Gesellschaft

Die Angst, dem Positiven in der deutschen Vergangenheit gegenüberzutreten

Maueröffnung,
Copyright: BundebildstelleEs ist ein großes Jubiläumsjahr für Deutschland. Sechzig Jahre seit der Berliner Luftbrücke und der Verkündigung des Grundgesetzes. Und natürlich zwanzig Jahre seit dem Fall der Mauer, dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Wiedervereinigung des Landes. Grund genug für Deutschland, das ganze Jahr zu feiern, oder? Denkste.

In Deutschland zerbricht man sich wieder einmal den Kopf darüber, wie man der Freude Ausdruck verleihen soll. Ist das wohl „typisch deutsch“? Zugegebenermaßen gingen die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Berliner Luftbrücke recht gut über die Bühne: Tausende Berliner verdrückten Würstchen mit Kartoffelsalat auf dem Tempelhofer Flughafen. Ehemalige Piloten aus den USA und Großbritannien waren zurück nach Berlin gekommen und schwelgten gemeinsam mit den älteren Einwohnern der Stadt in Erinnerungen. Natürlich wurden auch kritische Stimmen zur Stilllegung des Tempelhofer Flughafens laut – schließlich befand man sich ja in Berlin, der europäischen Motzmetropole. Aber der Senat könnte dennoch bei der älteren Generation wieder zu Ansehen gelangen, wenn man das beeindruckende AlliiertenMuseum, das die Luftbrücke umfassend dokumentiert, in eines der leer stehenden Gebäude des ehemaligen Flughafens verlagert. Soweit alles wunderbar. Für dieses Jubiläum war ein Volksfest genau das Richtige. Und die Stadt wusste, was zu tun ist, denn es ging um die Geschichte Westberlins und die transatlantischen Beziehungen, um schwierige Zeiten und das Heldentum von Fremden.

Wie man das Land glaubwürdig inszeniert

Grundgesetz, Miniaturausgabe,
Copyright: picture-alliance / dpaProblematisch wird es, sobald man versucht, sich Feierlichkeiten für etwas so Abstraktes wie das Grundgesetz ausdenken. Wie organisiert man ein Volksfest für ein Schriftstück, das von Politikern und Juristen aufgesetzt wurde und kaum auf emotionale Resonanz stieß? Der Jahrestag der Verkündigung des Grundgesetzes ist natürlich einfach nur ein Mittel, der Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland Rechnung zu tragen. Redet man jedoch mit deutschen Zeitzeugen, stellt sich heraus, dass die Menschen damals eher die wirtschaftliche Entwicklung als die plötzliche Verankerung von politischen Freiheiten, Rechten und Pflichten beschäftigte. „Ich glaube, wir hängen eher an Wirtschaftsmythen, Wirtschaftswunder, D-Mark“, sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. „Das Grundgesetz hat im kollektiven Gedächtnis der Deutschen keine große Rolle gespielt“. Da stellt sich im 60. Jahr des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland natürlich die Frage, wie man das Land anschaulich und glaubwürdig inszeniert. Wie schwierig das sein kann, zeigte sich in den ersten Plänen für die Grundgesetz-Feier. Man wollte mit einem sogenannten „Car Walk“ aufwarten, einer von Sponsoren getragenen Parade Deutschlands schnittigster Wagen entlang der Straße Unter den Linden. Und dem prominenten Showmaster Thomas Gottschalk. Und der Wahl des neuen Bundespräsidenten nebenan im Reichstag. Doch das wirkte irgendwie leicht deplatziert für diesen Anlass, etwa so wie eine Disco in einer Gruft.

Deutsche Helden sind unerwünscht

Eines wollen wir einmal klarstellen: Die Deutschen können feiern. In Großbritannien redet man immer noch über die Karnevalsstimmung zur Fußballweltmeisterschaft 2006, als die Fans wortwörtlich in den Straßen tanzten. Bis die Deutschlandfahnen schließlich wieder sorgfältig zusammengerollt wurden, sprach man allerorts von einem „entspannten Patriotismus“. Jetzt sind wir wieder bei dem gewohnt verkrampften Patriotismus angelangt: da kaut man auf den Nägeln, beißt sich auf die Lippen, schaut sich ängstlich um und will ja nichts falsch machen. Teil des Problems ist wohl der Widerwille, deutsche Helden zu finden, die als Vorbilder und Anlässe für Feierlichkeiten dienen. Wenn Ludwig Erhard und nicht der Architekt des Grundgesetzes Carlo Schmid als Schöpfer des Wirtschaftswunders gilt, warum errichtet man ihm dann nicht in jeder deutschen Stadt ein Denkmal? In Großbritannien finden sich noch zu ihren Lebzeiten Statuen von Margaret Thatcher – warum würdigt man Helmut Kohl nicht auf ähnliche Weise? Das mag zu Kontroversen führen, aber wenn schon.

