Eine Kalifornierin in Deutschland

Folge 5: Viel Glück in Erfurt

An meinem letzten Abend in Köln saß ich mit meiner Gastmutter Ellen und Gastschwester Silvia beim Abendessen. Es war Ende September und die Temperaturen sanken in den Keller. Wir schwelgten in Erinnerungen an die gemeinsame Zeit und lachten über meine ersten Tage, in denen ich staunend mit großen Augen durch die Stadt gelaufen war.

Als ich später nach einem letzten Treffen mit meinen Freunden von der Sprachschule auf dem Weg nach Hause war, sprach mich ein Typ auf der Straße an. „Excuse me? Excuse me?” rief er auf Englisch. Ich drehte mich um. „Ich hab in der U-Bahn gehört, dass du Englisch sprichst!” sagte er enthusiastisch. „Bist du Amerikanerin? Ich hab in Chicago gewohnt! Wohnst du hier in der Gegend?”

Ich sagte ihm, ja, ich sei Amerikanerin und ich hätte hier in der Gegend gewohnt.
„Aber ich ziehe morgen nach Erfurt.” Ich sah auf die Uhr: „Na ja, genau genommen ziehe ich heute dort hin.”
Seine Begeisterung schien nach zu lassen.
„Erfurt? Im Osten? Warum? Geh nicht. Dort gibt es wirklich gar nichts. Im Osten ist alles ...” (Er bewegte seine Hand vor einem ausdruckslosen Gesicht hin und her, so wie es die Deutschen tun, wenn sie über blöde, doofe oder bescheuerte Dinge reden).
„Also warst du schon dort?”
„Hm, nein.”
„Ich muss da lang,” sagte ich mit einer vagen Handbewegung nach links. „Einen schönen Abend noch.”
„Na gut. Viel Glück in Erfurt.” Sein Gesichtsausdruck schien hinzuzufügen: „Du wirst es brauchen.”



Eine tränenreiche Reise

Am folgenden Morgen im Zug versteckte ich mich mit meinen Tränen hinter einer Zeitschrift. Passenderweise schüttete es wie aus Kübeln als ich Köln verließ („Der Himmel weint, weil du abreist“ sagte Ellen beim Frühstück, während sie mir Käsebrote für die Reise einpackte). Ich liebte Köln. Ich wollte nicht in den Furcht einflößenden, grauen Osten.

In der zweiten Phase des CBYX-Programms (Austauschprogramm des US-Kongresses und des Bundestags) besucht man ein Semester an der Uni. Ich sollte an der Friedrich-Schiller-Universität im winzig kleinen Jena studieren. Da es in Jena allerdings kein Studentenwohnheim für mich gab, sollte ich in Erfurt wohnen und jeden Tag nach Jena pendeln. In Erfurt war es aber auch schwierig, eine Bleibe zu finden. Also beschlossen wir, dass ich bei meiner Tutorin Katharina wohnen würde, bis sich ein Apartment finden ließ.

Erfurt: Nicht das Ende der Welt! (Aber man kann es sehen.)

Katharina entpuppte sich als fröhlicher, gesprächiger Englisch-Fan mit einem tollen Apartment (mit gemütlichem Wohnzimmer). Mit ihrer schönen Wohnung als Ausgangsbasis erkundete ich den Ort, der für die nächsten zehn Monate mein Zuhause sein sollte.

In Erfurt gibt es einen imposanten Dom, einen sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern und eine der interessantesten Brücken Europas, die Krämerbrücke. Es ist auch die Heimat eines der, wie ich finde, lächerlichsten deutschen Dialekte, der jede einfache Konversation zu einer echten Herausforderung macht.

Als ich eine Woche nach meiner Ankunft ein Taxi von Katharinas Wohnung zu meiner neuen Unterkunft nahm, fühlte sich das erfolgreiche Gespräch mit dem Taxifahrer wie eine linguistische Meisterleistung an.

Bald begannen die Kurse an der Friedrich-Schiller-Universität und damit auch die tägliche Pendlerei (Laufen/Straßenbahn/Zug/noch mehr Laufen). Auf die amerikanische (oder einfach nur studentische) Art fand ich schnell durch Versuch und Irrtum heraus, wie viel Zeit ich exakt vom Aufstehen bis zum Unterrichtsbeginn zur Verfügung hatte (1,5 Stunden). Und ich stellte sicher, dass ich mich genau daran hielt. Ich verließ das Haus binnen 15 Minuten, sprintete zur Straßenbahn in drei und ging schnellen Schrittes in zehn bis zum Bahnhof. Die 37-minütige Zugfahrt nutzte ich, um meine Hausaufgaben fertigzumachen und meine Vokabeln aufzufrischen. Ich lernte den Effekt dieser täglichen Zugfahrt auf meinen deutschen Wortschatz zu schätzen. Und ich blättere heute noch hin und wieder in meinem Vokabelheft, das viele schlaue Wörter wie “rückwirkend” und “entfremden” enthält.

