Mischa Kuball: Lichtpolitiker

Mischa, die Ausstellung „platon’s mirror“ reiste durch die ganze Welt. Du hast zahlreiche Künstlergespräche geführt und vieles erklärt. Wir haben Fragen, die die Kunst nur tangential berühren und persönlicherer Natur sind. Gibt es einen bestimmbaren Moment in Deinem Leben, indem das Licht begann für Dich wichtig zu sein?
Ich glaube das ist schon seit meiner frühen Kindheit so mit fünf, sechs Jahren ein Stoff aus dem ich Träume gewoben habe. Das Licht der Autos, Krankenwagen mit Blaulicht, und das Ganze in der unmerklichen Bewegung des Vorhangs im nächtlichen Kinderzimmer. Mal war es beruhigend, dieses städtische Zeichen, manchmal wurde aus den Lichtschattenreflexen ein böser Traum in schwarzweiss... .
Ab Anfang der 70er Jahre wandelte sich das in die cineastische unstillbare Neugier - eine vor-platonische Höhle für mich. Zu der Zeit war ich aber schattengläubig, das Licht galt in unseren Kreisen ausserhalb des Kinos als Kontrollinstanz und erwachsen. Wir hockten im Dunkeln und vertrauten den Ohren, es drehte sich Amon Düül auf den Tellern, wenn Du weißt, was ich meine.
Deine Reisen mit der Ausstellung für das Goethe-Institut haben Dich in viele unterschiedliche Kulturkreise gebracht. Welche Reaktion zu Deinen Arbeiten verblüffte Dich am meisten?
Als Leonhard Emmerling, Blair French aus Sydney und Andreas Beitin vom ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) uns über diese Idee verständigten, gingen wir von einer Frage nach Rezeption und Aktualität aus, die sich erst einmal mit Sydney einen fernen Punkt fernab der europäischen Wiege der Demokratie gesucht hat. Überrascht hat uns alle die ungeheure Brisanz des Themas, trotz aller Vermeidung eines illustrativen Zugangs zu dem Urtext von Platon als eine Mahnung an der Idee von Demokratie zu arbeiten. Dies besonders in Sofia und Bukarest, in Lissabon, aber selbst in Saloniki: da bauten wir die Ausstellung auf inmitten der Wirren der europäischen Finanzfragen. Immer wieder stellte sich die Debatte auf Wahrheit und Täuschung durch die medialisierten Bilder ein.
Dieses Phänomen mit einem Text aus 385 vor Christi so den Nerv der Zeit zu treffen hatten wir auch bei den Gesprächen mit den 20 Autoren - als hätte man eben nur fragen müssen. Es liegt in der Luft!
Gab es eine Publikumsreaktion die Du trotz Nachdenkens bis heute nicht verstehst?Manche blieben verstört über die Serie der CT (Computer Tomographie) Bildern von den Bild-produzierenden Apparaten. Wenn ich es allerdings in einem Gespräch einrücken konnte, wuchs Interesse und Zustimmung gleichermassen. Bin mir aber sicher, es liess einige wundernd und zweifelnd zurück. Ich glaube das ein solches Projekt auch dafür Raum lassen muss!
Im Raum der Installation „platon’s mirror“ herrschte auch oft Verwirrung, weil man es natürlich gewohnt ist, genau zu wissen, wo der Videobeamer hin strahlt, muss ja auch das Bild für den Betrachter sein. Manche waren enttäuscht, dass sie selbst so viel selbst einbringen müssen, um etwas mit der Arbeit anzufangen, ist aber wesentlicher Teil der Idee.
Hat Chicago ausser Barack Obama und John Dillinger einige weitere Personen, die in Deinem Kopf eng mit der Stadt verbunden sind?
Na ja, das ist natürlich ein riesiger fruchtbarer Acker in Sachen Musik. Und eben nicht nur im Jazz, sondern auch in der Elektro-Abteilung: laut und heftig Ron Hardy, dann Sportlegenden in Basketball, zum Beispiel Bob Love, die legendäre Nummer 23 Michael Jordan, Scottie Pippen und Coach Phil Jackson, aber auch im Baseball, die man ja allesamt selbst in Deutschland aus der Ferne verehren konnte und kann.
In der Kunst aktuell sicher die eindrücklichen Arbeiten von Dan Peterman und das Team um Theaster Gates. Bei den Institutionen immer auch schon die Renaissance Society an der Universität von Chicago, das Museum of Contemporary Art Chicago (mit der unvergessenen Polke Retro) und dem Art Institute. Da sah ich unter anderem die Degenerate Art show. Da interessierte mich der distanzierte Blick auf jüngere deutsche Geschichte.Das Goethe-Institut bemüht sich um die authentische Vermittlung eines wahren Deutschlandbildes im Ausland. Wer kümmert sich, Deiner Meinung nach, um das Inland?
Da könnte der Abstrahlwinkel deutlicher sein. Zum einen haben wir ja mit
zwei Stationen der Ausstellung in Karlsruhe und Düsseldorf und zwei
Buchpräsentationen in München und Düsseldorf. Berlin im Juni 2013. Immerhin versuchen wir auch, ein wenig von unserer Idee ins Inland zu spiegeln. Überhaupt kümmern sich die Künstler um ein Vexierbild was in der Summe eben
mehr ist als ein Deutschlandbild.
Ich bin ja selbst drei Jahre mit dem
Projekt New Pott zwischen Duisburg und Dortmund unterwegs gewesen und habe wie ein Fischer die zum Teil dramatischen Berichte von 100 Familien aus 100 Nationen eingefangen. Plötzlich sprang uns ein polemisches Traktat von Tilo Sarazin dazwischen. Man spürte gleich, dass die Leute mit denen wir zum Sprechen verabredet waren etwas zögerlicher wurden. Also ein sehr fragiles Bild an
dem wir da arbeiten. Vielleicht macht Thomas Demand in seiner Idee von
Konstruktion eines Wirklichkeitsbegriffs die wahren Deutschlandbilder?
ist Programm-Koordinatorin für Architektur, Bildende Kunst, Film und Musik am Goethe-Institut Chicago.
Copyright: Goethe-Institut e. V.
April 2013
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
maunu-kocian@chicago.goethe.org









