Sprache

„Der Sprachverführer“ – eine Reise durch die deutsche Sprache

Sprachkritik mal anders: Thomas Steinfelds „Sprachverführer“  Foto: Andrejs © iStockphotoSprachkritik mal anders: Thomas Steinfelds „Sprachverführer“  Foto: Andrejs © iStockphotoMit seinem „Sprachverführer“ wirft Thomas Steinfeld einen Blick auf die deutsche Sprache von der Entstehung der deutschen Kultursprache bis zur Sprache der 68er, vom guten Gebrauch des Passivs bis zum Umgang mit der Satzklammer.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir im Deutschen die Substantive großschreiben? Woher Worte wie „Zartgefühl“ oder „Hirngespinst“ kommen? Warum Kafkas Werke sich schlecht in andere Sprachen übersetzen lassen? Oder woran sich ein guter Sprachgebrauch messen lässt? – Fragen wie diese beantwortet Thomas Steinfeld in seinem Sprachverführer.

„Der Sprachverführer“  Foto: © Carl Hanser Verlag München Gute Sprache besitzt laut Thomas Steinfeld genügend Spannung, „um die Lektüre voranzutreiben und doch, in kraftvoller Schönheit, den Leser zum Verweilen in einem jeden Satz einzuladen“. In seinem neuen Buch über die deutsche Sprache wird der Autor, Germanist und Redakteur der Süddeutschen Zeitung diesem Anspruch zwar selbst nicht durchgängig gerecht. Weil das Buch aber nicht nur eine Fülle an Informationen liefert, sondern auch Steinfelds Begeisterung für die deutsche Sprache vermittelt, lohnt die Lektüre trotzdem. Der Sprachverführer ist eine anspruchsvolle Mischung aus Sprachgeschichte und -kritik, Stilkunde und Grammatik. Dabei zitiert und interpretiert das Buch zahlreiche Sprachbeispiele aus Literatur und Öffentlichkeit von Martin Luther oder Franz Kafka, Josef Ackermann oder Angela Merkel. Grob gegliedert ist Der Sprachverführer in sieben Kapitel: Vom Schreiben, Vom Leben, Vom Üben, Vom Nennen, Vom Beugen, Vom Bauen und Vom Schließen. In zwei Exkursen widmet es sich den Themen Wahrheit und Sprache und Literatur und Konvention.

Präzise Beobachtungen, unkonventionelle Vergleiche

Statt alte Weisheiten zu wiederholen, überrascht Steinfeld immer wieder mit präzisen Beobachtungen und unkonventionellen Gegenüberstellungen. Auf eine begeisterte Interpretation des ersten Satzes aus Kafkas Verwandlung lässt er eine heftige Kritik an Josef Ackermanns phrasenhaftem Sprachgebrauch folgen. Er findet bedeutsame Gemeinsamkeiten bei offenbar so unterschiedlichen Phänomenen wie Adjektiven und Schlingpflanzen oder Partizipien und deutschen Wäldern. Und als Autoren „musterhafter Formulierungen“ nennt er so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Martin Luther, Thomas Mann und Robert Gernhardt in einem Atemzug, während er Günter Grass für seinen Sprachgebrauch eine klare Abfuhr erteilt: „Denn er neigt zur bürokratischen Sprache (...). Dieser Schriftsteller relativiert den Sicherheitsgrad einer Aussage in seinen literarischen Arbeiten oft wie ein Politiker, der, wenn er um eine Antwort auf ein Ereignis oder einen Konflikt, zu dem es noch keinen Fraktionsbeschluss und noch keine Anweisung der Kanzlerin gibt, geben wird, mit den Worten beginnt: ‚Ich gehe davon aus, dass …‘. Solche Vorreiter (…) sind (…) Ausdruck eines bürokratischen Verhältnisses zur Welt.“

Sprachkritik mal anders

Das Buch vermittelt auch Steinfelds Begeisterung für die deutsche Sprache.  Foto: Jeff Leisawitz © iStockphotoSteinfeld fordert „eine Vertrautheit im Umgang, eine durch Anerkennung, ja Respekt geprägte Kenntnis von Bestand, Geschichte und Möglichkeiten der deutschen Sprache“ und spricht sich klar für Normierungen in der Sprache aus. Trotzdem muss Sprachkritik für ihn offenbar weder dogmatisch noch konservativ sein: Die Sprachkritik von Lessing und Gottsched hält er für wichtig, aber pedantisch. Trotz seiner Liebe zur deutschen Sprache findet er das Englische oder Französische in mancher Hinsicht besser. Er kritisiert nicht Anglizismen und den Sprachgebrauch von Jugendlichen oder Einwanderern, sondern Phrasen und „vernutzte Metaphern“, die oft führende Köpfe in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik verwenden.

Was ist „gute Sprache“?

Steinfeld fordert einen bewussten Umgang mit der Sprache.  Foto: Sergey Jarochkin © iStockphoto„Öffentliche Sprachkritik (…)“, stellt Steinfeld fest, „neigt dazu, eine Gesellschaft in Schüler zu verwandeln, in gute und schlechte Eleven, mittelmäßige und unbelehrbare, unerziehbare, in solche, die gelobt und mit Preisen versehen werden, und in solche, die man offenbar gerne vom Institut verwiese.“ Er selbst fordert statt starrer Regeln und Vorschriften einen bewussten Umgang mit der Sprache: „Was sprachlich ausgedrückt wird, muss nicht einmal logisch gegliedert sein. Es darf schillern, abweichen, sogar delirieren. Es darf nuscheln, schmatzen, grölen (…). Es kann scharf, abrupt und böse sein, sich aufdrängen und unter die Haut gehen. Es muss es aber nicht tun.“ Ob Aktiv oder Passiv, Verb oder Substantiv, lange oder kurze Sätze – für Steinfeld kommt es darauf an, „dass einer die Mittel der Sprache beherrscht, dass er etwas zu sagen hat und dass er dies mit seinen Mitteln tut“.

Thomas Steinfeld:
Der Sprachverführer. Die deutsche Sprache: Was sie ist, was sie kann. (Carl Hanser Verlag, 2010)

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2011

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