50 Jahre Literarisches Colloquium: Hier streckt die Sprache ihre Fühler aus

Man muss sich die „Selbständige Einheit West-Berlin“ im Jahr 1963 als ein gänzlich unselbständiges Wesen vorstellen mit einer schwankenden Identität, verängstigt, trotzig aufbegehrend, mit kühnen Neubauten bestückt. Einerseits ein Glitzerding, andererseits ein Wesen, das Hilfe, Zuspruch, eine Nährlösung von Impulsen, Subventionen brauchte, um seine Überlebenskraft nicht zu verlieren. Lebensstränge, Schienenstränge der Stadt waren durch den Mauerbau abgeschnitten, die S-Bahn, die im Besitz der DDR war, wurde von weiten Teilen der Bevölkerung boykottiert, als wäre sie feindliches Ausland. Westdeutsche Bus-Unternehmen karrten die Bewohner aus den Stadtteilen mit den unterbrochenen Linien in das Zentrum, die Stadt musste sich neu ordnen und orientieren. Und wie in allen dürren Krisengebieten, in denen nichts mehr hilft, floss viel Alkohol, wärmte die Kehlen und die zugigen Fensternischen, in denen er konsumiert wurde.
Um die intellektuelle Ausblutung zu verhindern, trat vor allem die Ford Foundation auf den Plan, personifiziert durch Shepard Stone, „den Mann mit den Millionen“, wie Walter Höllerer ihn vertraulich in einem Brief an Günter Grass nannte. Man munkelte, die Ford Foundation arbeite eng mit dem CIA zusammen, und an Geld, aus welchen Quellen auch immer, fehle es nicht. Die Autos liefen noch rund, ihr Lack glänzte, die Panam war noch eine noble Fluggesellschaft. Das Jahr 1963 ist auch das Geburtsjahr des feinen Porsche 911, einer Ikone des Wirtschaftswunders, eines Sportwagens mit einem höflichen Gesicht, kein Kampfhund unter den Automobilen.
Berlin ist hungrig und hat einen großen Magen: Dollar-Stipendien
Die Ford Foundation brachte Stipendiaten nach Berlin, Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller. Man munkelte, ab und zu sei es nicht sicher gewesen, ob das Stipendium in Dollar oder in D-Mark ausbezahlt werden sollte. Und wer ein Dollar-Stipendium ergatterte, lachte sich ins Fäustchen und rubelte die teuren Dollars in D-Mark um. Zu den ersten Stipendiaten gehörten Ingeborg Bachmann aus Wien und Witold Gombrowicz aus Buenos Aires. Es ist seine erste Europa-Reise nach fünfundzwanzigjährigem Exil, er hat einen polnisch fremden, auch angstvollen Blick, und er macht erstaunliche Entdeckungen in Berlin: „Das Gesicht eines Elektrotechnikers, der die Leitungen eines Fahrstuhls repariert, ist konzentriert, schmerzlich, beinahe märtyrerhaft.“ Er hat den Eindruck, dass die Stadt Berlin ähnlich wie Lady Macbeth „sich ohne Rast und Ruhe die Hände wasche“.
Und kaum sind die Stipendiaten angekommen, taucht gleich Walter Höllerer auf, seit 1959 literaturwissenschaftlicher Ordinarius an der Technischen Universität Berlin, Organisator der hochangesehenen Lesereihen im stets überfüllten Hörsaal 3010 der Technischen Universität und im großen Auditorium der Kongresshalle im Tiergarten. Höllerer fährt die beiden Gast-Berliner an den Wannsee, damit sie gleich interviewt und dem Berliner Literaturbetrieb einverleibt werden können. Berlin ist hungrig und hat einen großen Magen. Es kann zentnerweise Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller vertilgen, es nimmt sie unter die Lupe, nimmt sie ernst, und manche werden danach nicht mehr gesehen. Aber es kommen neue, immer wieder. Der melancholische Gombrowicz hat diese Begegnung mit dem heiteren Höllerer, der viele andere folgten, so festgehalten: „Die deutsche Tüchtigkeit sprühte aus seinen Augen, seinen Bewegungen, seinen Worten ... ich wußte, daß ich mich in geschickten und erfahrenen Händen befand.“
Hort von Rückzug und Neubeginn
Das Literarische Colloquium Berlin, wohin Höllerer die Neuankömmlinge bringt, wurde offiziell am 30. Juni 1963 gegründet. Der Ort: ein ehemaliges Hotel am Wannsee, das zwei Jahre leer gestanden hatte; ein großes Seegrundstück gehörte dazu. Walter Höllerer war der geschäftsführende Direktor, der Programmdirektor war Walter Hasenclever, der „praktischerweise“ mit Shepard Stone verschwägert war, wie Helmut Böttiger so schön im Ausstellungsbuch „Elefantenrunde - Walter Höllerer und die Erfindung des Literaturbetriebs“ (Literaturhaus Berlin 2005) schrieb. Die S-Bahn- und die Dampferstation waren ganz nah, die Stelle, an der Kleist Henriette Vogel und sich selbst getötet hatte, aber auch die Glienicker Brücke, an der Agenten zwischen Ost und West diplomatisch ausgetauscht wurden, auch das Haus der Wannsee-Konferenz warf seinen Schatten; es wurde erst 1990 Gedenkstätte.
