Fernweh

Was machst du im 
Urlaub am liebsten? 

Umfrage 
Ausschlafen
Shoppen
Sehenswürdig-keiten anschauen
Party
Essen und Trinken

Abstimmen

Umfrageergebnisse

Mein Sofa ist dein Sofa

Einquartiert: Als Couchsurfer unterwegs in Israel

Efrat, Foto: Enrique G de la GAlles, was ich von Efrat wusste, war ihre Adresse in Jerusalem und dass ich – wenn ich mit ihr frühstücken wollte – gegen sechs Uhr morgens da sein sollte. Um 5:30 Uhr klopfe ich an Efrats Tür. „Who is it?“, antwortet eine verschlafene Stimme. Zehn Minuten später sitzen wir auf dem Balkon, trinken Kaffee mit Kardamom und warten, dass der Tag anbricht.

Kennengelernt haben wir uns auf der Website www.couchsurfing.org. Wer „sofasurft“, kann während seiner Reise nicht nur kostenlos übernachten, sondern erlebt das Reiseziel auch besonders authentisch – vom Sofa eines netten Menschen aus, der einem seine Heimatstadt zu Füßen legt.

Die meisten Israelis, die beim Couchsurfing angemeldet sind, haben – nach dem Militärdienst – die Welt bereist. Unter Hunderten hatte ich mich für drei entschieden: Efrat, Roee, einen jungen Mann, der sich für den Schutz des Toten Meeres einsetzt, und Shira, eine junge Marketingchefin aus Tel Aviv.

Laut und chaotisch – Efrats Wohnung und die Altstadt Jerusalems

Grabeskirche, Foto: Enrique G de la G„Ich kann zurzeit nicht verreisen, dafür kommen viele Leute zu mir. Alle Couchsurfer sind hier willkommen“, hatte Efrat schon per E-Mail erzählt. Sie ist vor zwei Jahren nach Jerusalem gezogen. Ihre Wohnung liegt direkt vor dem Damaskustor, das in die Altstadt führt. Das Haus ist wie eine Kommune – alle haben Schlüssel vom anderen, falls mal Milch oder Zucker fehlen. Efrat arbeitet als Kellnerin, zurzeit ist Hochsaison. Leider könne sie mir die Stadt nicht zeigen, sagt sie und entschuldigt sich wortreich.

Klagemauer, Foto: Enrique G de la GSpäter überquere ich die Straße unter dem Balkon. Nun ist sie laut, chaotisch und voller Taxis. Das alte Jerusalem kommt mir ein bisschen wie Efrats Wohnung vor: voller kleiner Schätze, veraltet, laut, chaotisch, fremd. Ohne Stadtplan verliere ich mich in dem Labyrinth aus weißen Mauern und hellem Pflaster. An der Fassade eines Hauses führt eine winzige Treppe entlang. Oben sind Menschen, Straßen und noch mehr Häuser. Kinder krabbeln auf einer Kuppel herum, ein Junge fährt Fahrrad, ein ultraorthodoxer Mann geht spazieren.

Zwei Tage später verlasse ich Jerusalem Richtung „Salzmeer“, wie das Tote Meer einst hieß, bis der heilige Hieronymus es umtaufte. Der neue Name passt, dem Ökosystem geht es nicht gut: Das Meer stirbt langsam – zu viel Industrie hat es ausgezehrt. Gegen solche Zustände kämpft Roee, mein Couchgastgeber vor Ort. Er hatte versprochen, mir das Rettungsprojekt zu zeigen. Aber Hieronymus hatte recht – hier ist wirklich alles tot, vor allem die Couch ist gestorben: Als ich Roee nach einer Bestätigung frage, schreibt er zurück, seine Freundin sei zu Besuch, er habe leider keine Unterkunft mehr, „sorry“.

Jung und dynamisch – Shira und Tel Aviv

Tel Aviv, Foto: Enrique G de la GIch setze meine Reise nach Tel Aviv fort, gespannt auf meine letzte Couch bei Shira. Schon am Telefon klingt sie wie ein Energiebündel. „Schön! Geh um die Ecke, lass deinen Koffer im Laden, ich rufe die Mädels da gleich an, geh mal zum Strand, genieß es, wir treffen uns später“, schlägt sie mir vor. So entspannt und effizient kann Couchsurfing auch sein. Um die Ecke liegt das Dizengoff Center, die älteste Shopping Mall der Stadt. Im besagten Laden weiß man tatsächlich Bescheid, meine Sachen werden unter dem Tresen verstaut, und nach acht Minuten bin ich am Strand.

Später warte ich vor Shiras Wohnung. Bald kommt sie mir energischen Schrittes entgegen, genau so, wie sie am Telefon klang, bewegt sie sich. Rennt, macht die Tür auf, zeigt mir Wohnzimmer und Sofa, macht mir ein Sandwich, verschwindet in der Dusche und im Kleiderschrank, und dann sitzen wir auch schon im Auto. Shira fährt schnell – mit einer Hand, mit der anderen telefoniert sie, oder sie deutet auf bedeutende Gebäude ihrer Heimatstadt. Sie ist wie Tel Aviv: schneller, jünger, toleranter, als alles was ich bisher von Israel gesehen habe.

Sofas Welt: Couchsurfen ist fast schon eine Philosophie; © ColourboxAuch ihre Wohnung ist wie ein Abbild ihrer Heimatstadt: groß und modern, der riesige Kühlschrank ist mit Party-Schnappschüssen geschmückt. Und meine Couch könnte nicht besser sein: Es gibt Fernsehen, Musik, Süßigkeiten und Getränke, sogar Zeitschriften – Shira denkt an alles.

Um 2:30 Uhr klopft es an meine Tür: „Ready?“, fragt sie mich. Sie will mich sogar zum Flughafen fahren, trotz der ungünstigen Abflugzeit, trotz meines Widerstandes. „Gäste sind Gäste.“

Im Flugzeug nehme ich mir vor, in meiner Wohnung ein paar Süßigkeiten auf den Couchtisch zu stellen und Stadtmagazine bereitzulegen. Die Couchsurfer, die bald bei mir übernachten werden, sollen das Gefühl haben, dass ihnen Berlin zu Füßen liegt.

Enrique G de la G
(geboren in San Pedro Garza García, Mexiko, 1979) hat Philosophie studiert und schreibt regelmässig kleine Essays, Buchbesprechungen und andere Geschichten für mexikanische und deutsche Medien (Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Letras Libres) und führt ein Blog. Er promoviert in Berlin, der besten Stadt Europas, und würde sehr gerne eine Weile in den schönsten Städten der Welt wohnen: Tel Aviv, New York, Paris, aber auch in unbekannteren Ecken, wie auf den Azoren.
Links zum Thema

Philosophisches & Literarisches SehLoft 
Enriques Weblog 
Sein Blog wurde 2007 als einer der 100 besten Blogs junger mexikanischer Blogger gelistet. Dort postet er über Popkultur, Fotografie, Literatur, Mode sowie Gott und die Welt – meistens auf Englisch aber auch auf Deutsch, Spanisch und Französisch.