Es fehlt ein klares Konzept zur Darstellung der Vergangenheit

Die goldene Banane,
Copyright: Hanns Malte MeyerEs ist diese Zurückhaltung und Angst, dem Positiven in der deutschen Vergangenheit gegenüberzutreten, die im Ausland auf Unverständnis stoßen. Vor Kurzem wurde ein Wettbewerb für ein Denkmal der deutschen Einheit ausgelobt. Es soll am 9. November 2009 enthüllt werden, und jeder durfte sich am Wettbewerb beteiligen. Gut! Sage und schreibe 532 Vorschläge wurden eingereicht. Noch besser! Von der Flut der Beiträge erschlagen und in Ermangelung eines klaren Konzeptes entschied die 19-köpfige Jury dann jedoch, dass keiner der Entwürfe den Ansprüchen genüge. Die Ideen reichten von einer riesigen, goldenen Banane – vielleicht als Anspielung auf die Begeisterung der Ostdeutschen für eine Frucht, die sie im Kommunismus kaum zu Gesicht bekamen – bis hin zu einer Art Autounterstand mit schwarz-rot-goldenem Dach, einem überdimensionalen Schlüssel (der Schlüssel zur Freiheit) sowie einem Apfelbaum aus Bronze. Laut Aussagen des Jurymitgliedes und Schriftstellers Thomas Brussig blieben kaum 30 Sekunden für die Begutachtung eines Vorschlages und wenig Raum für Diskussionen. Der Grund für dieses Debakel lässt sich weniger auf die schlechte Qualität der Entwürfe – aus einigen hätte man durchaus etwas Interessantes entwickeln können – als auf ein fehlendes, klares Konzept zur Darstellung der Vergangenheit zurückführen. Deutschlands neues Denkmal sollte ein „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ werden, den Geist der Vergangenheit widerspiegeln, aber auch positiv in die Zukunft schauen. Doch sind Freiheit und Einheit nicht immer Hand in Hand gegangen. Bismarck vereinte Deutschland durch einen Krieg und die Vernichtung der Gegner im Lande; Hitler brachte auch ein vereintes Deutschland hervor. Ich unterhielt mich mit britischen Architekten über das Dilemma, in einem Entwurf die komplexen und konkurrierenden Versionen der Geschichte verschmelzen zu müssen. Ihre Lösung war simpel: Man muss anerkennen, dass einfache Menschen in Ostdeutschland wesentlich zur deutschen Wiedervereinigung beitrugen, indem sie ihre Angst überwanden und auf die Straße gingen. „Diese Menschen muss man zu Helden erklären und ihnen mit dem Entwurf gerecht werden“, sagte ein bekannter Architekt zu mir. „Ihre Gesichter zeigen und wie ihre Körper das Korsett der Macht sprengen. Es ist nicht der rechte Zeitpunkt für eine abstrakte Würdigung oder goldene Bananen. Es gilt, eine Entscheidung zu fällen, einen neuen Ansatz auszuarbeiten – und dann weiterzumachen!“

Ironischerweise kann man in Deutschland hervorragend der Opfer gedenken. Die versunkene Bibliothek als Mahnmal für die Bücherverbrennung der Faschisten gilt gemeinhin als Bereicherung für Berlin. Peter Eisenmans Holocaust-Denkmal ist nach wie vor beeindruckend. Natürlich erforderten auch diese Bauwerke Zeit und gingen mit politischen Rangeleien einher. Das war jedoch verständlich, denn die Schöpfer durften die Gefühle der Opfer nicht verletzen. An die Gestaltung des Freiheits- und Einheitsdenkmals sollte man jedoch frei von solchen Einschränkungen herangehen und einfach eine couragierte und interessante Würdigung deutschen Heldentums schaffen. Warum fällt das den Deutschen nur so schwer?

Roger Boyes
ist Deutschland-Korrespondent der „The London Daily Times“. Er lebt seit 13 Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.

Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2009

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