Der kalte Krieg am Wannsee: Was das kulturelle Berlin den USA verdankt

Die unruhigen sechziger Jahre haben vieles hervor gebracht, darunter auch einen spezifisch deutschen linken (?) Antiamerikanismus. Der Neomarxismus der studentischen Linken in Westberlin fand sein liebstes Hass-Objekt in Amerika. Was die Studenten so erregte, war der „US-Imperialismus“ und vor allem natürlich Vietnam. „USA-SA-SS“ war der Schlachtruf auf zahllosen Berliner Demonstrationen nach 1965, und wer da demonstrierte, war in der Regel Student der Freien Universität Berlin, die 1948 in Westberlin neu gegründet worden war, natürlich mit Unterstützung der amerikanischen Besatzungsmacht. Man kann es auch allgemeiner formulieren: die „Selbständige politische Einheit West-Berlin“ lebte, gerade im Kulturellen, von amerikanischer Hilfe. Sie lebte damit nicht schlecht, und sie dankte es den Gebern mit Kritik.
An diese Geschichte muss man erinnern, wenn man 50 Jahre später in New York den 50. Geburtstag des Literarischen Colloquiums Berlin feiert, einer in Berlin und der Welt geschätzten Einrichtung zur Förderung der Literatur und des literarischen Austauschs. Zwei Jahre vor der Gründung des LCB war die Berliner Mauer errichtet worden. Nun war die „selbständige Einheit“ erst recht isoliert und drohte zu ersticken. Ein paar Deutsche und Amerikaner hatten kühne und bis heute folgenreiche Ideen. Sie wollten Berlin mit internationaler Kultur aus der Isolation holen. Nicht mit konservativer Staats- und Repräsentationskultur (wie es zur selben Zeit die Sowjetunion mit dem Bolschoi Ballett praktizierte), sondern mit der neuesten Literatur, der neuesten Bildenden Kunst und mit Free Jazz. Und sie wollten kulturelle Institutionen („Leuchttürme“, wie man heute sagt) schaffen, damit Berlin von der „freien Welt“ gesehen wurde. So kam es in den Jahren nach 1961 zur Gründung neuer Kulturinstitutionen, darunter des Literarischen Colloquiums, das bald in einer herrschaftlichen Villa am Wannsee sein Zuhause fand. Das Geld hatte der „Mann mit den Millionen“ aufgetrieben, der Diplomat und Journalist Shepard Stone, es kam von der Ford Foundation und vielleicht ursprünglich von der CIA. Walter Höllerer, ein Literaturprofessor und begabter Impresario, wurde zum ersten Direktor bestellt, und fortan war das LCB die erste Adresse der deutschen Gegenwartsliteratur. Alle waren hier, Grass, Johnson, Frisch, Bachmann, aber auch John Steinbeck, Dos Passos, Umberto Eco, Toni Morrison und viele andere, dazu Übersetzer, Kritiker, Nachwuchsautorinnen und –autoren, die hier für eine Weile wohnen und arbeiten konnten.
Wer einmal im LCB war, das gleich neben der American Academy gelegen ist, erinnert sich an die durch und durch literarische und gesellige Atmosphäre hier. Die Nächte sind lang, außer, man muß noch mit der S-Bahn zurück in die Stadt. Das LCB ist in den 50 Jahren seines Bestehens wahrhaft eine Institution geworden, ohne die man sich literarisches Leben schwer vorstellen kann.
ist Leiter des Goethe-Instituts New York und der Region Nordamerika
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September 2013
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