Ein vermintes Gelände zweifellos und eine schöne Gegend, die zum geistigen Zentrum wurde. Höllerer schrieb werbend an Stone: „Man erwartet von Berlin, daß hier die Literatur von morgen die Fühler ausstreckt. Die Atmosphäre und die Ost-West-Lage der Stadt begünstigen das Entstehen lebhafter Diskussionen, neuartiger literarischer Versuche, international recipierter Werke ... Vor allem junge Literaten, deutschsprachige und ausländische, fühlen sich von Berlin angezogen: Lesungen und Aufenthalte der San-Francisco-Poets, der Autoren des roman noveau, selbst der polnischen und jugoslawischen Avantgarde in Westberlin beweisen das.“ Und so wurde es auch: Das Literarische Colloquium Berlin ist eine Brutstätte für die zukünftige Literatur, ein Raum der Reflexion, der Diskussion, des Rückzugs und des Anschub gleichermaßen.
Literatur-Stipendiaten, Autorenfilmer und Übersetzer
Das Haus bot Platz für Stipendiaten, ihm war ein Tonstudio angegliedert, auch Schneideräume, viele Autorenfilmer arbeiteten dort an der Fertigstellung ihrer Werke. Die feinen quadratischen „LCB-Editionen“ erschienen, auf dem Cover jeweils eine Fotografie von Renate von Mangoldt: der Autor, die Autorin auf einem Stuhl der Wahl, eine unverkennbare Buchreihe, die leider 1989 nach hundert Bänden eingestellt wurde. Für die Verbindung von literarischer Praxis und Literaturtheorie war der Hausherr selbst zuständig. Eine Zeitschrift war schon früher gegründet worden: „Sprache im technischen Zeitalter“, die sich mit Neuerungen in der Sprachwissenschaft, literarischer Kritik, den Medien beschäftigte und dazu eine Unmenge von neuen Texten druckte, eine Werkstatt im guten Wortsinne. Eine Werkstatt, in der gehobelt wurde und auch die Späne flogen.
Eine Zeitlang wurde gleichzeitig eine Villa in der Carmerstraße 4 genutzt, an ihrer Stelle steht heute ein Wohnhaus, quadratisch, praktisch, hässlich. Eine dritte Produktionsstätte war bis 1975 das S.-Fischer-Haus in der Erdener Straße 8 im Grunewald, dort wurde die Fernsehsendung „Das Literarische Colloquium“ mit Gästen aufgezeichnet. Plötzlich war die Literatur zu einem Leitmedium geworden. Diese Rolle musste sie spätestens mit der Studentenbewegung an die Soziologie und Politologie abgeben; das war eine dürre Zeit. Warum gerade die Literatur eine unstillbare Sehnsucht nach Gründerzeitvillen mit einer eklektischen Anmutung hat, ist schwer zu sagen; vielleicht sucht sie, weil ihre Materie so wenig backsteinhaft, holzgetäfelt und fest begründet ist, solche imaginären Orte.
