Frieden ist lernbar – Bildungswissenschaftler Volker Lenhart im Interview

Bildung zu Friedensbau und Versöhnung statt militärischer Intervention – so lautet das deutsche Credo bei Auslandseinsätzen in Krisengebieten. Dass sogenannte Soft-Power-Maßnahmen wie diese tatsächlich den gewünschten Erfolg zeitigen, blieb bisher reine Spekulation. Den Nachweis bringt eine Evaluationsstudie des Instituts für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Ein Gespräch mit Projektleiter Volker Lenhart.Herr Professor Lenhart, beginnen wir mit einer Frage zum Verständnis: Können Sie kurz erläutern, was friedensbauende Bildungsmaßnahmen überhaupt sind?
Dabei wird versucht, in Konfliktgebieten durch Bildung Frieden zu stiften und zur Versöhnung verfeindeter Parteien beizutragen. Die Maßnahmen können sein: Schulen in gemeinsamer Trägerschaft von Konfliktgruppen bis hin zu Aktivitäten wie „Sport für den Frieden“, bei denen etwa Fußball gespielt wird, nicht nur zwischen Mannschaften der Konfliktgruppen, sondern auch zwischen gemischten Mannschaften, die dadurch lernen sich an Regeln zu halten oder mit Niederlagen umzugehen. Sie richten sich nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern auch an Erwachsene und ältere Ex-Kombattanten.
Warum und von wem werden sie durchgeführt und was verspricht man sich davon?
Sie werden in der Regel während eines Konflikts oder danach durchgeführt, vereinzelt auch präventiv zur Verhinderung einer Eskalation der Lage. Träger sind internationale Organisationen wie das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, aber auch Nichtregierungsorganisationen, nationale ebenso wie lokale Initiativen teilweise mit ausländischer Unterstützung. Von deutscher Seite sind verschiedene Organisationen tätig, etwa die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).
Was hat Sie dazu bewogen, die Wirksamkeit dieser friedensbauenden Bildungsmaßnahmen einmal wissenschaftlich genauer unter die Lupe zu nehmen?
Es gibt sehr viele Beschreibungen einzelner Projekte in der internationalen Literatur und eine ganze Reihe von Evaluationen einzelner Projekte. Was fehlte, war eine systematische „Vermessung“ samt der Kontexte, Mittel und Auswirkungen sowie die Antwort auf die entscheidende Frage: Wie wirksam ist denn so etwas?
Ich habe mich in meiner Berufslaufbahn sehr viel mit dem Bildungswesen der Dritten Welt beschäftigt. Dies und die Tradition der verständigungsorientierten Heidelberger Erziehungswissenschaft waren mir Motivation, mich dem Thema zuzuwenden. Und ich musste lange – übrigens auch um die Finanzierung – ringen. Doch schließlich hat die Deutsche Stiftung Friedensforschung die entsprechenden Forschungsmittel gewährt.
Werkzeugkasten für gelingende Friedensbildung
Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?
Wir haben insgesamt zwei Untersuchungen durchgeführt. Wir haben in zehn Konfliktländer von A wie Afghanistan bis S wie Sudan – in Europa Bosnien-Herzegowina und Nordirland – hineingeschaut, was denn tatsächlich gemacht wird. In Internetrecherchen haben wir uns an eine – ich kann mit gutem Gewissen sagen – Totalerhebung solcher Maßnahmen herangearbeitet, die von 2002 bis 2006 im Netz ihre Spuren hinterlassen haben und sind mit den Durchführungsorganisationen in Kontakt getreten.
Wir haben die Fülle der über 800 Einzelaktivitäten zu 25 „Maßnahmenmustern“ gebündelt, die von friedensbildender Lehrplanarbeit, über methodisch-didaktische Arrangements bis hin zu Kunst oder Sport für den Frieden reichen. Daraus haben wir einen „Werkzeugkasten“ erstellt für alle, die so etwas planen. Ferner haben wir deskriptiv-statistisch untersucht, welche Maßnahmen und Kombinationen es gibt und welche am häufigsten anzutreffen sind. Interessant ist zum Beispiel, dass gar nicht schulische, sondern außerschulische, sogenannte „nonformale Bildungsmaßnahmen“ überwiegen, was offenbar daran liegt, dass der Schulbereich für Trägerorganisationen schwerer zugänglich ist.
Die zweite Studie arbeitet mit einem sogenannten „Experimental-/Kontrollgruppen“-Ansatz. Dabei haben wir mittels zweier Fragebögen die Einstellungen von Personen, die an solchen Maßnahmen teilnehmen, mit denen anderer in gleicher sozialer Lage verglichen. Zusätzlich haben wir zum Vergleich die Einschätzungen der Projektverantwortlichen vor Ort abgefragt.
Ein großes Budget steigert nicht unbedingt den Erfolg
Und zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Friedenspädagogische Projekte einschließlich solcher mit einer eher sozialpädagogischen Ausrichtung haben eindeutig positive Auswirkungen auf die Einstellung der Teilnehmer hinsichtlich ihrer Friedfertigkeit. Dies ist das Ergebnis einer Befragung von immerhin 1585 Personen in sieben Ländern – eine Untersuchung in Somalia kam aus Gefahr für Leib und Leben nicht in Frage, in zwei anderen aus organisatorischen Gründen. Dies ist eine Ermutigung, in Krisen- und Konfliktgebieten auch auf Friedensbildung zu setzen!
Erwartungsgemäß zeigten sich bei älteren Teilnehmern weniger positive Wirkungen als bei jüngeren, aber interessanterweise zeigten sich bei Frauen größere Ressentiments gegenüber der Konfliktgruppe als bei Männern, obwohl sie eher zur friedlichen Konfliktlösung geneigt sind. Für Pädagogen enttäuschend sein dürfte, dass es keinen Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Friedfertigkeit gibt – was Israel und Palästina betrifft, sogar im Gegenteil. Formale, also schulische, und nonformale Projekte haben größere Erfolgsaussichten als gemischte. Ein großes Budget und eine lange Dauer steigern nicht notwendigerweise den Erfolg. Bei Projekten mit „Local Ownership“ wird aufgrund fehlender Distanz und Moderation von außen der Erfolg sogar signifikant geschmälert.
Haben diese Erkenntnisse Relevanz für die zukünftige Praxis?
Formale und nonformale Projekte sollten getrennt durchgeführt und weniger gemischte Vorhaben geplant werden, es sollte auf höheres Bildungsniveau der Projektverantwortlichen geachtet werden, weil das den Erfolg begünstigt. Auf ausreichende Finanzierung und zielangemessene Laufzeiten ist zu achten, wobei durchaus kleinere und kürzere Projekte wegen der guten Erfolgsaussichten gewagt werden können.
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.
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August 2011
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