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Reisen auf roter Erde

Irgendwo auf der Welt befindet sich ein lebendiger, pulsierender Ort, der nach der Farbe seiner Erde benannt ist: Pucallpa (Quechua: rote Erde) - eine Stadt mitten im peruanischen Amazonasgebiet.

© Oscar Enrique Barreto Linares

Wer Pucallpa nicht gerade mutwillig einen exotischen Charakter beimisst, dem wird die Stadt normalerweise ziemlich westlich erscheinen, abgesehen von der Tatsache, dass sie ihr eigenes Gründungsjahr nicht kennt. Nicht einmal ihre fröhlichen, leichtlebigen Einwohner wissen, wann genau sich die ersten mestizischen Siedler hier niederließen. Die meisten Leute glauben allerdings, dass das mehr als hundert Jahre her ist. Ebenso wenig wissen sie, wer eigentlich den Weg für die Siedler verschiedenster Herkunft, die heute in der enorm gewachsenen Stadt mitten im Urwald leben, ebnete. Manch einer sagt, dass es zwei Brasilianer waren, andere wiederum glauben an einen vermeintlichen Stadtgründer aus der Region San Martín (eine in den Anden gelegene Region im Nordosten Perus). Aber niemand kann es mit Gewissheit sagen.

Und was hat die Stadt zu bieten?

© Oscar Enrique Barreto LinaresPucallpa verfügt über ein tropisch warmes und regenreiches Klima, das allerdings zwischen Dezember und März unvorhersehbar ist. Aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage und ihrer Naturressourcen ist die Stadt besonders attraktiv. Es gibt hier jede Menge Sägewerke, Holz verarbeitende Unternehmen, Fabriken, ein nagelneues Fünfsterne-Hotel und sogar die wichtigste Bierbrauerei der Urwaldregion, zu der folgende Erzählung kursiert: Als die Brauerei gegründet wurde, streuten die konkurrierenden Unternehmen aus der peruanischen Hauptstadt Lima in Pucallpa das Gerücht, dass der Bierkonsum Magenprobleme verursache. Aber nicht einmal diese Intrige konnte verhindern, dass sich die Brauerei in den darauf folgenden Jahren zum Marktführer entwickelte.

Der Name Pucallpa entstammt der Inkasprache Quechua und bedeutet „rote Erde (in der indigenen Sprache Shipibo-Conibo wird die Stadt auch May Joshin genannt, was ebenso „rote Erde“ bedeutet). Die Stadt verdankt ihren Reichtum dem Fluss Ucayali, einem der Hauptnebenflüsse des Amazonas. Hier leben Jaguare und Riesenschlangen (unter anderen die mythische „Yacumama“, die Mutter aller Flüsse, Seen und Bäche), ebenso wie rosafarbene Flussdelfine, prähistorische Schildkröten, Großlibellen, Käfer, Flachlandtapire, Wasserschweine, Affen, Fische und Echsen. Man findet hier sogar noch unberührten Primärwald, wenn auch immer weniger. Außerdem versucht man vereinzelt, den artenreichen Baumbestand zu erhalten. Vor ein paar Wochen eröffnete im Dorf San Francisco beispielsweise der ethnobotanische Garten Chaikoni Jonibo.

Die Hauptstraßen im Zentrum – hier wird es bei gleichbleibendem Wachstum der Stadt in einigen Jahren extrem eng werden – sind in den letzten zehn Jahren asphaltiert worden. Unmengen an Fahrzeugen, die von den Einheimischen sinnbildlich schlicht „Motocar“ (eine Mischung aus Moped und Auto) genannt werden, bilden eine rot-gelb-blaue Masse. Mit ihrem ohrenbetäubenden Geknatter bahnen sich die Motocars den Weg durch die von der Hitze angespannten Einwohner.

„Die Hitze und der Staub, der nach dem Regen aufgewirbelt wird, gehören wohl zu den negativen Seiten meiner Stadt, aber dafür sind die Leute warmherzig und großzügig und das Essen schmeckt hervorragend“, findet die 55-jährige Doris Lineares.

Die lokale Küche

Juane © David Tarazona Cervantes, wikimedia commons„Inchicapi – eine Suppe aus Avocado, Huhn, Maniok und dem unverzichtbaren marinierten Kohl – das ist mein Leibgericht“, sagt Fredy Vásquez Meza, ein Jugendlicher aus dem Bezirk Yarinacocha. „Und es gibt kein besseres Getränk als das wunderbare Aguajina - ein Erfrischungsgetränk, das aus der Frucht der Buriti-Palme hergestellt wird. Die Früchte kann man in der Straße Jirón Ucayali kaufen“, schwärmt er weiter. Und tatsächlich, an der Straßenecke, Jirón Ucayali/Jirón Coronel Portillo werden seit jeher Buriti-Palmen und ihre Früchte verkauft. Außerdem kann man hier selbst gebackene Kuchen kosten.

In Städten wie Iquitos und Tarapoto ist die sogenannte „neue Urwaldküche“ in Mode gekommen. Pucallpa bietet hingegen sehr interessante traditionelle Gerichte wie zum Beispiel das Reisgericht Juane, das mit Hühnchen, Oliven und gekochtem Ei zubereitet und in Pflanzenblätter des Urwaldes eingewickelt wird. Unter den vielen traditionellen Speisen und Getränken finden sich außerdem das Fischgericht Patarashca (ganzer Fisch vom Grill), Cecina (Trockenfleisch vom Rind), Chorizo (Paprikawurst) sowie die unglaublich leckeren Erfrischungsgetränke aus den Tropenfrüchten Cocona, Guave und Camu-Camu. Und noch etwas: Meiner Meinung nach bekommt man in keiner Stadt des gesamten peruanischen Amazonasgebietes so ein gutes Tacacho (typisches peruanisches Bananen-Gericht) wie hier in Pucallpa, und zwar im kleinen Restaurant Mino´s. Leider schmücken hier allerdings Tierfelle die Wände.

Ausgehen und Spaß haben

© Oscar Enrique Barreto LinaresVon Mittwoch bis Sonntag treffen sich die Jugendlichen im Viertel um die Straße Alamedas, die so kurvig ist wie der gleichnamige Fluss. Alamedas verbindet die Landstraße Federico Basadre und die Straße nach Yarinacocha. Hier befinden sich die wichtigsten Freizeitzentren, besonders erwähnenswert ist die Disco El Perico: ein absolutes Muss für jeden, der gern ausgeht.

Ein Besuch in Pucallpa empfiehlt sich nicht nur für Naturliebhaber, die den Urwald hautnah erleben wollen, sondern auch für jedermann, der auf eine vollkommen neue und magische Art die Welt kennenlernen möchte.

Oscar Enrique Barreto Linares
„In dieser wunderschönen und besonderen Stadt, die ich trotz ihrer Mängel liebe, wurde ich am 8. Mai 1981 geboren. Ich bin Anwalt von Beruf, konzentriere mich allerdings derzeit auf meine wahre Leidenschaft, das Schreiben, da ich eine Karriere als Schriftsteller anstrebe. Im vergangenen Jahr habe ich ein Buch geschrieben und nun bin ich auf der Suche nach einem Verlag, der es veröffentlicht. Eines der Themen, mit denen ich mich in meinen Büchern auseinandersetze, ist die Realität Ucayalis – ein Ort, dessen Identität unergründet ist und dessen wenige kulturelle Manifestationen mit zunehmender Migration verloren gehen. Mein Lieblingsschriftsteller und Idol ist Gabriel García Márquez.“

Copyright: Todo Alemán
April 2011

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen.

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