Zu Fuß durch China: „The longest Way“

Was haben ein Deutscher im Zoo von San Diego und einer in der Wüste Gobi gemeinsam? Beide sind Stars des Medienphänomens YouTube. Christoph Rehage ist einer von ihnen. Er durchquerte China praktisch von Ost nach West und lief dabei die unglaubliche Zahl von 4646 Kilometern. Seinen Marsch hielt er auf einem fünfminütigen Video fest, das ein großer Erfolg auf YouTube war.
YouTube ist ein Medienphänomen
Drei Freunde, darunter ein Merseburger, fingen Februar 2005 an, YouTube zu planen. Der Deutsche, Jawed Karim, lud am 23. April 2005 das erste Video hoch. „Me at the zoo“ dauert bloß 18 Sekunden und zeigt Jawed vor den Elefanten. Rund 2,5 Millionen Menschen haben dieses Video vor dem 5. Geburtstag von YouTube bereits gesehen. Dies war nur der Anfang ...
Wenn man über YouTube redet, dann verliert man das numerische Verhältnis. In diesem Zusammenhang ist stets die Rede von Millionen von Videos, Millionen von Zuschauern, Millionen von Dollars, die sich dank Zigtausend Klicks bewegen.
Zweifellos hat YouTube eine neue Art von Promis geschaffen. Die Protagonisten werden berühmt, weil das Video lustig ist oder weil es etwas Interessantes darstellt. Viele Amateure machen schnelle und einfache Videos ohne weitere Bearbeitung, aber auch Profis stellen ihre Videos auf YouTube.
Der Erfolg liegt teilweise darin, dass YouTube frei verfügbar ist. Es ist total einfach, ein Video anzuschauen: Ein Klick allein reicht aus. Gute Filme verbreiten sich rasend schnell durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Weil es sich hier um Bilder mit einer universellen Sprache handelt, die jeder verstehen kann.
Vorstellung des Videos The longest Way
Als Christoph Rehage 23 Jahre alt war, traf er die Entscheidung, von Paris bis nach Hause in Bad Nenndorf zu laufen. Für die Strecke von ca. 630 Kilometern brauchte er mehr als drei Wochen.
Später ging er nach China, um zu studieren. Anstatt eines Rückflugs entschied er sich erneut für das Laufen. Vor ihm lag die unglaubliche Strecke von fast 15.000 Kilometern. An seinem Geburtstag, am 9. November 2007, ging er los.
Mit Matt Harding und Noah Kalina als Vorbilder, welche durch ihre YouTube-Videos berühmt wurden, machte Chris viele Fotos von sich selbst – mit lang gestreckten Armen hielt er sich die Kamera vors Gesicht. Täglich ging er ins Netz, um seinen Blog zu aktualisieren, um kleine Videos hochzuladen und um seine Abenteuer der Welt zu erzählen.
Ein Jahr später, nach 4646 gelaufenen Kilometern von Beijing bis nach Ürümqi stoppte Chris. Er wollte „zurück in die Uni, fertig sein, für eine Weile nicht weiter an die Lauferei denken“, erklärt er. So kehrte er mit dem Flugzeug nach Hause zurück und bereitete mit dem fotografischen Material folgendes Video vor:
Erfolg im Internet
Für die Bearbeitung des Videos benötigte Chris vier Monate. Zuerst wählte er 1.400 von ihm gemachte Fotos aus und ordnete sie chronologisch. Nach verschiedenen Versuchen gelang es ihm mit einem Software-Programm, die Augen aller Bilder, eins nach dem anderen, genau übereinander zu setzen. Er fügte alles zusammen und wählte zwei Lieder als Hintergrundmusik: Olive Tree der chinesischen Band Zhu Fengbo und L’aventurier, der kanadischen Band „The Kingpins“.
Um sicher zu gehen, dass das Video auch ein Publikum erreicht, lud Chris es auf verschiedenen Websites hoch, wie zum Beispiel Vimeo oder Dailymotion. Auf YouTube lud er außerdem weitere 100 kleine Videos von seinen Tagen in China hoch. Das lange Video (5:19 Minuten) ist ein großer Erfolg gewesen – im ersten Jahr sahen es etwa 750.000 Menschen auf YouTube und rund 800.000 auf Vimeo.
Wie erklärt sich dieser riesige Erfolg? Chris Rehage weiß es auch nicht genau: „Vielleicht ist es einfach so, dass viele Leute ihre eigenen Vorstellungen vom Leben auf der Reise in das Video hineinprojizieren können“.
Ständig wird das Publikum größer. Denn jeden Tag können viele Leute mit ihren Computern von Zuhause, der Schule oder dem Büro sowohl den Zoo in San Diego als auch die Wüste Gobi in China besuchen.
(geboren in San Pedro Garza García, Mexiko, 1979) hat Philosophie studiert und schreibt regelmässig kleine Essays, Buchbesprechungen und andere Geschichten für mexikanische und deutsche Medien (Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Letras Libres) und führt ein Blog. Er promoviert in Berlin, der besten Stadt Europas, und würde sehr gerne eine Weile in den schönsten Städten der Welt wohnen: Tel Aviv, New York, Paris, aber auch in unbekannteren Ecken, wie auf den Azoren.






