„Wash Echte“ – ein geheimnisvoller Blogger erklärt Berlin


Getarnt als eine Berlin-Anleitung für Ausländer, macht sich der Blog ichwerdeeinberliner.com über die Szene lustig. Bionade, assymetrische Haarschnitte, ironisches Tatortgucken – alle Klischees über alternative Eliteberliner werden auf den Punkt gebracht. Der Autor kommt aus dem Ausland und spricht kein Deutsch. Das ist aber auch so ziemlich das Einzige, was man über ihn weiß. Wash Echte ist so geheimnisvoll, dass er Interviews nur per E-Mail gibt.
Warum willst du um jeden Preis anonym bleiben?
Wash Echte habe ich mir ausgedacht, weil ich einen künstlerischen Charakter brauchte. Wash Echte will unbedingt dazugehören, er will in der Menge der hippen Berliner aufgehen – genau wie all die leicht beeindruckbaren Menschen, die man hier tagtäglich trifft. Ich selbst habe keine derartigen Ambitionen. Würde ich meinen echten Namen in meinem Blog benutzen, wäre es also nicht sehr glaubwürdig.

Und warum hast du dich Wash Echte genannt?
Eines Tages saß ich draußen in einem Café in Berlin-Mitte und hörte zwei Deutsche darüber diskutieren, wer ein „Waschechter Berliner“ ist und wer nicht. Mir hat gefallen, wie das Wort klingt. Dummerweise habe ich mich bei der Schreibweise vertan. Ich selbst spreche ja kein Deutsch, aber anscheinend bedeutet „waschecht“, dass jemand so authentisch ist, dass man es nicht mehr abwaschen kann.
Kannst du wenigstens ein bisschen was verraten?
In bin in meinen Dreißigern. Nach der Zeitrechnung der deutschen urbanen Eliten heißt es, dass ich gerade die Pubertät verlassen hab und so in zwanzig Jahren damit anfange, mir Gedanken um einen echten Job zu machen. Und ich bin männlich. Meine Nationalität bleibt aber ein Geheimnis.
Wo hast du gewohnt, bevor du nach Berlin gezogen bist?
Wegen meines Jobs ziehe ich viel um. Vielleicht bin ich ja genau dadurch resistent gegen den Berlin-Hype geworden. Ich habe unter anderem in London und Hongkong gewohnt – Metropolen, in denen viele unterschiedliche Szenen und Subkulturen zu Hause sind. Aber in Berlin hast du nur die Monokultur der aufmerksamkeitsgierigen, röhrenjeanstragenden, 36-jährigen Hedonisten und sonst nichts. Berlin ist wirklich die Welthauptstadt der Gegenkultur. Aber ich frag mich immer – gegen wen lehnen sie sich denn auf? Es gibt hier keine Finanzwirtschaft, keinen obszönen Konsumerismus, nicht einmal echte Urbanisierung. In Berlin sind Subkultur und Mainstream so verdreht, dass es subversiver ist, Banker zu sein als Künstler.

Aber trotzdem bist du hierher gezogen.
Es stimmt, dass Berlin die Welthauptstadt von Partys und billigen Mieten ist. Auch ich war im Berlinrausch. Die Ausnüchterung setzte ein, als ich anfing, hinter die Kulissen zu schauen. Da fand ich raus: Berlin-Mitte ist wie eine Szenerie, wie ein Film-Set. Dahinter ist nichts. Ich wette, eines Tages werden die Chinesen eine kleine Version von Berlin in Hangzhou nachbauen, genauso wie sie es mit Paris gemacht haben. Da wird es einen berühmt-berüchtigten Club geben, ein paar alternative Bars und wütende Fahrradfahrer, die zu ihren unbezahlten Praktika radeln. Und niemand wird sagen können: Das ist Original und das ist Fake.
In deinem Blog benutzt du nie das Wort „Hipster“. Aber eigentlich weiß jeder, über wen du dich lustig machst: Über junge alternative Großstädter. Warum nennst du das Kind nicht beim Namen?
Der Begriff Hipster ödet mich an. Hipster-Satire war schon im Jahr 2006 völlig ausgelutscht. Ich mache mich über eine gewisse geistige Haltung lustig, nämlich das völlig unbegründete Überlegenheitsgefühl junger Großstädter, das in Wahrheit ein schlecht versteckter Minderwertigkeitskomplex ist. Diese Haltung gab es lang bevor der Hipster erfunden wurde. Und die wird den Begriff auch überleben.

Aber diese Haltung gibt es nicht nur in Berlin-Mitte, sondern überall auf der Welt.
Ja, aber die Deutschen sind auch in ihrer Hipness sehr Deutsch. Damit meine ich: Sie nehmen sich sehr, sehr Ernst. Sie sind total verbissen zu zeigen, wie frei und entspannt ihr Leben ist. Genau wie überall auf der Welt wollen junge Deutsche aus der engen Welt ihrer Eltern ausbrechen, aus einer Welt, in der es nur darum geht, war das größere Haus hat und das dickere Auto. Aber stattdessen haben sie sich in einer noch strickteren Hierarchie verfangen: Wer hat das wildeste Wochenende? Wer die größte Vinylsammlung? Wer eröffnet zuerst eine geheime Kunstgalerie nahe Ostkreuz? Die jungen Deutschen benutzen ihr angeborenes Ingenieurtalent nicht mehr um bessere Autos zu bauen, sondern um die ausgeklügeltste Hipnesshierarchie der Welt aufzubauen.
Wie kamst du eigentlich dazu, darüber zu schreiben?
An einem faulen Nachmittag 2008 war ich so gelangweilt, dass ich angefangen habe, eine Berlin-Version von Stuff White People Like zu schreiben. Damals war dieses Blog ziemlich populär. Der Autor schrieb Satire über Angewohnheiten junger, pseudo-alternativer Besserverdiener. Ich kopiere nur. Aber im Prinzip war das ein Erfolgsrezept Berlin-Style: Nimm etwas, was vor fünf Jahren cool war, passe es an Deutschland an, dann lehn dich zurück und warte bis es Lob regnet.
studiert Kommunikationswissenschaften und Psychologie in Berlin und Washington, DC. Sie schreibt für jetzt.de, Der Tagesspiegel und die Südwest Presse.
Copyright: to4ka-treff
Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus
Juli 2010


















