Ein Blick auf die deutschen Charts lässt aufhorchen: Auch im oberen Teil der Tabelle haben sich einige deutsche Bands festgesetzt und regelmäßig rücken frische Sounds nach. Es stellt sich weniger die Frage, welche Musik spielt, sondern woher sie stammt.
Bei einem zweiten Blick und dieses Mal in die deutschen Teenager-Zimmer, kommt einem vieles bekannt vor: Wandfüllende Poster berühmter Sportidole, Musiker und Schauspieler, dazu eher zufällig platzierte Wäscheberge sowie verstreute Schulklamotten und irgendwo dazwischen ein MP3-Spieler, der fleißig satte Klänge auf die Stereoanlage schickt. Die endlos langen Wiedergabelisten lesen sich wie das "Who is Who" der Musikszene – ein Spiegelbild der bekannten Chartlisten: Pitbull, Lady Gaga, Rihanna & Co. fehlen fast nie, doch klingen bei der Zufallswiedergabe häufig deutsche Stimmen in allen Facetten aus den Boxen. Madsen, Die Fantastischen Vier, Fettes Brot, Unheilig, Revolverheld und Xavier Naidoo sind Dauergäste in den Listen, ob nun auf dem MP3 Player oder in den Charts. Dort finden sich aber auch die aufwärts strebenden Nachwuchskünstler wie der Songwriter Andreas Bourani oder Jupiter Jones mit krachender Punkrock-Dröhnung. Man hört wieder deutsch.
Eine weitere „Deutsche Welle“
Ähnlich war es schon einmal vor etwa 20 Jahren, als junge deutsche Musiker mit der "Neuen Deutschen Welle" über das Land schwappten. Damals kam der Sound noch aus schwarzen Vinylrillen anstatt aus den digitalen Untiefen elektronischer Geräte. Die meisten Bands klangen eher minimalistisch und kühl mit tiefsinniger Lyrik, was sich anfänglich eher nach einem Kunstprojekt anhörte und daher nicht wirklich interessant für die Plattenfirmen war. Die Musik kam dennoch an und mit zunehmendem Erfolg horchten die Produzenten natürlich immer genauer hin. So führten sie Gruppen wie Spliff, Ideal oder Extrabreit ins große Geschäft. Zweifellos schob die NDW die deutschsprachige Musik enorm an und legte das Fundament für viele andere, zumeist noch heute aktuelle Bands. Die dauererfolgreiche Nena startete zu jener Zeit, ihr Hit 99 Luftballons hat es in der englischsprachigen Version 99 Red Balloons zu internationalem Ruhm gebracht.
Auch heute profitiert die deutsche Musik von ihren Exportschlagern: Ganz vorne mit dabei die ultraharten Rocker von Rammstein, auch ein Dauerbrenner mit einer festen Fangemeinde im Ausland, insbesondere in den USA und Südamerika. Ebenso engagiert und nicht minder erfolgreich ist die hierzulande polarisierende Band Tokio Hotel, deren kometenhafter Aufstieg mit dem 2007 erschienenen Debütalbum Schrei begann und schon mit dem zweiten Album Zimmer 483 und der englischsprachigen Version Room 483, den internationalen Erfolg im Auge hatte. Das hat mehr als prima geklappt, denn zahllose junge Fans in den USA, Kanada, Südamerika und Frankreich kreischen sich während der Konzerte die Stimmen heiser und sorgen zugleich für wichtige internationale Chart-Platzierungen.
Starke Texte in der Muttersprache
Andere Bands texten ausschließlich in deutscher Sprache. Sebastian Madsen will es auch nicht anders, da er seine Gefühle und Gedanken eben nur in seiner Muttersprache am besten ausdrücken kann. Damit steht er nicht alleine da. Silbermond, Revolverheld, Luxuslärm und auch die aktuell extrem angesagten Songwriter Philip Poisel und Clueso denken ähnlich. Das klingt auch gut im Deutsch als Fremdsprache-Unterricht, wo diese und einige andere Bands gern gehörte Dauergäste sind. Wenn fetzige Musikvideos auf dem Smartboard erscheinen, wird es laut bis in die letzte Reihe – das Klassenzimmer mutiert zum Club.
Angesagt sind auch multikulturelle Verbindungen verschiedener Musiker, die ihre Einflüsse mit der deutschen Sprache verbinden. Seeed, Culcha Candela oder die Hamburger Soul-Gruppe Positunes zeigen auf gehörige Weise, wie das geht.
Der Zustrom der Fans ist enorm. Einige deutsche Bands versammeln ihre Fans nicht mehr in kleineren Hallen, sondern füllen riesige Arenen. Auch auf den größten Freiluft-Festivals wie Rock am Ring oder Rock im Park hat sich die deutsche Musik etabliert. Madsen, In Extremo oder Die Söhne Mannheims tauchen im gemeinsamen Line-up mit Szenegrößen Coldplay oder Korn auf. Deutsche Musik ist dick im Geschäft.
Talent und viel Glück
So ganz märchenhaft ist der Erfolg nicht immer, denn der Weg dorthin ist ziemlich holprig, das Geschäft knallhart. Schüler- und Amateurbands schießen wie Pilze aus dem Boden und geben in einem der rar gewordenen Proberäume ihr bestes, um hin und wieder ein Kleinkonzert in einem der unzähligen Jugendklubs zu spielen, bei dem man eher Freunden und der Familie begegnet als wirklichen Fans. Der Besuch des Plattenmanagers bleibt ein Traum. Manche Nachwuchsbands versuchen ihr Glück bei Talentwettbewerben und Pop-Camps. Wenn es gut läuft, winkt eine Aufnahme im Studio. Wenn es besser läuft, fühlt man sich so wie Jupiter Jones an der Spitze der Charts. Und wenn es perfekt läuft, steht mit dem Gewinn des Wettbewerbes einer beispiellosen Karriere wie bei Deutschlands Superstars Tokio Hotel oder Lena Meyer-Landrut nichts im Wege.
Der Erfolg ist aber auch mit einer soliden Ausbildung planbar. Zumindest versucht die renommierte Pop-Akademie in Mannheim eine Karriere mit einem eigenen Studiengang Popmusik-Design anzuschieben, versprochen wird der spätere Ruhm allerdings nicht.
Die Deutsche Musik ist "wunderbar", behauptet die Initiative Musik, die Nachwuchskünstler auch stilistisch grenzenlos fördert und auf einem gleichnamigen Sampler präsentiert. Da das größte Interesse aus den USA stammt, schicken die Musikexperten deutsche Bands zum Musikfestival South by Southwest ins texanische Austin. "Music Made in Germany" ist im Trend. Viel Lärm um eine große Sache, einfach aufdrehen und rein hören!