Der Harz: ein geschichtsträchtiger Gebirgszug

Prominente Besucher muss man im Harz nicht lange suchen. Nach Goethe zog es auch Heinrich Heine zu einer literarisch verarbeiteten Reise in den Harz. Wer heute die Region bereist, unternimmt unter anderem auch eine Zeitreise durch die jüngere deutsch-deutsche Geschichte.
„Der Brocken ist ein Deutscher“, schrieb der Dichter Heinrich Heine in seiner 1824 verfassten Harzreise. Dort heißt es: „Mit deutscher Gründlichkeit zeigt er uns (…) die vielen hundert Städte, Städtchen und Dörfer (…) und ringsum alle Berge, Wälder, Flüsse, Flächen, unendlich weit.“ Dass der in Sachsen-Anhalt gelegene und mit seinen 1.141 Metern höchste Berg Norddeutschlands längst nicht immer eine klare Sicht bis weit ins Harzvorland gewährt, sondern seinen kahlen, für sein raues Klima berüchtigten Gipfel an rund 300 Tagen im Jahr in dichte Nebelschleier hüllt, erlebte auch Heine. Zum Andenken an seinen Brockenaufstieg schrieb er ins Gästebuch: „Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine: Heinrich Heine.“
Brocken: Besetzter und befreiter Berg
125 Jahre nach Heines Besuch auf dem „deutschen Berg“ wurde dieser zum weithin sichtbaren Symbol der deutschen Teilung. Ab 1949 zerschnitt die innerdeutsche Grenze den Harz und trennte ihn und seine Bewohner in „Ost“ und „West“. Mit speziellen Passierscheinen gelangten Touristen noch bis 1961 auf den Brocken, dann jedoch wurde er zum militärischen Sperrgebiet der DDR erklärt, seine Kuppe von einer meterhohen Mauer umschlossen. Für die Zivilbevölkerung blieb der Brocken bis Ende 1989 unerreichbar.
Seit der Wiedervereinigung strömen inzwischen wieder sommers wie winters Tausende Touristen mit der Brockenbahn, zu Fuß, per Mountainbike oder Ski auf den von allen Militäranlagen befreiten Berg. Zu den beliebtesten Wanderstrecken gehört der Goetheweg. Fasziniert von der urigen Landschaft ebenso wie von Geologie und Bergbau des Mittelgebirges brach Johann Wolfgang von Goethe Ende des 18. Jahrhunderts mehrfach zu ausgedehnten Harzreisen auf. Dreimal bestieg er den Brocken und setzte ihm im Faust ein literarisches Denkmal. In der Szene Walpurgisnacht lockt Mephisto den Gelehrten Heinrich Faust zum Hexentanz auf den geheimnisumwitterten Blocksberg und schwärmt: „Man tanzt, man schwatzt, man trinkt, man liebt; nun sag’ mir, wo’s was Bessres gibt?“. Nicht nur im Faust, auch in der Realität geben sich alljährlich in der Nacht zum 1. Mai zahllose Hexen und andere schaurig-schöne Wesen ein ausgelassenes Stelldichein auf und um den Brockengipfel.
Vom Grenzstreifen zum Grünen Band
Der Berg und seine Umgebung zählen zum insgesamt knapp 25.000 Hektar großen Nationalpark Harz, der etwa ein Zehntel des gesamten Mittelgebirges bedeckt. Aufgrund seiner unterschiedlichen Höhenlagen vereint das Schutzgebiet mehrere Vegetationszonen und bietet nicht nur Wanderern ein abwechslungsreiches Terrain, sondern auch den erfolgreich ausgewilderten Luchsen einen idealen Lebensraum. Das sogenannte Grüne Band, das sich auf einer Länge von 100 Kilometern durch den Harz windet, dient ebenfalls seltenen Tieren und Pflanzen als Refugium. Ziel dieses Naturschutzprojektes ist es, den einstigen Todesstreifen entlang der gesamten ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zu einem geschützten Grüngürtel und wichtigen Lebensraum für Flora und Fauna zu entwickeln. Der rund 100 Kilometer zählende Harzer Grenzweg führt über einsame Pfade und einstige Kolonnenwege durch eine wildromantische Natur und zu spannenden Relikten deutscher Zeitgeschichte.
Wasserwirtschaft wird Weltkulturerbe
Noch weiter zurück in die Vergangenheit verweisen die Hinterlassenschaften des Harzer Bergbaus. Besucherbergwerke wie die Grube Samson in Sankt Andreasberg oder das Erzbergwerk Rammelsberg bei Goslar liefern Einblicke in die Oberharzer Unterwelt sowie in das arbeits- und entbehrungsreiche Leben der Bergmannsfamilien. Diese waren maßgeblich am Ausbau der Oberharzer Wasserwirtschaft beteiligt, die seit 2010 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Das Kulturdenkmal gilt als „das bedeutendste seit dem Mittelalter entwickelte montane Wasserwirtschaftssystem der Welt“.
Um den großen Energiebedarf des Harzer Bergbaus zu decken, nutzte man die Wasserkraft. Mehr als 140 Teiche wurden angelegt, mehrere Hundert Kilometer Gräben ausgehoben. Nach dem Prinzip „Wasser mit Wasser heben“ sorgten mithilfe riesiger Schaufelräder angetriebene kunstvoll konstruierte Maschinen dafür, dass Gesteinsbrocken und einsickerndes Grundwasser aus den Schächten nach oben transportiert werden konnten. Doch nicht nur die technischen Meisterleistungen beeindrucken heutige Bewunderer des Weltkulturerbes Oberharzer Wasserregal. Sie genießen zudem landschaftlich reizvolle Wanderungen entlang der Wassergräben und der vor langer Zeit angelegten Teiche. Diese sind längst mit der urwüchsigen Harzer Natur zu einer wunderschönen Einheit verschmolzen.
arbeitet als freiberufliche Journalistin in Hamburg und besitzt Harzer Wurzeln.
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Oktober 2011
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