Vorschulerziehung in Deutschland

Die deutsche Jugendhilfe besteht aus öffentlichen Trägern (Städte, Gemeinden, Kommunen) und freien Trägern (Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Elterninitiativen). Dank des 1996 eingeführten Rechtes auf einen Kindergartenplatz für jedes Kind ab drei Jahren verfügen die deutschen Jugendämter inzwischen über ein Platzangebot, das im Bundesdurchschnitt 95 Prozent des Bedarfs an Plätzen deckt. Obwohl in Deutschland keine Kindergartenpflicht besteht, ist die große Mehrzahl aller Kinder tagsüber zeitweise in einer Tagesstätte untergebracht. Die Elternbeiträge sind nach Einkommenshöhe gestaffelt, damit sich auch einkommensschwache Familien einen Kindergartenplatz leisten können.Für das gesamte Bundesgebiet verbindliche Betreuungsrichtlinien gibt es nicht. Daher lassen sich von Bundesland zu Bundesland erhebliche Unterschiede in der Gestaltung von Kindertagesstätten feststellen. Das betrifft zum einen die Öffnungszeiten, zum anderen den Betreuer-Kind-Schlüssel oder die Gruppenstärke. Besonders vielfältig sind außerdem die pädagogischen Ansätze, nach denen in deutschen Kindertagesstätten gearbeitet wird. Neben Waldorf-Kindergärten, Montessori-Einrichtungen und solchen, die nach den Grundsätzen der Reggio-Pädagogik arbeiten, hat sich an vielen Tagesstätten auch das Konzept der integrativen Erziehung durchgesetzt, d.h. die gemeinsame Betreuung behinderter und nicht-behinderter Kinder. Die meisten deutschen Kindertagesstätten arbeiten allerdings nach dem sogenannten Situationsansatz, der den Grundsatz des „Lernens in Erfahrungszusammenhängen“ lehrt. Das heißt, die Erziehenden geben Anregungen, die die Kinder dann selbständig weiter entwickeln. Aufgrund seiner beliebigen Umsetzung ist dieses Konzept in den letzten Jahren jedoch immer stärker in die Kritik geraten. Ein Phänomen, das allerdings das gesamte Vorschulsystem in Deutschland betrifft.
Seit Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz ist vor allem von Seiten der Eltern immer wieder kritisiert worden, dass viele öffentliche Kindergärten zu „anregungsarmen Betreuungsstätten“ verkommen würden, weil die Gruppen oft einfach nur vergrößert wurden, ohne zusätzliche Fachkräfte einzustellen. Eine pädagogisch wertvolle Erziehung sei seither nicht mehr gewährleistet.
Frühpädagogikexperten sind sogar der Meinung, dass es dem deutschen Vorschulsystem grundsätzlich an allgemein verbindlichen und messbaren Qualitätsstandards fehle und dass es im internationalen Vergleich inzwischen auf einem sehr niedrigen Niveau angekommen ist. An der Vorschulpolitik kritisieren sie, dass sie sich zwar darum bemühe, quantitative Mängel wie fehlende Kindergartenplätze oder zu kurze Öffnungszeiten zu beheben, dass aber für die Qualität der Erziehungsarbeit wenig getan werde. Und das, obwohl die Wiege des Kindergartengedankens in Deutschland steht, wo Friedrich Fröbel 1821 den ersten „Allgemeinen Deutschen Kindergarten“ gründete und von wo aus sich seine damals revolutionären primarpädagogischen Überzeugungen nachhaltig in der ganzen Welt verbreiteten.
Anders als in den europäischen Nachbarländern wie Frankreich oder Holland, wo auch die Versorgung unter Dreijähriger durch entsprechende Betreuungseinrichtungen gewährleistet ist, gibt es in Deutschland kaum sogenannte Kinderkrippen. Zwar fordert das Kinder- und Jugendhilfegesetz seit Jahren ein bedarfsgerechtes Krippenangebot. Die Erweiterung des Platzangebots ist aber bisher in den meisten Kommunen an den fehlenden finanziellen Mitteln gescheitert. Um den Mangel an professionellen Krippenplätzen zu kompensieren, haben sich in Deutschland mittlerweile viele private Elterninitiativen gegründet, die sogenannte Krabbelgruppen für ihre vier bis 23 Monate alten Kinder bzw. „Spielgruppen“ für die Zweijährigen zu organisieren. Nach Expertenschätzungen besteht hierzulande dennoch ein Bedarf von zusätzlichen 350 000 Krippenplätzen für Kinder unter drei Jahren.
Elisabeth Oehler
Elisabeth Oehler ist freie Journalistin für Bildungs- und Wissenschaftsthemen
online-redaktion@goethe.de
Elisabeth Oehler ist freie Journalistin für Bildungs- und Wissenschaftsthemen
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