Der Axolotl in der Literatur

Die Augen der Axolotl zeigten mir die Präsenz eines anderen Lebens, eine andere Art des Sehens.
Julio Cortázar
Das Tier Axolotl
Die Azteken gründeten ihre Stadt auf einem See. Mit Holz und Schlamm bauten sie Flöße und dehnten eine kleine Insel künstlich aus. Diese Stadt, welche die spanischen Conquistadores schöner als Venedig empfanden, hieß einst Tenochtitlan (heute Mexiko-Stadt). Laut der Legende bewohnte ein Seemonster, die Personifizierung des Gottes Xólotl, den See. Dieser Gott liebte das Leben, und weil er den Tod fürchtete, versteckte und verwandelte er sich, um vor ihm zu fliehen.
Das Monster der aztekischen Seen heißt auf Nahuatl „Axolotl“ (wie bei anderen Worten mit Nahuatl-Herkunft wird das „x“ wie ein „sch“ ausgesprochen: etwa „Ascholotl“ statt „Aksolotl“). Der Axolotl ist eines der reizvollsten Tiere, die es auf der Erde gibt. Wie das Schnabeltier – ein Säuger, der Eier legt – bricht der Axolotl jedes Paradigma: Er ist ein Salamander, der wie ein Fisch lebt, obwohl er kleine Beinchen besitzt. Gefangen in der Zeit, stoppt er, statt zu wachsen und sich zu entwickeln wie alle anderen Tiere, seine Evolution und verbringt den Rest seines Lebens als ewiger Jugendlicher im Wasser.
Obwohl der Axolotl vom Aussterben bedroht ist, wird er als Haustier verkauft und von Mexiko nach USA, Europa, Australien und Japan exportiert. Wissenschaftler haben beobachtet, dass der Axolotl seine Beine und den Schwanz regenerieren kann. Deshalb wird er in Fachlaboren untersucht, um diese Eigenschaft besser verstehen zu können und möglicherweise für die Medizin zu nutzen.
Der Deutsche Alexander von Humboldt besorgte sich während seiner Reise durch Mexiko zwei Exemplare und erforschte als Erster dieses Tier. So begann die Beziehung zwischen dem Axolotl und Deutschland bereits vor gut 200 Jahren.
Der literarische Axolotl
Julio Cortázar entdeckte das literarische Potenzial des Axolotls. In seinem Buch Ende des Spiels ist die Erzählung „Axolotl“ (leider nicht auf Deutsch aber hier auf Englisch) zu finden. Der argentinische Schriftsteller berichtet darin über einen Besuch im Jardin des Plantes, einem botanischen Garten in Paris. Dort entdeckt der Ich-Erzähler das Geheimnis dieses Tieres: „Ich entschied mich für die Aquarien und lies die ordinären Fische links liegen, bis ich ungeahnt auf die Axolotl gestoßen bin. Ich betrachtete sie eine Stunde lang und ging, ohne dass ich an etwas anderes denken konnte.“
Die Geschichte handelt von der Besessenheit des Besuchers, der das Aussehen und die Gelassenheit des Axolotls, der nur seinen Mund auf und zu macht, bewundert.
Ein deutscher Axolotl
Anfang 2010 befand sich der Axolotl in Deutschland inmitten einer riesigen Diskussion. Die Google-Suche nach dem Wort „Axolotl“ stieg enorm an, ebenso der Verkauf als Haustier.
Dahinter steckt Helene Hegemann. Mit 18 hat sie bereits ein Theaterstück geschrieben, bei einem Film Regie geführt und ihren ersten Roman, Axolotl Roadkill, veröffentlicht. Die Schriftstellerin benutzt den Axolotl als Metapher für das night life und das Partyvolk Berlins: Der Gott Xólotl, der das Leben und seine Verzauberung liebte, erinnert an das carpe diem! der verrückten Nächte in Berlin. Der Axolotl – jener junge Salamander, der die Zeit anhielt, um das Erwachsenenalter zu vermeiden – stellt diejenigen dar, die den Lauf der Zeit ignorieren und Teil einer ewigen Party sind, selbst wenn schon graue Haare wachsen.
Axolotl Roadkill ist ein fragmentierter Roman, der mehr einem Video mit hoher Bildfrequenz ähnelt, als einem Buch mit einer Geschichte, die sich langsam entwickelt. Mifti, ein junges sechzehnjähriges Mädchen, berichtet als Ich-Erzählerin von ihrem Leben voller Exzesse in Berliner Clubs. Mifti und ihre Freundin Ophelia taumeln von einer Party zur nächsten, schreiben sich E-Mails und experimentieren mit Alkohol, Drogen und Sex, um der Langeweile ihres Alltags zu entfliehen.
Als der Roman erschien, waren die Kritiker vom neuen und frischen Stil Hegemanns begeistert. Der Roman wurde sogar für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Aber bald ging eine Polemik los: Die Schriftstellerin hatte einige Absätze aus dem Roman Strobo des Berliner Bloggers Airen kopiert. Viele sprechen von einem Plagiat, weil Hegemann die Textstellen nicht als Zitate gekennzeichnet hatte. Die Autorin dagegen meint, es handle sich um „künstlerische Appropriation“ (Aneignung), wie sie auch in anderen Künsten üblich ist.
Alle haben diese Konjunktur ausgenutzt: Der Verlag hat eine neue Ausgabe von Axolotl Roadkill mit einer Liste der appropriierten Passagen veröffentlicht (Zitate von Airen, Malcolm Lowry, Jim Jarmusch, Valérie Valère, Kathy Acker, David Foster Wallace, The Zombies, Maurice Blanchot und auch private E-Mails von Freunden Hegemanns), Airen hat viele Exemplare seines Romans verkauft und sogar ein neues Buch veröffentlicht (I am Airen Man), ebenso wurde ein Stück für ein Puppentheater geschrieben.
Wie der Gott Xólotl, der sich verwandelte, um dem Tod zu entfliehen, weiß auch dieser deutsche Axolotl ganz genau, wie er sich verwandeln muss, um zu überleben …
(geboren in San Pedro Garza García, Mexiko, 1979) hat Philosophie studiert und schreibt regelmässig kleine Essays, Buchbesprechungen und andere Geschichten für mexikanische und deutsche Medien (Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Letras Libres) und führt ein Blog. Er promoviert in Berlin, der besten Stadt Europas, und würde sehr gerne eine Weile in den schönsten Städten der Welt wohnen: Tel Aviv, New York, Paris, aber auch in unbekannteren Ecken, wie auf den Azoren.






