilweise bereits seit sehr langer Zeit im Gange sei. Auffällig sei jedoch die zum Teil beharrliche Nachwirkung, die die Systemumbrüche des 20. Jahrhunderts gezeitigt hätten.
Wenn etwa im Vertrag von Lissabon oder in der europäischen Grundrechte-Charta heute von Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit die Rede ist, ist längst nicht gewährleistet, dass jeder einzelne dieser Begriffe, die das gemeinsame europäische Koordinatensystem bilden, in den 22 anderen Landessprachen, die zur Zeit in der EU gesprochen werden, genauso interpretiert werden wie in Deutschland. „Es gibt zwar einen gewissen Basisnenner“, so Oberthür, „was Demokratie bedeutet – nämlich Partizipation der Bevölkerung an politischen Entscheidungen – oder was Menschenrechte sind, doch hier gibt es durchaus schon unterschiedliche Interpretationen, wann und in welcher Form sie angewendet werden müssen und so weiter.“
Verteilungsgerechtigkeit in Ost und West ein Thema
Gut veranschaulichen lässt sich das sprachliche Dilemma in Europa am Begriff „Solidarität“. Während er in der Presseberichterstattung, die den Wissenschaftlern als Grundlage für ihre Untersuchungen diente, in Deutschland als „semantisches Partikel“ untrennbar mit dem Begriff der sozialen „Gerechtigkeit“ verbunden ist, ist er in Polen in seiner Bezeichnung für die gleichnamige Widerstandsbewegung gegen das kommunistische Regime stark mit deren Freiheitskampf verbunden. Oberthür: „Dort kommt man deshalb nicht auf die Idee, den Begriff in einen Grundsatzstreit zwischen den politischen Kräften hineinzuziehen. Solidarność steht für den Kampf für die Freiheit und wenn überhaupt, dann erhält er axiologische Komponenten aus dem christlichen Diskurs der Nächstenliebe.“
Doch trotz aller Divergenzen im Detail beobachten die Soziologen unterm Strich durchaus eine Entwicklung in Richtung Konvergenz. Ironie der Geschichte ist, dass sie aus der Not geboren scheint und mit der gemeinsamen Erfahrung sozioökonomischer Verwerfungen im Gefolge der Systemumbrüche in den 1990er-Jahren zusammenhängt. Die in den 1970er-/80er-Jahren verkündete These von der postmaterialistischen Wertewende hin zu idealistischen Kategorien wie Freiheit, Partizipation, Selbstentfaltung scheint vom Tisch. Verteilungsgerechtigkeit ist heute das Thema Nummer Eins, das die Menschen in Ost und West gleichermaßen umtreibt.
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
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Oktober 2010
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