Ein Peruaner in Deutschland

Episode 5: Genau was ich brauchte: eine Universitätsstadt




Den ganzen Vormittag hatte ich in der Uni-Klinik Göttingen verbracht: Ich war superfrüh aufgestanden, um dann, dank der unzähligen Abteilungen der Klinik, doch zu spät zum Praxisunterricht – auch Bedside-teaching genannt – zu kommen.

Anschließend besuchte ich ein Seminar in einem kleinen, stickigen Raum, der nicht einmal ein Fenster hatte, und schrieb quasi ohne Punkt und Komma alles mit, was die Dozentin referierte. Bloß nicht zur Ruhe kommen! – war meine Devise gegen die Müdigkeit, die mir die vergangene schlaflose Nacht bescherte. Doch das war leichter gesagt als getan. In Gedanken bei der Belüftungsanlage, die zwar unglaublich laut war, mich aber glücklicherweise bei Bewusstsein gehalten hatte, machte ich mich auf den Weg zur Mensa.

Jeden Tag, genau um ein Uhr, traf sich hier eine Gruppe lateinamerikanischer Studenten zum gemeinsamen Mittagessen. Die Ähnlichkeit zwischen dem deutschen Ausdruck Mensa und dem spanischen Adjektiv menso (dumm, langweilig) ist wohl Zufall, gewarnt sei man jedoch zu Recht. Die Essenqualität ist eher mangelhaft und egal, welches Gericht auf dem Programm steht, es hat immer denselben eintönigen, penetranten Geschmack. Ansonsten ist die Mensa unter der Woche schlicht der soziale Dreh- und Angelpunkt der Studierenden. In München hatte ich viele deutsche Freunde, hier in Göttingen traf ich mich allerdings hauptsächlich mit Lateinamerikanern.

Emil an jeder Ecke

Emil, BWL-Student aus Kasachstan, drehte sein Handgelenk, neigte den Kopf und schaute auf die Uhr: viertel nach zwei. Dann hängte er seine schwarze Tasche über die Schulter, nahm das Tablett mit den leeren Tellern und ging. Fünf Tische entfernt, inmitten dem Getöse der geselligen Latino-Truppe, ließ ich eine gute halbe Portion bleichen, gummiartigen, geschmacklosen Pudding auf meinem Teller liegen, hielt kurz inne und stand dann ebenfalls auf.

Eine Viertelstunde später stand ich gerade in der Warteschlange vor dem Universitäts-Sekretariat, um ein Dokument einzureichen. In der Schlange neben mir, mit Kopfhörern und rhythmischem Kopfnicken: Emil.

Zwanzig Minuten später: Ich nutzte das trockene, sonnige Wetter (das in Göttingen eher selten ist) und traf mich mit ein paar Kommilitonen zum Fußballspielen im Sportgelände der Uni in den nördlichen Hügeln der Stadt. Am Spielfeldrand, im Kreis einer anderen Spieler-Gruppe, am Kicken: Emil!

Nach dem Fußballspiel war ich ziemlich erledigt, hatte aber noch Einiges zu tun: zwei Bücher aus der Bibliothek ausleihen, Briefe zur Post bringen, einen Bund Koriander für das Abendessen einkaufen und ein Ersatzteil für meine Fahrradbremsen besorgen.

Vor einem Fahrradladen, mit einem staunender Blick in Richtung der Mountainbikes, die von der Decke hingen, als würden sie fliegen, stand … genau: Emil!

Als ich schließlich mit vollem Bauch zu Hause ankam, dachte ich darüber nach, wie einfach das Studentenleben hier doch war: Die Uni, die Geschäfte, die Mensa, alles befand sich direkt um die Ecke. Dadurch blieb mir mehr Zeit zum Lesen und Lernen. Denn schließlich hatte ich mir in München vorgenommen, das Studium, sagen wir mal, ein wenig ernster zu nehmen. Die Tatsache, dass Göttingen eine überschaubare Stadt war und somit ideal, um mich an meinen Vorsatz zu halten, hatte mich schon in München begeistert, als ich die Entscheidung traf, hier herzuziehen.

Und natürlich wollte ich in der Nähe meiner Freundin Alicia sein, ohne sie wäre ich niemals hier gelandet.

Der Schein trügt

Dass ich Emil an jeder Ecke traf, noch dazu an ein und demselben Tag, zeigte mir, wie kleinbürgerlich und dörflich Göttingen sein kann. Ich bin in Lima aufgewachsen, einer Stadt mit ca. 10 Millionen Einwohnern – das sind fast 80-mal so viele wie hier mitten in Deutschland in dieser Universitätsstadt wohnen – und mir gefällt das Großstadtleben. Aber trotzdem fühle ich mich hier sehr wohl.

Göttingen ist eine Kleinstadt, das ist wohl offensichtlich. Doch Vorsicht, denn wie man bei uns in Peru sagt: Der Schein trügt. Eines Nachts auf einer Party lernte ich Emil dann kennen. Nach einer langen Unterhaltung lüftete er das Geheimnis, das seine permanente Präsenz erklärte: Sein Zwillingsbruder lebte ebenfalls in Göttingen.

Carlos Barandiaran (28),
aus Lima lebt seit sieben Jahren in Deutschland und studiert Medizin in Göttingen.

Copyright: Todo Alemán
Mai 2011

Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen (Peru).

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