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„Berlin ist eine traditionslose Stadt, das ist ein Vorteil“ – Interview mit Hartmut Häussermann

Professor Hartmut Häussermann © Anita BackProfessor Hartmut Häussermann © Anita BackBerlin ist anders. Ein bisschen lauter, ein bisschen bunter und ein bisschen schräger als Hamburg und München. Hartmut Häussermann, Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Berliner Humboldt-Universität über Stadtteilentwicklung und Zuwanderung in der deutschen Hauptstadt.

Herr Häussermann, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat einmal gesagt, Berlin sei „zwar arm, aber trotzdem sexy“. Wen lockt der Sog der Hauptstadt heute, gut 20 Jahre nach der Wende, noch?

Wie in allen großen Städten sind das die Zuwanderungsgruppen der 18- bis 25-jährigen, also die jungen Leute. Vor allem wegen der Ausbildung: weil hier Universitäten und höhere Ausbildungsanstalten sind. Aber in Berlin gibt es auch die Anziehungskraft auf das, was man heute „die kreativen Berufe“ nennt, also Künstler aller Art oder Kulturschaffende, die die Möglichkeiten, die Berlin bietet, zu schätzen wissen. Und das ist vor allem Raum. Durch die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es viel Raum, und der ist relativ billig. Und es gibt für junge Leute oder für Künstler die Möglichkeit, sich diesen anzueignen. Das wird von vielen, auch international, geschätzt. Aber auch der Sektor, der mit höheren Dienstleistungen zu tun hat, wächst – Werbung, Kommunikationsberufe, Beratung, Rechtsanwälte, also alles, was mit Regierungs- und Leitungsfunktionen zu tun hat.

Und wie ist es innerhalb der Stadt – haben sich die Bewohner von Ost- und Westberlin vermischt?

Berlin © Lorenz ViereckeNach der Wende hätten ja viele Migranten in den Osten ziehen können, in den Prenzlauer Berg, nach Friedrichshain oder Treptow – es gab ja billige Wohnungen dort. Aber das ist nicht passiert. Es gibt nach wie vor eine Spaltung: Die alten Migranten, die bis zur Wende in Westberlin waren, die sind dort geblieben. Nur neue Zuwanderer aus osteuropäischen Ländern wohnen im Osten.

Wie ist denn Ihre Beziehung zu Berlin? Sie kommen ja selber ursprünglich aus Baden-Württemberg.

Das ist der große Vorteil von Berlin, dass sich eigentlich gar nicht richtig definieren lässt, wer Berliner ist und wer nicht. In Berlin ist derjenige, der hier wohnt, relativ schnell Berliner. Denn hier gibt es eigentlich nur Fremde. Berlin hat nicht diese Verwurzelung in einer lokalen Kultur, einer lokalen Folklore wie die meisten anderen Großstädte, wie Köln, Hamburg oder München, wo man den Karneval hat oder die Seemannsorientierung oder die Lederhosenkultur. Berlin ist eine traditionslose Stadt. Und das ist der Vorteil.

Also sind Sie Berliner?

Ja. Aber mit Sicherheit.

Stephanie Wurster
stellte die Fragen. Sie lebt als freie Literaturredakteurin, Autorin und Übersetzerin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011

Originalsprache: Deutsch

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