Frauenfußball

„Double Club“: Ballgefühl trifft Sprachgefühl

Copyright: Dina Koschorrek

Fußball spielen und gleichzeitig Deutsch lernen: Double Club heißt dieses Konzept. Ein Besuch bei den begeisterten Spielerinnen an der Mädchenschule Langley Park bei London.

Bethany Price umkurvt eine Mitspielerin. Dann eine zweite. Der Pferdeschwanz wippt, der Ball fliegt in die Maschen. Ein beachtlicher Sololauf, ein müheloses Dribbling gelingt der Schülerin in der Sporthalle der Mädchenschule Langley Park bei London. Es könnte eine normale englische Sportstunde sein, würde nicht so ungewohntes Vokabular durch den Raum hallen. „Wunderbar", ruft der Trainer auf Deutsch. „Gut gemacht." – „Umdrehen." – „Alles noch mal von vorn!" Bethany Price lächelt. „Fußball und Deutsch zu kombinieren", bemerkt sie, „das ist ziemlich schräg."

Es ist ohne Frage eine unorthodoxe Idee, zwei Fächer im Unterricht zu verknüpfen, die nicht die geringste Gemeinsamkeit aufweisen. Aber gerade das ist es, was das Angebot für Bethany Price und ihre Mitschülerin Saranka Viththiyakaran so unwiderstehlich macht. Sechzehn Mädchen, alle 13 oder 14 Jahre alt, bleiben einmal pro Woche freiwillig länger in der Schule für das Kursangebot Fremdsprachen und Fußball. Dabei müssen sie im ersten Teil des Extra-Unterrichts im Klassenraum auf ihren Stühlen sitzen und Begriffe wie Fußballstutzen und Flügelstürmer lernen. Erst danach ist das Jonglieren mit dem Ball erlaubt.

Erste Halbzeit: Deutschunterricht

Bethany Price, Copyright: Dina KoschorrekDouble Club heißt dieses Doppelstunden-Konzept, das vom Goethe-Institut London gemeinsam mit dem englischen Profiklub FC Arsenal und dem Bildungsträger UK-German Connection entwickelt wurde. Die Grundregel ist so einfach wie ein Fußballspiel: Jede Einheit dauert 90 Minuten und ist in zwei Halbzeiten geteilt. Die ersten 45 Minuten sind für Wortschatzarbeit und Grammatik vorgesehen. In der zweiten Halbzeit wird das Gelernte auf dem Rasen oder in der Halle angewandt; dann ist es nicht mehr der Deutschlehrer, sondern ein Fußballtrainer des FC Arsenal, der an der Seitenlinie steht. Der Kurs ist als Ergänzung zum Schulunterricht gedacht und dauert acht Wochen. Abgeschlossen wird er mit einem Stadiontag beim Premier-League-Klub FC Arsenal. 

Selbstvertrauen durch Fußball

Faye White (32), die Spielführerin der Arsenal Ladies und der englischen Nationalmannschaft, fasziniert am Double Club, dass er nach beiden Seiten wirkt. Nicht nur die Fremdsprachenkompetenz werde dadurch gesteigert: „Das Fußballspielen fördert auch die Eigenwahrnehmung, die Sozialkompetenz und das Selbstbewusstsein der Mädchen." Und Selbstvertrauen, vermutet sie, brauchen manche Schüler, wenn sie versuchen, sich in einer fremden Sprache auszudrücken, in der sie noch Fehler machen. Doch allzu häufig denken Spitzensportler, Fremdsprachenbeherrschung sei im Vergleich zur Ballbeherrschung unerheblich. Bei Auslandsreisen sind Spieler meist von einem professionellen Stab umgeben, der, wenn nötig, alles regelt, von der Flugbuchung bis zur Bestellung des Frühstücksbrötchens. 

Torhüterin Emma Byrne, die in Irland aufwuchs, erkannte erst, wie wichtig Fremdsprachen sind, als sie zu Beginn ihrer Laufbahn in Dänemark bei Fortuna Hjørring spielte: „Das Team sprach Dänisch, die Mannschaftsbesprechung war auf Dänisch, die Anweisungen waren auf Dänisch. Ich verstand kein Wort." Jeden Satz mussten ihr die Mitspielerinnen ins Englische übersetzen. Sie hielt es nur ein halbes Jahr in Hjørring aus, dann ging sie nach Irland zurück. Erst als sie zum FC Arsenal wechselte, wo sie Englisch sprechen konnte, begriff sie, woran sie in Dänemark gelitten hatte. Nicht an Heimweh, sondern an dem hilflosen Gefühl, nichts zu verstehen und sich unverstanden zu wissen. „Heute", sagt Emma Byrne, „würde ich vor einem Wechsel ins Ausland immer erst die Sprache lernen." 

Europaweites Erfolgsmodell

Das Modell wurde so erfolgreich, dass die Kulturinstitute Frankreichs, Spaniens, Portugals und Italiens ebenfalls Double Clubs entwickelten. Wieder rollte der Ball weiter: Das Projekt wurde multilingual, stieß auf Interesse der europäischen Behörden – und das Londoner Goethe-Institut spielte Doppelpass mit der EU. Schülerreisen nach Brüssel und Berlin wurden mit EU-Mitteln unterstützt, und der Bundesligaklub Hertha BSC ließ sich ins Projekt einbinden. In England kopierten derweil andere Profiklubs, darunter der FC Chelsea, das Double-Club-Modell und schnitten es auf ihre Vereinsstrukturen zu. Und jetzt ist es an den Mädchen, den Ball weiterzudribbeln. 

„Die Mädchen sind vielleicht sogar noch aufmerksamer und engagierter als die Jungen. Sie schnappen die Vokabeln beim Training auf und wenden sie problemlos im Unterricht an", beobachtet Fraser Davis, der an der Langley-Park-Schule den Double Club leitet. Der Deutschlehrer, der zwei Jahre lang in Potsdam studierte und lehrte, sieht darin eine fröhliche, kreative Ergänzung zum Unterricht. Es sei vor allem eine Motivationshilfe für die Schülerinnen, wenn sie sich für ihr Fremdsprachen-Prüfungsfach entscheiden müssen.

In diesem Sommer wird eine Double-Club-Gruppe zur Frauen-WM nach Deutschland reisen, was den Fremdwortschatz der Schülerinnen um Begriffe wie Nationaltrikot, Würstchenbude und Feuerwerk erweitern könnte. Und für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London tüftelt Karl Pfeiffer, der Londoner Bildungskoordinator des Goethe-Instituts, schon am nächsten Double-Club-Projekt.

Barbara Klimke

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Frauen“ (zum PDF).

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Juni 2011

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