Medien

Webdokus und digitale Spielplätze – zehn Jahre Grimme Online Award

Seit 10 Jahren zeichnet der Grimme Online Award besondere Websites und Internetprojekte aus. Foto: © Grimme InstitutSeit zehn Jahren zeichnet der Grimme Online Award besondere Websites und Internetprojekte aus. Foto: © Grimme InstitutSeit 2001 zeichnet das Adolf-Grimme-Institut besondere Websites und Internetprojekte mit dem Grimme Online Award aus. Zu den Preisträgern zählen auch Nachrichten- und Wissensportale bekannter Medien, etwa „Spiegel Online“ und „Dradio Wissen“.

„Das Internet entwickelt sich grundsätzlich viel schneller und dynamischer als andere Medien wie Print, Radio, Fernsehen – weil es viel mehr Möglichkeiten bietet und viel mehr Leute mitwirken“, so die Einschätzung des Kommunikationswissenschaftlers Christoph Neuberger. Als Jurymitglied des Grimme Online Awards ist er besonders nah an den aktuellsten Entwicklungen. Vor zehn Jahren, 2001, wurde der Preis für besondere Websites und Online-Projekte erstmals verliehen. Christoph Neuberger lacht bei der Frage, was vor dem Durchbruch des Web und der Internetmedien noch als unvorstellbar galt. Der Medienexperte erinnert sich an ein Fachbuch, publiziert Mitte der 1990er-Jahre: „Damals wurden einhundert Experten zu neuen Medienentwicklungen befragt, das Wort ‚Internet‘ tauchte kein einziges Mal in den Einschätzungen auf. Nur ein Kollege meinte, vielleicht kommt ja einmal so etwas wie eine elektronische Zeitung, die man auf dem Bildschirm lesen kann.“

Wisdom of Crowds oder die Macht der User

Logo des Grimme Online Award  Foto: © Grimme InstitutZu Beginn der nuller Jahre entwickelten sich die ersten, von vielen Usern gepflegten Gemeinschaftsprojekte wie Wikipedia. Anfangs belächelt, gelten manche mittlerweile als ernst zu nehmende Web-Lexika und Internetarchive. Dass deren Verlässlichkeit jemals die der klassischen, gedruckten Nachschlagewerke, etwa die der Encyclopedia Britannica übertreffen könnte, wurde lange Zeit angezweifelt. Daher war die Auszeichnung Wikipedias mit dem Grimme Online Award 2005 auch ein Beweis für die immer zuverlässigere Informationsbeschaffung und professionelle Aktualisierung.

Dass die Mitarbeit von Laien sogar wissenschaftlichen Standards gerecht werden kann, zeigt das Projekt GuttenPlag Wiki. Mehr als eintausend freiwillige Mitarbeiter verglichen Textstellen verschiedener Publikationen und erstellten auf diese Weise ein fundiertes Archiv über die Quellen der Doktorarbeit des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Klassische Medien wie Tageszeitungen und Magazine griffen sogar auf dieses Quellenarchiv zurück. GuttenPlag Wiki wurde 2011 wegen seiner besonderen gesellschaftlichen Relevanz mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Die Jury hält die Website für ein wichtiges Vorreiterprojekt, weil es als Internetforum einfordert, dass Politiker ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen müssen. GuttenPlag Wiki, so Jury-Mitglied Christoph Neuberger, sei beispielhaft dafür, dass die Wisdom of Crowds – das Wissen vieler User – große Relevanz und öffentliche Wirkmacht besitze.

Webralley im Prison Valley oder ein neues Dokuformat

Webseite von Prison Valley  Foto: © arteDer Grimme Online Award zeichnet nicht nur Websites aus, die durch ein besonderes inhaltliches Konzept hervorstechen, sondern auch solche, die medienspezifische Entwicklungen abbilden. Also etwa besonders benutzerfreundliche Portale oder Seiten, die auf neue crossmediale Elemente setzen, etwa die von Arte entwickelte Webdokumentation Prison Valley. Der Fotograf Philippe Brault und der Journalist David Dufresne recherchierten, wie das Leben in Canyon City, eine Kleinstadt im US-amerikanischen Colorado, von den 13 Gefängnissen geprägt ist, die der Staat dort gebaut hat. Die Webtour erforscht die hochkomplexe Gefängnisindustrie dieser Gegend. Während eine Fotostrecke abläuft, erzählen verschiedene Bewohner, Motelbesitzer und Geschäftsleute von ihrem Leben im Prison Valley. Überzeugt hat die Jury des Grimme Online Awards das teil-interaktive Konzept: Der User kann einen Besuch in der Stadt unternehmen und dabei selbst entscheiden, von welchen Bereichen und Menschen er mehr erfahren möchte.

Soundpools oder akustische Illustrationen

Der kreative Aspekt der Website stand bei der Auszeichnung der Seite wortwuselwelt im Vordergrund: eine ungemein inspirierende Plattform für Kinder aber auch für Erwachsene. Nach dem Drag and Drop Prinzip kann man hier Bildcollagen erstellen, etwa einem Sommerschmetterling Flügel verleihen. Die älteren Kids können Buchstabenbilder, Haikus und sogar interessante akustische Illustrationen zu Gedichten entwerfen. Ein Pool mit verschiedenen Sounds, Atmos und Geräuschen liefert das Rohmaterial. Das Klischee vom beschränkt kreativen Medium Internet ist spätestens mit wortwuselwelt klar widerlegt.

Webseite von Wortwuselwelt  Foto: © WortwuselweltAufgrund der immer detailreicheren Darstellungsmöglichkeiten wie interaktive Stadtpläne eignet sich das Web auch immer besser zu Spurensicherungen besonderer Art. Die Zeit Online entwickelte das Projekt Verräterisches Handy, eine Dokumentation über die Auswirkungen der Vorratsdatenspeicherung. Der Politiker und Netzaktivist Malte Spitz verklagte seinen Telefonanbieter, die über ihn archivierten Vorratsdaten herauszugeben. Dieses Datenmaterial stellte er Journalisten zur Verfügung. Auf Zeit Online kann der User nachvollziehen, zu welchem Zeitpunkt sich der Politiker wo aufhielt und wie viele Gesprächsverbindungen er hatte. Ergänzt wurde dieses Profil mit jenen Infos, die Malte Spitz bei Twitter hinterlassen hatte – etwa berufliche Termine. Herausgekommen ist eine aufschlussreiche Dokumentation darüber, welche Aktionsradien und Kommunikationsgewohnheiten allein über jene Informationen erschlossen werden können, die ein Telefonanbieter sammelt, und die wir freiwillig im Netz hinterlassen. Investigativer Journalismus vom Feinsten, höchst anschaulich aufbereitet!

Astrid Mayerle
ist Kulturjournalistin, lebt und arbeitet in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2011

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