Eines der ersten Unternehmen war die Einladung junger Autoren zu einer Schreibwerkstatt „Prosaschreiben“. Unter den Autoren waren Peter Bichsel, Nicolas Born, Elfriede Gerstl, Hubert Fichte, Hermann Peter Piwitt, die Lehrenden waren Hans Werner Richter, Peter Weiss, Günter Grass, Peter Rühmkorf und Walter Höllerer. Es entstand ein Experiment, ein Kollektivroman, etwas reißbrettartig ausgedacht: „Das Gästehaus“, erschienen 1965. In der Einladung hieß es weitsichtig, dass das LCB „für junge Schriftsteller etwa die Aufgaben erfüllen (möchte), die seit jeher einer Musikhochschule für angehende Musiker und einer Kunstakademie für werdende bildende Künstler zufallen. Wir glauben beileibe nicht, daß man mit dem Einpauken von Regeln Talent ersetzen oder Genie züchten kann, aber wir hoffen, daß man durch intensive Arbeit mit Schriftstellern begabten und interessierten jungen Menschen Anregungen und möglicherweise sogar Anleitungen für ihre schriftstellerische Entwicklung vermitteln kann.“
Das war pragmatisch und nüchtern gedacht und dennoch wegweisend. Der ersten Werkstatt folgten weitere, ganz wichtig wurde dabei das literarische Übersetzen. Was das Literarische Colloquium insgesamt zum Selbstbewusstsein, zur Theorie und Praxis des Übersetzens geleistet hat, ist unschätzbar. Manchmal an den Werkstattwochenenden tasten sich die jungen Autoren und die Übersetzer, die meistens ein wenig gesetzter sind, aneinander heran, und ihre Gedanken spiegeln sich auf den Stirnen: Wenn ich auch ein Originalautor würde ... Wenn ich einmal übersetzt würde ... Es ist ein Ort zum Träumen und ein Ort, um sich von Träumen zu verabschieden.
Tonarchiv, Web-Portal und immernoch: Begegnungsstätte
Wie oft versammeln sich Autoren, Kritiker, Literaturwissenschaftler um einen runden Tisch im Literarischen Colloquium, wie oft kommen traumwandlerisch ausländische Stipendiaten die filmreife Treppe herunter, noch ganz in ihr Schreiben versunken. Wie oft lesen Autoren im großen Saal mit den gedrungenen Säulchen. Wie häufig haben sich Übersetzer die Zähne an einzelnen Texten ausgebissen, an wie vielen unfertigen oder halbfertigen Manuskripten ist hier bis zur Publikationsreife gefeilt und poliert worden.
Ein gewaltiges Tonarchiv entstand und die höchst informative Website literaturport.de, die über Veranstaltungen, Preise und Stipendien orientiert und vor allem über Autoren, auch in Vergessenheit geratene. Das Literarische Colloquium vergrößerte sich in fünfzig Jahren, ging auf Reisen, aber seine Neugier auf Neues blieb ungebrochen. Wie häufig lustwandelten Leser und Zuhörer im Garten, wie häufig war Literatur Gespräch, Freundschaft, Wetterleuchten. Alle waren da, und alle kommen gern wieder. Man muss schon viel stoische Arroganz aufbringen, sich dem Literaturbetrieb zu verweigern - oder weltabgewandte Askese, was beinahe das Gleiche ist.
Fünfzig Jahre Geschichten
Und manchmal spätabends schnürt ein ganz besonderer Gast vorbei, angezogen vom Licht, vom Geruch der gegrillten Würstchen, vielleicht von der Intensität der Zusammenkunft: Es ist die Füchsin. Mit einem grandiosen Instinkt für Proportionen, den man bei Romanautoren manchmal schmerzlich vermisst, steht sie in der Sichtachse des Gartens, lauschend, vorteilhaft ein wenig schräg, so dass man den schmalen gereckten Kopf im Profil sieht, der Schweif berührt wie ein überlegt gesetztes Komma den Rasen. Ein Gast aus der Vorzeit des technischen Zeitalters, ein Gast aus der Urzeit des Erlebens, als Natur und Literatur unverblümt miteinander sprachen.
Und noch einmal Gombrowicz, der hellsichtige Seher, der Geisterseher: „Da erblickte ich Höllerer, er stand an der Wand, hatte sein Lachen unterm Arm wie eine Aktentasche ... und war irgendwie ein anderer. Ich schaute genauer hin ... er war schwer ... schwerer als alles, was ich mir vorstellen konnte, wie aus der Materie jener erstorbenen Sterne gemacht, jener konzentrierten, die wie Kugeln in den schwarzen Winkeln des Kosmos sind, ich dachte, was denn schon wieder, warum ist er so, was ist mit ihm geschehen? ... Er aber stand und lastete, seine Last ertragend ... lastete ...“
Die fünfzigjährige Geschichte des Literarischen Colloquiums ist keine Last, die Institution hat Geschichte geschrieben und ist blendende, lebendige Gegenwart. Wer ankommt, begrüßt die anderen Gäste herzlich und ausführlich, aber man verabschiedet sich rasch. Schnell, schnell!, die S-Bahn wartet nicht.
wurde 1947 in Trier geboren, ist deutsche Schriftstellerin und Autorin. Von ihr erschien zuletzt der mit dem Deutschen Buchpreis 2012 ausgezeichnete Roman „Landgericht“. 2013 war sie Gast des Goethe-Instituts New York am PEN World Voices Festival of International Literature.
Copyright: Frankfurter Allgemeine Zeitung
August 2013
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