Karneval in Uruguay
Während des ganzen Jahres können wir auf allen möglichen Schauplätzen und „Tablados“ (Stadtbühnen in Montevideo) die Aufführungen der Karnevalsgruppen bestaunen. Sie eröffnen oder beenden Veranstaltungen, heizen auf Festen ordentlich ein, treten als Gäste in wichtigen TV-Sendungen auf oder touren rund um die Welt. In den 40 Karnevalstagen geben die Leute in Uruguay mehr Geld für den Karneval aus als für irgendeine andere Veranstaltung. Die Zahlen übertreffen sogar den Fußball, die zweite große Leidenschaft Uruguays.
Seine Herkunft
Der Karneval in Uruguay hat viele verschiedene Wurzeln und ist deshalb durch unterschiedliche Stile beeinflusst. Seine Herkunft scheint allerdings sehr weit in die Vergangenheit zurückzugehen. Sowohl in Ägypten als auch im Alten Europa wurden schon ähnliche Feste gefeiert, als Anlässe dienten zum Beispiel eine gute Ernte oder die Verehrung eines Gottes.
Zwei Einflüsse sind allerdings besonders maßgebend. Es heißt, dass eine Gruppe spanischer Artisten vor mehr als einem Jahrhundert nach Uruguay kam. Als sie kein Geld mehr zur Verfügung hatte, um nach Europa zurückzukehren, zog sie mit auffälligen fantasievollen Kostümen durch die Straßen und führte improvisierte aber sehr lustige Theaterstücke auf. Daraus entwickelten die verschiedenen Kategorien von Karnevalsgruppen, die typisch sind für Uruguay: die „Murgas“ (eine Art musikalisches Kabarett), „Revistas“, „Humoristas“ und „Parodistas“ (allesamt Karnevals-Komiker unterschiedlicher Art). Ihre Vorführungen brauchen meist keinen großen Schnickschnack: Man stoppt den Verkehr, stellt eine Bühne mit Lautsprechern und Scheinwerfern auf, dann noch ein paar Stühle ... – und los geht’s!
Von zentraler Bedeutung sind ebenfalls die Einflüsse durch die Candombe-Gruppierungen („Comparsas“) afrikanischen Ursprungs mit ihren pulsierenden Trommel-Rhythmen. Die Afrikaner, die zur Kolonialzeit als Sklaven nach Montevideo kamen, sangen und tanzten bei Festen wie dem Karneval in ihren farbenprächtigen Tuniken durch die Straßen.
Die Auftakt-Parade
Offiziell beginnt der Karneval mit der Auftakt-Parade durch die wichtigste Straße Montevideos, die Avenida 18 de Julio, durch die auch die Karnevalswagen mir ihren Karnevalsköniginnen, den riesigen Puppen aus Pappmaschee und vielem mehr ziehen. Anschließend geht es weiter zum alten Stadtviertel Sur, das ist sinnbildlich die Bühne der „Comparsas“; am Schluss heizen dann die Samba-Schulen mit ihrer unglaublichen brasilianischen Musik richtig ein. Nach den Eröffnungsumzügen starten die „Tablados“ in ganz Uruguay.
Das beliebteste Fest wird das ganze Jahr sehnsüchtig erwartet
Der Karneval ist zweifelsohne das mit Abstand beliebteste Fest. Egal ob kleine Kinder oder alte Leute, jeder ist mit voller Begeisterung dabei. Auch hochrangige Personen aus Kultur-, Politik- und Kunstszene wie beispielsweise der weltberühmte Künstler Carlos Páez Vilaró oder auch Minister der Regierung sind mit von der Partie.
In der Karnevalszeit sind wir alle nicht wiederzuerkennen. Sogar der Schüchternste und Humorloseste tanzt dann zu den heißen Rhythmen der Trommeln und Chapas (typisches Instrument der Sambagruppen).
Egal, ob Groß oder Klein, uns alle überkommt eine gemeinsame Freude, die uns als Brüder und Schwester vereint. Der Alltag tritt in den Hintergrund und es ist nur schwer in Worte zu fassen, wie sich das alles anfühlt, man muss den Karneval einfach erleben. Wie schön es ist, die Kinderhorden mit ihren Masken und farbenfrohen Kostümen zu sehen, wie sie überall hin ihre Papierschnipsel und Luftschlangen werfen!
Auch Kinder sind beim offiziellen Wettbewerb der Murgas dabei
Vor einigen Jahren wurde der „Carnaval de las Promesas“ (Karneval der Versprechungen) für Kinder und Erwachsene, der seinen eigenen Wettbewerb und Umzug hat, ins Leben gerufen. Ohne Zweifel hat er sich zum Sprungbrett vieler Künstler entwickelt. Viele Künstler, die wir heute im Fernsehen oder im aufstrebenden uruguayischen Kino sehen, hatten ihre ersten Auftritte bei den „Tablados“.
Mehr als nur ein Fest - eine Leidenschaft
Der Karneval in Uruguay ist eine Passion und deshalb kommen die Darsteller auch aus den unterschiedlichsten Reihen: Studenten, Arbeiter, Hausfrauen ... Sie alle arbeiten das ganze Jahr hart, um dann endlich ihre Darbietungen vorführen zu können. Bis zu acht Stunden proben täglich – kurz vor Beginn des Karnevals ist das nichts Ungewöhnliches – und das alles muss natürlich neben Studium oder Job untergebracht werden. „Es ist schon hart, aber es macht unheimlich viel Spaß“, sagt Santiago von der Gruppe „Diablos Verdes“ (Grüne Teufel), der 12 Stunden am Tag bei einem Metzger arbeitet und anschließend probt. „Natürlich ist es viel Arbeit, aber wir haben das im Blut“, fügt Monika von der Sambaschule „Asabranca“ hinzu. Nach ihrem Arbeitstag – Vollzeit – widmet sie sich den Chapas. Außerdem ist sie Repräsentantin von Asabranca. Geübt wird überall, sei es im Fußballverein oder auch auf dem Boden bei einem Gruppenmitglied oder bei einem Freund zu Hause, so wie es bei Asabranca der Fall ist. Jeder kann einen Auftritt einstudieren, und das macht den Karneval zu dem populären und zugänglichen Ereignis, das es ist.
Es ist also schlicht unmöglich, zur Karnevalszeit nach Uruguay zu kommen und nicht mitzutanzen. Der Karneval ist ein absolutes Muss, bei dem sich niemand, egal ob Jung oder Alt, der allgemein vorherrschenden Lebensfreude entziehen kann.
In Uruguay ist das ganze Jahr lang Karneval!
„Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als verkleidetes Kind mit meinem Beutel Papierschnipsel in der Hand Karneval feierte. Anstelle der Gummischlangen von heute gab es damals sogenannte „Pomos“ (mit Wasser gefüllte Plastikschläuche). Wir spritzten einfach alle Leute nass, die uns entgegen kamen. Angeblich waren die „Pomos“ vor vielen Jahren einmal mit hochwertigem Parfüm-Wasser gefüllt. Mein besonderer Dank gilt Monika von der Sambaschule „Asambranca“ und Santiago von der Gruppe „Diablos Verdes“.“
Copyright: Todo Alemán
Mai 2011
Bei diesem Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Spanischen.