Außerdem fand ich während der Zugfahrten auch Zeit, aus dem Fenster zu schauen und was ich dort sah, war eine der schönsten, grünsten Landschaften in ganz Deutschland. Ich hatte das Leben in der Stadt gegen etwas eingetauscht, was einige „Mitten im Nirgendwo“ nennen würden. Aber ich merkte schnell, dass das doch nicht so schlecht war.

Klar, ich musste mich erst an die Unterschiede zwischen Erfurt und Köln, die Stadt, in der ich einst zu Hause war, gewöhnen. Köln, Heimat von Clubs, Karneval und den nettesten Deutschen überhaupt, war ein starker Kontrast zur eher zurückhaltenden Art, mit der man in Ostdeutschland begrüßt wird. Als Ausländerin fiel ich in Erfurt sofort auf, während ich mich im multikulturellen Köln einfach als Teil des Regenbogens fühlte. Ich stellte fest, dass sich die junge Generation normalerweise gut auf Englisch verständigen kann. Einige ältere Leute jedoch (die Russisch an der Schule gelernt hatten) kratzten sich nur fragend am Kopf.

Mein Deutsch profitierte von der Tatsache, dass nun weniger Leute scharf darauf waren, ihr Englisch mit mir zu üben. Und alles in allem lernte ich eine Menge während meines Aufenthalts in Erfurt. Dass man nicht schlecht über einen Ort reden sollte, bevor man nicht selbst dort war zum Beispiel. Oder dass man jederzeit Ratschläge von Fremden annehmen darf, sofern man zusätzlich seinen eigenen, gesunden Menschenverstand einschaltet.

Meinen letzten Abend in Erfurt verbrachte ich mit einer Gruppe Freunden in einem Pub. Ich war traurig, dass ich fuhr, und wollte nicht mal eine Abschiedsparty. Während meiner letzten Woche in Erfurt hatte ich allerdings ein Gespräch mit einem Unbekannten und danach änderte ich meine Meinung. Mein Akzent führt unweigerlich dazu, dass sich das Gespräch schnell um meine Nationalität dreht und ich erzählte ihm, dass ich aus Amerika sei und bald nach Hause müsse. Er fragte mich, ob ich eine Abschiedsparty schmeißen würde.
„Nein,“ sagte ich. „Ich bin wirklich nicht in der Stimmung dafür. Warum sollte ich etwas so Trauriges feiern?“
„Eine Beerdigung ist auch eine Art Fest,“ stellte er mit einem Schulterzucken fest.
Ich sah ihn nie wieder, aber wegen dieser Unterhaltung hatte ich am Ende doch eine Party und ich war unheimlich froh darüber. Dadurch, dass ich noch einmal jeden sah, wurde mir klar, wie viele tolle Freunde ich in einer so kurzen Zeit gefunden hatte und ich fühlte mich danach gleich viel besser.

Gedanken aus Kalifornien

Ich schreibe das hier in San Luis Obispo, meiner kalifornischen Heimat. Ich arbeite wieder im Café und mein letztes Semester am Cuesta College geht bald los. Glücklicherweise oder leider, je nachdem, machen mich die Kenntnisse einer Fremdsprache, bei der es sich nicht um Spanisch handelt, zu einer Art Exot in dieser Stadt.

Es wäre toll, wenn ich sofort eine fantastische Karriere starten könnte, die fließendes Deutsch voraussetzt. Aber bis dahin bin ich mehr als zufrieden mit dem positiven Effekt, den mein Jahr in Deutschland auf mein Alltagsleben und Berufschancen hat. Insbesondere zwingt dich ein Jahr im Ausland, weit weg von Familie und Freunden, dazu, wichtige Entscheidungen für dich selbst zu treffen und sorgt damit für Selbstständigkeit und gutes Urteilsvermögen. In einer Fremdsprache zu kommunizieren lehrt Bescheidenheit und Geduld, und das letztendliche Beherrschen der Sprache führt zu dem großartigen Gefühl, etwas Tolles geschafft zu haben.

Praktischerweise sind das auch Qualitäten, die in einem Lebenslauf hervor stechen! Ich weiß immer noch nicht, wo mich mein Weg hinführen wird, aber ich bin sicher, dass meine Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur mir helfen werden, den idealen Job zu finden. Wie viele andere habe ich ein Auge auf den europäischen Arbeitsmarkt geworfen, aber anders als die meisten Amerikaner spreche ich bereits die meist gesprochene Sprache der Europäischen Union.

Bis ich mich auf den Rückweg mache, werde ich die kalifornische Sonne genießen, meine „geheime Sprache“ üben und für das nächste Abenteuer im Ausland sparen.

Anna Weltner (23), die Autorin von „Eine Kalifornierin in Deutschland“, stammt aus dem kalifornischen San Luis Obispo, wo sie International Studies am Cuesta College studierte.

Copyright: Todo Alemán
August 2010

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen.

    Annas Weblog 

    I'm a penniless California bohemian living in Erfurt, Germany. These are my notes from over there.